Legitimationsstrategien im RAF-Text "Das Konzept Stadtguerilla"


Hausarbeit, 2007

24 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Sender: RAF / Empfänger: RAF

2. „Herrschende Öffentlichkeit ist die Öffentlichkeit der Herrschenden“ – Merkmale einer Gegenöffentlichkeit

3. Terroristische Topoi

4. Internationale Intertexte

5. Entmythologisierung der Zwangsläufigkeit

6. Bibliographie

1. Sender: RAF / Empfänger: RAF

„Ursachenforschung dreht sich im Kreise.

Das System ist dann seine eigene beste Erklärung –

und es kommt deshalb alles darauf an, es zu begreifen.“[1]

Anfang des Jahres 1972 schickt Andreas Baader einen mit seinem Fingerabdruck unterzeichneten Brief an die deutsche Presseagentur mit folgenden Sätzen:

Die Stärke der Guerillas ist die Entschlossenheit jedes einzelnen von uns. Wir sind nicht auf der Flucht. Wir sind hier, um den bewaffneten Widerstand gegen die bestehende Eigentumsordnung und die fortschreitende Ausbeutung des Volkes zu organisieren.[2]

Kurz zuvor hatte die „Bild-Zeitung“ gemeldet, dass sich der Top-Terrorist Baader der Polizei stellen wolle. Diese Ente veranlasste wohl Baader zum Schreiben des Briefs, der durch den Multiplikationseffekt der Presseagentur die gesamte deutsche Öffentlichkeit erreichte. Gleichzeitig erreichte das Schreiben aber auch diejenigen, die sich vom innergesellschaftlichen Diskurs abgespalten hatten: die Mitglieder der Roten Armee Fraktion (RAF). Somit schafft der Brief einen von der herrschenden Meinungsbildung abweichenden Publizitätseffekt, der die potentiellen Zweifel der über das Bundesgebiet verstreuten RAF-Mitglieder an der Richtigkeit der Zeitungsmeldung ausräumt und Klarheit schafft. Der Fingerabdruck als höchstes Zeichen der Authentizität des Dokumentes[3] bekräftigt den knapp zwei Jahre zuvor aufgerissenen Graben zwischen der RAF und der Gesellschaft und somit dem Staat. Gleichzeitig wird durch diese Form der Aufmerksamkeitserzeugung der Zusammenhalt innerhalb der Gruppe und ihre Konfliktstellung zum Rest der Gesellschaft gestärkt, da die bereits eingenommene Position aktualisiert und, im konkreten Fall hier, das „Wir“ und die „Entschlossenheit“ zum Kampf beschworen werden.

Die Strategie, durch selbst publizierte Texte eine Gegenöffentlichkeit herzustellen, ist zu diesem Zeitpunkt, wenige Monate vor der Verhaftung der „ersten Generation“ der RAF, nicht mehr neu. Die terroristische Organisation verfasste zwischen Mai 1970 und April 1972 insgesamt vier Positionspapiere[4], in denen sie zu ihren Zielen, ihren Methoden und zu gesellschaftlichen Zuständen Stellung nahm. Während das erste[5] davon ausschließlich einen Kommunikationsabbruch mit den „Genossen“ vollzieht, so versucht der im April 1971 veröffentlichte Text Das Konzept Stadtguerilla verstärkt einen Gegendiskurs mit dem Gegenstand „RAF“ zu eröffnen. Elf Monate nach der Befreiung von Andreas Baader aus der Haft, die zum Beispiel für Ulrike Meinhof mit dem Eintritt in die Illegalität verbunden war[6], äußert sich die Gruppe hier zum ersten Mal ausführlich zu ihrer Funktionslogik und ihren Zielen. Sind die Taten im Jahr eins der RAF noch von einer undogmatischen Spontaneität gekennzeichnet, die allein dem praktischen Überleben im Untergrund dienen, so erhält die RAF durch die Veröffentlichung dieses Textes endgültig die Qualität einer terroristischen Organisation. Denn zu deren Kennzeichen zählen, dass sie „sich sowohl der ‚Propaganda der Tat’ als auch der ‚Propaganda des Wortes’“[7] bedient. Begreift man das Phänomen Terrorismus also als Kommunikationsstrategie verbunden mit physischer Gewalt[8], dann stellen sich mehrere Fragen: An wen richten sich die Taten und Texte? Wer ist der Adressat der Botschaft und welchen Zweck hat diese?

