Über kaum eine andere Stadt wurde so viel geschrieben wie über Venedig, vor allem im 18. und 19. Jahrhundert. Diese Beschreibungen prägen das Bild Venedigs in der Literatur und vor allem in der Werbung. Wie der französische Schriftsteller und Kulturtheoretiker Michel Butor feststellt, hinterließen die Venedig-„Reisenden (…) ihre Spuren in den Städten ihrer Pilgerfahrten“ (Butor, S. 43). Vor allem die englischen, deutschen und französischen Romantiker haben Venedig ihr eigen gemacht. So ist das Venedigbild heute noch stark von deren größtenteils idealisierenden Werken geprägt, obwohl der Zenit Venedigs selbst damals schon längst der Vergangenheit angehörte. Die Internationalität dieses Phänomens führt Sarter dazu, von einem Mythos im Sinne Barthes’ zu sprechen, der einer Wechselwirkung unterliegt:
„Die Berühmtheiten, die sich in Venedig aufgehalten haben, sind längst zum festen Bestandteil des Mythos geworden, wie sie andererseits an ihm mitgewirkt, ihn variiert und entwickelt haben. In ihnen scheint sich Venedig als Stadt der Kunst und der Künstler zu verkörpern; sie und ihre Werke laden die Stadt mit Bedeutungen auf, von denen wiederum zeitgenössische Künstler profitieren (…)“(Sarter, S. 15).
Für die Schriftsteller der Moderne und Postmoderne ist es also nahezu unmöglich, sich zu Venedig zu äußern, ohne zu ihren literarischen Vorgängern Position zu beziehen, wie von Pfister/Schaff festgestellt wird: “Writing Venice (…) means relating oneself to the rich intertextual background of Venetian fiction – shaping and interpreting culture” (Pfister/Schaff, S. 11). Selbst Shakespeare und andere Schriftsteller, die nie in Venedig waren, siedelten ihre Werke in der Lagunenstadt an. Die Stadt ist allen vertraut: „So sind auch Bilder Venedigs und ein Begriff der Stadt in der Vorstellung von Leuten, die dort noch nie waren, gleichzeitig präformieren und strukturieren sie das Reiseerlebnis von jenen, die die Stadt besuchen.“ (Sarter, S. 6). Angesichts dieser Fülle an Information fragt sich Sartre: “Nehme ich überhaupt wahr oder erinnere ich mich nur. Ich sehe, was ich weiß, oder besser gesagt, was schon ein anderer weiß“ (Sartre, S. 363). Die literarische Repräsentation Venedigs in der Moderne ist nicht unproblematisch. Schon Goethe beschrieb die Schwierigkeit, originelle Bilder für Venedig zu finden: „Von Venedig ist schon viel erzählt und gedruckt, dass ich mit Beschreibung nicht umständlich sein will“ (zit. nach Comi/Pontzen, S. 259).
Warum also heute noch über Venedig schreiben? Im zwanzigsten Jahrhundert dient die Stadt hauptsächlich als Kulisse für Unterhaltungs- bzw. Trivialromane. Dennoch hielten es Mann, Andersch und Koeppen noch für möglich, das Venedigbild zu verändern, in dem sie versuchen, der intertextuellen Landschaft neue Einsichten und Elemente hinzuzufügen. Genauso berechtigt wäre die Frage danach, warum man sich angesichts der beinahe unüberschaubaren Fülle an Sekundärliteratur zu Venedig-Texten heute noch mit diesem Themenbereich auseinandersetzt, vor allem nachdem er in den letzten Jahren des 20. Jahrhunderts fast zu einer Modeerscheinung geworden ist. Diese Arbeit, in der die Brüche mit und Fortschreibung dieser literarischen Tradition in den Werken dieser Autoren aufgezeigt werden sollen, will ebenfalls neue Einsichten zum Venedigbild in der Literatur bieten. Behandelt werden Manns Tod in Venedig, Anderschs Die Rote, sowie Koeppens Ich bin gern in Venedig warum.
Inhaltsverzeichnis
1. Einführung
2. Das Venedigbild in der Literatur
3. Thomas Manns Tod in Venedig
3.1 Aschenbach als Tourist
3.2 Venedig und der südländische Lebensstil
3.3 Tadzio und Venedig
4. Alfred Anderschs Die Rote
4.1 Franziskas antitouristische Haltung
4.2 Das andere Venedig
4.3 Rollentausch
5. Wolfgang Koeppen: Ich bin gern in Venedig warum
5.1 Gelesenes Venedig
5.2 Das sich verändernde Venedig
5.3 Reflexionen in der Spiegelstadt
6. Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Brüche mit der traditionellen literarischen Darstellung Venedigs in den Werken von Thomas Mann, Alfred Andersch und Wolfgang Koeppen. Sie analysiert, wie diese Autoren das Bild Venedigs in der Literatur des 20. Jahrhunderts neu definieren und welche intertextuellen Zusammenhänge dabei eine Rolle spielen.
- Wandel des Venedig-Bildes: Von der romantischen Kulisse zur existentiellen Erfahrung.
- Die Rolle des Reisenden: Kontrast zwischen klassischem Bildungsreisenden und modernem Touristen.
- Intertextualität: Auseinandersetzung mit literarischen Vorgängern und der Mythosbildung.
- Dualität der Stadt: Venedig als Ort des Eros und Thanatos, des Scheins und der Realität.
- Gesellschaftskritik: Venedig als Mikrokosmos der conditio humana.
