Die Harmonie zwischen Pflicht und Neigung in Friedrich Schillers "Über Anmut und Würde" - eine Utopie?


Seminararbeit, 2005

18 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Kant und Schiller – zwei kontroverse Ansätze?
2.1. Pflicht und Neigung bei Immanuel Kant
2.2. Schillers Kritik an Kant
2.3. Zu Schillers Missverständnis der Kantlektüre

3. Der Pflichtbegriff
3.1. Der Ursprung der Pflicht
3.2. Autonome und heteronome Gesetze

4. Neigung als Voraussetzung zur Pflicht?
4.1. Die Neigung im Menschen
4.2. Das Wollen des Sollens
4.3. Zur Problematik von Schillers Konzept

5. Abschließende Diskussion

6. Anhang

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Es ist nicht nötig, dass ich lebe; wohl aber, dass ich meine Pflicht tue.“ Mit diesen Worten greift bereits Friedrich der Große ein Problem auf, welches in der Moralphilosophie bis in die heutige Zeit eine wichtige Rolle spielt. Denn auch bei ihm wird der Begriff der Pflicht auf das Unangenehme des Lebens reduziert; und mehr noch als das: Pflicht und Leben stehen sich fast feindlich gegenüber. Leben hieße in diesem Sinne wohl, seine Freiheiten uneinge-schränkt ausschöpfen zu können und nur aus Lust zu handeln; ohne große Probleme könnten wir diese Lust mit Neigung identifizieren. Die Pflicht hin-gegen – davon gehen zumindest viele Menschen aus – zwingt uns jedoch, das Ausleben unserer Neigungen einzudämmen, nicht nur aus Lust, sondern auch aus Unlust zu handeln; und somit wird die Eigenständigkeit des Individuums eingegrenzt. Allerdings ist – wie wir später sehen werden – auch die Pflicht ein notwendiger Bestandteil in uns, ohne den wir nur schwer existieren könnten. Damit sie daher aufgewertet und das positive Lebensgefühl durch sie nicht völlig unterdrückt wird, sollte ein Mittelweg ergründet werden, der die Bedeutungen von Pflicht und Neigung nicht mehr völlig voneinander abgrenzt, sondern beide Terme gleichzeitig für ein glückliches Leben berücksichtigt.

Mit eben diesem Mittelweg beschäftigt sich die vorliegende Arbeit. In seiner Abhandlung „Über Anmut und Würde“[1] fordert Friedrich Schiller eine Harmonie zwischen Neigung und Pflicht. Ist der Einklang dieser beiden Elemente, die oft gegensätzlich betrachtet wurden, denkbar oder einfach nur utopisch? Um dieser Frage nachzugehen, müssen wir zuerst unser Interesse auf das Werk Immanuel Kants stützen. Dieser hatte sich noch vor Friedrich Schiller mit dem Problem befasst und bildet den Ausgangspunkt überhaupt zur Beschäftigung mit der Thematik in erläuterter Weise. Immerhin war Kant auch derjenige, der Schiller zur Auseinandersetzung mit den Begriffen Pflicht und Neigung anregte. Deshalb wird anschließend die Stellungnahme Friedrich Schillers zu Kant zu berücksichtigen sein; er sah sich nach dessen Lektüre fast genötigt, derbe Kritik an seiner Argumentation zu üben. Dabei soll auch Schillers Vorverständnis des kantischen Textes offen gelegt werden. Weiterhin

scheint ein Seitenblick auf den Begriff der Pflicht an sich durchaus angebracht. Weil wir hier insbesondere der Fragestellung nachgehen werden, weshalb wir unser Leben überhaupt nach Gesetzen richten müssen und wo die Wurzeln dieser liegen, spielt auch der Unterschied zwischen den autonomen und heteronomen Gesetzen eine nicht ganz unerhebliche Rolle. Denn erst, nachdem wir diese erläutert haben, können wir uns der Fragestellung widmen, nach welchen Gesetzen denn nun die Neigung selbst ausgerichtet sein soll, damit sie mit der Pflicht nicht mehr konkurriert, sondern zusammenwirkt. Vorab müssen wir allerdings den Begriff der Neigung noch etwas näher bestimmen, um generell eine Vorstellung davon zu bekommen, ob sich diese wirklich mit der Pflicht vereinbaren ließe. Ferner sollen ethische Beispiele aus dem Alltag (wie z.B. Neigung zur Pflicht aus Egoismus, etc.) zur Veranschaulichung aufge-griffen und das Problem von Schillers schöner Seele abgehandelt werden.

