Ländliche Jugendwelten im Wandel - Jugendbilder in der Landjugendforschung und ihre Wirkungen auf die Landjugendarbeit in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland


Diplomarbeit, 2002
113 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Begriffsklärungen
2.1 Land
2.2 Jugend
2.3 Forschung
2.4 Folgerung

3. Zur Modernisierung ländlicher Regionen und Lebenswelten in der BRD seit den 50er Jahren
3.1 Ländliche „Besonderheiten

4. Über das Bild einer defizitären oder benachteiligten Landjugend
4.1 Die repräsentativen Landjugendstudien von Ulrich Plank (1956, 1970 und 1982)
4.1.1 „Jugend auf dem Land – Ergebnisse einer wissenschaftlichen Erhebung über die Lebenslage der westdeutschen Landjugend“ (1956)
4.1.2 „Jugend im sozialen Wandel – Ergebnisse einer Trenduntersuchung über die Lebenslage der westdeutschen Landjugend“ (1970)
4.1.3 „Situation der Landjugend – Die ländliche Jugend unter besonderer Berücksichtigung des landwirtschaftlichen Nachwuchses“ (1982)
4.2 „Die skeptische Generation“ (Helmut Schelsky, 1957)
4.3 „Einstellungen der Jugend auf dem Lande zum Verbleib im ländlichen Raum“ (Ingrid Pieper, 1976)
4.4 „Jugend auf dem Land – Eine Jugend, wie sie die Erwachsenen gerne hätten?“ (Arthur Fischer, 1982)
4.5 Über die Landjugendporträts von Peter Sinkwitz u.a. (1970, 1980 und 1990)
4.5.1 „Landjugendporträt – Situation und Arbeit des BDL“ (1970)
4.5.2 „Landjugendporträt – Situation und Arbeit der BDL-Gruppen (1980)
4.5.3 „Landjugendporträt – Situation und Arbeit der BDL-Gruppen (1990)

5. Vom Bild einer „eigenständigen“ Landjugend
5.1 „Stilunterschied städtischer und ländlicher Jugend – Dargestellt am Beispiel der weiblichen Jugend (Elisabeth Lippert, 1950)
5.2 „Die soziale Situation der Jugend auf dem Lande (Diether Deneke, 1955)
5.3 „Der Jugendliche und das soziale Klima des Dorfes (Otto von Tschirschky, 1956)
5.4 „Lehrlinge in der Provinz“ (Rainer Brödel, u.a., 1975)
5.5 „Unter der Linde und am Wartehäuschen. Jugendliche auf dem Dorf“ (Detlef Lecke / Udo Pobel, 1978)

6. Über das Bild einer ländlichen Jugend zwischen Tradition und Moderne
6.1 „Die Lebenswelt Jugendlicher in ländlichen Gemeinden am Rande der Schwäbischen Alb 1850 – 1982“ (Gebhard Stein, 1987)
6.2 „Jugend im Abseits? – Zur Lebenslage Jugendlicher im ländlichen Raum (Lothar Böhnisch / Heide Funk, 1989)
6.3 „Ländliche Lebenswelten – Fallstudien zur Landjugend“ (Lothar Böhnisch u.a., 1991)
6.3.1 „Leben auf dem Land heißt Mobil-Sein“ (Bringfriede Scheu)
6.3.2 „Wo der Mann noch ein Mann ist“ (Peter Wahl)
6.3.3 „Manchmal möchte ich weggehen,...“ - Warum Mädchen auf dem Dorf bleiben“ (Ulrike Gfrörer)
6.4 „Mädchen in ländlichen Regionen – Theoretische und empirische Ergebnisse zur Modernisierung weiblicher Lebenslagen“ (Heide Funk, 1993)

7. Vom Bild einer pluralisierten Jugend im regionalen Dorf
7.1 Das Regionale Dorf
7.2 Über die Regionalisierung ländlicher Jugendwelten
7.2.1 Zur Kritik an einer uneingeschränkten „Regionalorientierung“
7.3 Abschied von „der“ Dorfjugend
7.3.1 Die „dorfbezogene“ Jugend
7.3.2 Die „regionalbezogene“ Jugend

8. Zwischenresümee

9. Zur Wirkung des Bildes einer benachteiligten oder defizitären Landjugend auf die Landjugendarbeit in der Geschichte der BRD
9.1 Bildungs- und Ausbildungsbemühungen
9.2 Landjugend(verbands)arbeit als „Bildungsarbeit“
9.3 Mangelnde ländliche Freizeitangebote und Landjugendarbeit

10. Über Zusammenhänge zwischen der Jugendarbeit auf dem Land und dem Bild einer „eigenständigen“ Landjugend
10.1 Die „eigenständige“ Landjugend(bildungs)arbeit der 50er Jahre
10.1.1 Landvolkserziehung oder –bildung
10.2 Ländliche Jugendsozialarbeit
10.3 Zur Wiederkehr einer „eigenständigen“ Landjugendarbeit in den 70er
Jahren
10.3.1 Provinzarbeit
10.3.2 Spurensicherung
10.3.3 Jugendkulturarbeit

11. Der Einfluß des Forschungsbildes einer Landjugend zwischen Tradition und Moderne auf die ländliche Jugendarbeit
11.1 Offene Jugendarbeit im ländlichen Raum
11.1.1 Sozialräumliche Landjugendarbeit
11.1.2 Das Projekt „Offene Kiste“
11.1.3 Jugendtreffs in Bauwagen

12. Jugendarbeit im ländlichen Raum und das Bild einer pluralisierten Jugend im regionalen Dorf

13. Schlussbetrachtung

14. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Land, Dorf, ländliche Lebenswelten, Jugend auf dem Lande oder Jugend in ländlichen Regionen. Was verbindet man mit diesen Begriffen? Welche Assoziationen werden hier zunächst geweckt? Wem sind nicht mehr die wertenden, meist negativ und defizitär gefärbten Zuschreibungen wie „Unschuld vom Lande“, „Landei“ oder schlimmer „Dorfdepp“ präsent? Aber auch das romantisierende Bild von der „heilen Welt“, vom Dorf als einer Idylle im Grünen, ist noch weithin bekannt.

Sicher, aus der Erfahrung eines heute Mitzwanzigers weiß ich, wir konnten als Kinder oder Jugendliche unbeschwert im nahegelegenen Wald toben und Holzhütten bauen. Aber unsere Freizeit litt auch unter dem täglichen, sehr zeitaufwendigen und unumgänglichen Pendeln, beispielsweise bis zur weiterführenden Schule und später dem Ausbildungsplatz. Im Alter ab 12 oder dreizehn Jahren, als die Clique der Gleichaltrigen immer bedeutender wurde, trafen wir uns regelmäßig im Partyraum eines Freundes und quatschten, hörten Musik, oder sahen fern. Während der Sommermonate verbrachten wir manche Abende sowie Wochenenden an der alten Kiesgrube oberhalb des Dorfes. Dort konnte man grillen, einfach nur rumhängen, und im reiferen Alter auch den Umgang mit Alkohol und Zigaretten „erproben“. Als dann der erste aus unserer Clique den Führerschein machte, orientierten wir uns regional beziehungsweise erweiterten unsere Freizeitaktivitäten, sprich besuchten an Wochenenden Kirmesveranstaltungen, Discopartys sowie sonstige Feste in den umliegenden Dörfern. Später wurden dann auch Fahrten in die Kneipen oder Discotheken der nächsten Stadt unternommen. Mobilität war für uns Landjugendliche gerade hinsichtlich der Freizeitgestaltung, aber auch was den Weg zur Schule oder zur Ausbildungsstätte betrifft, obligatorisch. Kaum einer meiner männlichen Altersgenossen bekam nicht mit 15 Jahren ein Mofa, machte mit 16 den Mopedführerschein und saß mit 18 Jahren am Steuer eines Autos. Überhaupt fand ich es gut, am Wochenende in der Region unterwegs zu sein, denn man fühlte sich dort freier und nicht so beobachtet wie im eigenen Dorf. Der eigene Ort nötigte bei Festivitäten doch immer zur Mäßigung, denn wenn mal einer von uns zu viel feierte, berichteten vor allem die älteren Bewohner des Dorfes ausführlich darüber. Soziale Kontrolle war zumindest noch rudimentär vorhanden, und man lebte den Idealen der Dorfgemeinschaft entsprechend ohne größeren sozialen Druck und damit irgendwie zufriedener. Eigentlich bestand unsere Clique aus recht unterschiedlichen Personen mit verschiedenen, oftmals nahezu unvereinbaren Interessen oder Vorlieben. Der Mangel an jugendkulturellen Alternativen im Ort, und die Angst des einzelnen, seine Freizeit allein verbringen zu müssen, hielt die Gruppe wahrscheinlich zusammen. Zudem wurden, so muß ich heute sagen, die beschriebenen Wochenendaktivitäten mit der Zeit langweiliger und unbefriedigender, gerade weil sie sich immer öfter wiederholten, quasi ritualisierten. Interessanterweise waren die wenigsten von uns während dieser Zeit aktiv in Ortsvereinen engagiert, obwohl ich mich auch an Jugendliche im Dorf erinnere, welche ihre Freizeit viel stärker vereinszentriert ausrichteten. Einige meiner Freunde mußten außerdem einen Teil ihrer Mußestunden für die Arbeit im elterlichen Betrieb oder der Landwirtschaft opfern; in meiner Generation zählten diejenigen aber zur Minderheit.

Die hier kurz skizzierten persönlichen Erlebnisse ließen den Wunsch reifen, mich im Rahmen meiner Diplomarbeit mit ländlichen Jugendwelten sowie mit Landjugendforschung zu beschäftigen. Dabei liegt der vorliegenden Arbeit primär die Frage zugrunde, welche Jugendbilder die Landjugendforschung in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland bestimm(t)en, oder anders ausgedrückt, es geht im folgenden darum, die wichtigsten Landjugendstudien von den 50er Jahren bis in die Gegenwart auf das ihnen zugrundeliegende Jugendbild hin zu untersuchen.

