Der Tod im Krieg fürs Vaterland: Der Umgang der nationalsozialistischen Propaganda mit dem Soldatentod im 2. Weltkrieg


Examensarbeit, 2007

97 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Hinführung
a. Der Nationalsozialismus als politische Ersatzreligion
b. Der Tod als Gefahr für das politische Kollektiv des NS

III. Der Soldatentod in der Wehrmacht des Zweiten Weltkrieges
a. Quantitative Aspekte: Anzahl, Zeiträume und Orte des Sterbens
b. Qualitative Aspekte: Formen des Soldatentodes
c. Kenntnisnahme und –stand über den Soldatentod bei der NS-Führung

IV. Nationalsozialistische Propagandaformen
a. Begriffe
i. Held
ii. Opfer
b. Feiern, Gedenken und Verehren während des Zweiten Weltkrieges
i. Feiern am Heldengedenktag
ii. Der 9. November als Gedenktag
iii. Örtliche Heldenehrungsfeiern / Gedenkfeiern im Reich
iv. Kriegerdenkmäler, Monumentalbauten und Kriegsfriedhöfe
c. Todesanzeigen
i. Funktionen
ii. Ausgestaltung
iii. Wirkung

V. Stalingrad als Bruchstelle nationalsozialistischer Mythen
a. Militärischer Verlauf bis zur Niederlage
b. Die nationalsozialistische Deutung und deren Rezeption

VI. Fazit

Anhang: Todesanzeigen aus „Das schwarze Korps“ vom 19.10.1944

Abkürzungsverzeichnis

Literaturverzeichnis

„Wenn das psychotische Individuum glaubt, es sei Napoleon, wird es in eine Anstalt behandelt, wenn eine Nation vermeint, ihre Kriegstoten lebten im Sieg weiter, versucht es zu siegen, auch wenn sie dabei alles – auch sich selbst – zerstört.“[1]

I. Einleitung

Eines der wichtigsten Untersuchungsgebiete der Neuesten Geschichte behandelt die Zeit des Dritten Reiches und die Frage nach Möglichkeit der Nationalsozialisten trotz all der Verbrechen, Fehlplanungen und Kriegsniederlagen bis zum Mai 1945 totalitäre Herrschaft in Deutschland auszuüben. Insbesondere stellt dabei das Feld der Propaganda ein wichtiger Beobachtungspunkt dar, weil diese nach Goebbels dazu dienen sollte die nationalsozialistische Macht „geistig zu unterbauen, und nicht nur den Staatsapparat, sondern das Volk insgesamt zu erobern.“[2] Die Frage, inwieweit dieser Anspruch in der 12-jährigen Dauer der nationalsozialistischen Diktatur umgesetzt werden konnte, lässt sich nicht einfach beantworten, da zu viele Faktoren dabei zu berücksichtigen und zu viele Gebiete zu beobachten sind. Der Ausbruch und Verlauf des Zweiten Weltkrieges erhöht aufgrund des psychologischen und physischen Zusammenwachsens von Front und Heimat die Komplexität der Untersuchung. Ein Krieg fordert jede beteiligte Gesellschaft mit seinen extremen logistischen, seelischen und körperlichen Ansprüchen heraus. Der Zweite Weltkrieg in Europa zeichnet sich insbesondere durch seine totale Kriegsführung und die demzufolge vollständige Vereinnahmung der Bevölkerung aus.

Diese Untersuchung beschäftigt sich in dem Zusammenhang mit der Frage, in welcher Form sich die nationalsozialistische Propaganda mit dem Tod deutscher Soldaten im Zweiten Weltkrieg auseinandersetzte. Anhand des Todes und des Umganges mit ihm lassen sich – so die Annahme des Autors dieser Arbeit – aufgrund der besonderen Stellung des Lebensende eines Menschen in der Gesellschaft In- und Exklusionsformen erkennen, welche die Staatsführung ihren Bürgern anbot. Gleichzeitig werden Verarbeitungsmechanismen deutlich, denen sich Personen bedienen, die sich in Extremsituationen bedienen.

Den nachfolgenden Ausführungen liegen vier unterschiedliche Forschungsfragen implizit zugrunde. In einem Schritt ersten soll untersucht werden, welche Ausgangspunkte der nationalsozialistischen Propaganda über den Tod zugrunde lagen. Dabei wird auf Erklärungsansätze zurückgegriffen, welche die Ideologie der Nationalsozialisten unter dem Blickwinkel religiöser Funktion sehen. Diesem Zugriff liegt die Annahme zugrunde, dass sich damit besser die Kontingenzbewältigung der Bevölkerung erfassen lässt, da sich diese auf Traditionen und Riten wie beispielsweise in der Kirche verlassen hatte. Daran schließt sich die Frage nach der Legitimierungsfunktion der Propaganda an, die den Tod von Soldaten im Zweiten Weltkrieg zu begründen suchte. Es soll dabei herausgefunden werde, ob die Propaganda ihrem Legitimierungsanspruch gerecht werden konnte und welche Faktoren dabei die Glaubwürdigkeit und Überzeugungskraft beeinflussten. Aus diesem Vorhaben ergibt sich die letzte Forschungsfrage, welche sich mit der Reaktion der Führung des Dritten Reiches auf die sich verändernde Kriegslage auseinandersetzt.

Die nachfolgende Arbeit gliedert sich in vier unterschiedliche Abschnitte, die verschiedene Teilaspekte der Untersuchung zum Inhalt haben. Dabei bildet das nachfolgende II. Kapitel die theoretische Grundlage für die Untersuchung ab und führt die Begründung der Relevanz des Themas fort. Die Konzentration auf den Nationalsozialismus mit dem Fokus auf Adolf Hitler als Erlöserfigur hilft Verhaltensweisen und Einstellungen der Mitglieder der NSDAP und der Bevölkerung hinsichtlich des Todes zur verstehen. Die Darlegung der Gefahren, die vom Tod allgemein für eine Gesellschaft, insbesondere das Dritte Reich ausgehen, vertieft das Verständnis der Notwendigkeit für das Propagandaministerium sich mit dieser Thematik auseinanderzusetzen.

