Ansätze psychoanalytischer Interpretation in der Literaturwissenschaft


Hausarbeit (Hauptseminar), 2007

22 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Perspektiven psychoanalytischer Literaturinterpretation ( nach Thomas Anz ).
2.1. literarische Adaption psychoanalytischen Wissens
2.2. Der historische Vergleich zwischen Literatur und Psychoanalyse
2.3. Das Therapiemodell
2.4. Die Rezeptions- und Gegenübertragungsanalyse
2.5. Kooperationsmodell psychoanalytischer Interpretation..

3. Drei psychische Instanzen als Ansatzpunkt der Betrachtung

4. Relevanz der Traumlehre

5. Erkenntnisse der Traumdeutung für die Literatur
5.1. König Ödipus / bzw. der sog. Ödipus-Komplex
5.2.Hamlet

6. Freuds Verständnis vom Zusammenhang zwischen Literatur und Psychoanalyse

7. Der Dichter (und das Phantasieren) sowie der Leser

8. Problematiken der Literatur- (und Kunst-) Theorie mit der Psychoanalyse

9. Würdigung der psychoanalytischen Literaturinterpretation

10. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Gedanken an Freud natürlich“[1] schrieb Franz Kafka am 23. 9. 1912 in seinem Tagebuch nach der Nacht nieder, in der er seine Erzählung Das Urteil „in einem Zug geschrieben“[2] hatte.

Gedanken an Freud natürlich muss, seitdem die Psychoanalyse das Licht der Welt erblickt hat, auch jede Literaturinterpretation (die sich nicht einer anderen speziellen Literaturtheorie verpflichtet sieht) berücksichtigen, egal ob sie sich innerhalb eines Textes bewegt oder Bezug nimmt auf äußere Umstände, etwa die Biographie des Autors. Literaturwissenschaft nach Freud ist demzufolge eine andere als die davor.

Gerade das Beispiel Kafka zeigt jedoch dabei, dass kein Versuch psychoanalytischer Literaturinterpretation dem anderen gleicht und macht damit zwei Dinge deutlich: Das Kafka, obwohl „das Opfer einer Massenvergewaltigung durch eine Armee von Interpreten“[3], wohl immer noch für die ein oder andere Interpretation dienen wird, und das die Verbindung von Literaturwissenschaft und Psychoanalyse einiger maßgeblicher Schwierigkeiten unterliegt.

Wenn man wie in dieser Hausarbeit versuchen möchte, den Nutzen der freudschen Erkenntnisse für die Literaturinterpretation zu erkennen, ist es also zuallererst ratsam, dies nicht an einem einzelnen Werk festzumachen, um der Menge von Interpretationen nicht lediglich eine weitere hinzuzufügen. Dies ist insofern ungewöhnlich, da gerade einzelne Beispiele aus der Literatur, bekanntestes ist wohl Sophokles Schicksalstragödie König Ödipus, Freud immer wieder zur Veranschaulichung und Erklärung seiner Erkenntnisse dienten. Deshalb wird auch keine Arbeit vermeiden können, auf selbige Einzelbeispiele zu verweisen. Wenn dies unvermeidlich ist, weil König Ödipus Freud zur Erklärung des Ödipuskomplexes diente, so soll hier seine Erklärung des Ödipuskomplexes anhand des Dramas dazu dienen, Erkenntnisse über den Nutzen der Psychoanalyse für die Literaturwissenschaft zu gewinnen. Ähnlich sollen auch andere Beispiele, letztlich auch literaturtheoretische Diskurse wie etwa Freuds Erläuterungen über die Person des Dichters bearbeitet werden.

Dabei zur allgemeinen Vorgehensweise dieser Arbeit eine Versinnbildlichung: Vergleicht man Literaturwissenschaft gewissermaßen mit einem Fotoapparat, bei dem die Psychoanalyse als Objektiv dient, um z.B. ein Werk zu betrachten und somit gleich einem Photo zu einer Interpretation zu gelangen, soll hier ein Schritt zurückgegangen werden. Erkannt werden sollen dadurch die reinen Möglichkeiten, die das Objektiv dem Photoapparat bietet sowie die theoretische Grundlage, gewissermaßen bildlich die Technik, die beide verbindet. Das Ergebnis soll im Gegensatz zum Einzelphoto also ein funktionsanalytisches sein.

Zweierlei bedarf dabei zunächst noch der Erwähnung:

Zur Begriffsverwendung soll angemerkt werden, dass der Begriff Literaturwissenschaft meiner Ansicht nach immer einen gewissen Grad an Interpretation beinhaltet, wobei ein Umkehrschluss nicht der Fall ist, Literaturinterpretation also nicht immer etwas mit Wissenschaft gemein haben muss. Ein anderer Begriff, nämlich der der Psychoanalyse, ist immer an die Theorien ihres Entdeckers Sigmund Freud angelehnt.

