Klassische Thesen sowie Donald Davidsons und Ursula Wolfs Ansichten zu Willensschwäche im Vergleich


Hausarbeit, 2006

34 Seiten, Note: 1.5


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0. Einleitung

1. Die Thesen von Platon, Sokrates, Aristoteles, Davidson und Wolf
1.1 Platons und Sokrates These zu Willenschwäche
1.2 Aristoteles These zu Willensschwäche
1.3 Donald Davidsons These zu Willensschwäche
1.4 Wolfs These zu Willenschwäche

2. Zusammenfassung und Abschlussbemerkungen

3. Literaturverzeichnis

4. Quellenverzeichnis

0. Einleitung

Jeder hat, mehr oder weniger, mit den Auswirkungen der Willensschwäche zu kämpfen, trotzdem gibt es keine einheitliche Erklärung zu diesem Thema.

So wird dieses Phänomen von Sokrates und seinem Schüler Platon eher als „Scheinproblem“ deklariert, denn durch den sehr starken Wissensbegriff der beiden ist die unlogische Handlung (der Effekt der Willenschwäche) eines Menschen nur durch einen Mangel an Wissen über die wahren Beweggründe seines Handels beziehungsweise Nicht-Handelns erklärbar.

Aristoteles unterscheidet 2 Arten von Wissen: dem allgemeinen Wissen (z.B. „Soldaten ärgern ist gefährlich“) und dem speziellen Wissen („dies ist ein Soldat“), wobei er bemerkt: „Gegenstand des Handelns ist ja jeweils das letztlich Einzelgegebene“[1]. Obgleich Aristoteles den, als ausschlaggebend für den Handelnden gesehenen, Wissensbegriff sinnvoll unterschieden hat und er die platonische und sokratische Erklärung als „ augenscheinlich den Erfahrungstatsachen“2 widersprechend ablehnt hat er dennoch damit „…die sokratische These für die starke Version [des Wissens] bestätigt“3. Donald Davidson erkennt an, dass nach Aristoteles Definition ein Handeln wider besseren Wissens theoretisch unmöglich ist, denn: „ Insofern jemand absichtlich handelt, handelt er im Hinblick auf das, was nach seiner Vorstellung das Bessere ist“4. Diesen Widerspruch zur Realität erkennt er und etabliert im Meinungsfindungsprozess eine neue Größe: „den Willen/das Gewissen“5, sie soll zwischen der einen und der anderen Handlung abwägen und sich für eine entscheiden. Desweiteren koppelt er die unmittelbare Handlung als logische Konsequenz von dem Wissensbegriff eines Platon, Sokrates und Aristoteles ab.

Ursula Wolf übernimmt gewisse Anteile der aristotelischen These, etwa die Begriffserläuterung und Problembeschreibung durch das Wort „Akazie“. Wirft aber, so habe ich das zumindest verstanden, der These Aristoteles mangelnde Wahlmöglichkeit beziehungsweise eine fehlende Konfliktsituation vor, was für sie aber Bedingung der Willenschwäche ist. Denn die Person muss, nach Wolf, die Wahl haben „so oder anders zu handeln“6.

Vielleicht liegt der Grund der verschiedenen Erklärungsversuche für das Phänomen der Willenschwäche darin dass dieses Problem einen Schnittpunkt zwischen Philosophie und der jeweils unterschiedlichen Psychologie der Menschen belegt, möglicherweise ist Willensschwäche gar nicht durch eine rationale Handlungstheorie erklärbar?

Dennoch werde ich mich hier gänzlich auf die Erklärungsversuche der Philosophen verlassen, und das Feld der Psychologen aus Platzgründen, nicht untersuchen.

Mit dieser Arbeit möchte ich mich den philosophischen Erklärungen für Willenschwäche zuwenden und die Plausibilität dieser Thesen untereinander vergleichen.

Zunächst möchte ich kurz die klassischen Thesen von Sokrates und Platon, sowie Aristoteles umreißen um dann genauer auf die Standpunkte von Donald Davidson und Ursula Wolf einzugehen. Danach werde ich die Positionen versuchen zu vergleichen und, als Kommentar, ihre Plausibilität aufzeigen.

Hochgestellte arabische Ziffern weisen auf einen Quellennachweis, der am Ende der Hausarbeit zu finden ist. Aus technischen Gründen musste ich alle Kommentare, die sonst an das nende kommen, mit geschwungenen Klammern versehen, direkt zur entsprechenden Zeile im Text stellen, zur besseren Kenntnisnahme sind sie Kursiv.