Diese Problematik lässt sich erst anhand des III. Kapitels besonders verstehen. In diesem werden die quantitativen und qualitativen Aspekte des Sterbens aus deutscher Sicht zwischen 1933 und 1945 verdeutlicht. Damit soll zum einen das maßlose Schlachten für eine Untersuchung strukturiert und somit zum andern der Zugriff auf diese fremd erscheinende Thematik erleichtert werden.

Die daran anschließenden Kapiteln IV und V stellen die eigentliche Untersuchung dar. Der erste dieser beiden Abschnitte versucht auf den generellen Umgang der Staatsführung und der Bevölkerung mit dem Thema Tod im Zweiten Weltkrieg einzugehen. Dazu werden in einem ersten Schritt die Begriffe welche sinnstiftend durch das Ministerium für Volksaufklärung und Propaganda verwendet wurden dargelegt. Dem folgt eine Untersuchung des rituellen Umgangs innerhalb des Nationalsozialismus mit dem Tod. Als dritter Blickwinkel wird dabei der Fokus auf die Todesanzeigen für Gefallene gerichtet, weil somit die Rezeption und Verarbeitung durch die Bürger im Dritten Reich mit ins Blickfeld gerät. Die Auswahl der Untersuchungsfelder stellt Repräsentanten verschiedener Zeitdimensionen dar. Todesanzeigen und Gedenkveranstaltungen sind kurzfristige, jährlich wiederkehrende Feste mittelfristige und der Bau von Denkmälern und Monumenten langfristige Achsen der Totenverehrung im Dritten Reich.

Das Kapitel V widmet sich dem Umgang des RMVP mit der Niederlage bei Stalingrad. Diese Schlacht soll exemplarisch die bis dahin erarbeiteten Feststellungen erhärten und gleichzeitig als Sonderfall, den Umschwung der Stimmungslage in der Bevölkerung verdeutlichen. Mit diesem ging eine unumkehrbare Veränderung der Akzeptanz der nationalsozialistischen Todespropaganda hin zur Abwendung einher. Das letzte Kapitel dient der Zusammenfassung und Zuspitzung der ergründeten Einstellungen, Wechselwirkungen und Einflussfaktoren.

Die Forschungsliteratur, welche für diese Arbeit herangezogen wurde, stammt aus unterschiedlichsten Bereichen. Die Betrachtungsweise den Nationalsozialismus als politische Religion zu sehen, erlebt in den letzten 15 bis 20 Jahren eine Renaissance. Differenziert werden kann dabei zwischen der Untersuchung einzelner wichtiger Nationalsozialisten und ihrem Glauben (u. a. Bärsch 1987, 1998), sowie der Betrachtung der Tradition nationalsozialistischer Rituale und deren Funktion innerhalb des Dritten Reiches (bspw. Vondung 1971, 1992, Behrenbeck 1996). Die Forschung ist in diesem Bereich soweit fortgeschritten, dass schon einzelne Ereignisse unter spezifischen religiös gefärbten Propagandabegriffen wie der des Opfers untersucht werden (z. B. Karow 1997). Nichtsdestotrotz sind die Akzeptanz des Ansatzes und die Festlegung auf wenige operative Begriffe noch immer nicht endgültig geschehen (Maier, Schäfer 1997). Dahingegen hat die Untersuchung von Schlagwörtern im Nationalsozialismus, wie Held oder Opfer beispielsweise, eine längere Tradition. Durch René Schillings Untersuchungen werden dabei aktuell die Ursprünge und Veränderungen des Heldenbegriffes im 19. und 20. Jahrhundert diskutiert. Ergänzt werden diese Ansätze durch die immer weiter fortschreitende historische Geschlechterforschung wie sie beispielsweise bei Ute Frevert anzutreffen sind.

Im Zuge der Debatte um die religiösen Aspekte totalitärer Diktaturen gerieten die Feiertage, Feste und Beerdigungen stärker in das Blickfeld der Historiker. In diesem Zusammenhang wird dabei immer mehr der Aspekt der rituellen Handlungen und dem damit einhergehenden symbolischen Zusammenwachsen der Volksgemeinschaft hervorgehoben (Kratzer 1998, Schellack 1990, Thamer 1994, Tietz 1997).[3] Dieselbe Beobachtung lässt sich auch zur Entwicklung der Untersuchung der Denkmäler feststellen (Lurz 1986, Kosseleck 1979, 2001, kunsthistorisch: Mai 1994). Diese Arbeit soll dazu dienen die Komponenten der Totenverehrung und Kontingenzbewältigung im Dritten Reich mehr zu verknüpfen. Die umfangreichste Arbeit hinsichtlich des Totenkults im Dritten Reich, „Der Kult um tote Helden“ von Sabine Behrenbeck, beschränkt sich auf den Heldentopos. Die hier vorliegende Untersuchung versucht die tatsächliche Entwicklung des Sterbens der deutschen Soldaten mit den Propagandaformen in Beziehung zu setzen und die Interdependenzen aufzudecken. Dabei sollen verschiedenste Aspekte des Totengedenkens integriert werden, um ein möglichst breit gefächertes Bild der Aktivitäten im Dritten Reich den Tod betreffend zu erhalten.

Die Meldungen aus dem Reich aber auch die nähere Betrachtung von Gefallenenanzeigen erfüllen als Hauptquellen zwei Funktionen. Einerseits lässt sich an diesen erkennen, wie der von dem NS-Regime gewünschte Umgang mit dem Tod war, andererseits ist gleichzeitig das reale Verhalten lokaler NSDAP-Führer sowie der gewöhnlichen Bevölkerung sichtbar. Bei beiden Quellen muss eine gewisse Vorsicht bei der Interpretation an den Tag gelegt werden, da es sich dabei um Texte handelt, die stark durch die Ideologie des Nationalsozialismus gefärbt sind bzw. sein können. Die Tagebücher von Joseph Goebbels fanden in dieser Arbeit kein Eingang, da sie einerseits zu umfangreich für das begrenzte Zeitkontingent waren und andererseits ohne endgültiges Registerband nicht systematisch hinsichtlich des Todes erschlossen werden konnten.