Zudem wäre es vermessen, als Ergebnis eine Gesamtdarstellung der gerade veranschaulichten Apparatursymbiose aus Literaturwissenschaft und Psychoanalyse in Aussicht zu stellen. Ich hoffe jedoch, die wichtigsten Erkenntnisse wenigstens skizzieren zu können.

2. Perspektiven psychoanalytischer Literaturinterpretation ( nach Thomas Anz )

Zuerst soll festgehalten werden, dass es unterschiedliche Methoden psychoanalytischer Interpretationsmuster gibt. Für die Kamera sozusagen unterschiedliche psychoanalytische Objektive zur Verfügung stehen, die verschiedene Vor-, und Nachteile bieten. Sehr anschaulich ist dabei die von Thomas Anz probagierte Fünfteilung in seiner Schrift „Praktiken und Probleme psychoanalytischer Literaturinterpretation – am Beispiel von Kafkas Erzählung Das Urteil“[4]. Anhand seiner Darstellung kann ein Überblick darüber gewonnen werden, welche grundsätzlichen Möglichkeiten dieser Analysetechnik sich in der Arbeit der Literaturwissenschaft herauskristallisiert haben.

2.1. Literarische Adaption psychoanalytischen Wissens

Die erste Methode von Anz stellt die Betrachtung literarischer Adaption von psychoanalytischem Wissen dar. Sie ermöglicht „literaturwissenschaftliche Aussagen über das psychoanalytische Wissen eines Autors und darüber, wie er es in seine literarischen Texte transformiert hat [...]“[5]. Vorraussetzung ist hier psychoanalytisches Wissen des Interpreten, wobei dieses Wissen nicht das Glauben an die Psychoanalyse impliziert, sowie ein Bewusstsein darüber, dass selbige „Gegenstand und nicht theoretischer Bestandteil“[6] der Autoraussagen ist.

2.2. Der historische Vergleich zwischen Literatur und Psychoanalyse

Eine zweite Methode, die in eine ähnliche Richtung tendiert, ist der historische Vergleich zwischen Literatur und Psychoanalyse. Er verfolgt aufgrund der Tatsache, dass Psychoanalyse und Literatur der Moderne zeitgleiche Phänomene sind, das Ziel, Zusammenhänge in übergreifenden Themen, Interessen, Denk- und Wahrnehmungsmustern, Normen, Werten oder Problemlagen der beiden Disziplinen zu analysieren (vgl. Anz S. 138).

2.3. Das Therapiemodell

Andere Betrachtungsmöglichkeiten hingegen bietet das Therapiemodell. Es „tendiert dazu, das Werk eines Autors als Ausdruck einer individuellen Konfliktstruktur zu deuten“[7], es gewissermaßen wie bei Sigmund Freuds Therapiemethode auf die Couch zu legen, dadurch die gesamte Hinterlassenschaft eines Autors nach Assoziationen, Bildgruppen und wiederkehrenden Figurenkonstellationen abzusuchen. Im Unterschied zu biographischen Interpretationen versucht diese Methode zudem, „Bedeutungsaspekte eines Textes zu vermitteln, die dem Autor selbst nicht bewusst gewesen sind.“[8] Das Therapiemodell kann aber auch für die Analyse einer ganzen Generation wie z.B. der der Nachkriegszeit genutzt werden, oder sich mich einzelnen Phänomenen wie etwa dem Werther-Fieber in der Literaturepoche des Sturm und Dranges auseinandersetzen. Diesen besonderen Modus der Psychoanalyse bekundete auch Adorno: „Wo sie den Sozialcharakter entziffert, der aus einem Werk spricht und in dem er seines Urhebers vielfach sich manifestiert, liefert sie Glieder konkreter Vermittlung zwischen der Struktur von Gebilden und der gesellschaftlichen.“[9]

2.4. Die Rezeptions- und Gegenübertragungsanalyse

Die wohl für den Interpreten spannendste von Anz beschriebenen Methoden ist die Rezeptions- und Gegenübertragungsanalyse, die sich mit der Wirkung von Literatur auf den Rezipienten befasst und dabei versucht, Reaktionen desselbigen psychoanalytisch zu deuten. Ebenfalls dazugezählt wird die sogenannte Introspektion, also „Aussagen über psychische Prozesse bei der eigenen Lektüre“[10].

2.5. Kooperationsmodell psychoanalytischer Interpretation

Fünftes und nach Anz gebräuchlichstes Modell ist das Kooperationsmodell psychoanalytischer Interpretation, indem Literaturwissenschaft und Psychoanalyse gemeinsam das Seelenleben des Autors untersuchen. Nach Freud ist dabei das in den Text einfließende Wissen der Autoren „intuitiv“ und „unbewusst“ wie er an Shakespeares Hamlet deutlich macht:

„Ich denke nicht an Shakespeares bewusste Absicht, sondern glaube lieber, dass eine reale Begebenheit den Dichter zur Darstellung reizte, in dem das Unbewusste in ihm das Unbewusste im Helden verstand.“[11]

Literaturwissenschaftler benötigen dabei das psychologische Wissen, das literarische Texte nach Freuds Abriss über die Psychoanalyse aufspüren lassen. Sie benötigen zur gleichen Zeit jedoch auch den Abstand zu diesem Wissen, um sich nicht in jedem Beziehungsdrama oder jeder Traumsequenz zu verstricken.

