Zwischen Vernunft und Wahnsinn - Konzeptionen der Großstadt im neueren Hollywood-Blockbuster


Seminararbeit, 2006
27 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Die Dichotomie von Stadt und Land in der Antike

3 Dschungel Grossstadt: Wandel der Stadt in der Moderne

4 Die Grossstadt im neueren Hollywood-Blockbuster
4. 1 Ungerechtigkeit und Wahnsinn: Falling Down
4. 1. 1 Handlung
4. 1. 2 Rezeption
4. 1. 3 Stadtdarstellung
4. 2 Stadt der Sünde: The Devil's Advocate
4. 2. 1 Handlung
4. 2. 2 Rezeption
4. 2. 3 Stadtdarstellung
4. 3 Weitere Filmbeispiele

5 Elemente der Stadtdarstellung
5. 1 Armut und Reichtum
5. 2 Patriarch und Hausfrau: Die Rollenverteilung zwischen den Geschlechtern
5. 3 Privater Raum und Öffentlichkeit
5. 4 Vernunft und Wahnsinn

6 Fazit

7 Literatur
7. 1 Bibliographie
7. 2 Zeitungsartikel

8 Filmographie

1 Einleitung

Kino war schon immer ein urbanes Phänomen – nicht nur die Kinos selbst befinden sich gewöhnlich in Städten, auch die Filme spielen oftmals in urbanen Lebensräumen. Auch Hollywood hat sich von Anfang an mit der Stadt beschäftigt. Dort scheint die Stadt häufig ein Ort voller Probleme zu sein: Chaos, Gewalt, Armut und Vereinsamung sind Motive, die in den städtischen Schauplätzen immer wieder auftauchen. Städte sind Anziehungspunkte für zahlreiche zwielichtige und gefährliche Gestalten, die in der Unübersichtlichkeit der Stadt Zuflucht finden. Das widerspricht radikal einer viel früheren Konzeption der Stadt: In der Antike war die Stadt in erster Linie ein Ort der Freiheit und Vernunft. Der Städtebau schuf und widerspiegelte gleichzeitig eine soziale Ordnung und nur in den griechischen Stadt-Staaten konnte der Bürger auf dem öffentlich zugänglichen Marktplatz mit Seinesgleichen diskutieren. Nach Aristoteles ist die städtische Öffentlichkeit Voraussetzung für Freiheit und Demokratie, während auf dem privaten Landgut die patriarchalische Herrschaft bestimmend ist.

Als sich im Zuge von technischen Fortschritten in der Neuzeit die Städte radikal veränderten, wandelte sich auch das Bild der Stadt. Die strenge Strukturierung wich in den rasant wachsenden Grossstädten einem vergleichsweise chaotischen Wuchern der Stadt, die das Stadtbild entscheidend veränderte. Dass die Stadt nun nicht mehr nur Ort der Vernunft und Ordnung war, sondern auch das genaue Gegenteil davon verkörpern konnte, zeigen die urbanen Dystopien in Literatur und Film Anfangs des 20. Jahrhunderts. In ihnen finden die Herrschaft und die Unterdrückung einen Weg in die städtischen Lebensräume, Chaos und Wahnsinn tauchen nun auch in der Stadt auf.

Anhand von zwei Filmbeispielen soll hier untersucht werden, welche Konzeption der Stadt im neueren Hollywood-Film erkennbar ist. Die beiden Thriller Falling Down (Joel Schumacher, US 1993) und The Devil's Advocate (Taylor Hackford, US 1997) zeigen die Stadt auf sehr plakative Weise als Ort der Ungerechtigkeit, der Sünde und der Unvernunft. Dennoch lassen sich auch Elemente der aristotelischen Funktionszuschreibung der Stadt erkennen. Die vorliegende Arbeit soll zeigen, wie die beiden Vorstellungen der Stadt – der antike Ort der Vernunft und der moderne Ort des Chaos und Wahnsinns – in den beiden Filmen dargestellt werden. Wie werden diese beiden Modelle miteinander kombiniert, wo dominiert die eine Vorstellung die andere?

Dazu soll in einem ersten Teil der Arbeit die antike Vorstellung dargestellt werden, die sich vor allem in der Dichotomie zwischen Stadt und Land zeigt. Anschliessend soll der Wandel von der Stadt zur Grossstadt in der Moderne die Veränderung dieses Bildes in der Neuzeit aufzeigen. Anhand der beiden erwähnten Filme und weiterer Beispiele soll dann die Stadtdarstellung im Hollywood der 90er-Jahre dargelegt werden, um schliesslich die eben gestellten Fragen beantworten zu können.