II. Hinführung

a. Der Nationalsozialismus als politische Ersatzreligion

Im Zuge der Überlegungen über die Todessymbolik der nationalsozialistischen Propaganda, sollte an erster Stelle die Frage der propagierten heilsgeschichtlichen Bedeutung des NS angesprochen werden. Denn nur mit einem Verständnis des Ursprungs des Allmachtsanspruchs der Nationalsozialisten lassen sich Gründe für die Relevanz einer Untersuchung über den Umgang mit dem Tod und der Bedeutung von Toten für die Logik nationalsozialistischer Propaganda finden.

Wie sehr sich die nationalsozialistische Ideologie jeglicher relativierender Kritik entzog, lässt sich an der Gleichsetzung der arischen Rasse mit göttlichen Wesen erkennen. Hitler bezeichnet die Vermischung des arischen Volkes mit anderen Völkern als Sünde gegen göttliche Tat. Er schreibt in „Mein Kampf“: „Wer die Hand an das höchste Ebenbild des Herrn [dem Arier, D.H.] zu legen wagt, frevelt am gütigen Schöpfer dieses Wunders und hilft mit an der Vertreibung aus dem Paradies.“[4] Religiöse Begriffe, welche die Ideologie des NS oder Adolf Hitler selbst bezeichnen lassen sich sehr häufig in Äußerungen ranghoher Nationalsozialisten finden. So bezeichnet Goebbels in seinem Aufsatz „Die Führerfrage“ die Rede Hitlers während des Prozesses in München wegen des Novemberputsches vom 9.11.1923 als „den Katechismus neuen politischen Glaubens in der Verzweiflung einer zusammenbrechenden, entgötterten Welt.“[5] Heinrich Himmler, sei in sagte 1941: „Wenn du unseren Führer siehst, ist es wie ein Traum; du vergisst alles, um dich, es ist, als ob Gott zu dir kommt.“[6] Einer der wichtigsten religiösen Grundsätze der nationalsozialistischen Ideologie bestand in der Annahme der Identität von Volk und Führer sowie dem Aufblühen des deutschen Volkes aufgrund der besonderen Verbindung von Adolf Hitler zu Gott. Herrmann Göring hat dies beispielsweise 1938 wie folgt ausgedrückt: „In allen diesen Jahren hat der Allmächtige ihn [Adolf Hitler; D.H.] und das Volk wieder und immer wieder gesegnet. Er hat uns im Führer den Retter gesandt. Unbeirrbar ging der Führer seinen Weg. Unbeirrbar folgen wir ihm. […] Deutsches Volk, trage die stählerne Gewissheit in dir: Solange Volk und Führer eins sind, wird Deutschland unüberwindlich sein. Der Herr sandte uns den Führer, nicht damit wir untergehen, sondern damit Deutschland auferstehe.“[7]

Alfred Rosenberg, einer der wichtigsten Ideologen des Nationalsozialismus, schrieb schon 1934 in „Nationalsozialismus, Religion und Kultur“: „Der Nationalsozialismus ist nicht antireligiös, vielmehr ist sein Kampf und sein Opfern nur aus einem starken religiösen Impuls möglich gewesen.“[8]

Die Annahme der NS habe religiöse Wurzeln, wurde schon sehr früh durch akademische Zeitgenossen formuliert: Eric Voegelin, welcher 1938 von der Wiener Universität vertrieben wurde, legte in seinem Werk „Die politischen Religionen“ noch in demselben Jahr dar, dass der Nationalsozialismus wie andere Massenbewegungen auch ein politische Religion sei.[9] Nach Voegelin fanden die Nationalsozialisten das Göttliche nicht in einem transzendentalen Weltgrund, sondern in einem Teilinhalt der Welt selber. Dieser Teilinhalt der von den Nationalsozialisten als Realissimum (etwas Seiendes) angenommen wurde, war die Volksgemeinschaft verbunden durch ihr Blut. Somit träte an die Stelle der Legitimierungsquelle für die Gemeinschaft die Gemeinschaft selber.[10]

Nach der kurzen Darlegung der religiösen Konnotationen in den Ideen der führenden Nationalsozialisten und dem frühen Ursprung der Vorstellung politischer Religion, bleibt die Frage nach der genauen Definition und Benennung dieses Ansatzes.