1. Die Thesen von Platon, Sokrates, Aristoteles, Davidson und Wolf

1.1 Platons und Sokrates These zu Willenschwäche

Als chronologisch erste Abhandlung über Willenschwäche {Auf Platons Ausführungen dazu in Politika und seine Einteilung der menschliche Seele in drei Teile, (dem Begehrenden, dem Eifernden und dem Überlegenden) werde ich nicht eingehen.} gilt ein Abschnitt im Protagoras, darin stehen sich Sokrates und der Sophist Protagoras in einem Dialog gegenüber. Sokrates, und sicher auch Platon, folgen einem„ethisch und psychologisch egoistischem Hedonismus“7dies bedeutet, dass der Handelnde (egoistisch) gut (ethisch) findet, was angenehm ist. Hier ist der Grundgedanke für ihre Weltanschauung zu finden, denn nach dem Hedonismus strebt der Mensch von Natur aus nach dem Guten bzw. Angenehmen.

Grundsätzlich behandelt der Text die Frage ob Wissen oder etwas anders die Handlungen der Menschen determiniert{Die Frage, inwieweit es sich hier um die Position Sokrates oder um die Platons handelt, ist meines Wissens generell sehr umstritten. In dieser Arbeit werde ich nicht zwischen einer Sokratischen und einer Platonischen Sichtweise unterschieden.}8.

Für Sokrates denken die meisten Menschen über das Wissen wie über einen „Sklaven“9:

Obwohl Menschen im Besitz von besseren Wissen sind, ist es nach seinen Dafürhalten möglich dass Menschen von Lust beziehungsweise Unlust beherrscht sind, dann wären sie „der Lust unterlegen“ 10. Das Wissen an sich ist aber bei Sokrates ein absolutes Wissen und die höchste Kraft im Menschen 11 {„(...) wertvoll sei das Wissen und fähig zu herrschen über den Menschen, und wenn jemand nur Gutes und Böses erkenne, könne er wohl von nichts dazu genötigt werden, irgend etwas anderes zu tun, als das Wissen jeweils fordert (...)“}, da es nun einen Konflikt zwischen seinem Wissensbegriff und dem tatsächlichen Verhalten der Menschen gibt versucht er zu erklären, wie sich diese Erfahrung anders erklären lässt.

Indem man eine, vom Wissen als schlecht befundene Handlung begeht12, quasi von der Lust verführt wurde, die später jedoch Unlust mit sich bringt, oder eine Unlust erzeugende Tat, dem Urteil des eigenen Wissens folgend, doch ausführt,13 weil diese Tat für später Lust verspricht, so folgt man dem allgemeinen Ziel Lust zu gewinnen und Unlust abzuwenden. Ein gutes Beispiel für die schlechte Handlung ist nicht zum Arzt zu gehen und die Schmerzen /Beschwerden ignoriert, adäquat dazu wäre die gute Tat zum Arzt zu gehen, obwohl eine schmerzhafte Untersuchung/Behandlung ansteht.

Im Verlauf des Dialoges einigen sich beide, dass man daraus folgern kann, dass der Lustgewinn mit dem Adjektiv „gut“ und der Unlustgewinn mit „schlecht“ gleichgesetzt werden kann 14. {Hervorhebungen sind vom Autor.}

Nach dieser Erkenntnis und dem Gleichsetzen der Begriffe bedeutet vom Guten (Lustgewinn) überwunden zu werden, das Schlechte zu tun15. { So, dass wider besseres Wissen Handelnde sagen können, eine andere ihnen offenstehende Handlungsalternative sei besser als die, welche sie ausführen. [...] Zweitens geht mit Handeln wider besseres Wissen beim Handelnden ein innerer Konflikt einher: Soll er – metaphorisch gesprochen – dem Urteil der Vernunft folgen oder dem Drängen seiner Begierden nachgeben? Ein solcher Konflikt ist innerhalb des sokratischen Ansatzes (wie er im Protagoras zum Ausdruck kommt) weder verständlich noch beschreibbar. ebenda, S. 62} Das Überwunden-Werden bedeutete also: „für weniger Güter mehr Schlechtes zu bekommen“ 16.

Das Argument, dass sich augenblickliche und zukünftige Lustgefühle unterschieden lässt Sokrates nicht gelten, weil der Unterschied wiederum nur in Lust und Unlust 17 besteht.

Die Fähigkeit der Menschen zwischen beiden Handlungsoptionen richtig abzuwägen ist, nach Platon und Sokrates, sehr wichtig, weil man sich immer für die entscheide, auf der die Lust die Unlust übertrifft, egal ob das Mehr an Lust (beziehungsweise das Weniger an Unlust) in der Gegenwart oder Zukunft zu erwarten ist 18.