Seit der Entstehung einer eigenständigen Jugendphase und dem Beginn der Jugendforschung gibt es wiederholt Diagnosen sowie Bilder über Jugend. Sie werden von der Erwachsenengesellschaft produziert, öffentlich inszeniert und letztlich wissenschaftlich gestützt. Als historisch-gesellschaftliche Erzeugnisse sind sie sowohl Ergebnis ökonomisch politischer Interessen als auch pädagogischer Ideen und Vorstellungen.[1] Jene Bilder, mit denen die Erwachsenengeneration ihre Beschäftigungs- und Hinwendungsversuche an Jugend offenbart, wie beispielsweise das Bild von der Jugend als Hoffnungsträger im Wandervogel der Kaiserzeit oder das negative Bild einer gewaltverherrlichenden Jugend zu Beginn der 90er Jahre, sind eingebunden in die zeitbezogenen sozialen und zugleich kulturellen Wandlungsprozesse sowie den wissenschaftlichen Kenntnisstand über Jugend. Gesellschaftliche Problemkonstellationen, das Verhältnis der Generationen zueinander, Generationenspannungen beziehungsweise unterschiedliche Vorstellungen über die Zukunft des sozialen Gefüges kommen in solchen Abbildungen zum Ausdruck. Vor allem in ambivalenten Modernisierungsprozessen, in Krisen- und Umbruchzeiten werden Etikettierungen über Jugend wiederbelebt und mobilisiert. Wenn sich die gesellschaftlichen Probleme nicht mehr auf herkömmlichen Wege lösen lassen, dienen die Bildproduktionen über Jugend der Ablenkung. Als Ausdruck von verdrängten Wünschen, Konflikten und Ängsten haben die Bilder für Erwachsene eine identitätsstiftende Wirkung, quasi einen Stabilisierungseffekt. Soziale und psychische Probleme sowie Konflikte werden entlastend auf Jugend umgedeutet. Diese Abbildungen zeigen auch, welche impliziten Annahmen über die „normale Jugend“ und deren angemessenes Verhalten in der Bewältigung von Lebensverhältnissen vorherrschen. Sie bieten ein Orientierungsangebot in der Strukturierung von Biographien und für das Verstehen von Realität. Jugendbilder in Gesellschaft sowie Jugendforschung sind Produkte ihrer Zeit und haben mit der „tatsächlichen Jugend“ nicht unbedingt etwas zu tun. Sie bestimmen aber entscheidend die Einschätzung von und den Umgang mit Jugend.[2]

Wie bereits erwähnt, sollen in dieser Arbeit ausschließlich die Jugendbilder in der Landjugendforschung der Bundesrepublik Deutschland Berücksichtigung finden. Dabei wird nun folgende These aufgestellt, die es im weiteren Verlauf der Ausarbeitung zu belegen gilt: In der Geschichte der bundesdeutschen Landjugendforschung respektive ihren Untersuchungen lassen sich insgesamt vier verschiedene Bilder über Landjugend ausmachen, die teilweise nebeneinander und bis heute existieren.

Neben den Bildern sollen dann auch die konkreten Auswirkungen auf den Umgang bzw. die pädagogische Arbeit mit Jugendlichen Beachtung finden. Um die pädagogische Praxis nicht außen vor zu lassen, werden die Wirkungen dieser vier Jugendbilder auf die Landjugendarbeit erörtert. Hierbei ist zu klären, ob Inhalte oder Ziele der Landjugendarbeit von den jeweiligen Bildern über die Jugend auf dem Lande beeinflußt werden.

Somit läßt die vorliegende Arbeit sich in zwei einander in Beziehung stehende Abschnitte gliedern: Im ersten Teil werden die vier Jugendbilder in der Landjugendforschung explizit anhand mehrerer Studien und in weitgehend chronologischer Reihenfolge dargelegt. Oder präziser: Zunächst wird das jeweilige Landjugendbild ganz allgemein beschrieben. Daran anknüpfend werden Untersuchungen präsentiert, die mit dem jeweiligen Bild arbeiten respektive jenes zur Grundlage haben. Letztlich kristallisiert sich in den hier vorgestellten Studien das Bild einer defizitären oder benachteiligten Jugend, einer eigenständigen Landjugend, einer Jugend auf dem Lande zwischen Tradition und Moderne sowie schließlich und aktuell einer pluralisierten Jugend im regionalen Dorf heraus. Bezüglich der aufgestellten Behauptung bedeutet das: Indem jene vier Bilder in bedeutenden Untersuchungen der Landjugendforschung nachgewiesen werden können, wird die zentrale These der Arbeit bestätigt. Um nun den Rahmen der Ausarbeitung nicht zu sprengen, können die einzelnen und darüber hinaus zum Teil umfangreichen Studien nicht immer in aller Vollständigkeit dargestellt werden. Es werden jedoch Zusammenfassungen und/oder wichtige Ergebnisse aufgeführt, beziehungsweise solche Passagen besonders hervorgehoben, die das den Untersuchungen zugrundeliegende Jugendbild veranschaulichen.

Der zweite Teil widmet sich der Bedeutung der angesprochenen Bilder für die Jugendarbeit auf dem Lande in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Mit der Schilderung bestimmter Formen und Inhalte der Landjugendarbeit wird deren besondere Abhängigkeit von den Jugendbildern verdeutlicht. Oder anders gesprochen: Die Landjugendarbeit der Bundesrepublik Deutschland hat sich konzeptionell sowie inhaltlich stets nach den in den Landjugendstudien implizierten Bildern über Jugend ausgerichtet. Landjugendarbeit meint hier alle Arten von Jugendarbeit, dazu zählen beispielsweise die verbandliche sowie die offene Jugendarbeit. Es geht im zweiten Teil weniger um Formen, als vielmehr um die speziellen Inhalte der Landjugendarbeit. Denn nur durch die Beschreibung dieser Inhalte werden die dahinterstehenden Bilder, und damit zugleich ihre Wirkungen auf die Landjugendarbeit in der Geschichte der BRD offensichtlich.

Um Verständnisschwierigkeiten bezüglich der verwendeten Begriffe auszuschließen, setzt sich die Abhandlung zunächst kurz mit den Termini Land, Jugend und Forschung auseinander. Daraufhin folgen allgemeine Bemerkungen zur Modernisierung ländlicher Regionen sowie Lebenswelten seit den 50er Jahren; alle später aufgeführten Studien und die ihnen innewohnenden Jugendbilder müssen nämlich vor dem Hintergrund der immensen Umwälzungen auf dem Lande betrachtet werden. Jene Darstellungen machen übrigens die eingangs dargelegten Assoziationen weitgehend zu Klischees beziehungsweise Stereotypen und zeigen ein viel differenzierteres Bild ländlichen Lebens. Das Land, oder besser ländliche Regionen, vor allem aber ländliche Lebenswelten haben sich erheblich gewandelt. Die Bewohner ländlicher Gebiete sind längst keine „Dorfdeppen“ mehr, und auch die Idylle im Grünen ist längst passe`.

2. Begriffsklärungen

Das vorliegende Kapitel wirft einen Blick auf die Termini Land, Jugend und Forschung. Sie spielen in den nachfolgenden Ausführungen respektive den vorzustellenden Studien eine zentrale Rolle. Leider sind die drei Begriffe für sich betrachtet sehr diffus, zumal sie in einzelnen Forschungsarbeiten sehr unterschiedlich verwendet wurden beziehungsweise werden.[3] Demzufolge kann hier zwar kein allgemeingültiges oder präzises Begriffsverständnis geliefert werden, wenigstens aber eine kurze Erläuterung bezüglich der Komplexität dieser Termini.

2.1 Land

Der Begriff „Land“ wird in wissenschaftlichen Untersuchungen verschiedenartig benutzt. Ältere Studien sahen das Land ausschließlich als den Ort landwirtschaftlicher Produktion. Eine solche Definition trifft jedoch in einer modernen Industriegesellschaft immer weniger die Realität.[4] Lange Zeit wurde „Land“ auch als Teil des „Stadt-Land-Gegensatzes“ aufgefasst. Zumindest im Siedlungsbild ist seit der Entwicklung des suburbanen Raumes, in der BRD also verstärkt seit Ende der 50er Jahre, der starke Gegensatz von Stadt und Land allerdings zu einem großen Teil verschwunden.[5] Und auch auf anderen Ebenen ist diese Gegensätzlichkeit mit der Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft sowie der industriellen Großstadt weitgehend aufgehoben. Dennoch bestehen zwischen Stadt und Land heute noch immer Unterschiede, wie beispielsweise die größere Bedeutung traditioneller Sitten und Bräuche in ländlichen Gemeinden oder das stärkere Gewicht des Vereinswesens für die soziale und kulturelle Integration des Dorfes. Brüggemann und Riehle sprechen davon, daß Dörfer trotz aller Modernisierung der äußeren Erscheinungsform in erstaunlichem Umfang ihre Bäuerlichkeit als Sozialform bewahrt haben.[6] Ohne hier abzuschweifen sei erwähnt, daß „Dorf“ selbstverständlich ebenso schwierig zu definieren ist. Um zwischen dem „Alten Dorf“ und den mehr oder minder „verstädterten Orten“ zu unterscheiden, wurde der Begriff der „ländlichen Siedlung“ herangezogen. Dieser Begriff bezieht sich nicht allein auf heutige Agrarsiedlungen, also Ortschaften mit bestimmten Anteilen landwirtschaftlich tätiger Bevölkerung, sondern auch auf Siedlungen, in denen landwirtschaftliche Betätigung keine oder nur noch eine untergeordnete Rolle spielt, aber äußere Merkmale noch die früher betriebene Landwirtschaft deutlich erkennbar machen. Trotzdem existiert für jene Siedlungen, für welche der traditionsbezogene Begriff „Dorf“ nicht so recht paßt, die aber auch noch keine Städte mit entsprechend besonderen Funktionen sind, keine griffige Bezeichnung.[7] Eine präzise begriffliche Bestimmung des Landes oder ländlicher Räume wird letztlich dadurch kompliziert, daß wirtschaftliche, soziale und kulturelle Raumkomponenten zu beachten sind. Städtische, industrielle sowie touristische Elemente durchdringen den ländlichen Raum und führen zur Ausbreitung von Misch- und Übergangszonen. Die Begriffspaare Stadt und Land werden damit immer undeutlicher. In jüngerer Zeit wird der Begriff „Land“ überwiegend durch den Begriff „Region“ ersetzt. Dieser soll treffender die hier angesprochenen Sachverhalte, das heißt die Modernisierungstendenzen, veränderten sozio-kulturellen Wandlungen, aber auch weiterhin bestehenden Eigenarten ländlicher Gebiete, beschreiben. Herrenknecht spricht beispielsweise vom regionalen Dorf, welches sowohl einen fortschreitenden Verstädterungstrend, als auch parallel dazu den Trend zu einer neuen Verdörflichung aufweist.[8] Mit „Region“ als Bezugsgröße zwischen Dorf und Stadt wird versucht, das im modernen Stadt-Land-Verhältnis mit den Paradigmen der „großstädtischen Ballung und regionalen Ausdünnung“ sowie „räumlichen Verdichtung und räumlichen Entleerung“ enthaltene Spannungsverhältnis eines unterschiedlichen räumlichen Entwicklungsprozesses des ländlichen Raumes eindeutiger abzubilden.

