Shakespeare kannte Montaignes Berichte über Kannibalen. Motive der Anthropophagie sind nicht nur deshalb keine Seltenheit in seinem Werk, Coriolanus oder Hamlet z.B. wurden auf dieses Thema hin oft genug untersucht. Auch die Komödie Twelfth Night lässt sich so lesen - in diesem Fall mit Freud und Kristeva.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
Essen schreiben
Essen mit Sir Toby
Malvolio essen
Essen sprechen
Schlussbemerkung
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die Bedeutung von Essen und oraler Aggression in Shakespeares Komödie "Twelfth Night". Dabei wird analysiert, wie die Figuren durch ihre metaphorische Sprache und ihre Verhaltensweisen das Motiv des Verschlingens verwenden und inwiefern der Mund hierbei als Schnittstelle zwischen körperlicher Einverleibung und sprachlichem Ausdruck fungiert.
- Psychoanalytische Perspektiven auf orale Aggression und Kannibalismus
- Die symbolische Funktion von Nahrung und Verdauung im Stück
- Die Darstellung von Machtverhältnissen durch "Essen"-Metaphern
- Das Spannungsfeld zwischen sprachlichem Ausdruck und körperlichem Begehren
- Intertextuelle Bezüge zu literarischen und mythologischen Kannibalismus-Motiven
Auszug aus dem Buch
Essen mit Sir Toby
Für Thomas Kleinspehn hat die europäische Gesellschaft seit der frühen Neuzeit einen „oralen Wandel“ durchlaufen: Die Bedeutung des Essens hat sich verändert, vor allem der Bezug zur tierischen Nahrung ist indirekter geworden, etwa das Schlachten aus dem Blickfeld des Konsumenten geraten. Damit wurden auch Übertragungen von Hunger nach Tierfleisch auf Menschenfleisch an den Rand gedrängt. Kannibalische Neigungen verlagern sich in die Innenwelt, ihre kollektiven Besetzungen verlieren die realen Bezüge und werden zunehmend sexualisiert. Es liegt in diesem Sinne nahe, Tobys Andeutungen oraler Übergriffe als sexuelle Anspielungen zu verstehen.
Wenn er Andrew die Annäherung an Maria unter dem Stichwort „accost“ ans Herz legt und sie später mit einem zu enternden Schiff vergleicht (vgl. I, iii, 52 f.) geht es natürlich um ein sexuelles Eindringen. Doch legt der lateinische Stamm „costa“ (= Rippe) auch ein Öffnen ihres Körpers nahe, um an ihr Fleisch zu gelangen. Wie ausgeprägt seine kannibalischen Phantasien sind, scheint ihm längst nicht klar zu sein: Viola/Cesario schlägt er gar einen autophagischen Akt vor: „Taste your legs, sir“ (III, i, 75), und fügt, fast wie nach einer Fehlleistung, präzisierend hinzu: „put them to motion“. Auch Andrews Bein hat es ihm angetan, kulinarisches Interesse nicht ausgeschlossen: „I did think, by the excellent constitution of thy leg, it was form‘d under the star of galliard.“ (I, iii, 123 f.).
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Einleitung führt in die essensbezogene Motivik von "Twelfth Night" ein und stellt die forschungsleitende Frage nach dem Zusammenhang zwischen oralen Metaphern und der Sprache der Figuren.
Essen schreiben: Dieses Kapitel verknüpft psychoanalytische Theorien von Freud und Skubal zum Kannibalismus mit der literarischen Darstellung von oraler Aggression.
Essen mit Sir Toby: Hier wird untersucht, wie Sir Toby Belch durch seine Sprache und seine spezifische Rhetorik orale Übergriffe als Ausdruck von Macht und Begehren nutzt.
Malvolio essen: Dieses Kapitel analysiert das Bündnis gegen Malvolio und wie die Figuren durch Tiermetaphern und die Idee der "Schlachtreife" ihre Aggression legitimieren.
Essen sprechen: Hier steht die zentrale These im Vordergrund, dass der Akt des Essens und das Sprechen in der Welt von Illyrien untrennbar miteinander verbunden sind.
Schlussbemerkung: Die Schlussbemerkung resümiert, dass die kannibalischen Phantasien stets symbolische Funktionen erfüllen und das Sprechen-Müssen als zentrale Komponente des Stücks hervorheben.
Schlüsselwörter
Twelfth Night, William Shakespeare, Kannibalismus, orale Aggression, Psychoanalyse, Sir Toby Belch, Malvolio, Metaphorik, Illyrien, Einverleibung, Identifizierung, Sprechakt, Triebentwicklung, Literaturwissenschaft, Sprache.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die bisher wenig beachtete Motivik des Essens und der oralen Aggression in Shakespeares "Twelfth Night" unter besonderer Berücksichtigung psychoanalytischer Ansätze.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Schwerpunkte liegen auf der Schnittstelle zwischen Körperlichkeit, Sprache und Machtdynamiken sowie der Symbolik des Verschlingens innerhalb der Komödie.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, zu ergründen, wie die Figuren durch ihre Mündlichkeit sowohl ihre sozialen Beziehungen als auch ihr innerpsychisches Begehren artikulieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird primär angewendet?
Die Arbeit nutzt primär eine textnahe Analyse in Verbindung mit psychoanalytischen Theorien, um die metaphorische Tiefe der Figurenrede zu deuten.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert die unterschiedlichen Figurenkonstellationen, insbesondere das Verhalten von Sir Toby und das Bündnis gegen Malvolio, hinsichtlich ihrer oral-aggressiven Sprache.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den zentralen Begriffen zählen Kannibalismus, orale Aggression, Metaphorik, Identifizierung, Triebentwicklung und die Sprache in "Twelfth Night".
Wie unterscheidet sich die Rolle von Sir Toby von der der anderen Figuren?
Sir Toby dient als Hauptakteur, der durch seine rhetorische Überlegenheit und seine spielerische, teils gewalttätige Sprache eine zentrale Rolle in der Etablierung des oralen Diskurses einnimmt.
Warum spielt das "Sprechen" eine so wichtige Rolle im Kontext der kannibalischen Phantasien?
Die Arbeit kommt zu dem Schluss, dass das Wort das tatsächliche Objekt der Aggression ersetzt und somit das Essen in ein "Sprechen-Müssen" überführt.
Welche Bedeutung hat Malvolio in diesem Zusammenhang?
Malvolio wird zum "Beutetier" der anderen Figuren, deren orale Aggression an ihm kanalisiert wird, was seine moralische Überlegenheit paradoxerweise unterstreicht.
- Arbeit zitieren
- Peter Troll (Autor:in), 2007, „...I‘ll eat the rest of th‘anatomy“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/82778