Seit dem durchschnittlichen Abschneiden der deutschen Schüler bei den letzten OECD PISA – Studie (Programme for International Student Assessment) ist man auf der Suche nach Gründen für diese Ergebnisse. In alle Himmelsrichtungen sind Bildungsforscher und Pädagogen ausgeströmt, um den Aufbau der Hierbei möchte der Autor nicht in den Chor der Kritiker der HeterogenBildungseinrichtungen sowie die unterschiedlichen Lehrpläne der vermeintlichen PISA-Bestplatzierten zu studieren. Aber auch im Inland wird nach den Ursachen der „Bildungsmisere“ gesucht. Dabei wird oft der hohe Anteil von MigrantInnen an den Schulen und in den Klassenverbänden und deren Einstellung zur Schule als Grund genannt. Dieses ist nicht unbedingt ein falsches Argument, wenn man lediglich den hohen Anteil von MigrantInnen an Haupt- und Sonderschulen auf der einen Seite und den niedrigen an Gymnasien auf der anderen betrachtet. Gleichwohl fällt in den Schulstatistiken auf, dass der relative Anteil von Schülern mit Migrationshintergrund an Gymnasium in den neuen Bundesländern höher ist als in den alten Bundesländern, respektive der niedrige Anteil von Migrantenkindern an Sonderschulen in den neuen Bundesländern . Ebenfalls zeigen die unterschiedlichen Studien, dass der Bildungserfolg von Kindern besonders an den wirtschaftlichen Erfolg der Eltern gebunden ist und daher in Anbetracht der hohen Arbeitslosenzahlen unter den verschiedenen Einwanderungsgruppen (teilweise doppelt so hoch wie bei Einheimischen), deren Kinder – entgegen der propagierten Chancengleichheit – besonders stark betroffen sind. Zudem wird die Existenz von Schülern mit Migrationshintergrund nicht als Bereicherung für alle empfunden, sondern eher als eine Belastung für das Schulsystem. In der folgenden Arbeit soll die oben genannte Tatsache, dass der relative Anteil von Migrantenkindern an Gymnasien in Ländern wie Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen und Sachsen-Anhalt fast doppelt bis viermal so hoch ist als in den anderen Ländern, untersucht werden. Welche Gründe gibt es hierfür? Liegt es an der Beschaffenheit des föderalen Schulsystems, an der unterschiedlichen Zusammensetzung des Migrantenmilieus oder ist es auf die in den alten Ländern tradierte Anwendung der „institutionellen Diskriminierung“ zurückzuführen.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Theoretischer Rahmen
2.1 Milieustruktur
2.2 Schulsystem
2.3 Institutionelle Diskriminierung
2.3.1 Begriffsklärung
2.3.2 Primärbereich
2.3.3 Sekundarbereich
3 Bildungskarrieren im Ost-West-Vergleich – eine Auswertung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Gründe für die signifikanten Unterschiede in den Bildungskarrieren von Migrantenkindern zwischen den neuen und alten Bundesländern. Dabei steht die Forschungsfrage im Mittelpunkt, ob diese Diskrepanzen auf die föderale Schulstruktur, die Zusammensetzung des Migrantenmilieus oder auf institutionelle Diskriminierung zurückzuführen sind.
- Vergleichende Analyse der Bildungserfolge in den alten und neuen Bundesländern
- Einfluss der Schulgesetzgebung und institutioneller Rahmenbedingungen
- Soziokulturelle Faktoren und deren Auswirkungen auf Bildungsinvestitionen
- Die Rolle der institutionellen Diskriminierung in Selektionsprozessen
- Sprachkompetenz und Konzentration von Migrantenkindern an einzelnen Schulstandorten
Auszug aus dem Buch
2.3 Institutionelle Diskriminierung
Wenn man davon ausgeht, dass die Erklärung für den geringen Anteil von Schülern mit Migrationshintergrund an Gymnasien in den alten Ländern der Bundesrepublik Deutschland in der mangelnden Integrationsbereitschaft der Eltern bzw. der geringen Lernbereitschaft zu suchen sind, so könnte man implizit behaupten, dass diese Menschen die schlechten Schulkarrieren selbst verschulden. Ferner wird das Bestehen von unterschiedlichen Lerneinstellung gegenüber dem deutschen Schulsystem nicht bestritten, jedoch reicht dies nicht aus, um den hohen Anteil von Migrantenkindern an Sonder- und Hauptschulen zu erklären. Geht man davon aus, dass ein Grund vielmehr in diskriminierenden Wirkungen von Praktiken zu suchen ist, die deutsche Institutionen tagtäglich als „normal“ und ohne Bewusstsein ihrer Effekte vollziehen, so entsteht ein ganz anderes Bild der Schüler ausländischer Herkunft und deren Familien.
