Kritik und Ideal in Thomas Morus’ „Utopia“


Seminararbeit, 2005
14 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhalt

1.) Einleitung

2.) Der Aufbau des ersten Buches der „Utopia“

3.) Das zweite Buch der „Utopia“ - optimus status rei publicae

4.) Gegenüberstellung von Kritik und Ideal
4.1 Strafrecht
4.2 Agrarpolitik
4.3 Außenpolitik
4.4 Finanzpolitik
4.5 Privateigentum

5.) Die Auffassung des Morus

6.) Schluss

7.) Literaturverzeichnis

1.) Einleitung

Thomas Morus spielte mit seiner Schrift „Utopia“[1] ein große Rolle unter den Utopisten der frühen Neuzeit. Sein Werk stand am Anfang eines neuzeitlichen Bewusstseins. Durch seine Schrift prägte er auch den Begriff der Utopie, “ein konstruierter Idealzustand irdischer Verhältnisse und menschlicher Beziehungen.”[2] Als Vorbild diente ihm dafür Platons „Politeia“, das erste utopische Werk der Geschichte, genauso wie die Aufzeichnungen des Florentiner Seefahrers Amerigo Vespucci über seine Brasilienreise. Beide Einflüsse lassen sich in der „Utopia“ erkennen.[3] Sie besteht aus zwei Büchern, in welchen sich Kritik am status quo des 16. Jahrhunderts und Ideal in Utopia gegenüberstehen. Auf diese Gegenüberstellung und das Verhältnis zur Realität der Verbesserungsvorschläge soll in dieser Arbeit anhand des Strafrechts, der Agrarpolitik, der Außenpolitik, der Finanz- und Rechtspolitik und des Privateigentums genauer eingegangen werden.

2.) Der Aufbau des ersten Buches der „Utopia“

Das besondere an Morus’ Utopie ist, dass er nicht sofort mit der Beschreibung des besten Staates beginnt, wie es in Campanellas „Sonnenstaat“ und Bacons „Neu-Atlantis“ der Fall ist.[4] Morus schickt dieser Beschreibung, dem zweiten Buch, ein erstes Buch voraus, das nicht ihn als Erfinder dieses Staates hinstellt, sondern dem Leser berichtet, er habe die Geschichte gehört und gebe sie nun wahrheitsgemäß weiter. Als Erzähler führt er einen gewissen Raphael Hythlodaeus ein, einen angeblichen Begleiter des Amerigo Vespucci, der als Abenteurer auf der Insel Utopia gewesen sein soll. Im ersten Buch schreibt Morus von einem Gespräch zwischen ihm, Hythlodaeus und Peter Gilles,[5] Morus’ Freund, in welchem Raphael zuerst von seinen Reisen berichtet und dann seine Kritik an den politischen, ökonomischen und sozialen Verhältnissen in England kundtut. Darauf wird eine Diskussion zwischen ihm, Gilles und Morus entfacht, in der Raphael eindeutig die größeren Redeanteile hat,[6] denn er schöpft aus einer großen Erfahrung und nennt als Gegenbeispiele immer wieder Völker aus den Gebieten, die er besucht hat. Damit weckt er das Interesse der beiden Zuhörer an der Beschreibung des idealen Staates, den er auf der Insel Utopia vorgefunden hat.

Gilles tritt im Laufe der Diskussion als Sprecher zurück und überlässt das Gespräch seinen Freunden. Morus vertritt die Meinung, dass die intellektuelle Elite in den Zentren der Macht politisches Engagement zeigen sollte und hält dies für den erfahrenen Weltbürger Hythlodaeus für angemessen, doch dieser sieht nur in einer radikalen Änderung der Eigentumsverhältnisse eine Besserung. Seiner Meinung nach würde ein Fürst zur Optimierung des Zustands der Gesellschaft nur Kompromisse eingehen, die nichts brächten.[7]

Interessant an der Figur des Raphael ist sein Nachname, der, wie viele Namen in Utopia, von Morus selbst aus griechischen Wörtern zusammengefügt wurde. Er bedeutet soviel wie der „Leeres- Redende“.[8] Da er als Gewährsmann für die Beschreibung Utopias steht, Utopia bedeutet „Kein- Ort“, steckt eine gewisse, von Morus intendierte, Ironie dahinter,[9] die auch bedeuten könnte, dass der Autor nicht hinter seiner Staatstheorie stand und ließ sie bewusst von einer anderen Person vortragen. Dagegen gab es in der Forschung die Theorie, dass Morus Angst hatte, bestraft zu werden und daher Hythlodaeus als Kritiker einsetzte. Aber heute sind sich die meisten Historiker einig, dass beide Theorien nicht richtig sind, wohl aber, dass Raphael ein Gewährsmann für die tatsächliche Existenz der Insel ist und Morus seinem Werk durch die Namengebung keine Ernsthaftigkeit nehmen wollte. Das erste Buch wurde nachträglich verfasst und sollte genauer auf bestimmte Absichten abzielen, die der Autor hatte. Morus lässt aus formellen Gründen Raphael alles erzählen und die Kritik des Hythlodaeus ist auch die des Morus.[10]

