„ … was denn mit diesem Stück literarischer Rücksichtslosigkeit anfangen… “ fragt sich Martin Jürgens im Nachwort zu Robert Walsers Roman „Der Räuber“. Diese Frage stellt sich wohl das Gros der Leser dieses Romans. Unter anderem auch ich. Als rücksichtslos könnte man die Art und Weise bezeichnen, mit der dieser Roman die Leseerwartungen enttäuscht. Es gibt weder einen klaren Plot noch eine nachvollziehbare Strukturierung des Romans. Stattdessen scheint dieser Text eine willkürliche Aneinanderreihung von Trivialitäten und Nebensächlichkeiten zu sein.
Die Erzählweise ist außergewöhnlich. Der Roman entsteht nicht durch Handlungen der Protagonisten, sondern durch den Schreib- und Erzählvorgang selbst.
Der Entwicklungsprozess dessen dominiert durchgehend den Text. Ziel dieser Arbeit ist es, die erzählerischen und sprachlichen Elemente näher zu betrachten, die der Dominanz des Schreibvorgangs zugrunde liegen.
Die Dominanz des Schreibprozesses tritt auf verschiedenen Ebenen in Erscheinung.
Deswegen werde ich zu Beginn der Arbeit kurz die erzählerischen Elemente, die den Roman kennzeichnen, darlegen und folgend untersuchen, welche sprachlichen Elemente Walser nutzt, um den Schreibvorgang voranzubringen. Ebenfalls gilt es zu klären, welche Rolle die Mikrogramme in diesem Kontext spielen.
Im 5. Kapitel untersucht die Arbeit die Kommunikabilität des Romanes. Aufgrund der vielen Divergenzen, die Robert Walsers Texte seit jeher bei den Lesern auslösen, versuche ich abschließend den Roman in das Gesamtwerk Walsers und die damalige Zeit einzuordnen. Die Kontroversen über diesen seinen Text vorwegnehmend, stellte Robert Walser fest: „Noch nie, so lange ich am Schreibtisch tätig bin, habe ich so kühn, so unerschrocken begonnen zu schriftstellern.“ (DR:29)
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Inhaltsangabe
3. Erzählperspektive und Erzählweise
3.1. Die Register der literarischen Rede
3.2. Das Verhältnis Ich- Erzähler und Räuber
4. Die Dominanz des Schreibvorgangs
4.1. Die scheinbare Selbstkritik
4.2. Die sprachliche Umsetzung des Phänomens
4.2.1. Die Gegenläufigkeit der Sprache
4.2.2. Sagen und Zurücknehmen
4.2.3. Aussparen am Beispiel der Beschreibung des Räubers
4.3. Erzählung als Gang
5. Die Rolle des Lesers
6. Die Rolle der Mikrogramme
7. Der Roman in seiner Zeit
7.1. Die Auseinandersetzung mit der damaligen Art der Literatur
7.2. Vergleich mit Werken der Zeit
8. Schluss
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die ungewöhnliche Erzählstruktur und den Schreibprozess in Robert Walsers Roman „Der Räuber“, wobei der Fokus auf der Dekonstruktion traditioneller narrativer Formen und der Dominanz des Schreibaktes selbst liegt. Die Forschungsfrage widmet sich der Frage, wie Walser sprachliche Mittel einsetzt, um die Produktion von Literatur zum eigentlichen Gegenstand des Romans zu machen.
- Die Dominanz des Schreibvorgangs und der Prozesshaftigkeit des Textes
- Die Auflösung klassischer Erzählperspektiven und das Verhältnis von Erzähler und Figur
- Die Rolle der „Mikrogramme“ für das Verständnis von Walsers literarischer Arbeitsweise
- Die Einordnung des Werkes in den Kontext der literarischen Sprachkrise der 1920er Jahre
- Die Interaktion mit dem Leser und die bewusste Unterlaufung von Leseerwartungen
Auszug aus dem Buch
4. 2. 1. Die Gegenläufigkeit der Sprache
„Ein Schriftsteller habe dringend Modelle nötig, die ihn beleben, er sei aber verpflichtet, diese seine Modelle nach Möglichkeit zart anzufassen, will sagen, vollständig unangerührt, ungekennzeichnet zu lassen.“ (vgl. Bungartz 1988:14) Dieses Zitat Walsers zeigt eine für den Roman typische Widersprüchlichkeit auf. Einerseits dient die Sprache dazu, die Modelle zu bezeichnen, andererseits aber sollen diese Modelle dem Beschreiben entzogen werden. Dies geschieht, indem Walser seine Modelle der völligen Konturlosigkeit überlässt2.