2.2 Jugend

Eine präzise Definition des Terminus „Jugend“ gestaltet sich ebenso schwierig, zumal dieser einem ständigen Wandel unterzogen ist. Jugend als Teilbereich einer Gesellschaft kann nicht unabhängig von gesamtgesellschaftlichen Prozessen oder Entwicklungen bestimmt werden, welche die permanente Veränderung des Definitionsfeldes und dadurch eine Verformung des Begriffsinhaltes zur Folge haben. Will heißen, der Jugendbegriff ist ausschließlich in seinem jeweils aktuellen historisch-gesellschaftlichen Kontext faßbar.[9] Soziologie, Psychologie oder Pädagogik bestimmen „Jugend“ recht unterschiedlich, und die in einzelnen Disziplinen vorhandenen Forschungsansätze bezüglich jener Lebensphase kennzeichnen sich weniger durch gegenseitige Bezugnahme, als vielmehr durch Unabhängigkeit.[10] Damit werden allerdings zusätzliche Erkenntnismöglichkeiten über die Problematik der Jugend verhindert. In der Forschung herrschte viele Jahre die Vorstellung von Jugend als einer Einheit oder homogenen Gruppe. Dieser Gedanke ist mittlerweile überholt und wird ohnehin der heutigen Vielfalt jugendlicher Lebenslagen und Lebensformen nicht mehr gerecht. Ferner verstanden die Sozialwissenschaften „Jugend“ lange als Übergangsphase zwischen Kindheit und Erwachsenenalter innerhalb einer Normalbiographie. Gegenwärtig besteht zumindest weitgehendes Einverständnis darüber, daß „Jugend“ eine eigenständige Lebensphase geworden ist.[11] Betrachtet man die Jugendtheorien, so läßt sich feststellen, daß es keine allgemein anerkannte Theorie gibt, welche alle Phänomene im Zusammenhang mit Jugend erklären kann. Jugendtheorien sind ebenso vielschichtig wie Jugend selbst. Resümierend ist die „Lebensphase Jugend“ betreffend ihrer Begrifflichkeit sowie Typologie einer breiten und nicht enden wollenden Diskussion, mithin einem steten Wandel ausgesetzt. Demzufolge existiert auch kein universaler oder eindeutiger Jugendbegriff.

2.3 Forschung

Schließlich erscheint auch der Begriff „Forschung“ als solcher unübersichtlich. Ganz allgemein ergeben sich hier Schwierigkeiten bei der Datenproduktion, der Interpretation oder der Methodologie. Betrachtet man beispielsweise die empirische Jugendforschung im speziellen, sind die auf diesem Untersuchungsgebiet dominierenden Meinungsumfragen mit erheblichen Problemen behaftet. Innerhalb der Meinungsforschung bestehen insbesondere Schwierigkeiten bei der Frageformulierung, welche häufig bewußter Manipulation ausgesetzt ist. Auch das Interview erscheint als Befragungsmethode nicht unproblematisch, da sich in der Kommunikation zwischen zwei Menschen zudem stets nonverbale Informationen übertragen, deren Auswirkungen auf das Befragungsergebnis noch nicht genau analysiert worden sind. Im gesamten Instrumentarium der empirischen Forschung genießt die Meinungsforschung infolgedessen das niedrigste wissenschaftliche Niveau.[12]

Dieses konkrete Beispiel aus der empirischen Jugendforschung sollte die generellen Schwierigkeiten im Zusammenhang mit Forschungsmethoden verdeutlichen. Allgemein gesprochen können in Studien einzelner Forschungsgebiete die verschiedensten Untersuchungsmethoden, Datenerhebungen, und so weiter zum Einsatz kommen. Eine exakte begriffliche Bestimmung von „Forschung“ wird insofern ad absurdum geführt.

2.4 Folgerung

Die Komplexität der Begriffe Land, Jugend und Forschung beziehungsweise das Fehlen eines allgemeingültigen Begriffsverständnisses hat nun für die vorliegende Arbeit zur Folge, daß sie Terminologie sowie Begrifflichkeit der vorzustellenden Landjugendstudien übernimmt. Damit kommen die Studien gewissermaßen selbst zu Wort und ihnen wird nicht durch ein äußeres Raster eine Übereinstimmung aufgedrückt, die sie nicht besitzen. Einheitlich sind die als Beispiel für die jeweiligen Jugendbilder herangezogenen Studien natürlich in dem Sinne, daß ihnen ein bestimmtes Bild über Jugend auf dem Lande zugrundeliegt. In dem thematisch sowie methodisch unterschiedliche Landjugenduntersuchungen vorgestellt werden und sich sozusagen vier speziellen Bildern zuordnen lassen, wird einerseits die nahezu gesamte Landjugendforschung in der Geschichte der BRD erfaßt, andererseits die These dieser Ausarbeitung, gleichsam eines ihrer Hauptanliegen, explizit belegt.

3. Zur Modernisierung ländlicher Regionen und Lebenswelten in der Bundesrepublik Deutschland seit den 50er Jahren

Die wirtschaftliche sowie gesellschaftliche Entwicklung der Bundesrepublik seit etwa 1950 führte zu einer tiefgreifenden Veränderung ländlicher Gebiete. Eine umfassende Modernisierung überwältigte alle Lebens- zugleich Produktionsbereiche, wodurch sich Zusammenleben und Orientierungen der Landbevölkerung durchgreifend wandelten. Auf dem Lande oder in ländlichen Regionen setzte sich in dieser Zeit die kapitalistische Produktionsweise flächendeckend durch.[13] Gerade die Landwirtschaft als Mittel- und Angelpunkt ländlichen Lebens sowie ländlicher Tradition wurde an den Rand gedrängt. Der in Dörfern im Zuge des agrarstrukturellen Wandels beobachtbare Übergang vom landwirtschaftlichen Haupterwerb zum Nebenerwerb hat sich als ein über längere Zeit erstreckender Ausstieg aus der Landwirtschaft erwiesen.[14] Die bäuerlichen Klassen haben quantitativ gesehen ihre Dominanz auf dem Lande verloren.

Eine Analyse der Erwerbsarbeit in ländlichen Regionen weist immer häufiger deutliche Differenzierungen auf. Tätigkeiten im Produzierenden Gewerbe, aber auch in Dienstleistungsbereichen sind keine Seltenheit mehr. Dorfbewohner sind heute in vielfältiger Weise sozialstrukturell verschieden und weisen sehr unterschiedliche soziale Bezüge auf. Die Vielgestaltigkeit der sozialen Lagen reicht beispielsweise von Personengruppen mit geringen Einkommen oder sogar von Arbeitslosigkeit Betroffenen, bis zu gut ausgebildeten und über relativ große materielle Ressourcen verfügenden Personen in hohen beruflichen Stellungen. Ausgeprägte soziale Differenzierungen solcher Art, sowie die mannigfaltigen Erfahrungen beruflicher Tätigkeit in gänzlich unterschiedlichen Wirtschaftsbereichen und an verschiedenen Orten, verbunden mit der hohen Mobilität der Landbevölkerung, lösen die „sozialisatorische und kulturelle Überschaubarkeit sowie Geschlossenheit“, somit den traditionellen Eckpfeiler dörflichen Lebens, auf.[15] Damit zerfallen die traditionalen ländlichen Lebensregeln und Normen, denn sie verlieren schlicht ihre Bedeutsamkeit für das gegenwärtige Leben. Vor dem Hintergrund des sozialen Wandels respektive der Ausdifferenzierung ländlicher Lebenslagen mußte das „übersichtliche“ Dorf dem Nebeneinander verschiedener Sozialkreise weichen. Ergo läßt sich heutzutage ein individualisiertes dörfliches Sozialleben feststellen. Dabei wird so etwas wie Anpassungsdruck oder Sozialkontrolle nur noch von wenigen Bewohnern ländlicher Gebiete empfunden. Weiterhin bestehen dörfliche Sanktionen, wenn überhaupt, lediglich in sanfter Form.[16]

Konsum, Medien und Freizeit auf dem Lande haben sich städtischen Mustern zugleich Bedürfnissen angenähert. Nicht zu vergessen das Bildungswesen, genauer die Bildungsreform, welche vermeintliche oder echte Rückstände im ländlichen Bildungswesen einebnete.[17] Die gerade angesprochenen sowie wirtschaftlichen, infrastrukturellen und verwaltungstechnischen Entwicklungen oder strukturellen Änderungen, welche phasenverschoben seit Ende des Zweiten Weltkriegs auf dem Lande vordrangen, brachten aber nicht nur positive Wandlungen mit sich. So hat beispielsweise die durch den zumeist weiten Arbeitsweg bedingte hohe Mobilitätsanforderung auf dem Land zur Folge, dass auch die notwendigen Einkäufe, von Lebensmitteln, Kleidung, etc. außerhalb des Dorfes getätigt werden. Dorfläden sind damit in ihrer Existenz bedroht, was sich wiederum beträchtlich auf die ländliche Infrastruktur auswirkt. Zudem hat die verwaltungspolitische Zentralisierung in Gestalt der sogenannten „Gemeindereform“ der 70er Jahre die ohnehin von Infrastruktur, Dienstleistungs- und Warenangebot her begünstigten Kommunen durch die Erhebung zu Mittelpunktgemeinden zusätzlich gestärkt sowie entgegengesetzt die ohnehin zu veröden drohenden kleinen Gemeinden weiter geschwächt.[18] Gleichwohl veränderte der politische und ökonomische Strukturwandel die Lebenslage und Lebensweise der ländlichen Bevölkerung in Richtung auf eine Annäherung an die Stadtbevölkerung. Jene Vergesellschaftung ländlicher Regionen hält bis heute an.

3.1 Ländliche „Besonderheiten“

Eine Urbanisierung ländlicher Räume ist in verschiedenster Hinsicht unverkennbar. Gleichzeitig sind die ländlichen Lebenswelten aber nach wie vor von „Eigenarten“ geprägt, welche sich in vielfältiger Form von städtischen Lebensformen unterscheiden. Modernisierung und Industrialisierung kommen auf dem Lande in spezieller Weise zum Tragen. Trotz aller Veränderungen wirken Traditionen sowie ländliche Orientierungsmuster dort auch weiterhin, das heißt, die ländliche Bevölkerung bewegt sich in einem Spannungsfeld aus Tradition und Modernisierung.[19] Zwar haben die traditionellen Lebensregeln an Bedeutung eingebüßt, jedoch existieren bestimmte Bewusstseins- und Verhaltenschemata fort, die größtenteils auf tradierte bäuerliche Erfahrungen sowie Normen zurückgreifen. Sie sind für gewisse Segmente des alltäglichen Lebens nach wie vor relevant. Als Beispiel dieser ländlichen Besonderheiten sei hier die Dorföffentlichkeit genannt, welche sich in Funktion und Wirkung stark von städtischen Öffentlichkeiten unterscheidet. Das Vorhandensein traditioneller und moderner Elemente im alltäglichen Handeln, bzw. die selbstverständliche und meist unbewusste Anwendung jener traditionellen, aus kleinbäuerlicher Zeit übernommenen Orientierungen bei der täglichen Konfrontation mit Anforderungen der modernen Welt, birgt jedoch neue Schwierigkeiten. So bleibt zweifelhaft, ob die „althergebrachten“ Schemata in besonderen Situationen, in denen adäquate „moderne“ Verhaltensmuster in nicht-alltäglichen Situationen gefragt sind, überhaupt zur Problemlösung tauglich sind.[20]

Betrachtet man freilich das Verhältnis von traditionellen Elementen und modernen Strukturen in einer zeitlichen Relation, so werden die tradierten Bewältigungsmuster mit fortschreitender Modernisierung immer brüchiger. Anders ausgedrückt, die traditionell zur Lebensbewältigung dienenden Muster greifen heute zunehmend weniger. Dies führt, wie eben bereits angesprochen, zu neuen Schwierigkeiten und Unsicherheiten in ländlichen Lebenswelten. Folglich müssen die Menschen Lebensbewältigungsmuster entwickeln, welche jenseits dörflicher Strukturen und somit jenseits traditionaler Muster einen eigenen regionalen sozialräumlichen Kontext als Möglichkeitsraum eröffnen können. Wegen der Ambivalenzen aus Tradition und Modernisierung im dörflichen Lebensraum kann die soziale Welt in ländlichen Regionen nicht mehr mit traditionalen dörflichen Begriffen dargestellt werden und muß daher neu gefasst werden.

