Politik und Religion - ihr Verhältnis bei Karl Marx, Max Weber und in der heutigen Zeit


Hausarbeit, 2002
15 Seiten, Note: Mit gutem Erfolg

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Karl Marx
2.1 Traum von Klassenlosigkeit
2.2 Basis- Uberbau- Theorem
2.3 Entfremdung durch Arbeit und Religion

3. Max Weber
3.1 Religion als Wirtschaftskraft
3.2 Die protestantische Ethik
3.3 Immanente Rationalitat der Religion

4. Religion und Politik heute
4.1 Laizismus
4.2 Fundamentalismus
4.2.1 Islamischer Fundamentalismus
4.2.2 Christlicher Fundamentalismus

5. Schlussgedanke

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

"Gott ist tot!" schrieb Friedrich Nietzsche. Nicht erst seit dieser provokanten Aussage versuchte eine Reihe namhafter Soziologen wie Karl Marx zu belegen, dass in der gesellschaftlichen Entwicklung die Religion einen immer weiter schwindenden Stellenwert einnehmen werde.

Trifft dies tatsachlich zu? Kann man eine einheitliche Tendenz feststellen, die den "Niedergang" von Religion bestatigt? Oder findet sich eine andere Entwicklungslinie, die eine gegenteilige Vorhersage trifft?

Ausgehend von diesen Fragen soll im folgenden untersucht werden, wie das Verhaltnis von Religion und Politik in den Schriften von zwei bedeutenden soziologischen Denkern, namlich Karl Marx und Max Weber, skizziert wird. AbschlieBend soll eben dieses Verhaltnis in besonders interessanten, modernen Ausformungen der Gesellschaft beleuchtet werden.

2. Karl Marx

Karl Marx (1818- 1883) ist beruhmt als Gesellschafts-theoretiker, Wirtschaftshistoriker und Revolutionar. Sein theoretischer Ansatz, vorwiegend auf einer Makro- Ebene gehalten, basiert grundlegend auf einer ausschlieBlich okonomischen Idee. Auf sie fuhrt er all seine Aussagen uber Klassen, Arbeit, soziale Ungleichheit u.a. zuruck und benutzt okonomische Verhaltnisse als die bestimmende Determinante gesellschaftlichen Lebens.

Uber Religion spricht Marx daher auch nur im Zusammenhang der bestehenden kapitalistischen Gesellschaftsverhaltnisse und welchen Beitrag sie zu deren Aufrechterhaltung leistet. Um diese Mechanismen zu erlautern, bedarf es einer Erklarung der marx'schen Gesellschaftsdiagnose.

2.1. Traum von Klassenlosigkeit

Marx' Idealvorstellung der Gesellschaft bestand aus der volligen Auflosung von Klassen, die durch den geschaffen wurden. Zwei verschiedene Klassen bildeten sich, namlich die der Produktionsmittel- Besitzer (= Bourgeoisie) und die der Arbeiter (= Proletariat).

Weiter traumte Marx von einer Aufhebung nationaler Grenzen und von einer Weltgesellschaft, somit also von einer global existierenden Gesellschaft, deren Klassenlosigkeit nicht auf lokale Gebiete beschrankt sein soll.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Dazu formulierte Marx die bekannte Theorie, dass die Gesellschaft eine Geschichte der Klassenkampfe sei[1]. Die Entwicklung sahe in Kurzform aus wie folgt: die Klassenkampfe fuhrten zu einer Diktatur des Proletariats, aus der wiederum die Auflosung der Klassenhierarchie bzw. der Klassen uberhaupt entstehe. Ferner konne man die Auflosung der Klassen erreichen, in dem man Entfremdung (dazu weiter unten) sowie die Existenz des Privateigentums (global) aufhebe.

2.2. Basis- Uberbau- Theorem

Um Marx Vorstellung uber das Verhaltnis von Politik und Religion zu erlautern, ist es weiterhin sinnvoll, seine Idee des Basis- Uberbau- Modells, das die Gesellschaftsstruktur beschreibt, naher zu erlautern.

