Hamlet und Wilhelm Meister, Kinder des Hauses par excellence, typisieren die Problematik der Söhnegeneration. Beide leben in Zeiten bedeutender Epochenwenden und müssen damit zu Recht kommen. Beide müssen ihre Häuser „untergehen“ sehen bzw. in andere Hände übergeben, damit ein neuer Anfang gemacht werden kann. Die Heilungsgeschichten dieser zwei „kranken Königssöhne“ haben eine starke literaturgeschichtliche Wirkung, die bis ins 21. Jahrhundert andauert. Shakespeares Hamlet gilt als eines der meistinterpretierten literarischen Werke überhaupt und löste unzählige intertextuelle Bezüge und Nachahmer aus. Wilhelm Meisters produktive Fehlinterpretation des Hamlet als Werther-ähnlichen Schwärmer prägte lange Zeit das Hamletbild sowohl in Deutschland als auch in anderen Ländern Europas. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg gelangen es Karl Jaspers Deutung des Hamlet als aktiven Wahrheitssuchenden und Döblins darauf basierende Hamlet, oder die lange Nacht nimmt ein Ende, den Werther-Hamlet völlig zu vertreiben und den Weg für Heiner Müllers Hamlet-Auseinandersetzung zu ebnen
Inhaltsverzeichnis
1. Einführung
2. Hamletismus
3. Symptome
3.1 Unentschlossenheit und Impulsivität
3.2 Weltschmerz und Innerlichkeit
3.3 Wanderlust und Schlendern
3.4 Empfindsamkeit und Ästhetismus
3.5 Suche nach Halt in einer aus den Fugen geratenen Welt
4. Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die Modernität der Figur Wilhelm Meister, indem sie die Parallelen zwischen dessen Charakterentwicklung und dem Phänomen des „Hamletismus“ analysiert. Es wird der Frage nachgegangen, inwieweit Wilhelm als moderner hamletischer Held betrachtet werden kann, der mit existenzieller Einsamkeit, Unentschlossenheit und dem Wunsch nach Selbstverwirklichung ringt.
- Analyse der Rezeptionsgeschichte des Hamlet-Bildes
- Untersuchung typischer Symptome des Hamletismus (Unentschlossenheit, Weltschmerz, Wanderlust)
- Vergleich von Wilhelm Meister mit zeitgenössischen literarischen Hamlet-Figuren
- Identifikation existenzieller Motive und der Suche nach Halt in einer Phase des gesellschaftlichen Umbruchs
- Kritische Einordnung von Goethes Werk im Kontext der Moderne
Auszug aus dem Buch
3.1 Unentschlossenheit und Impulsivität
Unentschlossenheit und deren Folgen, Zögern und Tatenlosigkeit, gelten als die hamletschen Eigenschaften schlechthin, mit dem Ergebnis, dass jede zaudernde literarische Figur mit Hamlet gleichgesetzt wird. Bailey (siehe Zitat oben) weist jedoch darauf hin, dass Impulsivität und unüberlegtes Handeln genauso zum Charakter eines hamletschen Helden gehören wie diese klassischen Merkmale. David Aubry, der Held von Philippe Soupaults A la dérive ist ein ewig getriebener Suchender, der nicht in der Lage ist, eine Entscheidung zu treffen (vgl. Davis, S. 41). Wenn er schließlich gezwungen wird, sich festzulegen, macht er dies nicht vernunftgeleitet, sondern instinktiv.
Beispiele der Unentschlossenheit und des Zauderns Wilhelms durchziehen den Text wie ein roter Faden. Die Entscheidungsproblematik ist sogar das Thema des einzigen von Wilhelm vollbrachten literarischen Werks – sein Jugendgedicht „Der Jüngling am Scheidewege“. Der Protagonist ist sich seiner Unentschlossenheit bewusst, spricht sie sogar mehrmals an: „es scheint dir unmöglich, dich zu entscheiden; du wünschst, daß irgendein Übergewicht von außen deine Wahl bestimmen möge“ (WML, S. 276).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einführung: Diese Einleitung führt in die Problematik der Söhnegeneration ein und beleuchtet die literaturgeschichtliche Rezeption des Hamlet-Bildes im Kontext von Wilhelm Meister.