Die RAF als „sozialrevolutionär orientierte Terroristen [kennzeichnet] dabei eine tendenzielle Distanzierung von der eigenen Herkunftsgruppe und der Bezug auf eine Drittgruppe, in deren Namen sie ihren Kampf zu führen beanspruchen.“[9] In diesem Fall, so führt Stefan Malthaner weiter aus,

richteten sie sich in ihren zahlreichen, aufwendigen Erklärungen zum einen an ‚das Volk’ und die ‚proletarischen Massen’ der Bundesrepublik sowie zum anderen an die ‚unterdrückten Völker’ oder Befreiungsbewegungen der Dritten Welt.[10]

In dieser Typologie des Terrorismus ist eine solche Ausrichtung der Ideologie auf eine Drittgruppe stimmig, allerdings blendet diese einseitige Fokussierung und Adressierung der Texte eine entscheidende Funktion der sozialrevolutionären Ideologiebildung aus, die im Falle der RAF im Folgenden genauer zu beleuchten sein wird. In einer vom Bundesinnenministerium in Auftrag gegebenen Analyse kommen die Autoren bereits 1981 zu dem Schluss, dass „die Ideologie [ ] nicht zuletzt dazu gedient [habe], die RAF gegenüber einer kritisch- nüchternen Realitätswahrnehmung, die ihre Strategie in Frage stellte, zu ‚immunisieren’.“[11] Unterstellt man den Erklärungen der RAF die Funktion einer Anästhesierung der kritischen Vernunft, dann können dieselben unmöglich nur an die ausgesuchte Drittgruppe adressiert sein. Denn „das Volk“ oder die „proletarischen Massen“ galt es schließlich nicht zu immunisieren, sondern für die eigene Sache zu sensibilisieren. Der nach 1972 immer deutlicher sich abzeichnende Prozess der „Selbstfixierung“[12] der RAF findet sich bereits vom dem Moment an, in dem durch Das Konzept Stadtguerilla die terroristische Qualität der Gruppe hervortritt, in Form der partiellen Selbstadressierung des Textes wieder. Dieses erste Positionspapier der RAF, dem man zwar noch „Rudimente eines analytischen Zugriffs auf Verhältnisse“[13] zubilligen kann, unternimmt unter der Bedingung einer Schaffung von Gegenöffentlichkeit eine Selbstlegitimation der terroristischen Strategie der RAF. Das Konzept Stadtguerilla ist also

nicht dafür gedacht, noch Unentschlossene für die Bewegung zu gewinnen, sondern nach der bereits getroffenen Entscheidung für den Untergrund dieses Schritt zu rechtfertigen und unwiderruflich zu machen.[14]

Die These, dass sich die RAF mit diesem Text selbst legitimiert, soll im Folgenden anhand von drei verschiedenen Aspekten belegt werden[15]. Für diese Strategie ist erstens die Erzeugung von Gegenöffentlichkeit zur Positionierung im gesellschaftlichen Diskurs die Vorraussetzung, deren im Text manifestierte Merkmale herausgearbeitet werden sollen. Zweitens gilt es diejenigen Topoi aufzufinden, die das terroristische Handeln zu rechtfertigen versuchen und in einem letzten Schritt sollen die Intertexte, hauptsächlich in Form von Zitaten, im Hinblick auf das Phantasma einer internationalen Befreiungsbewegung hin untersucht werden. Die Intertexte würden damit durch die internationale Kontextualisierung die imaginierte Zwangsläufigkeit des bewaffneten Kampfes unterstreichen und damit gleichsam als Legitimationsstrategie fungieren. Somit weist Das Konzept Stadtguerilla als erste längere Erklärung der RAF bereits die Spuren der Selbstfixierung auf, die nach der Verhaftung der „ersten Generation“ Diskurs bestimmend werden sollten.

[...]


[1] Friedhelm Neidhardt: Über Zufall, Eigendynamik und Institutionalisierbarkeit absurder Prozesse. Notizen am Beispiel einer terroristischen Gruppe, in: H. v. Aleman, H. P. Thurn (Hgg.): Soziologie in weltbürgerlicher Absicht. Festschrift für René König, Opladen 1981, S. 244.

[2] Zit. nach: Stefan Aust: Der Baader-Meinhof Komplex, München 1998, S. 228.

[3] Vgl. Almut Todorow: Inszenierungen der Glaubwürdigkeit. Massenmediale Rhetorik zwischen Faktizitätsanspruch und Kontingenz, in: Stefan Metzger, Wolfgang Rapp (Hgg.): homo inveniens. Heuristik und Anthropologie am Modell der Rhetorik, Tübingen 2003, S. 241: Gleichzeitig befördert der Fingerabdruck die Glaubwürdigkeit des Dokumentes, denn diese bevorzugt „je nach dem Kontext [ ] das durch Authentizität und Kompetenz Gesicherte“.