Im Zuge der Entstehung neuer ländlicher Sozialwelten tritt jetzt die Region mit ihren sozialräumlichen sowie kulturellen Besonderheiten im Spannungsverhältnis zwischen Dorf und Stadt in den Mittelpunkt. Moderne ländliche Lebenswelten sind eben nicht mehr nur auf das Dorf beschränkt, sondern kennzeichnen sich zunehmend durch Regionalisierung, wofür beispielsweise die hohe regionale Mobilität, auf der anderen Seite aber auch die dörfliche Integration der ländlichen Bevölkerung spricht. Als Bezugsgröße für den ländlichen Raum ist die Region Ausdruck der Modernisierung. Mit Region und Regionalität als Identifikationsraum zwischen Dörflichem und Urbanem könnte sich eine neue Entwicklungsform ländlichen Lebens herausbilden.[21]

Der in Kapitel drei grob skizzierte Wandel ländlicher Regionen sowie Lebenswelten in der BRD in den letzten circa 50 Jahren hatte Auswirkungen auf die Lebenswirklichkeit respektive alle Lebensbereiche der einzelnen ländlichen Bevölkerungsgruppen. Bekanntlich beschäftigen sich die nachfolgend aufgeführten Untersuchungen mit der Jugend auf dem Land. Damit werden die hier erwähnten Umwälzungen in ländlichen Gebieten innerhalb eines halben Jahrhunderts und deren Folgen speziell für die Lebenswelt der Landjugendlichen noch einmal ausführlich verdeutlicht. Letztlich sind insbesondere die den Studien zugrundeliegenden Jugendbilder, übrigens auch deren im zweiten Teil der Arbeit berücksichtigten Wirkungen auf die Landjugendarbeit, im Kontext des ausgeprägten Umbruchs ländlicher Regionen zu verstehen. Und schließlich stehen diese Bilder und ihr Einfluß auf die Landjugendarbeit im Zentrum der vorliegenden Abhandlung.

Anders formuliert: Fungierten die Auseinandersetzung mit Schlüsselbegriffen der Arbeit sowie die Darstellung des sich wandelnden Lebensraums ländlicher Jugendlicher gewissermaßen als inhaltliche Vorbemerkungen, beginnt nun mit dem nächsten Kapitel und der Erörterung des ersten von insgesamt vier Jugendbildern im Grunde Abschnitt eins dieser Ausarbeitung, bzw. einer der beiden thematischen Schwerpunkte.

4. Über das Bild einer defizitären oder benachteiligten Landjugend

Das Bild einer benachteiligten Jugend auf dem Land prägt die bundesdeutsche Landjugendforschung von den 50er Jahren bis in die Gegenwart hinein. Die von diesem Paradigma ausgehenden Untersuchungen stellen Stadt und Land einander gegenüber, respektive ziehen einen Vergleich zwischen Stadt- und Landjugend. Dabei erscheint die Stadt als fortschrittlich entwickelter sowie modernisierter Ort, während das Land und insbesondere die Landjugendlichen aufholen müssen.

Vor allem in den fünfziger und 60er Jahren sollte der ländliche Raum seine „Entwicklungsverzögerung“ gegenüber den Metropolen verlieren, sich sozusagen dem urbanen Modernisierungsprozeß in einer Art Aufholjagd annähern. Die Beeinträchtigungen der Landjugend gegenüber städtischen Jugendlichen äußerten sich in vielen Bereichen, wie in einer mangelhaften Bildung, also einem unzureichenden ländlichen Bildungswesen.[22] Defizite jener Art sollten unter anderem mit bestimmten Angeboten der Landjugendarbeit aufgehoben werden, aber dazu mehr in Abschnitt zwei. Wie im nachstehenden gezeigt wird, heben einzelne sowie methodisch unterschiedliche Studien das Bild einer benachteiligten oder sich gegenüber der Stadtjugend beeinträchtigt fühlenden Landjugend trotz des fortschreitenden ländlichen Strukturwandels immer wieder hervor. Ursache hierfür ist wahrscheinlich der grundsätzliche Vergleich zwischen Stadt- und Landjugend.[23] Die Betonung der Defizite weist aber zudem auf tieferliegende Entwicklungsmuster hin, welche durch sozialstrukturelle Umbrüche überformt, aber nicht gänzlich aufgehoben worden sind. Kapitel vier beschreibt zunächst die drei repräsentativen Landjugenduntersuchungen von Ulrich Planck aus den Jahren 1956, 1970 und 1982.

4.1 Die repräsentativen Landjugendstudien von Ulrich Plank (1956, 1970 und 1982)

In den Jahren 1956, 1970 und 1982 führte Ulrich Planck drei für die Bundesrepublik Deutschland repräsentative Landjugenduntersuchungen durch, welche auf den in ländlichen Gemeinden wohnenden Personenkreis der 17- bis 28jährigen jungen Erwachsenen zielten. Damit umfasste die Zielgruppe den soziologisch als „Post-Adoleszenz“ definierten Lebensabschnitt. Da die Nachjugendzeit individuell verschieden endet, sollte mit der operationalen Festlegung bei 28 Jahren eine möglichst breite Übergangszone von „jungen“ zu „fertigen“ Erwachsenen berücksichtigt werden. Ortschaften mit bis zu 5000 Einwohnern wurden als Landgemeinden deklariert, ebenfalls mit dem Zweck, die Übergangszone zwischen rein ländlichen sowie verstädterten Gemeinden einzubeziehen.[24] Die Untersuchungen aus den Jahren 1970 und 1982 waren als Wiederholungsuntersuchungen angelegt. Sie erfassten den tiefgreifenden sozialen Wandel ländlicher Räume.

4.1.1 „Jugend auf dem Land – Ergebnisse einer wissenschaftlichen Erhebung über die Lebenslage der westdeutschen Landjugend“ (1956)

So der Titel der ersten Repräsentativerhebung von Planck aus dem Jahre 1956. Ihr Forschungsziel bestand darin, einen umfassenden Überblick über die „Lebenslage der westdeutschen Land-Jugend“ zu gewinnen. Die Sozialstruktur in der Landjugendliche leben, ihre Verhaltensweisen und Einstellungen sollten betrachtet werden. Untersucht wurden die Veränderungen der sozialen Verhältnisse und die Situation der Landjugend in den Bereichen Beruf, Bildung, Freizeit, Familie, Umwelt sowie im geistig-seelischen. Schwerpunkt der Zielgruppe bildeten dabei junge Menschen aus bäuerlichen Familien bzw. Hofnachfolger, wobei dieser Zielgruppe immer andere Gruppen, die nicht aus der Landwirtschaft kamen, gegenübergestellt wurden. Planck erarbeitete die Situation der Jugendlichen auf dem Lande hier, wie auch in den beiden Nachfolgeuntersuchungen, hauptsächlich im Vergleich zur städtischen Jugend. Damit lag seinen Studien das Bild einer gegenüber der Stadtjugend in vielen Bereichen benachteiligten oder defizitären Landjugend zugrunde, welche sich infolgedessen den urbanen Lebensmustern oder Normen der Industriegesellschaft zunehmend anpassen sollte und auch wollte. Plancks Untersuchungen zielten also auf eine Angleichung der Landjugendlichen an die vorgegebenen sozialen Verhältnisse. Deutlich wird dies bereits an der Kernfrage der hier beschriebenen ersten Studie: „Sind unser Landvolk und Bauerntum geistig sowie materiell hinreichend gerüstet, um die wahrscheinlich größte Aufgabe ihrer Geschichte zu meistern, die ein weltweiter sozialer zugleich wirtschaftlicher Umwandlungsprozeß jetzt aufzwingt?“[25]

Bei einem Blick auf die wichtigsten Erkenntnisse der Untersuchung von 1956 zeigt sich unter anderem, daß die Landjugend im allgemeinen die Vorteile des Landlebens, wie die Überschaubarkeit der Verhältnisse oder die rege Beteiligung am Gemeinschaftsleben, durchaus zu schätzen weiß. Nur ein verhältnismäßig kleiner Teil möchte in die Stadt ziehen. Dabei ist der Wunsch nach besseren und vielseitigeren Arbeits- und Verdienstmöglichkeiten die entscheidende Triebkraft, mitnichten so etwas wie Vergnügungssucht. Die Beseitigung der ländlichen Berufsnot würde deshalb die Abwanderung vom Land am wirksamsten aufhalten, so Planck.[26] Hierin zeigt sich ganz besonders der grundsätzliche Stadt-Land-Vergleich der Studie, respektive das Bild einer Benachteiligung von Jugend auf dem Land. Mit der Forderung nach einer Aufhebung der ländlichen Berufsnot wird darüber hinaus auf die Angleichung der sozialen Verhältnisse gezielt.