2 Die Dichotomie von Stadt und Land in der Antike

Als Ausgangslage für die Analyse der Grossstadt, wie sie in den genannten Filmen dargestellt wird, soll die Funktion der Stadt in der Antike dienen. Denn dieses Verständnis der Stadt und deren Funktion, das vor allem durch Aristoteles geprägt wurde, bestimmt auch das Verständnis der Stadt das in der Moderne entstand, mit. Die politische Philosophin Hannah Arendt hat sich intensiv mit der antiken und insbesondere der aristotelischen Vorstellung von privatem und öffentlichem Raum, und damit auch derjenigen von Stadt und Land, auseinandergesetzt (vgl. Arendt 2006). Auch die Wandlung der zentralen Begriffe von Öffentlichkeit und Privatheit in der Neuzeit beobachtet sie sehr präzise. Ihre Arbeit ist eine zentrale Grundlage der folgenden Ausführungen.

Die antike Vorstellung der Stadt bezieht sich auf den griechischen Stadt-Staat, die Polis. Dessen Zentrum ist die Agora, der viereckige Marktplatz, der zugleich das politische Zentrum des Stadt-Staates darstellte. Aristoteles unterscheidet zwischen einem normalen Marktplatz, und einem „freien Markt“ (Aristoteles 1989: 349), auf dem der Diskurs der freien Bürger stattfinden soll. Ihm gegenüber steht der Oikos, die ländliche Hausgemeinschaft. Der Oikos und die Agora bilden eine Dichotomie, deren gegensätzliche Eigenschaft­en sich diametral gegenüberstehen (vgl. Imhof 1998: 18f.).

Das griechische Landgut ist der private Raum und geprägt durch die Notwendigkeiten. Alles menschliche Handeln in der Privatheit dient der Existenzsicherung und der Fortpflanzung. Die Tätigkeiten im Oikos sind deshalb in erster Linie das Arbeiten und das Herstellen. Diese machen die Vita activa aus, also jene Lebensweise, die der überindividuellen Existenzsicherung dient. Die wichtigsten Tätigkeiten im Privatbereich sind bestimmt durch den menschlichen Drang und Trieb. Nämlich ist der Mann zur Arbeit verpflichtet, die der Ernährung dient, während die Frau durch das Gebären die Fortpflanzung sicherstellt. Prägend für den Oikos ist die patriarchalische Herrschaft, die das Leben der Frau und des Sklaven bestimmt. Hingegen hat der Mann Zugang zur Agora und damit zur Öffentlichkeit (vgl. Arendt 2006: 40).

Durch das Handeln, die höchste Tätigkeit der Trias von Arbeiten, Herstellen und Handeln, gewinnt der Bürger auf der Agora Zugang zu einer höheren Lebensform, der Vita contemplativa, dem guten Leben. In der Freiheit der Polis kann er den politischen Tätigkeiten – dem Handeln und dem Reden – nachgehen (vgl. Arendt 2006: 35). Die Freiheit ist bestimmt durch die Herrschafts- und Zweckfreiheit. Nur durch ein Handeln, das gänzlich frei von Notwendigkeit und Zweck ist, kann das gute Leben erreicht werden. Während der private Raum geprägt ist von der Ungleichheit von Männer, Frauen, Kindern und Sklaven, kann der Bürger in der Polis unter Gleichen sein und dort politisch handeln (vgl. Arendt 2006: 42).

Diese Aufteilung zwischen dem privaten und öffentlichen Raum ist auch räumlich zu verstehen. Der Oikos liegt ausserhalb der Mauern des Stadtstaates, während sich die Agora innerhalb der Polis befindet (vgl. Arendt 2006: 35 und Imhof 1998: 19). Dadurch lässt sich die Dichotomie zwischen öffentlichem und privatem Raum auch auf den Gegensatz zwischen Stadt und Land übertragen. Das Leben auf dem Land ist geprägt von der patriarchalischen Herrschaft über die Frau und den Sklaven (vgl. Aristoteles 1989: 77). Es ist bestimmt durch die Notwendigkeit, die durch die menschlichen Bedürfnisse und Triebe entsteht (vgl. Arendt 2006: 40). Nur der (männliche) Bürger, der Zugang zur Polis hat, nimmt dort an der Vita contemplativa teil. Durch Handeln und Reden bewährt er sich immer wieder unter Seinesgleichen, sein Tun ist befreit von Notwendigkeit und Zwang und führt dadurch zum guten Leben (vgl. Arendt 2006: 41). Erst durch die Freiheit ist auch das Erreichen von Glück möglich, für das allerdings auch Gesundheit und Wohlhabenheit Voraussetzungen sind (vgl. Aristoteles 1989: 320).