Zitate sind in der vorliegenden Arbeit als solche durch Anführungszeichen kenntlich gemacht und mit einer Fußnote versehen. Alle eingeklammerten Hinweise, z.B. (vgl. Kap. 2.3.), sind Binnenverweise dieser Arbeit.

2. Kant und Schiller – zwei kontroverse Ansätze?

2.1. Pflicht und Neigung bei Immanuel Kant

Immanuel Kant stellt in seiner „Metaphysik der Sitten“[2] einen Ansatz vor, der im Prinzip Neigung und Pflicht stark voneinander abgrenzt. Dabei betont er, dass eine Handlung nur dann moralisch wertvoll sei, wenn sie aus Pflicht ausgeführt werde. Die Neigung hingegen sei kein sittlicher Wert; denn die Handlungen, die durch sie vollzogen werden, können in eigennützigem Zweck geschehen. Wenn jemand z.B. eine Freude verspürt, seinen Mitmenschen zu helfen, so geschieht dies laut Kant aus Neigung, nicht jedoch aus Pflicht – und das beinhalte noch längst keinen sittlichen Verdienst. Denn erst dann könne man von einem wertvollen Charakter sprechen, der „wohltue, nicht aus Neigung, sondern aus Pflicht“[3]. Kant bezieht sich dabei auch auf die Gebote: Erst, wenn diese eingehalten werden, komme die Pflicht zum Zug – und der Sittlichkeit eine besondere Bedeutung zu. Somit sei z.B. Liebe, die aus der

Neigung erwächst, kein Gebot, sondern nur eine Empfindung. Jene aber, die das Gütigsein gegen das Objekt trotz einer gewissen Abneigung ent-stehen lässt, ist ein Gebot; denn sie kann durch den Willen beeinflusst werden. Weil diese Liebe der Kategorie der Pflicht unterzuordnen ist, erfährt sie also bei Immanuel Kant eine moralische Aufwertung; denn er akzentuiert eben in seinen Ausführungen, dass willentliche Handlungen eher aus Pflicht ausgeführt werden sollten, um ein moralisches Verhaltensmuster zu beinhalten.

2.2. Schillers Kritik an Kant

Nach der Lektüre Kants sah sich Friedrich Schiller gezwungen, die Relation von Neigung und Pflicht anders darzustellen, als sein Vorgänger dies tat. Schiller kritisiert darin vor allem den „Perfektionsgrundsatz“[4], den Kant nach seiner Auffassung fortwährend vertritt: Da es dem „Weltweisen“[5] scheinbar nur auf die Pflicht ankommt, glaubt Schiller, darin eine Disharmonie im Menschen zu erkennen. Die Neigung wird – laut Schiller – bei Kant als schändliche Zugabe der sittlichen Willensreinheit vollends abgewertet. Deshalb versucht der Dichter ein Konzept vorzustellen, welches Pflicht und Neigung miteinander vereint: Die sittliche Vollkommenheit des Menschen ergibt sich für ihn nur aus der Neigung zur Pflicht; der Mensch erfüllt moralische Pflichten, wenn er die Gesetze mit Begeisterung befolgt. Die Neigung zur Pflicht ist hier also die wahre Tugend und bedeutet im Grunde das moralische Handeln von Natur aus.[6] Die Harmonie von Pflicht und Neigung ist alsdann auch das Resultat einer Entwicklung: Wenn das Individuum seine Neigung ohne Bedenken und schon fast instinktiv in sittliches Handeln umsetzen kann, so spricht man laut Schiller von der schönen Seele.