Die Unterteilung von Anz vereinfacht das Verständnis unterschiedlicher psychoanalytischer Möglichkeiten in der Literaturwissenschaft. Sie zwingt dazu, in klaren Strukturen zu denken und zu analysieren, weil sie zwei Dinge fordert: zum einen das Bewusstwerden und Festlegen auf eine methodische Vorgehensweise in der Anwendung und zum anderen das Klar werden darüber, welches Erkenntnisziel man verfolgt. Beides ist unabdingbar, möchte man sich nicht in einer Arbeits-, Interpretationsweise verirren, die letztlich ergebnislos bleibt.

Dazu Anz in Bezug auf Kafka, hier jedoch zu verstehen im allgemeinen psychoanalytischen Umgang in der Literaturwissenschaft :

„An welche Bestandteile der psychoanalytischen Theorie hat er gedacht? An die Mechanismen der Traumarbeit, die Symboldeutung, die Theorie des ödipalen Konfliktes? Und hat sein Denken an Freud die Niederschrift des Textes beeinflusst oder fielen ihm erst nach der Niederschrift Parallelen zwischen dem eigenen Text und der Psychoanalyse auf? Und schließlich: Wusste Kafka selbst, woran er genau dachte, als er an Freud dachte?“.[12]

Verschwiegen werden soll bei aller Plausibilität der Anzschen Ansätze jedoch nicht, dass sie auch nicht frei von Kritik sind.

So liegt zunächst seinen jeweiligen Theorieansätzen gleich allen anderen Theorien, nenne man hier etwa die hermeneutische oder strukturalistische, jeweils eine bestimmte Vorstellung des Literaturbegriffes zugrunde. Diese spezifischen Vorstellungen ermöglichen zwar eine gezielte Fokussierung, stehen damit jedoch stets nur pars pro toto, also als ein Teil für das Ganze innerhalb der psychoanalytischen Interpretation.

Hinsichtlich des Kooperationsmodells bestehen zudem Schwierigkeiten dahingehend, dass literarische Texte in gewisser Weise bei der Interpretation den Thesen der Psychoanalyse nach Freud angepasst werden, Freud jedoch seine Thesen oftmals aus Literaturbetrachtungen gewann (vgl. Ödipus- / Hamlet- Kapitel) - dies kann man als eine Art „Zirkelschluss“ betrachten.

Letztlich bemerkt Anz zu seinen Ausführungen psychoanalytischer Interpretation:

„Was Autoren gedacht, gefühlt, erlebt oder beabsichtigt haben, als sie ihre Texte schrieben, entzieht sich generell unserer Kenntnis. Das Bewusstsein anderer lässt sich nicht beobachten. [...] Dennoch stellen wir ständig Vermutungen darüber an. Wir wollen wissen, was andere denken, fühlen und beabsichtigen, fragen uns, ob ihre Äußerungen authentisch oder inszeniert, wahrhaftig oder vorgetäuscht sind. Soll Wissenschaftlern im Umgang mit Texten untersagt sein, was Menschen täglich im Umgang mit sprachlichen Äußerungen praktizieren?“[13]

Diese Legitimation ist jedoch stark an die Hermeneutik angelehnt, der „Theorie der Auslegung, d.h. Reflexion über die Bedingungen des Verstehens und seiner sprachlichen Wiedergabe“[14], wodurch der Anspruch des Autors, der Psychoanalytischen Interpretation Struktur zu verleihen, bereits Unstrukturiertheit in seinem Ansatz erfährt.

[...]


[1] Kafka.S.215.

[2] Kafka.S.214.

[3] http://de.wikipedia.org/wiki/Das_Urteil_(Kafka) (Stand. 15.05.07.)

[4] in: Kafkas Urteil und die Literaturtheorie. Zehn Modellanalysen.S.126-151.

[5] Anz.S.137.

[6] Anz..S.137.

[7] Anz.S.144.

[8] Anz.S.140.

[9] Adorno.S.20.

[10] Anz.S.145.

[11] Anz.S.130f.

[12] Anz.S.126.

[13] Anz.S.127.

[14] Metzler Literaturlexikon.S.197.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Ansätze psychoanalytischer Interpretation in der Literaturwissenschaft
Hochschule
Universität Mannheim  (Lehrstuhl für neuere deutsche Literaturwissenschaft)
Veranstaltung
Psychoanalyse und Literatur
Autor
Jahr
2007
Seiten
22
Katalognummer
V82601
ISBN (eBook)
9783638898232
ISBN (Buch)
9783638904575
Dateigröße
469 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ansätze, Interpretation, Literaturwissenschaft, Psychoanalyse, Literatur
Arbeit zitieren
Norman Hanisch (Autor), 2007, Ansätze psychoanalytischer Interpretation in der Literaturwissenschaft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/82601

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