Die Arbeit geht von der These, dass sich die RAF mit dem Text "Das Konzept Stadtguerilla" argumentativ versucht, die Entscheidung für den bewaffneten Kampf gegenüber den eigenen Mitgliedern zu legitimieren. Dies soll im Folgenden anhand von drei verschiedenen Aspekten belegt werden. Für diese Strategie ist erstens die Erzeugung von Gegenöffentlichkeit zur Positionierung im gesellschaftlichen Diskurs die Vorraussetzung, deren im Text manifestierte Merkmale herausgearbeitet werden sollen. Zweitens gilt es diejenigen Topoi aufzufinden, die das terroristische Handeln zu rechtfertigen versuchen und in einem letzten Schritt sollen die Intertexte, hauptsächlich in Form von Zitaten, im Hinblick auf das Phantasma einer internationalen Befreiungsbewegung hin untersucht werden. Die Intertexte würden damit durch die internationale Kontextualisierung die imaginierte Zwangsläufigkeit des bewaffneten Kampfes unterstreichen und damit gleichsam als Legitimationsstrategie fungieren. Somit würde "Das Konzept Stadtguerilla" als erste längere Erklärung der RAF bereits die Spuren der Selbstfixierung aufweisen, die nach der Verhaftung der „ersten Generation“ Diskurs bestimmend werden sollten.
Inhaltsverzeichnis
1. Sender: RAF / Empfänger: RAF
2. „Herrschende Öffentlichkeit ist die Öffentlichkeit der Herrschenden“ – Merkmale einer Gegenöffentlichkeit
3. Terroristische Topoi
4. Internationale Intertexte
5. Entmythologisierung der Zwangsläufigkeit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die rhetorischen Legitimationsstrategien der Roten Armee Fraktion (RAF) anhand des Textes „Das Konzept Stadtguerilla“. Ziel ist es aufzuzeigen, wie die Organisation durch den Aufbau einer Gegenöffentlichkeit, die gezielte Nutzung bestimmter Topoi und den Rückgriff auf internationale Intertexte eine vermeintliche Zwangsläufigkeit des bewaffneten Kampfes konstruiert, um ihre Mitglieder ideologisch zu binden und in ihrer terroristischen Praxis zu bestärken.
- Analyse der Herstellung einer RAF-eigenen Gegenöffentlichkeit.
- Untersuchung der argumentativen Schließung des Diskurses durch die RAF.
- Identifikation und Dekonstruktion der verwendeten terroristischen Topoi.
- Untersuchung der Funktion internationaler Intertexte als Legitimationsbasis.
- Herausarbeitung der Selbstfixierung der RAF als rhetorische Aufwertung ihrer ideologischen Schwäche.
Auszug aus dem Buch
1. Sender: RAF / Empfänger: RAF
Anfang des Jahres 1972 schickt Andreas Baader einen mit seinem Fingerabdruck unterzeichneten Brief an die deutsche Presseagentur mit folgenden Sätzen: Die Stärke der Guerillas ist die Entschlossenheit jedes einzelnen von uns. Wir sind nicht auf der Flucht. Wir sind hier, um den bewaffneten Widerstand gegen die bestehende Eigentumsordnung und die fortschreitende Ausbeutung des Volkes zu organisieren.
Kurz zuvor hatte die „Bild-Zeitung“ gemeldet, dass sich der Top-Terrorist Baader der Polizei stellen wolle. Diese Ente veranlasste wohl Baader zum Schreiben des Briefs, der durch den Multiplikationseffekt der Presseagentur die gesamte deutsche Öffentlichkeit erreichte. Gleichzeitig erreichte das Schreiben aber auch diejenigen, die sich vom innergesellschaftlichen Diskurs abgespalten hatten: die Mitglieder der Roten Armee Fraktion (RAF). Somit schafft der Brief einen von der herrschenden Meinungsbildung abweichenden Publizitätseffekt, der die potentiellen Zweifel der über das Bundesgebiet verstreuten RAF-Mitglieder an der Richtigkeit der Zeitungsmeldung ausräumt und Klarheit schafft. Der Fingerabdruck als höchstes Zeichen der Authentizität des Dokumentes bekräftigt den knapp zwei Jahre zuvor aufgerissenen Graben zwischen der RAF und der Gesellschaft und somit dem Staat. Gleichzeitig wird durch diese Form der Aufmerksamkeitserzeugung der Zusammenhalt innerhalb der Gruppe und ihre Konfliktstellung zum Rest der Gesellschaft gestärkt, da die bereits eingenommene Position aktualisiert und, im konkreten Fall hier, das „Wir“ und die „Entschlossenheit“ zum Kampf beschworen werden.