In der Polis sind die Herrschaft und damit auch die Gewalt unzulässig. Gewalt kann nur im patriarchalisch organisierten Landgut angewendet werden, weil sie als Mittel benötigt wird, um der Notwendigkeit Herr zu werden. Hingegen kommt in der Agora die Überzeugungskraft des Miteinander-Sprechens, also der Logos, zum Zug. Die Menschen ausserhalb der Polis sind nicht im Besitz des Logos und das Sprechen ist für sie deshalb ohne Bedeutung. Über dem Logos steht schliesslich die Fähigkeit zur Kontemplation, die auch ohne Sprechen und Handeln auskommt (vgl. Arendt 2006: 37).

Der griechische Begriff des Logos bezeichnet zunächst lediglich das argumentative Sprechen, als das Überzeugen durch Folgerichtigkeit und Beweisführung. Dennoch ist der Logos eine zentrale Eigenschaft des Menschen, wenn auch nicht die höchste. Das argumentative Sprechen – und damit auch das argumentative Denken – sind aber Fähigkeiten, die klar der Stadt zugeordnet werden, weil sie auf dem Land keine Verwendung finden. Schliesslich führen sie durch das argumentative Überzeugen zur Vernunft. Vernunft ist also ein städtisches Phänomen, weil sie im herrschafts- und zweckfreien Raum der Polis erreicht werden kann, während auf dem Land Trieb und Notwendigkeit das Leben bestimmen (vgl. Arendt 2006: 40). Das übergeordnete, geistige Prinzip kann nur durch die begründete rhetorische Überzeugung erreicht werden und ist deshalb auf einen öffentlichen Raum angewiesen. Vernunft entsteht durch den Austausch mit anderen, ebenfalls freien Menschen und deshalb nur durch die politischen Tätigkeiten des Sprechens und Handelns im öffentlichen Raum (vgl. Arendt 2006: 37).

Die Stadt ist ausserdem ein Ort der sozialen Ordnung. So waren Siedlungen, die die Griechen neu anlegten, gewöhnlich nach einem Raster geplant und streng geometrisch organisiert. Auch Aristoteles sprach sich für dieses Modell der Stadt, wenn auch mit einigen Abstrichen, aus. Denn in Hinblick auf die militärische Sicherheit ist seiner Ansicht nach eine weniger strikte Organisation hilfreich und je nach politischem System muss eine Stadt anders angelegt sein. Prägend für die Aristokratie, die Aristoteles als die Herrschaft der Besten versteht, sind feste Plätze, die Raum für das Raisonnement der Bürger bieten. Aristokratie und damit auch Macht auf der Basis von Konsens setzen also die Öffentlichkeit der Stadt voraus, während die Oligarchie, also die Herrschaft von Wenigen, einzig auf dem Land berechtigt ist (vgl. Eaton 2001: 28f.).

Öffentlichkeit ist ausserdem auch die Voraussetzung für die Konstitution von Wirklichkeit. Einzig was auch Andere im Licht der Öffentlichkeit wahrnehmen können, ist wirklich. Was in der Privatheit geschieht, ist für Andere nicht sicht- und hörbar und bleibt deshalb von der Realitätsdefinition ausgeschlossen. Realität als gemeinsame Wirklichkeit konstituiert sich also nur durch das gemeinsame Wahrnehmen, was im Privaten geschieht ist für andere nicht nachvollziehbar und deshalb unwirklich (vgl. Arendt 2006: 62f.).

3 Dschungel Grossstadt: Wandel der Stadt in der Moderne

Eine langwierige Entwicklung, die bereits im 19. Jahrhundert einsetzte, führte zu einer dramatischen Veränderung vieler Städte in Europa und Nordamerika. Anfangs des 20. Jahrhunderts hatten die grössten Städte jeweils mehrere Millionen Einwohner und die in Amerika rasch aufkommenden Wolkenkratzer veränderten das Erscheinungsbild der Städte radikal: die Stadt war zur Grossstadt geworden (vgl. Eaton 2001: 155). Die Stadt und ihre zentralen Eigenschaften und Begriffe erlebten dadurch in der Moderne einen starken Bedeutungswandel.

