aus der Einleitung:
Der Gedichtband Poesia in forma di rosa (1961-64) ist laut Pasolini ein “tentativo stentato di identificare la condizione presente dell’uomo”. Mühsam nicht zuletzt deswegen, weil Pasolini / der lyrische Sprecher vielmehr bewusst seine politische und persönliche Zerrissenheit präsentiert, als einen objektiven oder gar belehrenden Blick auf Ideologie und Gesellschaft seiner Zeit, wie er dem Verständnis marxistischer Intellektueller entsprach.
Diese „condizione schizoide archetipica“ und den „rapporto complessivo dell’autore con il mondo“ (Santato 1980: 238-239) möchte ich im Folgenden unter den Gesichtspunkten Erotismus, mythologisches Geschichtskonzept und Ideologiekritik näher untersuchen.
Die Darstellung des Erotismus stützt sich dabei auf die Unterscheidung zweier Liebeskonzepte - dem ‘amore fisico’ und dem ‘amore intellettuale’ - anhand derer sich die widersprüchlichen erotisch-emotionalen Empfindungen des lyrischen Sprechers zeigen lassen.
Im Rahmen der Betrachtung des mythischen Geschichtskonzepts stehen zum einen die Hauptmythen um Jugendzeit, Dritte Welt und Christus, sowie zum anderen die Konzepte von ‘Preistoria’, ‘Storia’ und ‘Profezia’ im Mittelpunkt. Hierbei wird deutlich, dass die mythisierten Ideale und Überlegungen des ‘Ichs’ weniger einem humanitären Anliegen entsprechen, sondern dem Versuch, ästhetische Präferenzen und persönliche Gefühle zum Ausdruck zu bringen.
In diesem Zusammenhang wird auch die Darstellung der Ideologiekritik des lyrischen Sprechers zeigen, dass es sich hierbei eher um einen subjektiven, teilweise provokanten Ausdruck der Enttäuschung am Zeitgeschehen, als objektive Kritik daran handelt. Ein Blick auf die inneren Konflikte des Dichters zwischen der eigenen bürgerlichen Herkunft und der Sympathie für das einfache Volk rundet meine Ausführungen ab.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Erotismus
2.1 Widersprüchliche ‘Liebeskonzepte’
2.1.1 ‘amore fisico’: Vitalität vs. Gefährdung
2.1.2 ‘corpo’ vs. ‘anima’
2.1.3 Homosexualität vs. Mutterliebe
3. Mythisches Geschichtskonzept
3.1 Mythen: Jugendzeit, Dritte Welt, Christus
3.2 Konzepte von ‘Preistoria’, ‘Storia’ und ‘Profezia’
4. Ideologiekritik
4.1 Kritik am ‘patto industriale’ und an der ‘borghesia’
4.2 Innerer Zwiespalt: ‘ragione’ vs. ‘passione’
5. Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die in Pier Paolo Pasolinis Gedichtband "Poesia in forma di rosa" (1961-64) präsentierte Zerrissenheit des lyrischen Sprechers. Dabei wird analysiert, wie Pasolini persönliche und politische Konflikte durch die Verwebung von Erotik, einem mythischen Geschichtsverständnis und einer kritischen Auseinandersetzung mit der damaligen Ideologie und Gesellschaft inszeniert.
- Pasolinis widersprüchliche Liebes- und Erotikkonzepte
- Mythisierung von Jugend, Dritter Welt und Christus
- Die Konzeptionen von 'Preistoria', 'Storia' und 'Profezia'
- Kritik am Neokapitalismus und am Bürgertum
- Der innere Konflikt zwischen 'ragione' und 'passione'
Auszug aus dem Buch
2.1.1 ‘amore fisico’: Vitalität vs. Gefährdung
Der Liebesakt an sich wird sowohl als Quelle von Vitalität als auch als Gefährdung dargestellt - Leben und Tod verweben sich in ihm.
E mille volte questo atto è da ripetere: perché, non riperterlo, significa povare la morte come un dolore frenetico, che non ha pari nel mondo vitale… (PFR S. 40)
Und auch in der ästhetisch-mythischen Überhöhung des Liebesaktes („valli sacri della libidine“ und „gesti sacri“) klingt der gewaltsame Impuls der Erotik mit an („sadica, masochista“).
