Die Rolle der Funktionshäftlinge im Vernichtungslager Auschwitz und das Beispiel Otto Küsels


Essay, 2007

10 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung,

II. Hauptteil,
A. Die Rolle der Funktionshäftlinge im Vernichtungslager Auschwitz,
B. Das Beispiel des Funktionshäftlings Otto Küsel,

III. Fazit,

IV. Literatur,

Die Rolle der Funktionshäftlinge im Vernichtungslager Auschwitz – und das Beispiel Otto Küsels

I. Einleitung

Betrachtet man die Organisationsstruktur des Vernichtungslagers Auschwitz, so ergibt sich ein erklärungsbedürftiger Befund: Der großen Zahl der Häftlinge steht – bei aller numerischen Vergrößerung der Gesamtstruktur des Lagers im Laufe der Zeit – eine relativ kleine Anzahl von SS-Männern gegenüber. So zählte das Lager im Juni 1942, kurz nach Beginn der jüdischen Massentransporte, 23 070[1] registrierte Häftlinge. Die SS zählte zu diesem Zeitpunkt rund 2000 Mann.[2] Im August 1944 standen 104 878 registrierte Häftlinge einer Stärke von 3342 SS-Männern gegenüber.[3] Es stellt sich also die Frage, wie es der zahlenmäßig recht kleinen SS gelang, ein reibungsloses Funktionen des Vernichtungslagers zu gewährleisten und so in den Jahren 1940 bis 1945 rund 1, 5 bis 2 Millionen Menschen[4] in Auschwitz zu ermorden. Dabei fiel sicher ein Großteil der Häftlinge dem ständigen Terror der SS zum Opfer; dann auch der schweren Arbeit im Lager, der unzureichenden Verpflegung und schließlich den katastrophalen hygienischen und sanitären Verhältnissen im Lager, mit der Folge, dass innerhalb der ersten zwei Monate 80% der Neuankömmlinge im Lager verstarben.[5] Doch um letztlich dieses ungeheuerliche Ausmaß an Toten erreichen zu können bei dieser konstant großen relativen zahlenmäßigen Überlegenheit der Häftlinge gegenüber der SS, drängt sich der Schluss auf, dass ein Teil der Häftlinge aktiv in die Vernichtungsmachinerie des Lagers involviert gewesen sein musste. Was dies anbelangt, so spielten die sogenannten Funktionshäftlinge als oftmals verlängerter Arm der SS eine entscheidende Rolle, ohne die die Systematik der Vernichtung in Auschwitz nicht vollständig verstanden werden kann.

Im folgenden Essay soll deshalb in einem ersten Teil allgemein die Rolle der Funktionshäftlinge beschrieben werden: Wer konnte Funktionshäftling werden? Welche Privilegien gingen mit dieser Stellung einher? Wie gestaltete sich das ambivalente Verhältnis der Funktionshäftlinge zur SS sowie zu den übrigen Häftlingen? – Das sollen die Leitpunkte dieser Darstellung sein. In einem zweiten Teil soll dann auf die Biographie des Funktionshäftlings Otto Küsel eingegangen werden – als außergewöhnliches Beispiel für jemanden, der seinen Spielraum geschickt nutzte: nicht um zum Werkzeug der SS, sondern um zur schützenden Hand für die Häftlinge zu werden, die ihm im Arbeitsdienst unterstellt waren und dem es so gelang, die Absicht der SS, die Häftlinge gegeneinander auszuspielen, zu durchkreuzen.

