Durch imitatio zu aemulatio

Wege der Martialrezeption in den Epigrammen Friedrichs von Logau


Seminararbeit, 2007
13 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Vorbemerkungen

2. Drei Beispiele der Martialrezeption bei Logau
2.1. »Tisch-Freundschafft« - eine Martialübersetzung
2.2. »Auff Technicum« - Logau im Wettstreit mit Martial
2.3. »Auff Umbriam« - Martial als Folie der Originalität

3. Fazit

4. Literaturverzeichnis

1. Vorbemerkungen

Jst in meinem Buche was / das mir gaben andre Leute

Jst das meiste doch wol mein / und nicht alles fremde Beute /

Iedem / der das seine kennet / geb ich willig seines hin,

Weiß wol / daß ich ueber manches dennoch Eigner bleib und bin; Zwar ich geb auch gerne zu / daß das meine böses heisse, Gar genug! wann fremdes Gut recht zu brauchen ich mich fleisse.

Dieses Gedicht1 zeigt den schlesischen Barockepigrammatiker Friedrich von Logau bei der Reflexion über die eigene Haltung zu Fragen der Intertextualität seines Werkes. Er bekennt freimütig, dass neben eigener Leistung auch Anregungen »andre[r] Leute« zu finden sind, verräterisch jedoch wird es, wenn die eigene Leistung, »das meiste«, im vierten Vers zu »manches« wird. Er deutet an, dass er sich bei der inventio des Stoffes für seine Epigramme bei so manch anderem Dichter bedient hat und das bestätigt auch die Logauforschung2. Dabei fallen aus gattungsinterner Sicht immer wieder der Name Owen und der des römischen Epigrammklassikers Martial. Neben vielen Texten des Engländers sind in Logaus Sammlung auch zahlreiche Epigramme, die direkt auf Martial zurückgehen, vertreten. Eine - sicherlich unvollständige - Liste einiger von Martial angeregter Epigramme findet sich bei Levy3. In seiner Einleitung macht er deutlich, dass »Logau [...] verhältnismäßig so wenig von Martial abhängig [ist], dass sich das Gesamtbild [...] dadurch nicht verändert«. Daraus lässt sich natürlich nicht - wie Fritzmann4, die es in ihrer Dissertation geradezu darauf abgesehen hat, die Originalität Logaus zu beweisen, es tut - ableiten, dass der Martialeinfluss auf Logau gering gewesen wäre, im Gegenteil: Martial ist, wenn nicht direkt, so doch über die Vermittlung der Epigrammpoetik und -poeten wie Owen stets bei Logau lebendig und sichtbar, auch in Fällen, bei denen kein spezifischer Prätext bestimmbar ist.

Auffallend an Levys Liste ist, dass es sich bei den von ihm genannten Beispielen neben einigen poetologischen Gedichten, die sich mit den Hauptgedanken der Poetik Martials und der Epigrammtradition überhaupt5 auseinandersetzen, vor allem um typensatirische Epigramme handelt. Sie machen in ihrer Gesamtheit nicht nur einen beträchtlichen Teil der Epigrammatik Logaus aus6, sondern scheinen also auch besonders intensiv von Logau genutzt worden zu sein, um nicht nur durch Typen und Topoi der von Martial ausgehenden Epigrammatik, sondern durch konkrete Rekurrenzen auf einzelne, spezifische Martialgedichte Intertextualität herzustellen und sich in die Tradition Martials zu stellen.

Ohne bei der Erkenntnis, dass dieses oder jenes Gedicht direkt oder indirekt von Martial abhängig ist, stehen zu bleiben, d.h. bei der eigentlichen Untersuchung der Quellen und Bezüge der Logauschen Epigrammatik, soll diese Arbeit durch intensive Interpretation dreier typensatirischer Epigrammpaare7 untersuchen, welche Bandbreite von Mitteln und Möglichkeiten, d.h. poetischen Techniken, Logau nutzt, um den Martialtext für seine Zeit und seine Dichtung zu aktualisieren. Leitfragen werden bei jedem Paar sein: Wie stellt Logau intertextuelle Bezüge her, d.h. wie funktioniert die poetische Auseinandersetzung mit Martial? Welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede stellen einen Dialog zwischen Text und Prätext her? Welche Intentionen lassen sich aus Logaus Dichtung ableiten? Will er Martial übersetzen und kopieren oder versucht er, ihn zu überbieten? Wenn Letzeres, mit welchen Mitteln versucht er, dies zu erreichen?

2. Drei Beispiele der Martialrezeption bei Logau

2.1. »Tisch-Freundschafft« - eine Martialübersetzung

Das vierzehnte Epigramm des neunten Martialbuches ist ein für Martial typisches cenaGedicht, das den Leser in die Welt der reich ausgestatteten Gelage der Stadt Rom des 1. Jh. n. Chr. entführt:

Hunc, quem mensa tibi, quem cena paravit amicum, Esse putas fidae pectus amicitiae?