Trotz einer hohen Wertschätzung von Bildung und Ausbildung besuchen prozentual viel weniger Landjugendliche eine höhere Schule als der Bundesdurchschnitt, womit Planck der Landjugend in seiner ersten Erhebung einen mangelhaften Bildungsstand attestiert. Der Ausbau des ländlichen Bildungswesens, beispielsweise durch die Errichtung ländlicher Mittelschulen oder die Förderung der Volkshochschulen auf dem Lande, könnte hier Abhilfe schaffen.[27]

Da die Landbevölkerung insgesamt über einen schlechten Gesundheitszustand verfügt, so Planck, müssen die Jugendlichen auf dem Lande auch im sportlichen Bereich aufholen, zumal dieser für die Gesundheitsvorsorge von großer Bedeutung ist. Zwar gibt es auf dem Land recht viele sportinteressierte Jugendliche, jedoch betreibt nur ein geringer Teil regelmäßig Sport. Um mehr Aktivität in dieser Hinsicht zu gewährleisten, sollte die frühzeitige Gewöhnung an eine sportliche Betätigung bereits in den Volks- und Berufsschulen erfolgen. Ebenso seien Wintersport, Bewegungsspiele und Schwimmen für die Landjugend besonders förderlich. Gerade diesen Sportarten müssten die ländlichen Turn- und Sportvereine mehr Beachtung schenken.[28]

Neben dem Sport untersuchte Planck weitere Freizeitbeschäftigungen der Landjugend, wie beispielsweise den Kinobesuch. So hat der Jugendliche auf dem Lande durchaus Gelegenheit, regelmäßig Filmvorführungen beizuwohnen. Im Gegensatz zum Großstädter, der zwischen den Programmen vieler leicht erreichbarer Kinos auswählen kann, haben Landjugendliche jedoch in den meisten Fällen nur die Möglichkeit, ein Kino ohne größere Umstände zu besuchen. Paßt ihnen dessen Programm nicht, müssen sie entweder trotzdem hingehen oder zu Hause bleiben.[29]

Jene in Ausschnitten dargelegten Erkenntnisse aus der Planck´schen Studie verweisen noch einmal deutlich auf das Bild einer gegenüber städtischen Jugendlichen benachteiligten oder defizitären Landjugend, welches als Grundmuster die gesamte Untersuchung durchzieht. Die ländlichen Jugendlichen und insbesondere die Jugend aus bäuerlichem Hause fühle sich gegenüber der Stadtjugend benachteiligt, so Planck. Er behauptet weiter, die Landjugend erkenne die Sozialnormen sowie Leitbilder der industriell-bürokratischen oder urbanen Gesellschaft als gültig an. Sie wolle heraus aus ihrer gesellschaftlichen Isolierung und sich in die moderne Gesellschaft integrieren. Deshalb plädiert Ulrich Planck letztlich dafür, den Landjugendlichen auf jedmögliche Weise den Übergang von den alten zu den erstrebten neuen Gesellschaftsformen zu erleichtern. Hiervon zeugen seine Forderungen nach einer Angleichung der Verhältnisse in Stadt und Land, bzw. seine Vorschläge für eine Beseitigung der Defizite oder Benachteiligungen in den unterschiedlichsten Bereichen.

4.1.2 „Landjugend im sozialen Wandel – Ergebnisse einer Trenduntersuchung über die Lebenslage der westdeutschen Landjugend“ (1970)

Wie bei der Landjugendstudie von 1956 ging es Ulrich Planck bei seiner zweiten Repräsentativerhebung darum, einen möglichst umfassenden Überblick über Sozialstruktur, Verhaltensweisen und Einstellungen der ländlichen Jugend zu gewinnen, wobei die Lebensbereiche der Familie, des Berufs, der Ausbildung, der Freizeit sowie der Politik im Mittelpunkt des Interesses standen. Weiterhin sollte aber die Chance des zeitlichen Vergleichs mit der ersten Untersuchung genutzt werden, um die erheblichen Wandlungstendenzen auf dem Land nach Art, Umfang, Richtung und Wirkung zu quantifizieren und zu präzisieren.[30] Es ging also vor allem um die Frage, wie sich die „Landjugend im sozialen Wandel“ strukturell verändert sowie funktional bewährt hat. Konkret erarbeitete Planck eine dreifache Fragestellung: Erstens: Wie reagiert die ländliche Jugend auf den sozialen Wandel? Zweitens: Hat das Erlebnis des sozialen Wandels die Jugendlichen in ihrem Selbstbewusstsein geschwächt, in ihrer Entschlussfähigkeit unsicher gemacht sowie in ihrem Zukunftsglauben erschüttert? Und drittens: Welche Aussichten ergeben sich aus den offensichtlichen Veränderungen innerhalb der ländlichen Jugend für die künftige Entwicklung des Landes bzw. ist die Landjugend hinreichend gerüstet, um den Umwandlungsprozeß des Landes zu meistern? Nach Planck mußten dabei auch die Zwänge berücksichtigt werden, welche das Leben von Landjugendlichen im sozialen Wandel beeinflussen, nämlich Leistungszwang, Entscheidungszwang, Kooperations- und Mobilitätszwang.

Leistung ist beispielsweise in der westdeutschen Gesellschaft zunehmend ein Mittel des sozialen Aufstiegs, ein wichtiges Merkmal für die Zuweisung sozialer Stellung sowie für die Freisetzung des Einkommens. So kann sich ein junger Mann in der Landwirtschaft nicht mehr auf den ererbten Besitz als Grundlage gesicherter Existenz, auf Tradition als Grundlage erfolgreicher Berufstätigkeit und auf Beziehungen als Basis sozialen Aufstiegs verlassen. Mehr und mehr wird die Leistungsfähigkeit eines landwirtschaftlichen Betriebes von der Berufstüchtigkeit des Betriebsleiters bestimmt, dem neben einem hohen körperlichen Einsatz beträchtliche unternehmerische Leistungen bei aktiver Anpassungsbereitschaft abverlangt werden. Nun betreffen die genannten vier Zwänge laut Planck aber nicht nur die jungen Landwirte, sondern alle auf dem Land lebenden Jugendlichen.

Daher fragte er im Blick auf die gesamte Landjugend, ob sie tüchtig genug ist, um sich im Leistungswettbewerb durchsetzen zu können, ob sie genügend neuerungsfreudig ist, um sich den Veränderungen anpassen zu können, ob sie genügend gemeinschaftswillig ist, um die Zukunftsaufgaben meistern zu können und schließlich, ob sie beweglich sowie wendig genug ist, um ihre Chancen in einer dynamischen Wirtschaft und Gesellschaft wahrzunehmen.[31]

In der Fragestellung steckt bereits die Zielvorstellung der Untersuchung nach einer Angleichung ländlicher und städtischer, das heißt moderner Lebensverhältnisse.

Plancks zweite Studie arbeitet trotz des inzwischen fortgeschrittenen ländlichen Strukturwandels erneut mit dem Bild einer benachteiligten und defizitären Landjugend, wobei

dies wie schon 1956 auf die prinzipielle Stadt-Land-Gegenüberstellung in der Untersuchung zurückzuführen ist.

Obwohl Ulrich Planck und seine Mitarbeiter die ländliche Jugend im Vergleich zur Stadtjugend nach wie vor beeinträchtigt sehen, stellen sie aber gegenüber der Erhebung von 1956 fest, dass die Jugendlichen auf dem Lande in puncto Annäherung an die industrielle oder urbane Gesellschaft in vielen Lebensbereichen Fortschritte erzielt haben.

Unter anderem hat die Landbevölkerung im Bereich Bildung sowie Ausbildung aufgeholt. Besuchten beispielsweise Mitte der 50er Jahre nur neun Prozent der Landjugend eine höhere Schule, beträgt der Anteil 1970 bereits 17 Prozent. Dennoch besteht auf diesem Gebiet insbesondere für die kleineren Landgemeinden noch Nachholbedarf, da in Ortschaften mit weniger als 2000 Einwohnern nur 13 Prozent, in den Gemeinden zwischen 2000 und 5000 Einwohnern dagegen 23 Prozent der Landjugendlichen eine höhere Schule besuchen.[32] Trotz des relativ geringen Besuchs höherer Schulen scheint jedoch auf dem Lande kein stärkeres Bedürfnis nach erweiterter Bildung zu bestehen als im Gesamtgebiet der Bundesrepublik. Planck spricht davon, dass die Landbevölkerung ihr Bildungsdefizit selbst zu wenig erkennt, indem Volksschüler mit ihrer Schulbildung genauso zufrieden sind wie Befragte mit höherer Schulbildung.[33] Betrachtet man weiterhin die Berufsausbildung oder den Ausbildungsstand der Jugendlichen auf dem Lande und unterscheidet dabei zwischen den Geschlechtern, so zeigt sich nach Planck, dass der Ausbildungsstand der weiblichen Landjugend gegenüber 1956 Verbesserungen aufweist, jedoch dem Ausbildungsstand der männlichen Landjugend immer noch in beträchtlichem Ausmaß nachsteht. Der Anteil derjenigen Jugendlichen, die eine Lehre abgeschlossen oder einen Beruf erlernt haben, stieg unter den männlichen Heranwachsenden von 32 Prozent 1956 auf 61 Prozent im Jahre 1970. Die „gelernten“ Landmädchen steigerten sich in diesem Zeitraum von 16 auf immerhin 44 Prozent.

Der soziale Wandel auf dem Lande zeigt sich gerade im Bereich der Landwirtschaft mit dem Niedergang des landwirtschaftlichen Anteils am ländlichen Erwerbsleben sowie dem relativen Bedeutungsschwund des früher vorherrschenden Bauernstandes sehr deutlich. Stammten Mitte der 50er Jahre mit 56 Prozent mehr als die Hälfte der befragten Jugendlichen aus Familien haupt- oder nebenberuflicher Landwirte, kommen 1970 lediglich noch ein Drittel aus der Landwirtschaft. Während der ersten Erhebung betätigten sich 30 Prozent der Landjugendlichen hauptberuflich und elf Prozent nebenberuflich in der Landwirtschaft. In den ausgehenden sechziger Jahren sinkt die Zahl dagegen auf 17 bzw. sieben Prozent.

Bei den Freizeitbeschäftigungen hat das Fernsehen erheblich an Bedeutung gewonnen bzw. das abendliche Freizeitverhalten auf dem Lande fast revolutioniert. Schauten in den Fünfzigern nur wenige ab und an im Gasthaus oder bei Bekannten fern, beträgt der Anteil der jugendlichen „Fernsehgucker“ am Ende der 60er Jahre schon 32 Prozent.[34]

Der Sport als bestimmte Freizeittätigkeit der Landjugendlichen hat gegenüber Plancks erster Erhebung gleichsam an Relevanz gewonnen, wenn auch auf diesem Terrain noch Aufholbedarf besteht. Insgesamt hat der Sport zwar in den kleineren und agrarischen Gemeinden nicht zuletzt dank öffentlicher Förderung an Boden gewonnen, dennoch klagen einige jener Ortschaften immer noch über zu wenig erforderliche Einrichtungen. Nichtsdestotrotz kletterte der Anteil der aktiven Sportler unter allen Landjugendlichen seit 1956 von 27 auf 50 Prozent.[35]

Ulrich Planck zielt demnach auch in seiner zweiten und als Wiederholungsuntersuchung angelegten Studie auf eine Modernisierung des Landes respektive auf eine Angleichung ländlicher Verhältnisse an die Industriegesellschaft. Ausgehend vom Muster einer defizitären oder benachteiligten Landjugend möchte er der Politik Impulse zur Aufhebung der Ungleichheiten in den einzelnen Lebensbereichen Jugendlicher auf dem Lande liefern, gleichsam um damit eine Gestaltung des ländlichen Raumes mit Hilfe der Forschung voranzutreiben.

Aufgrund der Erhebungsergebnisse schlussfolgert Planck, die Landjugend am Ende der sechziger Jahre sei selbstbewusster, entscheidungsfreier und aufgeschlossener als Mitte der fünfziger Jahre. Die überwiegende Mehrheit habe sich den Normen und Werten der industriellen Gesellschaft angeglichen und fände sich ohne nennenswerte Schwierigkeiten darin zurecht. Landjugendliche würden zunehmend städtische Formen der Freizeitgestaltung und industrielle Formen der Berufstätigkeit übernehmen. Ihr freier Entscheidungs- sowie Entfaltungsspielraum sei viel größer als in den fünfziger Jahren.