II. Hauptteil

A. Die Rolle der Funktionshäftlinge im Vernichtungslager Auschwitz

Nur eine Minderheit der Häftlinge hatte die Chance, in der Lagerhierarchie aufzusteigen und Funktionshäftling zu werden. Dazu gehörten in erster Linie reichsdeutsche Häftlinge, vor allem, wenn diese eine hohe Nummer besaßen, das heißt schon lange Häftling in einem KZ waren und somit die alltäglichen Abläufe sowie die Anforderungen der SS an die Häftlinge gut kannten.[6] Es war aber auch möglich, je nach Bedarf an Kapos, wie die Funktionshäftlinge in der Lagersprache hießen, dass Mitglieder anderer Nationalitäten, auch Juden, zum Funktionshäftling werden konnten. Die SS bevorzugte für diese Position aber reichsdeutsche Häftlinge, gerade wenn es darum ging, bei der Errichtung eines neuen Lagers mitzuwirken. So bestanden auch die ersten 30 Häftlinge im neu errichteten KZ Auschwitz aus sogenannten reichsdeutschen Berufsverbrechern, die aus dem KZ Sachsenhausen, wo sie ihre Strafen für ihre Delikte absaßen, nach Auschwitz verlegt wurden, um dort unter Anleitung der SS das neue Lager aufzubauen. Die bevorzugte Wahl reichsdeutscher Häftlinge hatte zum einen rassistische Gründe; denn nach dem Weltbild der SS besaßen deutsche Häftlinge im Vergleich zu den übrigen Häftlingen den höchsten „rassischen“ Wert. Daneben war es unbedingt erforderlich, dass ein Funktionshäftling mindestens insoweit der deutschen Sprache mächtig war, dass er die Befehle der SS richtig verstand und der SS zudem Meldungen in deutscher Sprache übermitteln konnte. Auch musste der jeweilige Häftling ein Mindestmaß an Intelligenz besitzen, um die organisatorischen Aufgaben, die die SS an ihn stellte, angemessen erledigen zu können. Konnte also ein Häftling gut deutsch und war er auch noch intelligent, so musste er nicht unbedingt ein Reichsdeutscher gewesen sein, um Kapo zu werden.

[...]


[1] Tadeusz Iwaszko, Deportation to the camp and registration of prisoners, in: Piper/ Swiebocka (Hrsg.), Auschwitz – Nazi Death Camp, 3.Auflage, Auschwitz, 2005, S. 68.

[2] Hermann Langbein, Menschen in Auschwitz, 1. Auflage, Wien, 1972, S.313.

[3] Nicht erfasst sind die Häftlinge, die nicht registriert wurden. Auch nicht erfasst ist die Fluktuation des SS-Personals, weshalb die angegeben Zahlen eine gewisse Ungenauigkeit beinhalten.

[4] Zur Zahl der ermordeten Opfer gibt es verschiedene Schätzungen, so dass nur ein Näherungswert hier gegeben werden kann. Vgl.: Francizek Piper, The number of victims at KL Auschwitz, in: Piper/ Swiebocka, aaO, S. 183 -194.

[5] Tadeusz Iwaszko, in: Piper/ Swiebocka, aaO, S. 68.

[6] Hermann Langbein, ...nicht wie die Schafe zur Schlachtbank - Widerstand in den nationalsozialistischen Konzentrationslagern, 1.Aufl., 1980, S.31-33.

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Details

Titel
Die Rolle der Funktionshäftlinge im Vernichtungslager Auschwitz und das Beispiel Otto Küsels
Hochschule
Universität Trier  (Neuere und Neueste Geschichte)
Veranstaltung
Exkursion in das Vernichtungslager Auschwitz
Autor
Jahr
2007
Seiten
10
Katalognummer
V82583
ISBN (eBook)
9783638893541
Dateigröße
378 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Arbeit beschreibt wie es der SS unter Zuhilfenahme der Funktionshäftlinge gelang, mit einer im Vergleich zu den Häftlingen recht kleinen Anzahl von SS-Männern, das Vernichtungslager Auschwitz zu betreiben. Die Arbeit zeigt aber auch am Beispiel Otto Küsels, dass die Funktionhäftlinge, trotz des enormen Druckes, der auf ihnen lastete, ihren zusätzlichen Spielraum nutzen konnten, um ihren Mithäftlingen zu helfen.
Schlagworte
Rolle, Funktionshäftlinge, Vernichtungslager, Auschwitz, Beispiel, Otto, Exkursion, Küsel, Konzentrationslager, Holocaust, Shoah, Funktionshäftling
Arbeit zitieren
Sebastian Dregger (Autor), 2007, Die Rolle der Funktionshäftlinge im Vernichtungslager Auschwitz und das Beispiel Otto Küsels, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/82583

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