Fur Marx bilden die okonomischen Verhaltnisse die Basis der Gesellschaft, uber die sich ein Uberbau aus gesellschaftlichen Institutionen wie Organisationen, Recht, Politik, Kunst, Religion, Philosophie u.a. erhebt. Dabei differenziert Marx mehrere Gesellschaftssysteme in folgende chronologische Reihenfolge nach Art ihres Basis- Uberbau- Verhaltnisses:

- Die Urgesellschaft mit einem "naiven" Basis- Uberbau- Konstrukt, in der das Verhaltnis der Menschen untereinander gekennzeichnet war durch Kooperation und durch Nicht- Vorhandensein eines politischen Systems.
- Die Antike Gesellschaft, gekennzeichnet durch den Uberbau eines Zwangsapparates aus Recht und religiosen Regelungen, d.h. konkret einer Trennung von Sklavenhaltern, deren herrschende Stellung durch rechtliche und religiose GesetzmaBigkeit gesichert war, und Sklaven.
- Die Feudale Gesellschaft, deren Uberbau sich auch durch Religion und Recht darstellte, aber sich das Verhaltnis der Menschen untereinander aufgrund einer (nur noch) durch Normen gesicherten Hierarchie zwischen Feudalherren und Leibeigenen prasentierte.
- Die Kapitalistische Gesellschaft, in deren Basis- Uberbau- Modell (theoretisch) Freiheit und Gleichheit vor dem Gesetz fur alle Menschen besteht. Doch dazu steht die Polarisierung von

Produktionsmittelbesitzern und Lohnarbeitern nach Marx' Ansicht im strengen Widerspruch.

Obwohl nach Marx also die Religion im Basis- Uberbau- Apparat mehr und mehr an Einfluss verliere (in dem die klasseneinteilende Funktion erst an Starke verliert und dann ganz verschwindet) , gewinnt sie einen veranderten Charakter in Form ihrer Politisierung. Dadurch entsteht ein Prozess, der im Folgenden naher erlautert werden soll.

2.3. Entfremdung durch Arbeit und Religion

Der Begriff der Entfremdung ist einer der Zentralen bei Marx zur Beschreibung des Verhaltnisses von Arbeitern zu sich selbst, zu ihren Mitmenschen und zum Produktions(end)produkt. Dabei unterscheidet Marx generell zwischen Entfremdung durch Arbeit und solcher durch Religion.

Bei ersterer geht es Marx darum, dass durch den Kapitalismus ein Konflikt bei den Lohnarbeitern entstanden ist: Eigentlich sei Arbeit notig zur Bildung einer Lebensgrundlage, die zur Selbstverwirklichung des arbeitenden Menschen beitragen kann und soll, womit Marx ihr eine positive Bewertung zugesteht. Doch wegen der kapitalistischen Strukturen sieht die Realitat anders aus: durch FlieBbandarbeit, harte Arbeitsumstande (lange Arbeitszeiten, geringer Verdienst, wenig Freizeit etc.), so Marx, entfernt sich der Arbeiter zusehends von der in der Theorie positiv gesehenen Bedeutung von Arbeit, entfremdet sich von sich selbst sowie von seinen Mitmenschen, indem er sich verkaufen und an die gegebenen Arbeitsverhaltnisse anpassen muss und entfremdet sich auch vom (End- )Produkt aufgrund von FlieBbandarbeit, die keinen Bezug mehr zum Produkt als ganzes herstellen lasst.

Doch Marx sieht auch die andere Quelle der Entfremdung, namlich die der Religion. Er verurteilt, dass die Religion als befriedendes oder sogar lethargisch wirkendes Mittel die Arbeiterschaft nur dazu bringen soll, keine Rebellion gegen die bestehenden (okonomischen) Verhaltnisse zu wagen. Dabei wirken seiner Meinung nach der Staat und die kapitalistischen Machthaber gemeinsam: die Religion und ihre Ethik wird missbraucht, um die Arbeiterschaft uber die bestehenden, fur sie elenden Verhaltnisse hinweg zu trosten und diese als im Diesseits gegeben zu akzeptieren, bis sie nach ihrem Tod fur ihre schwere Arbeit und Muhe entlohnt wurden.