Aprum amat et mullos et sumen et ostrea, non te. Tam bene si cenem, noster amicus erit.8

Thema des Gedichtes ist die - auch heute sicherlich noch bekannte - Art von »Freundschaft«, die der großzügige Gastgeber bei den Gästen erwerben kann, die seine Festivität nicht vorrangig wegen des Gastgebers oder gar aus Freundschaft zu diesem besuchen, sondern vor allem des guten Essens wegen, oder weil es eben etwas umsonst gibt. »Partytourismus« im Kleinen war also schon der Antike nicht fremd. Logau übernimmt diesen Gedanken für seine auch als solche markierte9 Übersetzung »Tisch-Freundschafft« (1,8,30) und es ist augenscheinlich, dass er sich möglichst nahe an der Vorlage zu orientieren sucht:

VErmeinstu wol/ daß der ein treues Hertze sey

Den dir zum Freunde macht dein offte Gasterey?

Dein Austern liebt er nur/ dein Wilbrät10 / gar nicht dich; Auch mein Freund würd er bald / wann so wie du/ lebt ich.

Logaus Gedicht ist abgesehen von Metrum und Reim vom Gedankengang her eine exakte Nachbildung des Originals. Wie dort folgt auf die rhetorische Frage an die Adresse des Gastgebers, ob er seinen anonymen Gast für einen wahren Freund hält, die kurze Beschreibung des Verhaltens des »Gastfreundes« und des tatsächlichen Grundes seines Kommens. In beiden Fällen wird die Erwartung des Lesers, der das Gedicht bis einschließlich des dritten Verses für ein typensatirisches Gedicht auf den Gast halten muss, jäh durch den letzten Vers enttäuscht. Die Pointe ist, dass im Gegenteil der Gastgeber derjenige ist, der ein solches Verhalten provoziert, die Invektive richtet sich gegen den Prunk des Gelages, dem sich das Dichter-Ich in beiden Beispielen in einem Gestus der affektierten Bescheidenheit sowohl ein wenig neidisch als auch ablehnend gegenüber sieht.

Vor allem jedoch auf der Ebene der elocutio lassen sich Unterschiede erkennen, die zeigen, wie Logau mit seiner Vorlage umgeht: das Hendiadyoin des ersten Verses, mensa und cena löst er auf und ersetzt es durch »offte Gasterey«11 und die Enallage pectus fidae amicitiae12 wird zu »treues Hertze«. Der Umgang mit den von Martial vorgegebenen rhetorischen Figuren zeigt, dass Logau diese als solche erkennt, aber auch, dass er in diesem Falle bemüht ist, diese sinngemäß und nicht als Figuren an sich wiederzugeben. Weiterhin fällt auf, dass Logau die polysyndetische Reihung der Speisen, die Martial nutzt, um den Reichtum und die Fülle des Gelages zu skizzieren um zwei Glieder kürzt; während Martial genüsslich von einer Delikatesse13 zur nächsten springt, beschränkt sich Logau auf Wildfleisch und Austern. Es scheint, als wollte Logau hier den etwas ungewöhnlicheren Fisch und vor allem das zu Logaus Zeit wahrscheinlich nicht mehr als Delikatesse gebräuchliche Saueuter gezielt vermeiden, um das Epigramm dem Zeitgeschmack anzupassen. Fritzmann scheint dies zu meinen, wenn sie - freilich ohne weitere Begründung - schreibt: »retaining the original almost verbatim, Logau is able to leave his individual imprint on the epigram«14.

Und nicht nur das. Durch die Kürzung erfüllt er zusätzlich das epigrammatische Stilideal der brevitas, aber nur dort, wo es dem Sinn und der Qualität der Übersetzung nicht abträglich, sondern zuträglich ist. In der Pointe wird besonders deutlich, dass es Logau auf eine sinngemäße, nicht auf eine sklavische Übersetzung des Originals ankommt. Während Martial es lediglich auf den durch den parasitären Gast verkörperten Nachteil eines überladenen Gelages abgesehen hat, kritisiert Logau explizit den Lebensstil des Gastgebers, indem er einerseits Haupt- und Nebensatz des Originals vertauscht und damit den eigentlich überraschenden Teil, der bei Martial vor dem Schluss eher beiläufig erscheint, pointiert an den Schluss setzt, andererseits Martials »wenn ich so gut äße« durch »wann so wie du/ lebt ich« ersetzt. Damit erweitert er das Bedeutungsspektrum der Pointe und des gesamten Gedichts auf den mit den Gelagen verbundenen Charakter des Gastgebers und seinen Lebensweg. Er erhält so auch die Chance, den bei Martial angelegten Vergleich zwischen dem armen Dichter-Ich und dem reichen Gastgeber noch einmal dadurch, dass er ihn mit »so wie du« betont ausspricht, zuzuspitzen.