Zu diesem Zweck sei zuerst auf die drei religiösen Bezugsebenen in der Imagination des politischen Kollektivs nach Peter Berghoff verwiesen. Damit lassen sich die möglichen Entwicklungsschritte religiös gefärbter Ideologien bis hin zum 19. und 20. Jahrhundert in einer abstrakten Sichtweise nachvollziehen. Die erste Stufe nennt Berghoff die „explizit-traditionelle Bezugsebene“. In dieser ist die „Konstruktion des politischen Kollektivs ausdrücklich an eine bestehende religiöse Tradition verknüpft. […] D. h. es wird von allen Zugehörigen das Bekenntnis zu eine bestimmten Religion erwartet, während nicht alle Gläubigen dieser Religion zugleich auch Zugehörige des politischen Kollektivs sind oder sein sollen.“[11] Die zweite Stufe bezeichnet der Autor als komplementär-sakrale Kategorie. Auf dieser sei eine Akzentverschiebung festzustellen, bei der das irdische politische Kollektiv als heiliges Element den Vorzug vor einer spezifischen Religion erhalte.[12] „Auf dieser Ebene wird die religiöse Tradition zwar kritisiert, gebrochen oder ergänzt, bleibt aber explizit ein wichtiges Bezugsreservoir für die Konstruktion der Kollektivitätsreligion […].“[13] Auf der dritten Bezugsebene, der Ebene des impliziten Religionsbezugs, sei die Säkularisierung durchgeführt, gleichzeitig wird jedoch das verweltlichte Kollektiv durch Re-Sakralisierung als zentraler Punkt religiösen Begehrens betont. Der NS ist hier anzusiedeln und kann in Verbindung mit dem Konzept des Corpus Mysticum betrachtet werden. Diese ursprünglich kirchliche Fiktion, die von einer Identität von Kopf und Gliedern der christlichen Organisation Kirche ausgeht, lässt sich auf den Nationalsozialismus übertragen.[14] Wie in der von Herrmann Göring zitierten Rede erwähnt, war es eine der wesentlichen Annahmen der Nationalsozialisten, dass eine Wesensgleichheit zwischen dem Führer Adolf Hitler und dem deutschen Volk bestehe. Hitler erfüllt für die nationalsozialistische Ideologie zwei wichtige religiöse Funktionen: Er ist zum einen Vermittler zwischen dem deutschen Volk und Gott und er ist der von Gott auserwählte Deutsche, der für diese stehend, ihren zukünftige Status repräsentiert.[15] In Verbindung mit der Frage nach dem Führerglauben, wird die Frage nach Art und Form der Herrschaft Adolf Hitlers häufig mit Verweis auf Max Webers Konzept der charismatischen Herrschaft beantwortet. Diese sei mit rechtlichen und institutionellen Einschränkungen nicht kompatibel gewesen und begründete sich auf dem Glauben der Bevölkerung, dass das als genial angesehene Urteilsvermögen Hitlers über banalem Parteiengezänk stehe. Jörge Echternkamp meint, dass Hitlers Image auf der Vorstellung basierte, der Führer würde den Volkswillen und somit die Vorsehung vollstrecken. Selbst nach Niederlagen habe Hitler nur langsam von seinem Mythos verloren, und erst die bei Stalingrad wäre Hitler persönlich angerechnet worden.[16]

Der Glauben an diese Annahmen über Adolf Hitler und die Tatsache, dass dieser Glauben, das Führerprinzip, einer der Grundlagen des NS war, ist als ein maßgeblicher Grund anzuführen, weshalb die nationalsozialistische Ideologie überhaupt als eine politische Religion zu betrachten ist.[17] Hannah Arendt meint, dass die gesamte totalitäre Organisation auf der Annahme der Unfehlbarkeit des Führers aufgebaut sei und dass das Eingeständnisses eines Irrtums den Bann dieser Unfehlbarkeit brechen und so den Zusammenbruch ankündigen würde. „Nicht die Richtigkeit der Worte des Führers, sondern die Unfehlbarkeit seiner Handlungen bildet die Basis der Gesamtbewegung.“[18]

Die fachwissenschaftliche Literatur zu diesem Thema bietet verschiedene genauere Bezeichnungen mit unterschiedlichen Intentionen an: politische Religion, Zivilreligion, Ersatzreligion, säkularisierte Religion oder gar Antireligionen. Hierbei ist vor allem auf die millenaristische Heilsversprechungen des „tausendjährigen Reiches“[19] zu verweisen und das Mittel mit dem dieses Ziel erreicht werden soll: „Dieses chiliastische Versprechen, die Welt zu reinigen, indem die Betreiber ihres Verderbens beseitigt werden, kann nur durch und am Ende eines erlösenden Kampfes gegen die Agenten des Bösen, vornehmlich das internationale Judentum, eingelöst werden.“[20] Auch wenn in dieser Arbeit nicht näher auf den Holocaust und seine ideologische Bedeutung für den Nationalsozialismus eingegangen werden soll, sei zumindest dies angedeutet: Der Antagonismus Deutschtum – Judentum war nicht nur durch die Vokabeln Gut – Böse sondern auch durch die Gegensatzpaare Licht – Finsternis, Gott – Satan und vor allem Christ – Antichrist im NS näher bestimmt worden.[21] Zu dem Führerkult und der apokalyptischen Vision der Judenvernichtung kam als drittes Element nationalsozialistischer Ideologie die Naturverehrung hinzu. Diese Verehrung speist sich aus der Vorstellung, dass die Germanen in vorchristlicher Zeit in den Urwäldern an der Ostsee, in Skandinavien und dem ursprünglichen Deutschland lebten.[22]

Die Nähe zwischen nationalen Feiern und christlicher Tradition besteht nicht erst seit dem Nationalsozialismus, sondern war schon im 19. Jahrhundert so ausgeprägt, das in nationalen Feiern wirkliche Gebete und wirklicher Gottesdienst stattfanden.[23] Aus diesem Grund soll in dieser Arbeit der Begriff der politischen Ersatzreligion benutzt werden. Diesem Gebrauch liegt die Annahme zugrunde, dass der NS zum einen häufig auf religiöse, insbesondere christliche Vorgaben zurückgriff, aber auch dass zum anderen der Nationalsozialismus als Ideologie keine Konkurrenz neben sich duldete.[24] „Auf lange Sicht, so erklärte Hitler im Juni 1941, werde es unmöglich sein, daß Nationalsozialismus und Religion koexistieren.“[25] In diesem Zusammenhang soll auf die Gegenposition verwiesen werden, die es ablehnt den NS als politische Religion zu sehen. Hans Mommsen nimmt dabei beispielsweise auf Äußerungen Hitlers Bezug, in denen es heißt, dass die NS-Bewegung sich nicht in metaphysische Abschweifungen begeben darf. Außerdem besäße die bloß simulative Bewegung des NS keine für den Begriff einer politischen Religion ausreichende ideologische Stringenz und Kohärenz.[26]