[4] Hinzu kommen fünf Erklärungen im Mai 1972, die sich jedoch unmittelbar auf Anschläge beziehen und damit die propagandistische Funktion der Tat ergänzen. Die Positionspapiere dagegen besitzen aufgrund ihres Umfangs und ihres scheinbar analytischen Duktus eine andere Qualität. Alle Texte sind nachzulesen in Martin Hoffmann (Hg.): Rote Armee Fraktion. Texte und Materialien zur Geschichte der RAF, Berlin 1997.

[5] Kollektiv RAF: Die Rote Armee aufbauen. Erklärung zur Befreiung Andreas Baaders vom 5. Juni 1970, in: Ebd. S. 24-26.

[6] Dieser Schritt entbehrt jedoch einer bewussten Entscheidung und einer theoretischen Reflexion, wie das im Nachhinein die RAF darzustellen versuchte, vgl. Marisa Elena Rossi: Untergrund und Revolution. Der ungelöste Widerspruch für Brigate Rosse und Rote Armee Fraktion, Zürich 1993, S. 38: „Das Untertauchen ist für die meisten zu dieser Zeit noch keine Entscheidung für den Kampf, sondern ein Versuch, die Freiheit zu wahren.“

[7] Andreas Elter: Die RAF und die Medien. Ein Fallbeispiel für terroristische Kommunikation, in: Wolfgang Kraushaar (Hg.): Die RAF und der linke Terrorismus, Hamburg 2006, Bd. 2, S. 1064.

[8] Vgl. ebd. S. 1060, oder Peter Waldmann: Terrorismus. Provokation der Macht, München 1998, S. 13. Waldmann sieht im Terrorismus sogar „primär“ eine Kommunikationsstrategie.

[9] Stefan Malthaner: Terroristische Bewegungen und ihre Bezugsgruppe. Anvisierte Sympathisanten und tatsächliche Unterstützer, in: Peter Waldmann (Hg.): Determinanten des Terrorismus, Weilerswist 2005, S. 99.

[10] Ebd. S. 99.

[11] Heinrich- W. Krumwiede: Ursachen des Terrorismus, in: Peter Waldmann (Hg.): Determinanten des Terrorismus, Weilerswist 2005, S. 42. Zur Studie des Bundesinnenministeriums: Iring Fletscher, Herfried Münkler, Hannelore Ludwig: Ideologien der Terroristen in der Bundesrepublik Deutschland, in: I. Fletscher, G. Rohrmoser u. a. (Hgg.): Ideologien und Strategien, Bd. 1 Analysen des Terrorismus, Opladen 1981, S. 16-271.

[12] Vgl. Heinrich- W. Krumwiede: Ursachen des Terrorismus, a. a. O., S. 43: „Und die Entwicklungstendenz von Terrororganisationen zum fortschreitenden Wirklichkeitsverlust, zunehmender Isolierung und Selbstfixierung wird am Beispiel der RAF in gewissermaßen ‚idealtypischer Reinheit’ sichtbar.“

[13] Klaus Theweleit: Bemerkungen zum RAF-Gespenst. ‚Abstrakter Radikalismus’ und Kunst, in: Ders.: Ghosts. Drei leicht inkorrekte Vorträge, Frankfurt a. M., Basel 1998, S. 51f.

[14] Peter Waldmann: Terrorismus, a. a. O., S. 169.

[15] Nicht berücksichtigt werden hier die Legitimationsstrategien durch Diskursformationen in der Mitte der 70er Jahre, wie z. B. durch die Deutung des Terrorismus als bürgerkriegsähnlichen Zustand, vgl. Andreas Musolff: Terrorismus im öffentlichen Diskurs der BRD: Seine Deutung als Kriegsgeschehen und die Folgen, in: Klaus Weinhauer u. a. (Hgg.): Terrorismus in der Bundesrepublik. Medien, Staat und Subkulturen in den 1970er Jahren, Frankfurt a. M. 2006, S. 302-319.

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Legitimationsstrategien im RAF-Text "Das Konzept Stadtguerilla"
Hochschule
Universität Konstanz  (Fachbereich Literaturwissenschaft)
Veranstaltung
Das Private ist politisch - Literatur der 68er
Note
1,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
24
Katalognummer
V82917
ISBN (eBook)
9783638909501
ISBN (Buch)
9783638909532
Dateigröße
501 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Arbeit versucht die rethorischen Strategien im ersten ausführlichen Positionspapier der RAF aufzudecken. Dabei wird verstärkt darauf eingegangen, wie sich die Kommunikation nicht nur an eine interessierte Öffentlichkeit wendet, sondern wie versucht wird, die Entscheidung für den bewaffneten Kampf für die eigenen Mitglieder zu rechtfertigen.
Schlagworte
Legitimationsstrategien, RAF-Text, Konzept, Stadtguerilla, Private, Literatur
Arbeit zitieren
Frank Dersch (Autor), 2007, Legitimationsstrategien im RAF-Text "Das Konzept Stadtguerilla", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/82917

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