3.) Das zweite Buch der „Utopia“- optimus status rei publicae

Nachdem das erste Buch damit endet, dass Gilles und Morus Raphael bitten, ihnen Utopia zu schildern, beginnt das zweite Buch mit dessen Erzählung. Dieses beinhaltet bis auf ein paar Schlusszeilen, in denen es zu keinem Konsens zwischen Morus und Hythlodaeus kommt, die Schilderung Utopias und ist genau doppelt so lang wie das erste Buch. Allein an diesem Verhältnis lässt sich die Bedeutung der Schilderung aus Morus’ Sicht erkennen. Der Schwerpunkt der Schrift liegt auf dem Bericht über den besten Staat. Er ist wie ein Staatsroman angelegt und in einem sachlichen und objektiven Stil geschrieben.[11] Raphaels Bericht ist versehen mit Wertungen, Kommentaren und kurzen Mitteilungen an seine zwei Zuhörer, mit denen er seinen Bericht immer wieder kurz unterbricht. Es lassen sich sechs größere Hauptabschnitte unterscheiden: Land, Stadt und Staat - Gesellschaft - Ethik, Erziehung und Wissenschaft - Zivilgesetzgebung - Militärwesen - Religion.[12]

Die antithetische Struktur des ersten und zweiten Buches bildet die Grundlage für die folgende Analyse.

4.) Gegenüberstellung von Kritik und Ideal

4.1 Strafrecht

Der erste Kritikpunkt, den Raphael anbringt, ist das englische Strafrecht. Er berichtet von einem Jurist am Hof des Kardinals John Morton, der sich fragt, warum immer noch soviel Räuber ihr Unwesen trieben, obwohl fast jeder erwischt und, auch wenn er nur ein Dieb sei, gehenkt werde. Raphael erwidert seine Meinung zur Todesstrafe:

Um einen Diebstahl zu ahnden, ist sie nämlich zu scharf, und um diesem Treiben Einhalt zu tun, reicht sie nicht aus; denn weder ist das einfache Stehlen ein so ungeheuerliches Verbrechen, daß es den Kopf kosten muß, noch gibt es irgendeine Strafe, die schwer genug wäre, um einen Menschen vom Rauben abzuschrecken, wenn er kein anderes Gewerbe hat mit dem er sein Leben fristen kann.[13]

Für Raphael ist das englische Rechtssystem zu grausam und unwirksam. Er prangert das Verhalten der Engländer an, lieber immer härtere Strafen zu verhängen, als das Übel an der Wurzel zu bekämpfen, nämlich für das Auskommen der Menschen zu sorgen, dass sie nicht in die Situation geraten, stehlen zu müssen. Als Ursache führt er invalide Kriegsheimkehrer, Änderungen in der Landwirtschaft und die Landsknechtsplage an. Landknechte, deren Herr gestorben sei und vom Erben nicht übernommen werden, hätten keinen Beruf erlernt und müssten daher auf illegale Weise für ihr täglich Brot sorgen, bis sie im Krieg gebraucht würden.[14] Auf die Agrarpolitik werde ich in Punkt 4.2 eingehen.

[...]


[1] Originaltitel 1516: Libellus vere aureus nec minus salutaris quam festivus de optimo reipublicae statu deque nova insula Utopia.

[2] Schweikle, Günther und Irmgard (Hrsg.): Metzler- Literatur- Lexikon: Begriffe und Definitionen, Stuttgart ²1990, S. 482.

[3] Vgl. Süssmuth, Hans: Studien zur Utopia des Thomas Morus. Ein Beitrag zur Geistesgeschichte des 16.

Jahrhunderts, Münster 1967, S. 36-52.

[4] Vgl. ebd., S. 84.

[5] Eigentlich Petrus Aegidius; Alfred Hartmann nennt ihn in seiner Übersetzung Peter Gilles.

[6] Vgl. Kuon, Peter: Utopischer Entwurf und fiktionale Vermittlung. Studien zum Gattungswandel der literarischen Utopie zwischen Humanismus und Frühaufklärung, Tübingen 1985, S. 77.

[7] Vgl. Morus, Thomas: Utopia, Zürich 1981, S. 20-35.

[8] Vgl. Kuon, P.: Utopischer Entwurf, S. 125.

[9] Vgl. Süssmuth, H.: Studien zur Utopia, S. 21.

[10] Vgl. Nipperdey, Thomas: Reformation, Revolution, Utopie. Studien zum 16. Jahrhundert, Göttingen 1975, S. 114.

[11] Vgl. Oncken, Hermann: Einleitung zu Thomas Morus Utopia, in: Morus, Thomas: Utopia, Darmstadt 1964, S. 12.

[12] Vgl. Kuon, P.: Utopischer Entwurf, S. 95-96.

[13] Morus, T.: Utopia, S. 26.

[14] Vgl. Morus, T.: Utopia, S. 27-28.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Kritik und Ideal in Thomas Morus’ „Utopia“
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Note
2,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
14
Katalognummer
V82702
ISBN (eBook)
9783638018647
ISBN (Buch)
9783638919944
Dateigröße
539 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kritik, Ideal, Thomas, Morus’
Arbeit zitieren
Johannes Linsenmeier (Autor), 2005, Kritik und Ideal in Thomas Morus’ „Utopia“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/82702

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