2. Hamletismus: Das Kapitel definiert den Begriff des Hamletismus und skizziert dessen Entwicklung sowie die negative Wahrnehmung des Phänomens als „Hamletkrankheit“.
3. Symptome: Hier wird ein Katalog hamletischer Attribute erstellt, um diese anschließend auf die Romanfigur Wilhelm Meister anzuwenden.
3.1 Unentschlossenheit und Impulsivität: Untersuchung des Spannungsfeldes zwischen Zaudern und instinktivem Handeln am Beispiel der literarischen Entwicklung des Protagonisten.
3.2 Weltschmerz und Innerlichkeit: Analyse der existenziellen Einsamkeit und der introspektiven Tendenzen Wilhelms, die ihn in eine Außenseiterrolle drängen.
3.3 Wanderlust und Schlendern: Erörterung der Flucht- und Reisemotive als Schutzmechanismen gegen elterliche Erwartungen und eigene Willensschwäche.
3.4 Empfindsamkeit und Ästhetismus: Beleuchtung von Wilhelms künstlerischem Streben und seiner Idealisierung menschlicher Beziehungen.
3.5 Suche nach Halt in einer aus den Fugen geratenen Welt: Analyse des Bedürfnisses nach Orientierung und Schutz in einer durch Umbrüche geprägten Zeit.
4. Schlussbetrachtung: Zusammenfassende Einordnung von Wilhelm Meister als eine Figur, die den „Aufbruch in die Moderne“ markiert, sich jedoch von vollkommen modernen Hamlet-Helden unterscheidet.
Schlüsselwörter
Hamletismus, Wilhelm Meister, Goethe, Moderne, Unentschlossenheit, Weltschmerz, Introspektion, Existentialismus, Identitätsfindung, Romananalyse, literarische Rezeption, Bildungsroman, Impulsivität, ästhetische Konnotation.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die moderne Komponente in der Figur des Wilhelm Meister aus Goethes „Lehrjahren“ durch die Linse des sogenannten „Hamletismus“.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Im Fokus stehen die Identitätskrise, das Spannungsfeld zwischen Handeln und Zögern sowie die Suche nach Sinn in einer Welt, die sich im gesellschaftlichen Wandel befindet.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsfrage?
Das Ziel ist es aufzuzeigen, wie Wilhelm Meister die Attribute eines modernen hamletschen Helden widerspiegelt und inwiefern dies zur Allgemeingültigkeit der Figur beiträgt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse angewandt, die auf existierenden Hamlet-Interpretationen (u.a. Bailey, Davis, Jaspers) basiert und diese auf den Text von „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ überträgt.
Welche Aspekte werden im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine symptomatische Untersuchung: Unentschlossenheit, Innerlichkeit, Reisemotive, Ästhetismus und das Bedürfnis nach Halt.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Hamletismus, existenzielle Einsamkeit, Introspektion und den „Aufbruch in die Moderne“ zusammenfassen.
Inwieweit spielt die „Turmgesellschaft“ eine Rolle für Wilhelm?
Die Turmgesellschaft fungiert als eine Instanz, die Wilhelms Geschicke leitet, wobei er trotz Erreichen dieses Ziels kein echtes Zugehörigkeitsgefühl entwickelt, was seine Distanz zur Welt unterstreicht.
Warum spielt die Rolle der starken Frauen für Wilhelm eine so große Bedeutung?
Wilhelms Faszination für starke Frauen wie Natalie oder Therese dient als Kontrast zu seiner eigenen Schwäche und Unentschlossenheit; diese Frauen fungieren als Projektionsflächen und Rettungsanker.
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- Brendan Bleheen (Author), 2004, Die kranken Königssöhne, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/82797