Im Nachstehenden soll dargestellt werden, welche Folgen diskriminierende Praktiken für die schulische Laufbahn von Schülern mit Migrationshintergrund haben können.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung führt in die Problematik des Bildungsabschlusses von Migranten im Kontext der PISA-Studien ein und formuliert die zentrale Fragestellung der Untersuchung.
2 Theoretischer Rahmen: Dieser Abschnitt beleuchtet die soziokulturellen und gesetzlichen Hintergründe, die zur Erklärung von Bildungskarrieren herangezogen werden können.
2.1 Milieustruktur: Hier wird die demografische Situation der Migranten in Deutschland sowie deren soziale und bildungsrelevante Ausgangslage beschrieben.
2.2 Schulsystem: Dieses Kapitel erläutert den formalen Aufbau und die föderalen Besonderheiten des deutschen Bildungswesens.
2.3 Institutionelle Diskriminierung: Hier werden Mechanismen und Praktiken innerhalb von Institutionen analysiert, die zur Benachteiligung von Migranten beitragen könnten.
2.3.1 Begriffsklärung: Dieser Unterpunkt definiert das Konzept der institutionellen Diskriminierung im Kontext von Bildungseinrichtungen.
2.3.2 Primärbereich: Hier liegt der Fokus auf den Selektionsmechanismen während der Grundschulzeit, wie etwa der Einschulungspraxis.
2.3.3 Sekundarbereich: Dieser Teil untersucht den kritischen Übergang in weiterführende Schulformen und die Weichenstellungen für die weitere Bildungsbiografie.
3 Bildungskarrieren im Ost-West-Vergleich – eine Auswertung: Das abschließende Kapitel analysiert die regionalen Unterschiede zwischen den neuen und alten Bundesländern hinsichtlich der Integration und der schulischen Erfolgschancen.
Schlüsselwörter
Bildungskarriere, Migrationshintergrund, PISA, Institutionelle Diskriminierung, Schulsystem, Ost-West-Vergleich, Chancengleichheit, Soziale Herkunft, Humankapitaltheorie, Segregation, Sprachkompetenz, Selektionsverfahren, Bildungsbeteiligung, Schulpolitik, Integration
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit den Ursachen für ungleiche Bildungschancen von Migrantenkindern in Deutschland und vergleicht dabei die Situation in den neuen und alten Bundesländern.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die zentralen Themen sind das deutsche Schulsystem, die Auswirkungen soziokultureller Milieus, die Rolle von institutioneller Diskriminierung und der Einfluss der regionalen Schulpolitik auf die Bildungslaufbahn.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es, die Gründe für den höheren relativen Anteil von Migrantenkindern an Gymnasien in den neuen Bundesländern im Vergleich zu den alten zu analysieren und zu prüfen, inwieweit dies mit strukturellen Faktoren korreliert.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine vergleichende Analyse auf Basis vorhandener Statistiken und einer Literaturstudie zu soziologischen Ansätzen der Bildungsforschung.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die theoretischen Rahmenbedingungen, das deutsche Schulsystem, das Konzept der institutionellen Diskriminierung sowie die spezifischen Bedingungen im Primär- und Sekundarbereich.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen zählen Bildungskarriere, Migrationshintergrund, institutionelle Diskriminierung, Selektionsverfahren und der Vergleich der Bundesländer.
Wie beeinflusst das föderale Schulsystem die Bildungsbiografie?
Das föderale System ermöglicht unterschiedliche schulpolitische Regelungen in den Ländern, was laut Autor bei Entscheidungen wie der Rückstellung von der Einschulung zu unterschiedlichen Ergebnissen führt.
Welche Rolle spielt die institutionelle Diskriminierung nach Gomolla und Radtke?
Die Autoren beschreiben, wie alltägliche, „normale“ Abläufe in Schulen unbewusst ethnische Differenzen herstellen und so zu Benachteiligungen für Schüler mit Migrationshintergrund führen können.
- Quote paper
- Daniel Bosse (Author), 2005, Migranten in Zeiten von PISA, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/82927