E… i miei amori di pura sensualità, replicati nelle valli sacre della libidine, sadica, masochista, […] Piano piano le migliaia di gesti sacri, la mano sul gonfiore tiepido, i baci, ogni volta a una bocca diversa, […] (PFR S. 108)
Deutlich gewaltsamer wird dieser “disturbing erotic impulse” (Gordon 1996: 172) in den Poesie Mondane dargestellt:
[…] è sesso, grandezza della libidine, sua soavità… Il protagonista è macellato: una bolla d’aria gonfia la sua pelle, potrebbe volare per il terrore. Una spaccatura gli scende dal palato allo sterno, e irradia dei tremiti per tutto il corpo: […] (PFR S. 20)
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Arbeit stellt die zentrale These der persönlichen und politischen Zerrissenheit in Pasolinis Werk vor und definiert die methodischen Untersuchungsschwerpunkte.
2. Erotismus: Dieses Kapitel analysiert das Spannungsfeld zwischen 'amore fisico' und 'amore intellettuale' sowie die widersprüchliche Darstellung von Homosexualität und Mutterliebe.
3. Mythisches Geschichtskonzept: Es wird untersucht, wie Mythen und Geschichtsbegriffe dazu genutzt werden, ein Ideal des Archaischen einer als negativ empfundenen Moderne gegenüberzustellen.
4. Ideologiekritik: Dieser Abschnitt beleuchtet die Enttäuschung des lyrischen Sprechers über den Neokapitalismus und seinen internen Kampf zwischen Vernunft und Leidenschaft.
5. Zusammenfassung: Die Arbeit schließt mit dem Fazit, dass die Widersprüche in Pasolinis Lyrik nicht auflösbar sind und gerade darin die Eigenständigkeit seiner Dichtung begründet liegt.
Schlüsselwörter
Pier Paolo Pasolini, Poesia in forma di rosa, Erotismus, Ideologiekritik, mythisches Geschichtskonzept, Neokapitalismus, Homosexualität, Mutterliebe, Ragione, Passione, Preistoria, moderne Lyrik, italienische Literatur, subjektive Dichtung, Widersprüchlichkeit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die thematische Zerrissenheit im Gedichtband "Poesia in forma di rosa" von Pier Paolo Pasolini unter besonderer Berücksichtigung seiner politischen und persönlichen Konflikte.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Die Schwerpunkte liegen auf dem Erotismus, dem mythischen Geschichtsbild des Autors sowie einer kritischen Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Ideologien der 1960er Jahre.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Ziel ist es aufzuzeigen, wie der lyrische Sprecher durch eine spezifische Verwebung von Erotik, Mythen und Ideologiekritik seine subjektive Enttäuschung am modernen Zeitgeschehen ausdrückt.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Untersuchung verwendet?
Die Verfasserin nutzt eine textnahe Analyse der Gedichtsammlung, eingebettet in den Kontext der literaturwissenschaftlichen Forschung zu Pasolini und marxistischen Theoretikern wie Gramsci.
Was wird primär im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung erotischer Widersprüche, die Analyse von Geschichtsmythen sowie eine ideologiekritische Auseinandersetzung mit dem Neokapitalismus und dem Bürgertum.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem die Begriffe 'amore fisico' vs. 'amore intellettuale', 'Preistoria', 'borghesia', 'ragione' sowie 'passione'.
Wie bewertet der Autor das Verhältnis zwischen Marxismus und Literatur in diesem Werk?
Die Arbeit verdeutlicht, dass Pasolini an dem Anspruch scheitert, marxistische Ideale direkt in der Lyrik abzubilden, da die poetische Subjektivität und ästhetische Präferenzen dominieren.
Welche Rolle spielt das Motiv der Mutter in Pasolinis Werk laut der Autorin?
Das Motiv der Mutter nimmt eine zentrale, fast sakrale Stellung ein und stellt für den lyrischen Sprecher einen Gegenpol zu seinen als konflikthaft empfundenen homoerotischen Neigungen dar.
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- Stephanie Pfeiffer (Author), 2004, Pier Paolo Pasolini "Poesia in forma di rosa", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/83047