Diese Abschlussbemerkungen sprechen für den erheblichen sozialen und strukturellen Wandel ländlicher Regionen seit der Nachkriegszeit. Wie aber dargelegt, stellt Planck Ende der sechziger Jahre weiterhin Defizite der Landjugend gegenüber der Stadtjugend fest. So könne ihre geistige und fachliche Zurüstung im Blick auf die künftigen Anforderungen keineswegs als befriedigend bezeichnet werden. Auch im Hinblick auf eine völlige Gleichstellung zwischen männlicher und weiblicher Landjugend bestünden nach wie vor Reste früherer Benachteiligungen. Hier müssten gerade im beruflichen Bereich sowie im öffentlichen Leben der Landgemeinden noch erhebliche geschlechtsspezifische Ungleichheiten beseitigt werden. Darüber hinaus hätten vor allem die in der Landwirtschaft beschäftigten jungen Leute Probleme mit der raschen Entwicklung Schritt zu halten. Ein beträchtlicher Teil der jüngeren Generation sei dennoch ausreichend leistungsmotiviert, um als Motor des Fortschritts aktiv in den Vorgang der Landverwandlung einzugreifen. In dem Zusammenhang müsse jedoch insbesondere die Regionalpolitik mit zweckentsprechenden Maßnahmen durchgreifen, um die Leistungswilligen auf dem Land zu halten.[36] Hiermit tritt einmal mehr das der Studie zugrundeliegende Bild einer auf vielen Gebieten benachteiligten Landjugend hervor, ebenso die Absicht nach einer Weiterentwicklung sowie Modernisierung des ländlichen Raumes.

4.1.3 „Situation der Landjugend – Die ländliche Jugend unter besonderer Berücksichtigung des landwirtschaftlichen Nachwuchses“ (1982)

Die dritte repräsentative Landjugenderhebung von Ulrich Planck aus dem Jahre 1982 stimmt methodisch sowie in der Fragestellung annähernd mit den beiden vorherigen Untersuchungen überein. Sie wurde so angelegt, dass die gewonnenen Daten unmittelbar mit denen der beiden vorherigen Umfragen verglichen werden konnten. Die Ergebnisse dieser Erhebung bestätigten den erheblichen strukturellen und kulturellen Wandel ländlicher Regionen zwischen 1956 und 1982. Nach Planck hat sich die Situation der ländlichen Jugend in den untersuchten Lebensbereichen Familie, Bildung, Beruf, Freizeit, Politik und Kirche gegenüber 1956 und 1970 noch einmal deutlich verbessert. Beispielsweise stieg der Anteil derjenigen Landjugendlichen, die eine weiterführende Schule besucht hatten, zwischen 1956 und 1982 von neun auf nahezu 50 Prozent.

Nun stellt Ulrich Planck aber auch in seiner dritten Erhebung städtische und ländliche Begebenheiten einander gegenüber, mit der Folge, dass er in einigen Punkten nach wie vor eine Benachteiligung der ländlichen Jugend ausmacht. So ist die Landjugend im Bildungsbereich, wie oben bereits angeführt, den gesamtgesellschaftlichen Verhältnissen ein großes Stück näher gekommen, dennoch besuchen die Jugendlichen vom Lande im Vergleich zur Gesamtjugend relativ häufiger Realschulen und weniger häufig Gymnasien. Schon 1970 begründete Planck dies mit dem Wohnen in kleinen und abgelegenen Landorten, welches sich zu Beginn der 80er Jahre immer noch nachteilig auf den Besuch von Gymnasien auszuwirken scheint. Darüber hinaus entspricht die Realschule eher den Schulzielen vieler bäuerlicher und kleingewerblicher Landeltern, als das Gymnasium.[37] Folglich läßt sich in Plancks jüngster Landjugenderhebung aus dem Jahre 1982 trotz des immensen ländlichen Fortschritts das Bild einer benachteiligten Jugend auf dem Lande bestätigen. Zurückzuführen ist dies auf den Stadt-Land-Vergleich, bzw. die industriegesellschaftliche Orientierung der Studie, welche übrigens genauso für die ersten beiden Erhebungen von 1956 und 1970 gilt. Das Land und die Landjugendlichen werden hier ausschließlich nach ihrem Rang in der Industriegesellschaft beurteilt, und befinden sich damit von vorneherein in einer „benachteiligten“ Position. Die Werte, Normen und Standards der Industriegesellschaft gilt es zu übernehmen, zumindest scheint wichtig, sich diesen anzunähern. Die unter besonderen Bedingungen stehende Lebenswirklichkeit der Jugendlichen auf dem Lande bleibt bei jener rein industriegesellschaftlichen Ausrichtung weitgehend ausgeblendet. Mit anderen Worten, die mit Besonderheiten behaftete Lebenswelt der ländlichen Jugend ruft bei einer ausschließlichen und relativ undifferenzierten Stadt-Land-Gegenüberstellung das Bild eines benachteiligten ländlichen Raumes respektive einer defizitären Landjugend hervor.

Nun berücksichtigt Planck in seiner Erhebung unter der ländlichen Jugend allgemein ganz besonders den landwirtschaftlichen Nachwuchs. Für die deutlich abnehmende Gruppe des landwirtschaftlichen Nachwuchses unter der Landjugend hat sich die Situation insgesamt zwar ebenfalls zum positiven entwickelt, d.h. den industriegesellschaftlichen Standards deutlich angenähert, dennoch nimmt Planck hier in einigen Bereichen Einschränkungen vor. So ist zwischen 1956 und 1982 ein beachtlicher Bildungsanstieg des landwirtschaftlichen Nachwuchses feststellbar, dennoch bleibt dieser hinter der allgemeinen Entwicklung auf dem Lande zurück.[38] Bei den Lebensverhältnissen ergibt sich für die aus der Landwirtschaft kommenden Jugendlichen eine Benachteiligung gegenüber der übrigen Landjugend aufgrund der wesentlich längeren Arbeitszeit in den landwirtschaftlichen Familienbetrieben. Dennoch gleichen sich die Lebensverhältnisse des landwirtschaftlichen Nachwuchses auf vielen Gebieten allmählich denjenigen der übrigen Landjugend an, so Planck.[39]

Zusammenfassend haben sich nach Ulrich Planck die Lebens- und Statusbedingungen der Jugendlichen auf dem Land zwischen 1956 und 1982 erheblich verbessert. Damit dokumentiert Planck in seiner Studie den tiefgreifenden sozialen sowie strukturellen Wandel ländlicher Regionen im genannten Zeitraum. Wie aber gezeigt wurde, stellt er 1982 in einigen Aspekten sowie bei einer bestimmten ländlichen Jugendgruppe, nämlich der landwirtschaftlichen Jugend, nach wie vor Benachteiligungen fest. Ulrich Planck verwendet demnach auch in seiner jüngsten Erhebung das Bild einer defizitären oder beeinträchtigen Landjugend.

4.2 „Die skeptische Generation“ (Helmut Schelsky, 1957)

In seiner Studie „Die skeptische Generation – Eine Soziologie der deutschen Jugend (1957)“ versucht Helmut Schelsky den westdeutschen Jugendlichen von 1945 bis etwa 1955 zu schildern. Unter Hinzuziehung mehrerer Einzeluntersuchungen aus der Jugendforschung geht es ihm letztlich darum, ein Gesamtbild der deutschen Jugend im Nachkriegsjahrzehnt zu entwerfen. Damit unterliegt Schelsky dem Vorwurf einer „Vereinheitlichung von Jugend“, welchen er jedoch mit der Bestimmung einer Ebene der „mittleren Allgemeinheit“ zu wiederlegen sucht. Zwar sei der Versuch ein Gesamtbild der Jugend zu erstellen eine Verallgemeinerung, gegenüber der jede stärkere Differenzierung eine intensivere Annäherung an die Wirklichkeit bedeute. Schließlich müsse aber auch eine differenzierende Konkretisierung mit einem gewissen Ausmaß an Verallgemeinerung aufwarten, um nicht zu einer individuellen Fallgeschichte zu werden, sondern wissenschaftlichen Ansprüchen zu genügen.[40] Schelsky untersucht das Verhältnis der Jugend zu Familie, Arbeit, Beruf, Freizeit und anderen relevanten Gesellschaftsbereichen. Das Resultat seiner ausführlichen Arbeit ist eine in vielerlei Hinsicht skeptische Jugendgeneration.

In Kapitel neun seiner Ausführungen beschäftigt sich Schelsky nun mit verschiedenen sozialen Jugendgruppierungen und im speziellen mit der Jugend auf dem Land. Ähnlich wie Ulrich Planck deutet Schelsky die ländliche Jugend in ihren Verhaltensweisen völlig im Verhaltensrahmen einer urbanen oder industriegesellschaftlichen Jugend bzw. der ganzen gegenwärtigen Jugendgeneration.[41] Mit anderen Worten, er sieht die gesamten Sozialverhältnisse auf dem Land in einer Übergangssituation zugleich einem strukturellen Umbruch und die Landjugend in einer allmählichen Vergesellschaftung, genauer, im Prozeß der Annäherung an Werte, Normen sowie Lebensverhältnisse der modernen respektive industriellen Gesellschaft. Damit verabschiedet sich Schelsky von einer eigenständigen, strukturell von der städtischen Jugend unterscheidbaren ländlichen Jugendphase, das heißt, er wendet sich ab vom traditionellen Stadt-Land-Gegensatzpaar, welches viele Landjugenduntersuchungen zu Beginn des 20. Jahrhunderts bestimmte. Die Landjugend von heute unterscheide sich von der städtischen Jugend lediglich im Grade ihrer Anpassung an die Industriegesellschaft, womit Schelsky indirekt das der Studie zugrundeliegende Landjugendbild offenbart. Denn wie bei Planck ausführlich dargestellt, besteht bei den Jugendlichen auf dem Lande und vor allem bei der bäuerlichen Jugend Mitte der 50er Jahre nach wie vor in vielen Lebensbereichen Nachholbedarf, bzw. für eine komplette Annäherung oder Anpassung an städtische sowie industrielle Lebensweisen muß die Entwicklung des Landes auf einigen Gebieten fortschreiten. Infolgedessen wird Helmut Schelskys Studie vom Bild einer benachteiligten oder defizitären Landjugend bestimmt.

4.3 „Einstellungen der Jugend auf dem Lande zum Verbleib im ländlichen Raum“ (Ingrid Pieper, 1976)

Die Agrarsoziale Gesellschaft (ASG) in Göttingen beschäftigte sich 1976 in einer Untersuchung mit Einstellungen und dem Verbleib der Jugendlichen auf dem Land. Dabei ging es um die unterschiedlichen Tendenzen, mit denen Jugendliche konfrontiert sind, wenn sie sich der Frage stellen, ob sie auf dem Land bleiben wollen oder können oder ob sie wegziehen möchten. Ingrid Pieper befragte hierzu 500 Jugendliche zwischen 15 und 25 Jahren in Niedersachsen nach ihren Einstellungen zu den Anziehungskräften der städtischen Lebensvorstellungen sowie den bindenden Faktoren auf dem Lande.