2.3. Zu Schillers Missverständnis der Kantlektüre

Es mit einem so großen Philosophen wie Immanuel Kant aufzunehmen, wurde selbst für einen (damals noch ungeübten) Friedrich Schiller zum Verhängnis. Denn heute können wir davon ausgehen, dass er die Ausführungen Kants z.T. missverstanden hat (auch, wenn dies umstritten ist). Richtig erfasst hat Schiller

wohl, dass sich durchaus bei Immanuel Kant ein starker Kontrast zwischen Pflicht und Neigung ergibt. Dennoch erwähnt Kant mit keinem Wort, dass er der Harmonie zwischen Neigung und Pflicht an sich etwas entgegenzusetzen hätte; es ist ihm also relativ gleichgültig, ob die Pflicht wie in Schillers Konzept aus einer positiven Neigung erwächst. Lediglich bei der „Erkenntnis des sittlich Guten“[7] kommt für Kant eine Harmonie zwischen Neigung und Pflicht nicht in Frage. Aber nicht nur deshalb sind die Einstellungen der beiden nicht weit voneinander entfernt. Denn Schiller verkennt offenbar einen wichtigen Aspekt: Kant geht in seinen Überlegungen auch davon aus, dass der Wille als „selbstgesetzesgebend und eben um deswillen allererst dem Gesetze (davon er selbst sich als Urheber betrachten kann) unterworfen angesehen werden muss“[8]. Dies würde bedeuten, dass auch bei ihm letztendlich alles Handeln auf die Neigung zurückfiele; denn sie allein wäre ja in diesem Falle die selbstgesetzesgebende Instanz, die u.a. auch den Begriff der Pflicht berücksichtigen könnte. Dass Kant dennoch die Pflicht so stark von der Neigung abgrenzt (vgl. 2.1.), dürfte vor allem darauf zurückzuführen sein, dass die Neigung (der Trieb) selbst nicht die Oberhand gewinnen darf (was Schiller übrigens sehr wohl erkannt hat und auch in seinen eigenen Überlegungen ausführt), sondern nur das freie Gesetz, welches jedoch die Neigung der Vernunft abgewinnen kann. Somit besteht doch eine gewisse Einigkeit bei Immanuel Kant und Friedrich Schiller (wenn auch evtl. auf den ersten Blick schwer erkennbar).

[...]


[1] Fricke/Göpfert (Hrsg.), Schiller, Sämtliche Werke, Bd. 5, 1993

[2] Kraft/Schönecker (Hrsg.), Kant, Metaphysik der Sitten, 1999

[3] Ebd., S. 17

[4] Fricke/Göpfert (Hrsg.), Schiller, Sämtliche Werke, Bd. 5, 1993, S. 466

[5] Ebd., S. 463

[6] Vgl. Gethmann-Siefert, Einführung in die Ästhetik, 1995, S. 168

[7] Reiner, Hans, Pflicht und Neigung, 1951, S. 30

[8] Kraft/Schönecker (Hrsg.), Kant, Metaphysik der Sitten, 1999, S. 57

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Die Harmonie zwischen Pflicht und Neigung in Friedrich Schillers "Über Anmut und Würde" - eine Utopie?
Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen  (Philosophisches Seminar)
Veranstaltung
Einführung in die Ästhetik
Note
1,3
Autor
Jahr
2005
Seiten
18
Katalognummer
V83122
ISBN (eBook)
9783638898744
ISBN (Buch)
9783638905039
Dateigröße
444 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Harmonie, Pflicht, Neigung, Friedrich, Schillers, Anmut, Würde, Utopie, Einführung
Arbeit zitieren
Mirco Rauch (Autor), 2005, Die Harmonie zwischen Pflicht und Neigung in Friedrich Schillers "Über Anmut und Würde" - eine Utopie?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/83122

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