Zwei weitere Sachverhalte sollen den Religionsgehalt des NS hier verdeutlichen: Die Ähnlichkeit zwischen christlichen und nationalsozialistischen Vorstellungen beschränkt sich nicht nur darauf eine Person als Messias (Jesus, Hitler) und somit als Erlöser anzusehen, sondern damit einhergehend auch, dass eine Erlösung kommen werde. Wie diese Erlösung eintritt unterscheidet diese zwei Religionen jedoch wieder grundlegend: Den christliche Grundsatz, dass die Erlösung nicht das Werk der Menschen selbst sondern Aufgabe himmlischer Heerscharen sei, drehen die Nationalsozialisten um.[27] Die Johannes-Apokalypse[28], die vernichtende „Endlösung“ zum Abschluss des „Tausendjährigen Reiches“ durch Gott, wird von den Nationalsozialisten zu Beginn ihrer propagierten tausendjährigen Herrschaft durchgeführt.[29]

Abschließend bleibt festzuhalten, dass der Nationalsozialismus nicht ausschließlich unter dem Aspekt der politischen Religion betrachtet werden kann, dieser Ansatz ist für die hier aufgeworfenen Fragen jedoch am hilfreichsten. Gleichzeitig soll daran erinnert werden, dass die Instrumentalisierung des Glaubens durch die NS-Machthaber und die gleichzeitige Gläubigkeit sich nicht gegenseitig ausschließen. Im Gegenteil war der Glauben der NS-Führung sogar besonders hoch, auch wenn sie zugleich die Möglichkeiten dieser Gläubigkeit erkennen und politisch zu instrumentalisieren wussten.[30]

Klaus Vondung meint einen Unterschied in der Verwendung der Religiosität durch Hitler und Goebbels zu erkennen. Demnach gehöre bei Hitler die pervertierte Religiosität zur fanatisch geglaubten Ideologie, wohingegen Goebbels, der voller Bewunderung und Neid auf den einheitstiftenden Kult der katholischen Kirche schaue, ein pragmatischeres Verhältnis zur Religion besitze.[31] Goebbels Blick auf die Politik wiederum definiert sich über kirchliche Begriffe: „Wir haben gelernt, daß Politik nicht mehr die Kunst des Möglichen ist. Was wir wollen ist nach dem Gesetz der Mechanik unerreichbar und unerfüllbar. Wir wissen das. Und dennoch handeln wir nach der Erkenntnis, weil wir an das Wunder, an das Unmögliche und Unerreichbare glauben. Für uns ist die Politik das Wunder des Unmöglichen.“[32]

Die Herangehensweise, den NS als eine politische Religion zu sehen, bietet mehrere Vorteile, denen sich diese Arbeit bedienen möchte: Dabei wird der Blick nicht nur auf die auf Fakten basierenden Realitätsebene gerichtet sondern auch der Ebene der symbolischen Realität zugewendet. Dort ist es möglich über eine rationale und instrumentale Politikauffassung hinaus, Gefühle, Symbole und die Auswirkungen von Gewalt als Faktoren zu sehen, die die Einstellung der Menschen beeinflusste. Dabei ist es möglich ein schärferes Bild zu zeichnen von der Art wie sich Gemeinschaften aufwerten und mit Hilfe von symbolischen Formen selbst darstellen.[33]

b. Der Tod als Gefahr für das politische Kollektiv des NS

Nach Heinrich August Winkler ist die Hauptfunktion des Nationalismus die Integration.[34] Die Volksgemeinschaft des NS stellt eine besonders ausgeprägte Form der Integration dar, die, wie sich zeigen wird, nicht an den Grenzen von Leben und Nicht-Leben halt machte. Die politische Ersatzreligion Nationalsozialismus wollte der christlichen Religion die Deutungshoheit über den Tod im Allgemeinen und v. a. den Sinn des Todes nicht überlassen. Gerade mit dem Anspruch der Sonderstellung des NS, dem Wissen bzw. dem Glauben der führenden Mitglieder, dass das nationalsozialistische Konzept mehr sei, als ein Weltanschauung unter vielen, war es gerade zu zwingend, die Verarbeitung des Todes nicht dem einzelnen oder gar der Kirche zu überlassen.

Die Grundproblematik des Todes für den NS besteht in der Individualisierung durch das Sterben.[35] Dies kann sowohl beim eigenen Tod als auch beim Anblick des Todes eines Anderen geschehen. Das was die Lebenden zusammenhält, die geistigen wie gesellschaftliche Vorstellungen von Ordnung, Werte und Imperative, wird durch den Tod negiert, weil der Verstorbene in diesen Vorstellungen nicht vorkommt. Soziologisch gesehen ist der Tod die absolute, irreparable und beständige Beendigung der wechselseitigen Beziehungen zu einem Menschen.[36] „Die alle Bände lösende Vereinzelung im Tod erfahren wir in der Konfrontation mit der Leiche, als ein Sterben desjenigen, das die Lebenden verbindet.“[37] Die Desintegration durch den Tod kann also das Integrationsbestreben des NS aushöhlen.