Auszug aus dem Buch
3. Thomas Manns Tod in Venedig
Mit seinem Protagonisten Gustav von Aschenbach scheint Mann das Horazsche Postulat: „Der Reisende wechselt nur den Himmel über sich, nicht seine Seele“ widerlegen zu wollen. Dass dieser seelische Wandel sich in und um Venedig vollzieht, ist kein Zufall. Während man berechtigterweise argumentieren könnte, dass der Schauplatz der wichtigsten Ereignisse der Novelle der Lido ist, der nicht unmittelbar zu Venedig gehört, sowie dass die meisten Akteure der Novelle keine Venezianer sind, lässt sich nicht leugnen, dass Venedig als Konzept von zentraler Bedeutung für die Auslegung des Texts ist. Darauf deutet schon seine namentliche Erwähnung im Titel hin. Mann wird kaum diese „(…) herrliche Stadt! Eine Stadt von unwiderstehlicher Anziehungskraft für den Gebildeten, ihrer Geschichte sowohl wie ihrer gegenwärtigen Reize wegen“ als Kulisse für das Geschehen und als namensgebenden Schauplatz gewählt haben, ohne diese Gründe berücksichtigt zu haben.
Gerade die Nähe des mondänen Badeorts Lido zu San Marco, einer der wichtigsten Kulturstätten der Welt, ermöglicht es dem Autor den oft hervorgehobenen Kontrast zwischen dem Apollinischen und Dionysischen topographisch zu widerspiegeln.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einführung: Das Kapitel führt in die literarische Tradition des Venedig-Mythos ein und erläutert die Absicht, den Bruch mit dieser Tradition in den Werken von Mann, Andersch und Koeppen zu untersuchen.
2. Das Venedigbild in der Literatur: Hier werden zentrale Motive und Topoi der Venedig-Literatur, wie die Stadt als Labyrinth oder als Ort der Liebe und des Todes, erörtert.
3. Thomas Manns Tod in Venedig: Das Kapitel analysiert den Wandel Aschenbachs vom Bildungsreisenden zum Touristen und die Symbolik Venedigs in Bezug auf Eros und Thanatos.
4. Alfred Anderschs Die Rote: Hier wird der antitouristische Ansatz des Romans und die Darstellung eines sozialen, jenseits der Klischees liegenden Venedigs beleuchtet.
5. Wolfgang Koeppen: Ich bin gern in Venedig warum: Dieses Kapitel behandelt den Reisebericht als moderne Form der Auseinandersetzung mit der Stadt, geprägt durch intertextuelle Verweise und historische Reflexion.
6. Schlussbetrachtung: Das Fazit zieht eine Synthese aus den Analysen und bestätigt die Etablierung einer "neuen Tradition" in der literarischen Darstellung Venedigs im 20. Jahrhundert.
Schlüsselwörter
Venedig, Literatur, Mythos, Thomas Mann, Alfred Andersch, Wolfgang Koeppen, Tourismus, Intertextualität, Moderne, Postmoderne, Bildungsreise, Identität, conditio humana, Topographie, Realismus.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit befasst sich mit der literarischen Tradition des Venedig-Bildes und untersucht, wie drei Autoren des 20. Jahrhunderts – Thomas Mann, Alfred Andersch und Wolfgang Koeppen – mit dieser Tradition brechen und sie weiterentwickeln.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Zentrale Themen sind die Entwicklung des Tourismus, das Verhältnis zwischen Tradition und Moderne, die Rolle des Reisenden sowie die städtebauliche und historische Symbolik Venedigs.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die Brüche und Fortschreibungen des literarischen Venedig-Bildes aufzuzeigen und neue Einsichten zur Bedeutung der Stadt in der Literatur des 20. Jahrhunderts zu gewinnen.
Welche wissenschaftliche Methode wird angewendet?
Die Arbeit basiert auf einer literaturwissenschaftlichen Textanalyse, die intertextuelle Verweise untersucht und die Werke im Kontext der bestehenden Venedig-Rezeption interpretiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in drei große Analysen zu den spezifischen Werken: Thomas Manns "Tod in Venedig", Alfred Anderschs "Die Rote" und Wolfgang Koeppens Reisebericht "Ich bin gern in Venedig warum".
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Die zentralen Begriffe umfassen Venedig als literarischen Mythos, intertextuelle Landschaft, den Wandel des Reisenden vom Intellektuellen zum Touristen sowie die existenzielle Bedeutung der Stadt.
Wie unterscheidet sich Koeppens Ansatz von dem der anderen Autoren?
Koeppens Werk wird als Reisebericht analysiert, der sich offener und direkter mit literarischen Vorgängern und der historischen Realität der Stadt auseinandersetzt als die Novelle oder der Roman der anderen Autoren.
Welche Rolle spielen Nebenfiguren wie Tadzio oder O'Malley?
Diese Figuren fungieren oft als Symbole für das Fremde, das Triebhafte oder das Unbehagen, die den Protagonisten in ihrem Umgang mit der Stadt und ihrer eigenen Identität spiegeln oder herausfordern.
Was schlussfolgert die Arbeit hinsichtlich der Venedig-Literatur?
Die Arbeit kommt zu dem Schluss, dass Venedig trotz der "zu Tode interpretierten" Tradition aufgrund seiner komplexen Topographie und Geschichte ein fruchtbarer Ort für neue literarische Herangehensweisen bleibt.
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- Brendan Bleheen (Author), 2004, Wir sind gern in Venedig, warum?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/82799