Somit schafft Religion Hierarchien bzw. halt diese uber die Unterdruckung der Bevolkerung und dem gleichzeitigen Verweis auf die Ewigkeit nach dem Tod aufrecht, um die Menschen an die bestehende Ordnung zu binden und den Umsturz des Systems zu verhindern. Dazu formulierte Marx die beruhmten Satze: "Das religiose Elend ist in einem der Ausdruck des wirklichen Elends und in einem die Protestation gegen das wirkliche Elend. [..] Sie ist das Opium des Volkes." und weiter: "Die Kritik der Religion [verwandelt sich damit] in die Kritik des Rechts, die Kritik der Theologie in die Kritik der Politik."[2].

Dieses Problem hindert also durch die Aufrechterhaltung von Hierarchien an der Verwirklichung der von Marx erwunschten Klassenlosigkeit. Die vermittelten religiosen Inhalte der Herrschenden und ihrer Schichten dienen somit lediglich als Funktion ihrer Interessen und verschleiern dabei gleichzeitig die bestehenden Machtverhaltnisse. Ein Zustand, der- meiner

Meinung nach offensichtlich- bei Marx aufs Scharfste kritisiert und deren Existenzberechtigung strikt negiert wird.

Ferner haben bei Marx Religion und Rationalitat wenig gemeinsam. Marx konnte in meinen Augen lediglich den politischen und okonomischen Machthabern eine rationale Denkweise zugesprochen haben, in dem sie Religion als Druckmittel zur Sicherung ihres eigenen Vorteils missbrauchen und somit rational handelnd daraus ihren Nutzen ziehen.

3. Max Weber

Der fast ein halbes Jahrhundert spater geborene Max Weber (1864- 1920) zahlte zu den bedeutendsten deutschen Intellektuellen seiner Zeit. Diese Zeit war gepragt vom raschen, sozialen Wandel, deren charakteristischstes Merkmal in Weber's Augen eine steigende Rationalisierung der Lebensbereiche darstellte. Diese Tendenz geht einher mit einem Sichabwenden von traditionellen Lebensformen hin zu rationaler gedachten. Dazu zahlt auch, dass im Kapitalismus nicht nur okonomische Interessen fur die Gesellschaftsstruktur verantwortlich sind, so wie es die marx'sche Auffassung war, sondern dass v.a. kulturelle und soziale Transformationen eine grundlegende Rolle spielten, die sehr stark mit veranderten religiosen Vorstellungen und Wertorientierungen verknupft waren.[3] Alles in allem sei Kapitalismus (und auch Wissenschaft) ohne den religiosen Hintergrund (dazu weiter unten) nicht denkbar.

3.1. Religion als Wirtschaftskraft

Weber's Vorstellung von Religion war die, dass religiose Ideen Weltbilder schaffen, deren Dynamik die Interessen der Handelnden bestimmen[4]. D.h. Weber vertritt die Auffassung, dass das durch eine Religion entstandene Weltbild mit dessen vermittelten Werten fur die Menschen zur Antriebskraft wird. Dieser Antrieb kann solche Dimensionen erlangen, dass er "als Beschreibung eines tatsachlichen historischen Entwicklungsablaufs verstanden werden muss. Das gilt hier fur die geschichtsbildende Macht des religiosen Rationalisierungs-prozesses".[5]

Weber bildet mit dieser Auffassung ein deutliches Gegenmodell zu dem von Marx, namlich dass Religion nicht als Druckmittel fungiert, sondern, dass sie als Antrieb fur Handlungen gesehen werden kann und im Fall der Entstehung von Kapitalismus auch gesehen werden muss.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