Daraus ergibt sich eine wichtige Aufgabe für die Ideologen des NS, wenn sie dem Anspruch der totalen Weltanschauung gerecht werden wollen. Denn die Verbindung des Kollektivs kann die Vereinzelung im Tod nur dann imaginär bezwingen, wenn es als ein den Lebenden transzendentes vorgestellt wird und auf eine „heilige Wirklichkeit“ verweist. Diese Wirklichkeit wird bei den Nationalsozialisten aus der Zukunft antizipiert. Hierbei sei bereits auf eine Annahme Ackermanns verwiesen, welche später hinsichtlich des Soldatentodes genauer untersucht werden soll: Das Todes- und Geschichtsbild der Nationalsozialisten lässt sich in drei unterschiedliche Phasen einteilen. Die erste Phase, vor bis kurz nach der Machtergreifung, verweist im Todesbild auf ein zukünftiges Ziel indem die Nationalgeschichte noch zu verwirklichen gilt. Die zweite Phase von 1934 bis 1941 attestiert den zu dieser Zeit verstorbenen ein „erfülltes Leben“. Die dritte Phase bis 1945 kann zwar den Anspruch auf Erfüllung aufrechterhalten, beinhaltet aber gleichzeitig wieder ein noch zu erreichendes Ziel, den Gewinn des Krieges.[38] „Weil die Zukunft so und nicht anders sein wird, hat die Gegenwart diesen und jenen Charakter, kommt dem eigenen Kollektiv dieses und dem fremden jenes Prädikat zu.“[39] Das an der Leiche erfahrbare Sterben des Bandes das die Volksgemeinschaft zusammenhält ist durch die nationalsozialistische Deutung keine Trennung mehr, die zu einer absoluten Isolation führt, sondern eine „Geburt“ in eine andere Qualität des imaginierten kollektiven Lebens. „Die Transzendierung des Bandes kann somit als ein Produkt des Spannungsverhältnisses zwischen dem individuellen angstvollen Begehren hinsichtlich des Todes und den Anforderungen einer „dauerhaften“ Stabilisierung der kollektiven Ordnung betrachtet werden.“[40] Ob und in welcher Form die Propaganda des NS diesem Anspruch gerecht wurde, versucht diese Arbeit für den Soldatentod zu klären.

Zwei weitere Faktoren des Todes waren für die Ideologie des NS störend und mussten, wie sich noch zeigen wird, umgedeutet werden. Zum einen ist der Anspruch der nationalsozialistischen Propaganda ein ewig bestehendes Reich zu schaffen, durch den Tod einzelner und großer Massen an Menschen immer in Frage gestellt, weil diese nicht lebend am Reich teilnehmen können. Der Tod stellt nicht nur die Integration sonder auch immer die Kontinuität infrage, insbesondere der Tod derer die für etwas starben das ewige Kontinuität beansprucht. Zum zweiten wird durch das massenhafte Sterben auch immer eine Sinnfrage gestellt. Gerade die durch den Krieg zahlenmäßig hohen zufälligen Tode mussten gedeutet werden, sollte von diesen keine Gefahr für den Anspruch des NS ausgehen. Weil im Krieg immer ein Soldat an der Stelle eines anderen gestanden haben kann, oder ein Granate an einer bestimmten Stelle aber auch ganz woanders einschlagen konnte, stellt der Soldatentod zwar immer einen durch Menschen herbeigeführten, gewaltsamen, aber eben auch einen zufälligen, kontingenten und somit schwer deutbaren Tod dar.

Durch die Deutung des NS als politische Ersatzreligion, lassen sich Funktionen der Religion hinsichtlich des Todes auf diesen übertragen: Religionen haben, als symbolische Sinninstanzen, die Grundfunktion den „Kommunikationsunterbrecher Tod“ kommunikabel und das Unverstehbare, noch nicht sinnhaft Antizipierbare verständlich zu machen. Sie haben die Aufgabe dem Tod Plausibilität und Dignität hinzufügen.[41]

III. Der Soldatentod in der Wehrmacht des Zweiten Weltkrieges

a. Quantitative Aspekte: Anzahl, Zeiträume und Orte des Sterbens

Der historische Blick auf die Zahl der gefallenen Wehrmachtssoldaten im Zweiten Weltkrieg bildet ein schwieriges Unterfangen. Dies lässt sich durch die Tatsache belegen, dass sich zwischen verschiedenen Publikationen eine Differenz von über 4 Millionen Gefallenen deutschen Soldaten sichtbar wird.[42] Die Überprüfung der Ursprünge der meisten Daten führt zum Oberkommando der Wehrmacht, welches wie dargestellt Wehrmachtsverluststatistiken führte. Diese waren jedoch schon in relativ ruhigen Zeiten nicht zuverlässig, haben anscheinend schon im Westfeldzug mindestens 20.000 Tote weniger als tatsächlich ausgewiesen, wurden ab Mitte 1944 zunehmend lückenhaft und lieferten ab Ende Januar 1945 keine Daten mehr. Im Übrigen weist die Wehrmachtstatistik deutsche Soldaten die in Kriegsgefangenschaft gingen als Verluste aus. Da diese Kriegsgefangenen mehrheitlich überlebten, lassen sich somit keine wirklichen Rückschlüsse auf die Anzahl der Toten der Wehrmacht ziehen.[43]

Die nachfolgenden quantitativen Angaben beruhen zum großen Teil auf den Berechnungen von Jürgen Overmans.[44] Zwei kurze methodische Vorbemerkungen: Overmans benutzt als Datengrundlage die „Kartei der Deutschen Dienststelle“ in Berlin. Diese könne für sich in Anspruch nehmen, „das individuelle Schicksal militärischer Kriegsteilnehmer so exakt und so umfassend nachweisen zu können, wie dies angesichts des Chaos bei und nach Kriegsende, sowie Zerstörung großer Aktenbestände überhaupt möglich war.“ Aufgrund zeitlicher und finanzieller Einschränkungen war für Overmans eine Vollerhebung nicht möglich. Aus diesem Grund wählte er eine Stichprobe mit so großem Umfang, dass die Ergebnisse ein hohes Maß an Zuverlässigkeit und Wahrscheinlichkeit besäßen.[45]