Zentral ist der Wandel der Stadt vom Ort der sozialen Ordnung zum undurchsichtigen, wilden Grossstadtdschungel. Die klare Strukturierung geht in der Grossstadt verloren, Grenzen werden aufgehoben (vgl. Warth 1999: 98). War in der Antike die klare räumliche Trennung von Öffentlichem und Privatem noch entscheidend für die Stadt, so verwischen sich diese Grenzen in der Moderne zunehmend. Dies hängt stark damit zusammen, dass die Dichotomie von öffentlich und privat durch einen dritten Begriff gebrochen wird: die Gesellschaft. Sie besetzt zunehmend die Sphäre des Öffentlichen, obwohl sie innerhalb der antiken Trennung von Privatem und Öffentlichem vielmehr der Seite des Privaten zuzuordnen wäre. Denn Gesellschaft ist eine überindividuelle Organisation, die der Verrichtung von Notwendigkeiten dient. Die Struktur der Gesellschaft entspricht derjenigen des Haushalts in einem grösseren Rahmen. Deshalb ist die Gesellschaft nicht herrschaftsemanzipiert, sondern vielmehr die Herrschaft des Niemand. Mit dem Wachstum der gesellschaftlichen Sphäre verliert die im Sinne Aristoteles’ öffentliche Sphäre an Bedeutung (vgl. Arendt 2006: 47 - 52).

Damit einher geht die Aufwertung des Privaten. War in der Antike der Mensch im privaten Raum immer in einem Zustand der Beraubung, so gewinnt die Sphäre des Privaten mit dem neuzeitlichen Individualismus zunehmend an Bedeutung. Und damit erhält das Private eine neue Funktion, nämlich die Herstellung von Intimität (vgl. Arendt 2006: 48f.). Die Dichotomie zwischen Öffentlichem und Privatem verlagert sich in der Neuzeit also hin zu derjenigen zwischen Gesellschaftlichem und Intimem. Die Vita contemplativa ist aber weder in der einen noch in der anderen Sphäre zu erreichen, weil im Grunde beide der Sphäre des Privaten angehören.

Mit der fortschreitenden Industrialisierung und dem enormen und teilweise chaotischen Wachstum der Grossstädte tauchen in Literatur und Film immer wieder dystopische urbane Zukunftsaussichten auf. H. G. Wells und später auch Aldous Huxley, George Orwell oder Ray Bradbury zeichnen düstere Zukunftsvisionen von urbanen Gesellschaften, deren Bewohner unter scharfer Kontrolle leben und ihrer Individualität beraubt sind. Im Film nimmt vor allem Metropolis (Fritz Lang, DE 1927) diese dystopische Sichtweise auf und zeichnet eine hoch technisierte Grossstadt, in der die Menschen zu willenlosen Arbeitern versklavt werden. Der Vorstellung der Stadt als Ort der Freiheit steht nun die Stadt als mechanisierter Ort der Unterdrückung gegenüber. War die Stadt in der Antike noch der Ort der Freiheit von Arbeit, Notwendigkeit und Herrschaft, so wird sie in den Dystopien in Literatur und Film zu Beginn des 20. Jahrhunderts gerade zum Gegenteil: Die Menschen in diesen Städten werden unterdrückt und die Stadt ist vorwiegend Arbeitsort (vgl. Eaton 2001: 159 - 164).

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Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Zwischen Vernunft und Wahnsinn - Konzeptionen der Großstadt im neueren Hollywood-Blockbuster
Hochschule
Universität Zürich  (Seminar für Filmwissenschaft)
Autor
Jahr
2006
Seiten
27
Katalognummer
V82948
ISBN (eBook)
9783638894180
ISBN (Buch)
9783638894388
Dateigröße
659 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Zwischen, Vernunft, Wahnsinn, Konzeptionen, Großstadt, Hollywood-Blockbuster
Arbeit zitieren
Andres Hutter (Autor), 2006, Zwischen Vernunft und Wahnsinn - Konzeptionen der Großstadt im neueren Hollywood-Blockbuster, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/82948

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