Er skizziert eine innere Gegenläufigkeit zwischen Sprache bzw. ihrer üblichen Funktion und schriftstellerischem Prozess. Diese Widersprüchlichkeit bezeichnet Bungartz als die Ironie im literarischen Verfahren Walsers. Hier stehen nicht Gesagtes und Gemeintes im Gegensatz, sondern die Bezeichnungsfunktion der Sprache im Unterschied zum Versuch genau dieser im literarischen Sprechen entgegenzuwirken (vgl. Bungartz 1988:14).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die Irritation der Leserschaft gegenüber der fehlenden Struktur und Handlung in „Der Räuber“ und setzt das Ziel, die dominierenden Schreibprozesse zu analysieren.
2. Inhaltsangabe: Dieses Kapitel stellt fest, dass der Roman keine konventionelle Geschichte erzählt, sondern die Produktion von Literatur selbst zum Thema macht.
3. Erzählperspektive und Erzählweise: Hier werden die strukturellen Ebenen des Textes nach Todorov analysiert, um die Dynamik zwischen Erzähl-Ich und Protagonist zu verdeutlichen.
4. Die Dominanz des Schreibvorgangs: Das zentrale Kapitel der Arbeit untersucht, wie das ständige Kommentieren des Schreibens und die Aufschiebetaktik die traditionelle Romanstruktur auflösen.
5. Die Rolle des Lesers: Die Untersuchung zeigt auf, wie der Erzähler den Leser direkt in den Text einbindet, um die Kommunikabilität des als schwierig empfundenen Werkes zu steuern.
6. Die Rolle der Mikrogramme: Dieses Kapitel verknüpft die Entstehungsweise der Bleistiftmanuskripte mit der Zersplitterung und Selbstreferentialität des Romans.
7. Der Roman in seiner Zeit: Die Arbeit ordnet den Roman als Reaktion auf die Sprachkrise der Moderne ein und vergleicht ihn mit anderen Werken der Berner Zeit.
8. Schluss: Der Schlussteil fasst zusammen, dass „Der Räuber“ durch den Verzicht auf Überarbeitung und konventionelle Handlung zu einem radikal modernen, avantgardistischen Werk wird.
Schlüsselwörter
Robert Walser, Der Räuber, Schreibprozess, Erzählperspektive, Mikrogramme, Moderne Literatur, Sprachkrise, Selbstreferentialität, Erzählweise, Romanstruktur, Literaturwissenschaft, Berner Zeit, Montagetechnik, Literaturproduktion, Avantgarde
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit dem Roman „Der Räuber“ von Robert Walser und untersucht die Besonderheiten seiner Erzähltechnik, insbesondere den Vorrang des Schreibprozesses vor einer inhaltlichen Handlung.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zu den Kernbereichen gehören die Analyse der Erzählinstanz, die sprachliche Darstellung der „Gegenläufigkeit“, die Rolle des fiktiven Lesers sowie die Einordnung des Werkes in den literaturgeschichtlichen Kontext der 1920er Jahre.
Welches Ziel verfolgt die Autorin mit dieser Arbeit?
Das primäre Ziel ist es, die erzählerischen und sprachlichen Strategien freizulegen, die den Roman von klassischen Erzählmustern abheben und ihn als Dokument der Literaturproduktion erscheinen lassen.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit nutzt Ansätze der strukturalen Poetik, insbesondere Konzepte von Tzvetan Todorov, um die verschiedenen Rederegister im Text differenziert zu erfassen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung der Erzählperspektive, der Dominanz des Schreibvorgangs, der Einbindung des Lesers sowie der Bedeutung der Mikrogramme für das Verständnis der Romanstruktur.
Welche Schlagworte charakterisieren die Arbeit am besten?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Schreibvorgang, Selbstreferentialität, Sprachkrise, Mikrogramme, Montagetechnik und avantgardistische Literatur.
Wie unterscheidet sich die Rolle des Lesers in „Der Räuber“ von anderen Werken?
In diesem Roman wird der Leser durch ständige direkte Ansprachen und die Einbeziehung in den Reflexionsprozess des Erzählers zu einem aktiven, wenn auch fiktiven Dialogpartner gemacht.
Warum spielt das Motiv des Spaziergangs eine Rolle für das Verständnis des Romans?
Der Spaziergang dient als Metapher und Stimulans für den Erzählfluss; er verdeutlicht das absichtslose, ziellose Treiben, das auch die Struktur der Erzählung bestimmt.
Wie wird das Verhältnis zwischen dem Erzähl-Ich und dem Räuber beschrieben?
Die Beziehung ist instabil und oszilliert zwischen Distanzierung und Solidarisierung, wobei der Erzähler die Kontrolle über die Figur behält, sich aber gleichzeitig mit ihr als Außenseiter identifiziert.
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- M.A. Claudia Engelmann (Author), 2003, Erzählung als Gang, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/83017