Die Hochrechnungen ergeben, dass von den insgesamt 18,2 Millionen Soldaten, welche für die unterschiedlichen Teile der deutschen Armee eingezogen worden sind, ca. 5,3 Millionen Soldaten ums Leben kamen.[46] Teilt man die Armeeangehörigen und die Gefallenen auf die Armeeteile auf, so lassen sich die Ergebnisse wie folgt differenzieren: Den größten Teil der Armeeangehörigen stellte erwartungsgemäß die Wehrmacht. Diese gliedert sich in das Heer mit 13,5 Millionen Soldaten, die Luftwaffe mit 2,5 Millionen Soldaten und die Marine mit 1,2 Millionen Soldaten.[47] Der Blick auf die Verluste spiegelt diese Größenverhältnisse in etwa wider. 4,2 Millionen deutsche Heeressoldaten fielen dem Zweiten Weltkrieg zum Opfer, dies entspricht 79 % aller deutschen Militärverluste. Die Luftwaffe hatte insgesamt 433.000 Tote (8,1 % der Gesamtverluste) zu verzeichnen, die Marine 138.000 (2,6 %) und die Waffen-SS, der schätzungsweise 900.000 verschiedene Deutsche Soldaten im Verlauf des Zweiten Weltkrieges dienten, 314.000 (5,9 %).[48] Die durchschnittliche Todesquote, dem Anteil gefallener Soldaten im Verhältnis zur Gesamtzahl der Soldaten, lag bei 28 %.[49] Die sich aus dieser Anzahl von Gefallenen in Kapitel II. b angedeuteten Legitimationsschwierigkeiten erscheinen umso drastischer bei der Vergegenwärtigung, dass 42,2 % der männlichen Bevölkerung des Großdeutschen Reiches in den Grenzen von 1938 zur Wehrmacht eingezogen wurden.[50] Die Quote, dass vier von fünf verstorbenen deutschen Soldaten dem Heer angehörten, hat für diese Arbeit zur Folge, dass falls von gefallenen Soldaten gesprochen wird dabei – auch ohne dass dies explizit angemerkt ist – in den allermeisten Fällen ein Heeressoldaten gemeint sind.

Die Zeiträume in denen die deutschen Soldaten ums Leben kamen, sind sich in vier unterschiedliche Phasen einteilbar. Die erste Phase von September 1939 bis Juni 1941 beinhaltet den Angriff auf Polen, die Invasion in Norwegen und Dänemark und den Frankreich-Feldzug, bei den insgesamt 163.033 deutschen Soldaten ums Leben kamen, also pro Monat annähernd 7.400 Tote. Mit dem Angriff auf die Sowjetunion beginnt die Phase Zwei. Von Juli 1941 bis Juni 1943 starben insgesamt 1.259.577 Millionen deutsche Soldaten, dies entspricht einem Durchschnittswert von etwa 52.500 Gefallenen pro Monat. In diese Zeitspanne fällt auch die Niederlage bei Stalingrad. Die dritte Phase (Juli 1943 bis Mai 1944) ist von einem Anstieg der monatlich gefallenen Soldaten auf 79.400 gekennzeichnet. In dieser kurzen Periode von elf Monaten kann von einer Gesamttodeszahl von 873.442 ausgegangen werden.

Die vierte Phase, das letzte Kriegsjahr von Juni 1944 bis Mai 1945, stellt mit ihren häufig weit mehr als 100.000 toten deutschten Soldaten monatlich, die dramatische Entwicklung zu Ende des Zweiten Weltkrieges in all seiner Deutlichkeit dar. Insgesamt 2.752.476 gefallene deutsche Soldaten waren in dieser Phase zu beklagen, wovon allein der August 1944 mit seinen 348.960 und der Januar 1945 mit seinen 451.742 Gefallenen ein Drittel ausmachen. Durchschnittlich 230.000 tote deutsche Soldaten waren in dieser Phase pro Monat zu verzeichnen.[51] Hier zeigt sich, dass nicht eine Einzelkatastrophe wie Stalingrad die meisten Menschenleben forderte, sondern dass jeder Monat in der Endphase des Krieges blutiger war.[52]

Es erscheint nun als Aufgabe bei den Betrachtungen über die propagandistischen Veranstaltungen der Nationalsozialisten hinsichtlich der Gefallenen auf diese Daten und Phasen zu achten. Dabei soll gefragt werden, ob und in welcher Form durch den NS propagandistisch auf die Veränderung der Quantität der Gefallenen reagiert wurde oder ob das Regime nicht reagieren brauchten, weil das Ausmaß des Sterbens im Zweiten Weltkrieg nicht zur deutschen Bevölkerung durchdrang. Zu untersuchen gilt auch, ob es beispielsweise zu verzögerten Reaktionen auf Häufungen des Soldatentodes kam und wie diese ausgestaltet waren. Daneben bleibt zu fragen, wie grade in der dritten und vierten Phase die nationalsozialistische Propaganda der immer stärker zunehmenden Quantität des Soldatentodes entgegentrat.