Zusammenfassend lässt sich an diesem Beispiel feststellen, dass Logau bei seiner Übersetzungstätigkeit bemüht ist, den Sinn des Vorbildes möglichst genau zu erfassen und sein bemerkenswertes Verständnis des Texte wiederzugeben, dabei jedoch auf typisches, aber unnötiges Kolorit verzichtet und versucht, die Pointierung des Originals im Sinne einer argutia-Leistung noch zu erhöhen, so dass eine wirklich gelungene Übersetzung, die nicht bloß Nachbildung ist, entsteht.

[...]


1 »Von meinem Buche« Logau 2,7,98; der Text, wie alle weiteren Logaus, stammt aus dem Nachdruck der Ausgabe Breslau 1654 (siehe Literaturverzeichnis). Die Textgestalt ist - abgesehen von Fraktur, Umlauten und offensichtlichen Malheurs bei der Drucklegung - beibehalten.

2 Denker (1889) leistete Pionierarbeit bei der Auffindung von Referenztexten; heute ist klar, dass, wie Althaus (2006) 47 betont, v.a. »das Sammelschrifttum der Zeit [...] Fundus« für Logaus Epigramme war.

3 Levy (1903) 108f.

4 Fritzmann (1983) 85f.

5 Palme (1998) 34-71 zeigt, dass ein Großteil der poetologischen Gedichte, die im Allgemeinen genutzt werden, um das Selbstverständnis Logaus als Dichter zu bestimmen, schon längst, d.h. auch schon in der Antike, topisch gewesen sind und kommt zu folgendem Schluss: »Allein aus den Epigrammen je- doch eine poetologische Position, womöglich gar eine Sonderstellung rekonstruieren zu wollen, muß aufgrund der Unterschätzung der Virulenz gattunginterner Topoi und Traditionen scheitern«. Umso wichtiger erscheint mir eine Untersuchung wie diese, die sich gerade nicht mit den poetologischen be- fasst, sondern mit den Gedichten, die keine explizite poetologische Aussage treffen, aber zeigen kön- nen, ob diese Topoi nur Teil eines arguten Spiels sind oder tatsächlich Bedeutung für die Epigramme Logaus besitzen. Ein Kommentar zu Logaus Epigrammatik, der die Einzelgedichte unter motiv- und gattungsgeschichtlicher Hinsicht untersucht, wird ob der Fülle des Logauschen Werks wohl auf lange Zeit ein Desiderat bleiben.

6 Palme (2006) 402 spricht von 23,4% der Gesamtzahl der Logauschen Epigramme, d.h. 832 typensatiri- schen Epigrammen.

7 Der Martialtext folgt der Teubnerausgabe hrsg. von Shackleton Bailey, Stuttgart 1990 (siehe Literatur- verzeichnis).

8 Übersetzung: Glaubst du, dass er, den der Tisch, den das Mahl dir zum Freund gemacht hat, in seiner Brust treue Freundschaft hegt? Eber, Rotbart, Austern und Saueuter liebt er, dich nicht. Mein Freund würd' er sogleich, speiste ich ebenso gut.

9 Neben dem Titel steht in der Ausgabe von 1654 »Martial.«, vgl. Fritzmann (1983) 90 mit weiteren Bele- gen.

10 In der Ausgabe steht an dieser Stelle »Pilprät«, gemeint ist sicherlich »Wilprät«, also Fleisch vom Wild.

11 Logau bereitet dadurch, dass er durch das bei Martial nicht vorgegebene Epitheton »oft« den Eindruck der Regelmäßigkeit, in der der Gastgeber zu Gelagen lädt, erweckt, die eigentliche Pointe, die Kritik am Lebensstil (vgl. den letzten Vers »wann so wie du/ lebt [sic!] ich«) des Gastgebers vor.

12 Horaz schreibt z.B. Od. 2,12,16 fidum pectus, nicht die Freundschaft als solche ist treu, sondern das Herz des Gastes - bzw. wenn man pectus als pars pro toto auffasst, die Person des Gastes, so nennen wir einen treuen Freund heute auch noch eine »treue Seele«.

13 Austern, Fisch und Saueuter z.B. auch Mart. 11,52,13f.; das für uns etwas befremdliche Saueuter als Delikatesse z.B. auch bei Petron neben minderwertigeren Speisen in der cena Trimalchionis 36,2ff., die vier Rezepte im Kochbuch des Apicius 4,2,14-15; 7,2,1-2 zeigen uns mögliche Zubereitungsarten der Euter.

14 Fritzmann (1983) 91.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Durch imitatio zu aemulatio
Untertitel
Wege der Martialrezeption in den Epigrammen Friedrichs von Logau
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg  (Deutsches Seminar II)
Veranstaltung
Barocklyrik
Note
1,3
Autor
Jahr
2007
Seiten
13
Katalognummer
V82883
ISBN (eBook)
9783638898546
Dateigröße
399 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Durch, Barocklyrik
Arbeit zitieren
Robert Igel (Autor), 2007, Durch imitatio zu aemulatio, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/82883

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