Bereits in ihren Vorbemerkungen verweist Pieper auf die Bedeutung der Entwicklung oder Modernisierung des ländlichen Raumes, um auch dort gleichwertige Lebensbedingungen für die Bevölkerung herzustellen. Dabei erwähnt sie die Studie „Ausbildung und Beruf“ der Landesgemeinschaft Niedersächsische Landjugend von 1974, die zu dem Ergebnis kommt, dass mit dem Aufwachsen auf dem Land eine Benachteiligung in den Ausbildungsmöglichkeiten und in der Berufsausübung einhergeht. Nach Pieper ist zu prüfen, ob die Benachteiligungen einen Einfluß auf die Einstellung der Jugendlichen zum Leben im ländlichen Raum haben. Sie spricht von der Gefahr einer Entleerung ländlicher Gebiete, der insbesondere die Raumordnungspolitik Einhalt gebieten muß. Der Untersuchung liegt damit das Bild eines gegenüber der Stadt benachteiligten ländlichen Raumes, mithin einer in wichtigen Lebensbereichen beeinträchtigten Landjugend zugrunde, auch wenn Pieper Mitte der 70er Jahre insgesamt eine vielversprechende Entwicklung feststellt. So zeigt die Gesamtgruppe in ihrer überwiegenden Mehrheit eine positive Einstellung zum Verbleib im ländlichen Raum. Bei den Gründen für das Abwandern in eine Stadt wollen rund ein Drittel der Wanderungswilligen den ländlichen Raum verlassen, weil am Wohnort keine der Ausbildung entsprechenden Arbeitsplätze vorhanden sind. Das Pendeln vom Wohnort zum Arbeitsort empfindet ein Viertel als zu zeitaufwendig und sieht darin einen Umzugsgrund. Fehlende Bildungsmöglichkeiten und kulturelle Einrichtungen stellen weiterhin ein bedeutendes Abwanderungsmotiv dar.[42] Dennoch weisen 1976 schon mehr als die Hälfte aller befragten Jugendlichen eine höhere Schulbildung auf und stehen auch in der Besetzung der verschiedenen Berufsgruppen der Stadtbevölkerung in keiner Weise nach. Wenn es nun darum geht, Gründe für den Verbleib im ländlichen Raum zu benennen, so stehen bei den Jugendlichen das günstige Wohnumfeld und die Sozialkontakte zu Verwandten, Freunden und Nachbarn an erster Stelle. Die Arbeitsplatz- sowie Verdienstsituation besitzt zwar ebenfalls einen bedeutsamen, aber keinen zentralen Stellenwert.[43] Die meisten Jugendlichen bevorzugen die dörfliche Gemeinschaft, das allgemeine „Wohlempfinden“ auf dem Lande, das bekannte Milieu, die gewohnte Umgebung, den festen Freundeskreis sowie die erlernten Verhaltensmuster, auch wenn sie in der Stadt bessere berufliche Chancen, ein größeres Freizeitangebot u.a. vorfinden.

Aus den Einstellungsbildern der Jugendlichen schließt Pieper, dass Massenabwanderungen vom Land nicht zu erwarten seien. Zwar gelte es für ländliche Räume, einen noch bestehenden erheblichen Nachholbedarf auszugleichen, doch zeige sich eine zunehmende Lernbereitschaft und Leistungsmotivation der ländlichen Jugend. Die Studie möchte letztlich die Politik zu einer Verbesserung ländlicher Lebensverhältnisse anspornen, respektive eine Modernisierung ländlicher Räume mit Hilfe der Forschung vorantreiben.[44] So müssten Maßnahmen durchgesetzt werden, um die Bereitschaft der Jugendlichen zum Verbleib im ländlichen Raum weiter zu stabilisieren und Abwanderungsmotivationen zu bremsen. Gezielte Förderungen seien besonders in Landkreisen mit Wanderungsverlusten notwendig, um einer tendenziellen Entleerung dieser Räume vorzubeugen. In diesem Zusammenhang erwähnt Pieper konkret die Bereiche Schule, Ausbildung, Arbeit und Kultur.[45]

4.4 „Jugend auf dem Land – eine Jugend, wie sie die Erwachsenen gerne hätten?“ (Arthur Fischer, 1982)

In der 1981 von Arthur Fischer veröffentlichten Shell-Jugendstudie wurde eine Sonderauszählung für die Landjugend vorgenommen, die ebenfalls mit dem Paradigma oder Bild einer Benachteiligung von Jugend auf dem Land gearbeitet hat.

Ziel der Untersuchung war es, Jugendliche nicht wie in vielen Studien aus einer „Erwachsenenperspektive“ auszufragen, sondern die Probleme der Jugendlichen selbst zum Thema zu machen. Dafür wurden 1077 Jugendliche im Alter von 15 bis 24 Jahren befragt. Die Gesamtstichprobe wurde in drei Untergruppen nach Wohnortgröße aufgeteilt, wobei als Landjugend diejenigen Jugendlichen klassifiziert wurden, die in Orten unter 20000 Einwohnern lebten. Zu den beiden anderen Gruppen zählten Jugendliche in Wohnorten zwischen 20000 und 500000 Einwohnern bzw. Jugendliche in Wohnorten ab 500000 Einwohnern. Auf diese Weise konnte Fischer in seiner eigentlich nicht als Landjugendstudie konzipierten Repräsentativerhebung dennoch Aussagen über die spezifischen Probleme der Jugendlichen auf dem Land machen.[46] Er koppelte also die Merkmale von Jugendlichen mit der Größe ihres Wohnortes, respektive verglich die Gruppe der Landjugendlichen hauptsächlich mit Jugendlichen in Ortschaften über 500000 Einwohnern.

Dieser eindeutige Stadt-Land-Vergleich ist letztlich die Ursache für das die Studie prägende Bild einer defizitären oder benachteiligten Landjugend. Nach Fischer leben die Jugendlichen auf dem Lande gegenüber den Jugendlichen in den Metropolen im Zustand einer relativen Benachteiligung. Damit sieht er die Defizite der Landjugendlichen viel radikaler als beispielsweise Planck, welcher immer wieder betonte, dass die Jugendlichen gerne auf dem Land leben würden.[47] Planck wies also stets auf die in der Beurteilung der Benachteiligung enthaltene Ambivalenz. Arthur Fischer sieht die Landjugend vor allem im Bereich Bildung, in ihrer Verselbständigung sowie in ihrer Eigenständigkeit als soziale Gruppe benachteiligt. So habe die Jugend auf dem Land im Durchschnitt einen niedrigeren Schulabschluß, gehöre im Schnitt zu niedrigeren sozialen Schichten und verfüge über weniger frei verfügbares Geld. In zentralen Bereichen der persönlichen Verselbständigung, z.B. auf eigene Faust eine Urlaubsreise machen; sich über politische Themen gut unterhalten können; von den meisten Leuten mit „Sie“ angesprochen werden, usw., betrage der Rückstand gegenüber städtischen Jugendlichen sechs Monate bis ein Jahr. Fischer führt weiter aus, der Landjugendliche sei erheblich stärker „erwachsenenzentriert“ als der Großstadtjugendliche, welcher sich in Gedanken sowie im Handeln eher an Jugendlichen orientiere und somit „jugendzentrierter“ sei. Der Jugendliche auf dem Lande traue dagegen eher den Erwachsenen. Resümierend beschreibt Fischer die Landjugendlichen als angepasster, weil sich der Jugendprotest und jugendkulturelle Orientierungen als großstädtisch erweisen würden.[48] Abschließend kristallisiert sich in Fischers Jugendstudie bzw. in der Sonderauszählung für die Landjugend ganz deutlich das Bild einer defizitären vielmehr benachteiligten Jugend heraus, da hier Stadt und Land ausschließlich auf der Ebene eines Vergleichs betrachtet werden.

4.5 Über die „Landjugendporträts“ von Peter Sinkwitz u.a. (1970, 1980 und 1990)

Peter Sinkwitz und weitere Mitarbeiter der Deutschen Landjugendakademie (DLA) in Fredeburg führten zwischen 1970 und 1990 im Auftrag des Bundes der Deutschen Landjugend (BDL) drei bundesweite und als Längsschnittuntersuchungen angelegte Landjugendstudien durch, die unter dem Titel „Landjugendporträts“ veröffentlicht wurden. Ziel der Landjugendporträts war immer Aufschluß über das Verhalten der Mitglieder und das Gruppenleben des BDL zu bekommen. Hierzu wurden beispielsweise Arbeitshilfen und Programme der Gruppen des BDL, der Führungsstil von GruppenleiterInnen sowie das Miteinander in den Gruppen untersucht. Sinkwitz warf aber nicht nur einen Blick auf Einstellungen und Verhalten der (verbandlich organisierten) Landjugendlichen, sondern betrachtete auch die Landjugendarbeit selbst. Mit seinen Forschungsarbeiten beabsichtigte er also zudem, eine Wirkanalyse der Landjugendverbandsarbeit vorzulegen. Obwohl sich die Landjugendporträts von den in dieser Arbeit bisher vorgestellten Studien in Intentionen sowie Verwertung unterscheiden, untersuchen sie trotzdem die gleiche Bevölkerungsgruppe und betonen das Bild einer in vielem benachteiligten Landjugend.

4.5.1 „Landjugendportät – Situation und Arbeit des BDL“ (1970)

Das erste Landjugendporträt aus dem Jahre 1970 beruhte auf einer Befragung in 1270 Jugendgruppen des Bundes der Deutschen Landjugend (BDL). Darin wurden die Sozialstruktur, die Lebensverhältnisse der Mitglieder des BDL und ihre Interessen untersucht. Darüber hinaus standen Programme sowie Aktivitäten der Gruppen, das Gruppenleben allgemein und schließlich Probleme im Zusammenhang mit Gruppengröße, Finanzierung der Tätigkeiten sowie Öffentlichkeitsarbeit im Mittelpunkt.

Bei der Auswertung oder Interpretation der Umfragen vergleicht Sinkwitz einerseits die verbandlich organisierte Landjugend mit der übrigen Jugend auf dem Lande, andererseits stellt er städtische Jugend und verbandlich organisierte Landjugend einander gegenüber, zieht demnach einen Stadt-Land-Vergleich. Sinkwitz´ Landjugendporträt kann somit als ein weiteres Beispiel für das in der Landjugendforschung enthaltene Bild einer beeinträchtigten Jugend auf dem Lande angesehen werden. Nimmt man nun einzelne Befragungsergebnisse genauer unter die Lupe, ergeben sich viele Übereinstimmungen mit den in Kapitel vier beschriebenen übrigen Studien.