Nach Platon ist das Grundproblem des Abwägens zwischen jetziger Lust und späterer Lust eine Frage der Messkunde. Er vergleicht, indem er gegenwärtige und zukünftige Lust mit Gegenständen vergleicht, die uns von Nahem größer und von weitem kleiner erscheinen 19.

Die Messkunde hilft die richtige Größe einzuschätzen und das „Scheinbild“ zu erkennen und wirkungslos zu machen 20. Demzufolge gibt es für Sokrates und Platon kein Handeln wider besseren Wissens, denn die Tatsache von der Lust überwunden zu werden ist eigentlich ein „Mangel an Wissen“ 21.

Nun ist also die Messkunde in Verbindung mit diesem sehr starken Begriff von Wissen, der gar keine Möglichkeit zur Täuschung oder Fehlinterpretation zulässt, ursächlich für die richtige Entscheidung verantwortlich und eine falsche Entscheidung kann, nach dieser These, bloß das Fehlen von Wissen und Messkunde bedeuten.

Nach Sokrates, wie er im „Protagoras“ argumentiert, gibt es kein Handeln wider besseres Wissen. Wenn jemand weiß, was für ihn am besten ist, dann handelt er auch danach, weil das Beste immer auch das Angenehmste ist, und der Mensch naturnotwendig immer nach dem Angenehmsten strebt. Tut er dies nicht, so kann es nur daran liegen, dass der Handelnde nicht weiß, was für ihn am Besten ist.

Ein erster Ansatz zu Kritik ist der starke Begriff von Wissen und die starke Verkettung von Wissen um die richtige Handlung und das Ausführen eben dieser.

1.2 Aristoteles These zu Willensschwäche

Wie schon in der Einleitung erwähnt lehnt er die platonische und sokratische Darstellung zu Willensschwäche als „…nicht der Wirklichkeit entsprechend…“ ab.

Er führt die analytische Verbindung von Urteil, Wille und Handlung ein. Sie ist eine Erklärung für absichtliches Handeln. Aristoteles hat ihr mit dem praktischen Syllogismus eine Form gegeben, auf die sich die Philosophen immer wieder bezogen haben, um Handlungen mittels Handlungsgründen zu erklären. In dieser Vorstellung wird ein bestimmter Sachverhalt als wünschenswert angesehen und ein Urteil gefällt, dass eine bestimmte Handlung diesen Sachverhalt herbeiführen wird. Dieser Wunsch und diese Überzeugung führen dann zu der entsprechenden Handlung.

Aristoteles gibt dem Phänomen der Willensschwäche einen anderen Namen, und zwar

„Akazie“, welchen er mit „Unbeherrschtheit“ übersetzt.

Seiner Charakterisierung des „Unbeherrschten“ nach ist jemand, der „weiß, dass sein Handeln verwerflich ist…unter dem Einfluss der Leidenschaft“, aber trotzdem so handelt, „während der Beherrschte weiß, dass sein Begehren verwerflich ist, und ihm daher – unter dem Einfluss der reflektierenden Kraft – nicht Folge leistet.“22

Zu der als handlungsentscheidende Kraft des Wissens/ der Vernunft kommt bei Aristoteles der Pathos hinzu, damit verfügt seine These über zwei, gewöhnlich widerstreitende Kräfte die die Handlung herbeiführen können. Also ist die falsche Entscheidung bei Aristoteles nicht, wie bei Platon ein nicht genug des Wissens, sondern der Gewinn des Pathos (Leidenschaft) über das Wissen (reflektierende Kraft).

Die Einführung des Pathos ist eine logische Folge der Unterscheidung des Wissens in zwei Arten, nämlich das allgemeine Wissen und das spezielle/ besondere Wissen. Der Unterschied zwischen beiden Arten ist, dass man ersteres zwar hat, aber es nicht gebraucht, während man die zweite Art des Wissens sehr wohl „wirksam werden lässt.“ 23 {Man könnte also, jedenfalls hab ich es so verstanden, von passivem (dem allgemeine Wissen) und aktivem (speziellem) Wissen sprechen.}

Dem zufolge ordnet er in einem logischen Schluss dem „Obersatz“ das Wissen über das Allgemeine zu und dem „Unteratz“ das Wissen über das „letztlich Einzelgegebene“/ das Besondere zu 24.