3.2. Die protestantische Ethik

Weber unterscheidet zwischen den Katholizismus und Protestantismus und deren Wirkung auf okonomisches Handeln. In seinem Werk "Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus" beschreibt Weber die religios- basierten Entstehungsbedingungen fur Kapitalismus und meint damit in erster Linie den Calvinismus, eine zur protestantischen Glaubensrichtung zahlende Abspaltung, als zentrale Religionsform. Eben diese Glaubensform halt an der sogenannten Pradestinationslehre fest. Diese besagt, dass Gott Menschen nach deren Tod sowohl in den Himmel als auch in die Holle kommen lasst. Welche Person wohin gelangen wird, stehe zwar schon in den Grundzugen fest, dennoch geht der Glaubige davon aus, man konne sich durch entsprechende Verhaltensweisen gottgefallig machen und somit die von Gott bereits getroffene Entscheidung revidieren. Konkreter bedeutet diese Lehre fur Calvinisten, dass sie fur Gottes Gnade Arbeit als Selbstzweck verstehen und auf das Ideal des Berufsethos hinarbeiten, um zu "beweisen", dass sie einer Aufnahme ins ewige Heil wurdig sind.

Von Seiten der Religion wird von den Glaubigen ferner innerweltliche Askese gefordert. Diese bezieht sich auf den Ertrag der Arbeit und besagt, dass erwirtschaftete Gewinne nicht fur Luxusguter "verschwendet" werden durfen. Sie mussen sofort re-investiert werden (nach Deckung der eigenen Lebenshaltungskosten). Ziel dieser asketischen Lebensform ist die Uberwindung von Trieben und Affekten, die in ihrer Perfektion zu Disziplinierung und Rationalisierung der Lebensfuhrung beitragen wurden. Dies ist ein erstes Indiz zur Bestatigung, dass Religion in Weber's Augen nicht das Gegenteil von Vernunft bedeutet, sondern deren Quelle sein kann. Nach Weber's Auffassung entstand also aufgrund solch einer religios- motivierten Dynamik (nicht nur bei einem einzelnen Individuum, sondern bei einem Kollektiv) in weiten Teilen Europas der Kapitalismus.

3.3. Immanente Rationalitat der Religion

Doch stellt sich die Frage nach dem Wandel von Traditionalismus zu solchem okonomisch orientierten Gedankengut in einer Religion. Den Ausloser sieht Weber wie erlautert im Calvinismus.

Wenn man nun sein Augenmerk auf das Verhaltnis von Rationalitat und Irrationalitat bzgl. der weber'schen Religionsauffassung richtet, dann sind Weber's Aussagen folgendermafien zu deuten: "Religiose Erfahrung galt [..]

als irrational im Sinne von nicht empirisch nachprufbar"[6]. Aber gleichzeitig beinhaltet Religion Rationalitat in der Form, dass diese erstens "kommunizierbar sein [musse] und einer rationalen Durchsetzbarkeit, Klarung und Systematisierung ihres Heilsbesitzes [bedurfe]. Zweitens sei religiöses Handeln diesseitig ausgerichtet und insofern rational als es als Instrument zur Erreichung von Zielen diene”.[7]

[...]


[1] Marx, K., Engels, F.: Vorwort zum “Manifest”

[2] Marx, K., Engels, F.: Hegelsche Rechtsphilosophie, S. 378/ 379.

[3] Joas, H.: Soziologie, S. 32

[4] Helle, H. J.: Rezession Religionssoziologie Weber, S. 6

[5] Helle, H. J.: Rezession Religionssoziologie Weber, S. 6

[6] Suppanz, W.: Säkularisierung, S. 16

[7] Suppanz, W.: Säkularisierung, S. 16

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Politik und Religion - ihr Verhältnis bei Karl Marx, Max Weber und in der heutigen Zeit
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Soziologie)
Veranstaltung
Übung: Einführung in die politische Soziologie
Note
Mit gutem Erfolg
Autor
Jahr
2002
Seiten
15
Katalognummer
V8277
ISBN (eBook)
9783638152907
ISBN (Buch)
9783638770941
Dateigröße
531 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Politik, Religion, Verhältnis, Karl, Marx, Weber, Zeit, Einführung, Soziologie
Arbeit zitieren
Simone Reichle (Autor), 2002, Politik und Religion - ihr Verhältnis bei Karl Marx, Max Weber und in der heutigen Zeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/8277

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