Die Strategie, durch selbst publizierte Texte eine Gegenöffentlichkeit herzustellen, ist zu diesem Zeitpunkt, wenige Monate vor der Verhaftung der „ersten Generation“ der RAF, nicht mehr neu. Die terroristische Organisation verfasste zwischen Mai 1970 und April 1972 insgesamt vier Positionspapiere, in denen sie zu ihren Zielen, ihren Methoden und zu gesellschaftlichen Zuständen Stellung nahm.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Sender: RAF / Empfänger: RAF: Dieses Kapitel analysiert die Funktion der RAF-eigenen Publizistik am Beispiel eines Briefes von Andreas Baader, der zur internen Identitätsstiftung und externen Abgrenzung diente.
2. „Herrschende Öffentlichkeit ist die Öffentlichkeit der Herrschenden“ – Merkmale einer Gegenöffentlichkeit: Hier wird untersucht, wie die RAF durch die bewusste Absage an bürgerliche Medien eine eigene Gegenöffentlichkeit konstruierte, um ihre Deutungshoheit zu sichern und ihre Mitglieder zu immunisieren.
3. Terroristische Topoi: Das Kapitel legt dar, wie die RAF bestimmte, aus der Studentenbewegung bekannte Topoi radikalisierte, um eine vermeintliche Notwehrsituation zu konstruieren und den bewaffneten Kampf als alternativlos darzustellen.
4. Internationale Intertexte: Es wird analysiert, wie die RAF durch die Einbindung internationaler Zitate und Konzepte (wie z.B. Marighellas Stadtguerilla-Theorie) ihre nationale terroristische Strategie in eine globale revolutionäre Tradition einzubetten versuchte.
5. Entmythologisierung der Zwangsläufigkeit: Dieses abschließende Kapitel fasst zusammen, dass die behauptete historische Zwangsläufigkeit des bewaffneten Kampfes eine rhetorische Konstruktion war, die dazu diente, die ideologische Schwäche der Gruppe zu kompensieren und eine Rückkehr in die Legalität zu verhindern.
Schlüsselwörter
RAF, Rote Armee Fraktion, Stadtguerilla, Gegenöffentlichkeit, Legitimationsstrategien, Terrorismus, Rhetorik, Ideologie, bewaffneter Kampf, Avantgarde, Intertextualität, Selbstfixierung, Studentenbewegung, Diskurs, Kommunikation.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die rhetorischen Strategien, mit denen die RAF ihre terroristischen Aktivitäten im Dokument „Das Konzept Stadtguerilla“ legitimierte.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die Herstellung einer Gegenöffentlichkeit, die Verwendung spezifischer politischer Topoi, die Bedeutung internationaler Texte für die eigene Argumentation sowie der Prozess der internen Identitätsstiftung durch Diskursabschottung.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Arbeit analysiert, wie die RAF durch sprachliche und rhetorische Mittel eine Zwangsläufigkeit ihres Handelns konstruierte, um die Mitglieder trotz ideologischer Schwächen fest an den bewaffneten Kampf zu binden.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin/der Autor nutzt eine diskursanalytische Herangehensweise, um die rhetorischen Strukturen und Argumentationsfiguren des untersuchten Quellentextes zu dekonstruieren.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung der Gegenöffentlichkeit, die Analyse zentraler Topoi sowie die Rolle internationaler Intertexte als Legitimationsbasis für die „Stadtguerilla“.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind insbesondere RAF, Stadtguerilla, Gegenöffentlichkeit, Legitimationsstrategien, Ideologiebildung und Avantgarde.
Welche Rolle spielt die „erste Generation“ der RAF in diesem Kontext?
Der Text konzentriert sich auf eine Phase kurz vor der Verhaftung der ersten Generation, in der ein hoher argumentativer Aufwand betrieben wurde, um den Untergrundkampf als notwendige Konsequenz zu etablieren.
Was bedeutet die „Immunisierung“ der RAF-Mitglieder?
Damit ist der Prozess gemeint, durch den die Organisation ihre Mitglieder mittels einer abgeschotteten Gegenöffentlichkeit vor kritischen Realitätswahrnehmungen bewahrte und so die ideologische Zustimmung sicherte.
Wie unterscheidet sich die RAF rhetorisch von der Studentenbewegung?
Während die Studentenbewegung noch auf symbolischen Protest setzte, radikalisierte die RAF diese Vorlagen und wandelte sie in ein konkretes Programm des bewaffneten Kampfes um, wobei sie die symbolische Ebene zugunsten einer praktischen Konkretion verließ.
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- Frank Dersch (Author), 2007, Legitimationsstrategien im RAF-Text "Das Konzept Stadtguerilla", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/82917