Ein Beispiel nach dieser Unterteilung ist: Obersatz „Süßigkeiten verderben den Magen“ und

Untersatz „Dies hier ist süß 25. {In den Anmerkungen wird von A. Schmidt zu der Überstützung von Franz Darleiher dies angeführt, ebenda, 1147a 3.}

Der Grund für Akazie (Unbeherrschtheit) ist für Aristoteles ein Mangel des Handelnden

an Wissen über das Besondere, obgleich er das Wissen über das Allgemeine besitzen kann, da für Aristoteles immer das Wissen welches im Untersatz formuliert wird ausschlaggebend für die Handlung ist 26.

Um zu erklären warum die (akritische) Handlung, trotz des allgemeinen Wissens über die Schlechtigkeit von Süßigkeiten Süßes zu essen, darauf zurückzuführen sein soll, dass der Handelnde keine (besondere) Kenntnis davon hat, dass er Süßes isst, vergleicht Aristoteles das Wissen des Unbeherrschten mit dem eines Schlafenden, Wahnsinnigen oder Betrunkenen 27. Bei dieser Art von Menschen ist ihr Wissen eher eine Art „sprechen“ 28, zwar vorhanden, trotzdem nicht „mit dem Menschen verwachsen“ 29. Nach Aristoteles ist dies die einzige Möglichkeit wie Wissen beschaffen sein kann, damit die Möglichkeit seiner Unwirksamkeit gegeben ist.

Davon ausgehend kann man einen akritischen Fall nun so vorstellen, dass

neben der Meinung, Süßes verdürbe den Magen, eine zweite Meinung existiert, nämlich:

„Alles Süße ist angenehm“ – mit dem Untersatz „dies hier ist süß“31. Die, durch Aristoteles hinzugekommene, „Begierde“ 32, treibt einen Menschen dazu die zweite Meinung wirksam werden zu lassen.

Diese zweite Meinung über die Süße und ihre Eigenschaften ist nun aber kein „Wissen im

eigentlichen Sinne“ 33, sondern nur eine Meinung über das sinnlich Wahrnehmbare, Aristoteles nennt es „Wahrnehmungs-Wissen“ 34.

Wissen ist bei Aristoteles immer dadurch definiert dass es direkt in einer Handlung wirksam wird. Dieses Wahrnehmungs- Wissen ist, nach Aristoteles die einzige Möglichkeit willensschwach zu sein nämlich, wenn die Handlung nur aus einem „Wahrnehmungs-Wissen“ heraus resultiert und der Handelnde das „wirkliche Wissen“ – zu dem sich seine Handlung in einem Widerspruch befindet - lediglich wie ein auswendig gelerntes Gedicht in sich hat (Obersatz), ohne mit ihm „verwachsen“ zu sein (Untersatz) 35.

Trotz, oder eigentlich durch die Differenzierung stimmt er Platon und Sokrates zu, dass wirkliches Wissen immer handlungsentscheidend ist.

Die einzigen Bereiche in denen es diese Art von Akazie gibt sind: Essen, Trinken und Sexualität. Akazie bedeutet für ihn, dass es im Handelnden zwei Argumentationsstränge gibt: den Syllogismus der Vernunft und den Syllogismus der Begierde.

Syllogismus der Vernunft:

Obersatz: Kein Mensch soll etwas Süßes kosten.

Untersatz: Dies ist süß.

Konklusion: Ich soll dies nicht kosten.

Syllogismus der Begierde:

Obersatz: Alles Süße ist genußverheißend.

Untersatz: Dies ist süß.

Konklusion: Dies ist genußverheißend 36.

Anzumerken ist, dass aus einem Syllogismus aus seinem Unter- und Obersatz stets die Handlung folgt. Dieser Syllogismus der Begierde hat bei Aristoteles also eine erstaunliche Fähigkeit (die dem der Vernunft offensichtlich fehlt): Erstens (i) kann dieser einfach an dem der Vernunft vorbei wirken und ihn damit vorübergehend außer Kraft setzen. Im zweiten Fall (ii) folgt aus dem Syllogismus der Begierde sogar unmittelbar die Handlung, er ist direkt

aktiv. so er kann (zu (ii)) wesentlich schneller und ohne das Auftauchen der Überlegung überhaupt passieren oder (zu (i)) ihn einfach bei dessen Auftauchen hintergehen, an ihm vorbei wirken, so dass dem betroffenen Vorsatz nur noch der Status eines dispositionalen Wissens zukommt und der betroffenen Person der eines Betrunkenen oder Schlafenden. Da die syllogistischen Kräfte in beiden Fällen sofern gleichzeitig nicht auf derselben Ebene passieren, bedeuten sie jedoch ein Außer-Kraft-Setzen des Konflikts; der Konflikt besteht auf diese Weise nicht mehr wirklich: Gehen zwei Dinge aneinander vorbei oder treffen zeitlich nacheinander ein, entsteht keine Reibung. Da hier die Person nicht mehr in dem Sinne freiwillig handelt, dass sie zu diesem Zeitpunkt auch anders hätte handeln können 37. {Inwiefern ist ein Schlafender oder Betrunkener überhaupt zuständig und verantwortlich zu machen für sein Handeln? Können somit gerechterweise nur Handlungen bestraft werden, die auch im aristotelischen Sinne als vorsätzlich gelten?}