So steht die Landjugend zwar in ihren Freizeitinteressen weithin in Einklang mit den jungen Menschen im städtischen Bereich, dennoch werden viele Freizeitbeschäftigungen in der Stadt ihrer Beliebtheit entsprechend häufiger ausgeübt. Ein Grund hierfür ist das eingeschränktere Freizeitangebot auf dem Land. Außerdem hat die organisierte Landjugend schlicht weniger freie Zeit und kann ihre Vorlieben eben nicht so häufig verwirklichen wie die Jugendlichen in der Stadt, so Sinkwitz.[49] Eigentlich hat nur der Personenkreis der Arbeiter, Angestellten und Schüler eine der städtischen Jugend vergleichbare Freizeit, mitnichten etwa junge Selbständige, Landwirte oder mithelfende Familienangehörige, welche 1970 prozentual noch den Hauptanteil der Gruppenmitglieder stellen.

[...]


[1] Vgl. Griese Hartmut M.: „Die Lebensphase Jugend und ihre gegenwärtigen Bedingungen“, in: Pluskwa, Manfred (Hrsg.): „Jugend in der

Region: Jugend, Jugendarbeit und Jugendpolitik im Landkreis Nienburg – Situationen u. Perspektiven“, Rehburg-Loccum 1986, S. 37

[2] Vgl. Hafeneger, Benno: „Jugendbilder – Zwischen Hoffnung, Kontrolle, Erziehung und Dialog“, Opladen 1995

[3] Vgl. Gängler, Hans: „Landjugendforschung. Theorien, Methoden, Paradigmata“, in: Alt, Jürgen August (Hrsg.): „Aspekte der

Landjugendforschung“, Bonn 1997, S. 5

[4] Vgl. Böhnisch, Lothar / Funk, Heide: „Jugend im Abseits? Zur Lebenslage Jugendlicher im ländlichen Raum“, Weinheim und

München 1989, S. 103

[5] Vgl. Schäfers, Bernhard: „Die ländliche Welt als Alternative – Zum Wandel des Stadt-Land-Verhältnisses“, in: Wehling, Hans-Georg:

„Das Ende des alten Dorfes?“, Stuttgart 1980, S. 16

[6] Vgl. Brüggemann, Renate / Riehle, Rainer: „Das Dorf – Über die Modernisierung einer Idylle“, Frankfurt und New York 1986, S. 10ff

[7] Vgl. Borcherdt, Christoph: „Ist das Dorf heute noch bäuerlich geprägt? – Ländliche Siedlungen: Strukturwandel und heutige Erschei-

nungsformen“, in: Wehling, Hans-Georg: „Das Ende des alten Dorfes?“, Stuttgart 1980, S. 22

[8] Vgl. Herrenknecht, Albert: „Das regionale Dorf – Die neue Qualität dörflichen Wandels“, in: Pro Regio – Zeitschrift für Provinzarbeit

und eigenständige Regionalentwicklung (Nr. 10/1992), Boxberg-Wölchingen 1992, S. 9ff

[9] Vgl. Vaitkus, Alfons: „Jugend“ gibt es nicht – Zum Dilemma der Sozialpädagogik im Umgang mit einem Schlüsselbegriff“,

Frankfurt am Main 1988

[10] Vgl. Hornstein, Walter: „Entstehung, Wandel, Ende der Jugend“, in: Markefka, Manfred (Hrsg.): „Handbuch der Familien- und

Jugendforschung (Band 2)“, Neuwied und Frankfurt 1989, S. 15ff

[11] Vgl. Böhnisch, Lothar; u.a.: „Jugendliche in ländlichen Regionen – Ein ost-westdeutscher Vergleich“, Bonn 1997, S. 8ff

[12] Vgl. Fischer, Arthur: „Möglichkeiten und Grenzen der empirischen Jugendforschung“, in: Sinkwitz, Peter (Hrsg.): „Die Lebenslage der

Jugend auf dem Lande, und der Beitrag der empirischen Sozialforschung zu ihrer Erhellung“, Fredeburg 1982, S. 11ff

[13] Vgl. Vonderach, Gerd: „Lebensverhältnisse in ländlichen Regionen“, in: Poppinga, Onno (Hrsg.): „Produktion und Lebensverhältnisse

auf dem Land“, Opladen 1979, S. 137

[14] Vgl. Becker, Heinrich: „Dörfer heute – Ländliche Lebensverhältnisse im Wandel – 1952, 1972 und 1993/95“, Bonn 1997, S. 191

[15] Ebenda S. 258f

[16] Vgl. Hainz, Michael: „Individualisiertes dörfliches Sozialleben“, in: Becker, Heinrich: „Ländliche Lebensverhältnisse im Wandel 1952,

1972 und 1993/94 – Verhandlungen der öffentlichen Arbeitstagung am 16. November 1995“, Bonn 1996, S. 41ff

[17] Vgl. Stein, Gebhard: „Die Tradition in der Moderne – Wertorientierungen in ländlichen Regionen“, in: Blätter der Wohlfahrtspflege -

Fachzeitschrift für Sozialarbeit und Sozialpädagogik in der BRD (Nr. 12/1987), Stuttgart 1987, S. 289

[18] Vgl. Drude, Agnes; u.a.: „Zündstoff – Kinder und Jugendliche äußern sich zu ländlichen Lebenswelten“, Paderborn 1995, S. 9ff

[19] Vgl. Marx, Birgit : „Soziale Entwicklung in ländlichen Regionen – Ein theoretischer und empirischer Bezugsrahmen für ein Konzept

sozialer Regionalenwicklung für die Zielgruppen Frauen und Jugend“, Münster 1999, S. 63

[20] Vgl. Stein, Gebhard: „Moderne Zeiten, gebrochene Traditionen. – Über das Wirken traditionaler Sozialmuster in ländlicher Gegenwart“,

in: Böhnisch, Lothar; u.a. (Hrsg.): „Ländliche Lebenswelten – Fallstudien zur Landjugend“, Weinheim und München 1991, S. 24f

[21] Vgl. Marx, Münster 1999, S. 73ff

[22] Vgl. Gängler, Bonn 1997, S. 13f

[23] Vgl. Marx, Birgit: „Landjugend im Modernisierungsprozeß – Ein Überblick über 40 Jahre Landjugendforschung“, in: Pro Regio

(Nr. 22,23/1999), Boxberg-Wölchingen 1999, S. 47

[24] Vgl. Planck, Ulrich: „Situation der Landjugend“, in: Sinkwitz, Peter (Hrsg.): „Die Lebenslage der Jugend auf dem Lande u. der Beitrag

der empirischen Sozialforschung zu ihrer Erhellung“, Fredeburg 1982, S. 18

[25] Vgl. Wollenweber, Helmut: „Einführung in Ulrich Planck: die Lebenslage der westdeutschen Landjugend (Band 1)“, München 1956

[26] Vgl. Planck, Ulrich / Wagner, Ernst: „Jugend auf dem Land – Ergebnisse einer wissenschaftlichen Erhebung über die Lebenslage der

westdeutschen Landjugend“, München 1958, S. 172f

[27] Ebenda S. 176

[28] Ebenda S. 178f

[29] Ebenda S. 138

[30] Vgl. Planck, Ulrich: „Landjugend im sozialen Wandel – Ergebnisse einer Trenduntersuchung über die Lebenslage der westdeutschen

Landjugend“, München 1970, S. 11

[31] Ebenda S. 16

[32] Ebenda S. 66ff

[33] Ebenda S. 228

[34] Ebenda S. 132

[35] Ebenda S. 147ff

[36] Ebenda S. 245f

[37] Vgl. Planck, Fredeburg 1982, S. 21f

[38] Vgl. Planck, Ulrich: „Situation der Landjugend –Die ländliche Jugend unter besonderer Berücksichtigung des landwirtschaftlichen

Nachwuchses“, Münster-Hiltrup 1982, S. 61

[39] Ebenda S. 224

[40] Vgl. Schelsky, Helmut: „Die skeptische Generation – Eine Soziologie der deutschen Jugend“, Düsseldorf und Köln 1957, S. 5ff

[41] Ebenda S. 429

[42] Vgl. Pieper, Ingrid: „Einstellungen der Jugend auf dem Lande zum Verbleib im ländlichen Raum“, Göttingen 1976, S. 72f

[43] Ebenda S. 54ff

[44] An dieser Stelle sei noch einmal ausdrücklich auf die Studien von Ulrich Planck verwiesen , der in seinen Arbeiten ebenfalls auf eine

Planung und Lenkung des ländlichen Raumes mit Hilfe der Forschung abzielte.

[45] Ebenda S. 82

[46] Vgl. Fischer, Arthur: „Jugend auf dem Land – eine Jugend, wie sie die Erwachsenen gerne hätten?“, in: Sinkwitz, Peter (Hrsg.):

„Die Lebenslage der Jugend auf dem Lande u. der Beitrag der empirischen Sozialforschung zu ihrer Erhellung“, Fredeburg 1982, S. 51

[47] Vgl. Seite 14 der vorliegenden Arbeit

[48] Vgl. Fischer, Fredeburg 1982, S. 54

[49] Vgl. Sinkwitz, Peter (Hrsg.): „Landjugendporträt – Situation und Arbeit des BDL“, Bonn-Bad Godesberg 1974, S. 50

Ende der Leseprobe aus 113 Seiten

Details

Titel
Ländliche Jugendwelten im Wandel - Jugendbilder in der Landjugendforschung und ihre Wirkungen auf die Landjugendarbeit in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland
Hochschule
Philipps-Universität Marburg  (Institut für Erziehungswissenschaft)
Note
1,0
Autor
Jahr
2002
Seiten
113
Katalognummer
V8278
ISBN (eBook)
9783638152914
ISBN (Buch)
9783638713085
Dateigröße
740 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Diplomarbeit untersucht die wichtigsten Landjugendstudien in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland auf das ihnen zugrundeliegende Jugendbild. Seit dem Beginn einer eigenständigen Jugendphase und dem Beginn der Jugendforschung gibt es wiederholt Diagnosen sowie Bilder über Jugend. Diese werden von der Erwachsenengesellschaft produziert und auch wissenschaftlich gestützt. Die Diplomarbeit kommt zu dem Ergebnis, daß sich die Landjugendforschung in der Geschichte der BRD vier verschiedener Bilder über Landjugend bedient. Im zweiten Teil der Ausarbeitung wird untersucht, welchen Einfluß diese theoretischen Jugendbilder auf die praktische Landjugendarbeit ausüben.
Schlagworte
Ländliche, Jugendwelten, Wandel, Jugendbilder, Landjugendforschung, Wirkungen, Landjugendarbeit, Geschichte, Bundesrepublik, Deutschland
Arbeit zitieren
Timo Grund (Autor), 2002, Ländliche Jugendwelten im Wandel - Jugendbilder in der Landjugendforschung und ihre Wirkungen auf die Landjugendarbeit in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/8278

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