Der Syllogismus der Begierde hat für ihn keine handlungsanleitende Funktion,

sondern stellt lediglich fest, dass in diesem Falle das Süße genußverheißend sei.

Diese handlungsanleitende Funktion ist auch gar nicht nötig, weil bei der Begierde(Pathos) [...] Reflexion oder die Sinne nur anzudeuten [brauchen], dass etwas angenehm sei – und

schon stürmt sie los auf den Genuß 38.

So kommt Willensschwäche dadurch zustande, dass sich die Vernunft auf einer dispositionalen oder höherstufig-dispositionalen Stufe befindet, die Begierde dagegen unmittelbar auf den Reiz reagiert. Der Willensschwache hat also sozusagen kein aktuelles Wissen davon, was richtig ist, sondern ist seiner Begierde ausgeliefert.

Dementsprechend gibt es also auch keinen inneren Konflikt, sondern die Handlung ist eine Art fast blinde Reaktion auf Außenreize.

Diese Annahme entbindet den Handelnden keineswegs von seiner Verantwortung für sein Tun. Er (der Handelnde) weiß, dass er etwas anderes tun sollte, aber dieses Wissen ist zu dieser Zeit der Akrasia kein aktuelles Wissen. Sonst hätte er nach dem Syllogismus der Vernunft danach handeln müssen, sondern ein dispositionales oder höherstufig-dispositionales Wissen 39. Höherstufig- dispositionales Wissen meint hier Wissen, das der Handelnde hat, aber nicht zur Anwendung bringt oder bringen kann (siehe Wissen über Allgemeines beziehungsweise Obersatz). Als ein Beispiel für ein solche Art von Wissen nennt Aristoteles einen schlafenden Mathematiker.

Schläft der Mathematiker, hat er höherstufig-dispositionales Wissen von der Mathematik. Ist

er wach, so besitzt er dispositionales Wissen, und erst, wenn er ein mathematisches Problem

bearbeitet, hat er aktuelles Wissen von der Mathematik (Untersatz) 40.

Die Ursache warum jemand nach dem Syllogismus der Vernunft handelt, der andere aber nach dem der Begierde, erklärt Aristoteles durch „sittliche Minderwertigkeit [...] eine

Täuschung in Bezug auf die Prinzipien des Handelns [bewirkt] und von ihnen ab[-lenkt].“41

Ein Kritikpunkt, nach meiner Meinung, ist dass seine Theorie nicht erklärt, wie es zu einem Konflikt zwischen Vernunft und Begierde kommen kann. Selbst wenn der Handelnde weiß, was er tun sollte, ist sein Wissen laut Definition im Moment des Handelns außerhalb seiner Verfügbarkeit. Wenn die Begierde also unmittelbar die Führung übernimmt, dürfte es auch keinen Konflikt geben . {Hier beginnt Ursula Wolf dann auch später mit ihrer Kritik an Aristoteles.} Ein anderer Kritikpunkt ist, dass die Konklusion aus einem praktischen Schluss selbst eine Handlung ist 42.

[...]

Ende der Leseprobe aus 34 Seiten

Details

Titel
Klassische Thesen sowie Donald Davidsons und Ursula Wolfs Ansichten zu Willensschwäche im Vergleich
Hochschule
Universität Leipzig  (Institut für Philosophie)
Veranstaltung
Macht und Ohnmacht guter Vorsätze
Note
1.5
Autor
Jahr
2006
Seiten
34
Katalognummer
V82753
ISBN (eBook)
9783638898317
ISBN (Buch)
9783640101665
Dateigröße
527 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Klassische, Thesen, Donald, Davidsons, Ursula, Wolfs, Ansichten, Willensschwäche, Vergleich, Macht, Ohnmacht, Vorsätze
Arbeit zitieren
Udo Sassner (Autor), 2006, Klassische Thesen sowie Donald Davidsons und Ursula Wolfs Ansichten zu Willensschwäche im Vergleich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/82753

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