Die Frage nach den Orten des Sterbens im Zweiten Weltkrieg steht in engem Zusammenhang mit dem Verlauf. Diese Aussage lässt sich durch die Unterteilung der Kriegsschauplätze durch Overmans differenzieren. Auf dem Balkan starben bis zum Oktober 1944 104.000 deutsche Soldaten, dies entspricht 2 % der Gesamtverluste. Auf italienischem Boden starben bis zur Kapitulation 151.000 deutsche Soldaten (2,8 %). Bei den unter „sonstigen Kriegsschauplätzen“ von Overmans zusammengefassten Gebieten handelt es sich Operationen bei denen eine Einzelaufzählung aufgrund der geringen Anzahl Gefallener keinen Sinn machen würde und zusätzlich werden hier die Verluste der Marine eingerechnet, die sich keinem Landkriegsschauplatz zuordnen lassen. Diese Kategorie, mit 5,5 % Anteil an den Gesamtverlusten, umfasst 291.000 Tote. Nur etwas mehr deutsche Soldaten starben an der Westfront bis zum 31. Dezember 1944. Dort stellen 340.000 Gefallene 6,4 % der Gesamtverluste dar. Die mit 459.000 (8,6 %) in Kriegsgefangenschaft verstorbenen überraschend niedrig angegebenen deutschen Soldaten, werden durch Overmans mit dem Verweis begründet, dass es sich hier nur um die nachweislich in Kriegsgefangenschaft Verstorbenen handelt. Diejenigen, über dessen Verbleib nichts bekannt ist, wurden nach ihrem letzten Aufenthaltsort als verstorben klassifiziert.[53] Die zwei größten Blöcke der Orte der Verstorbenen stellen die Gebiete der Endkämpfe im Osten und im Westen nach dem 1. Januar 1945 und die Ostfront bis zum 31. Dezember 1944 dar. Zusammen starben in diesen Gebieten annähernd 75 % der im Zweiten Weltkrieg gefallenen deutschen Soldaten. In den Gebieten der Endkämpfe sind dies 1.230.000 Gefallene (23,1 %) und an der Ostfront 2.743.000 Gefallene (51,6 %).[54] Die Tatsache, das knapp mehr als die Hälfte der zu beklagenden Menschenverluste des Deutschen Reiches an der Ostfront zu verzeichnen waren, stellt für diese Arbeit die Frage nach der Reaktion der nationalsozialistischen Propaganda auf diesen Sachverhalt. Die Ergebnisse dieses Abschnittes begründen, weshalb am häufigsten in dieser Arbeit auf gefallene deutsche Heeressoldaten an der Ostfront Bezug genommen wird. Eine der quantitativen Größe angemessene Untersuchung der Verarbeitung des Soldatentodes in der Endphase, dem letzten Jahr des Zweiten Weltkrieges kann aufgrund der den Umständen geschuldeten unzureichenden Quellenbasis und den demzufolge wenigen Forschungsergebnissen hier nicht vorgenommen werden. Das Augenmerk dieser Arbeit liegt vor Beginn des Jahres 1945. Für die Untersuchung reichen die sich seit der Katastrophe von Stalingrad im Januar 1943 endgültig abzeichnende Niederlage und deren anschließenden verlustreichen Schlachten bis zu den Endkämpfen aus, um die Entwicklung und teilweise die Rezeption der Propaganda aufzuzeigen.

b. Qualitative Aspekte: Formen des Soldatentodes

Die Ursachen für den Tod eines Soldaten im Krieg können vielfältig sein. Neben der Einwirkung durch den Feind können Todesfälle durch die eigene Person, der eigenen Armee oder auch durch die Umweltverhältnisse ausgelöst werden. Diese Gefahr war ein ständiger Begleiter für Soldaten. Am Beispiel der 253. Infanteriedivision zeigt Christoph Rass auf, dass 55 % der Soldaten dieser Einheit einmal oder sogar mehrfach verletzt wurden oder an Krankheiten, Entzündungen oder sonstigen Gesundheitsschäden litten.[55]

Die Rekonstruktion der wirklichen Todesursache erweist sich als schwierig, weil schon in den offiziellen Dokumenten wie dem Wehrpass mit Rücksicht auf die Angehörigen nicht die tatsächliche Ursache eingetragen wurde. Der Grund hierfür – die Vorspiegelung eines heldenhaften Todes – soll später in dieser Arbeit noch beleuchtet werden. Nach Rass bilden die indirekten Feindkontakte den größten Anteil an deutschen Todesfällen. Artilleriefeuer und dessen Splitterwirkung stellten die häufigste Gefahr für das Leib und Leben der deutschen Soldaten an der Front dar.[56] Daneben konnte selbstverständlich auch jeder direkte Feindkontakt im Nahkampf tödlich enden. Bemerkenswert erscheint das unterschiedliche Trefferfeld und die damit verbundene möglicherweise unterschiedliche Dauer und Form des Sterbens. Granatsplitter verletzten häufig die Gliedmaßen oder den Kopf, wohingegen Geschossverletzungen eher größere Bereiche wie den Torso oder die Beine trafen.[57] Dessen ungeachtet sind Kopf- oder Herzschüsse in großer Anzahl vermerkt worden, die sehr wahrscheinlich den Verwandten einen kurzen und schmerzlosen Tod ihres Angehörigen suggerieren sollten[58]. So wird dies beispielsweise durch die nachfolgenden Sätze besonders deutlich bei dem Schreiben eines Kompanieführers Hü. an die Frau eines Gefallenen vom 5. März 1942: „[…] Er fiel als tapferer Soldat in vorderster Linie durch ein Inf.-Geschoß. Er war sofort tot und hatte keinerlei Schmerzen mehr. Das Gesicht des toten Helden ist keineswegs entstellt, sondern hat einen zufriedenen, ja glücklichen Ausdruck angenommen. […] Auf seinem Heldengrab liegt sein Stahlhelm und ein großes hölzernes Kreuz in Form des Eisernen Kreuzes trägt weithin leuchtend seinen Namen […]“.[59]

Je weiter sich Soldaten von der Front entfernten umso unwahrscheinlicher war zwar der Tod durch Artillerie, andere Gefahren traten hingegen an dessen Stelle. Im rückwärtigen Raum konnten deutsche Soldaten durch Partisanenüberfälle, Landminen oder Fliegerangriffe umkommen. Die Todesursache wurde demnach durch die Funktion, die ein Soldat in der Wehrmacht erfüllte, beeinflusst. Militärpersonen, welche weiter hinter der Front operierten beispielsweise in der Nachrichtenabteilung, kamen eher durch Bordwaffenbeschuss eines gegnerischen Flugzeugs um, als durch persönlichen Feindkontakt.

Die Umweltverhältnisse konnten ebenfalls über Leben und Tod der deutschen Soldaten entscheiden. Dazu zählten neben der Kälte und dem daraus resultierenden Tod durch Erfrierung in den Wintermonaten auch Infektionen, Epidemien und die Versorgung der Soldaten mit Nahrung. Vor allem das durch Läuse übertragene Fleckfieber stellte eine große Gefahr sowohl für die deutschen Soldanten als auch für die Zivilbevölkerung des besetzten Gebietes dar. Rass zeigt, dass sowohl bei der Bekämpfung von Fleckfieberepidemien als auch bei der Besorgung von Winterbekleidung das Verhalten der Wehrmachtssoldaten gegenüber Zivilisten und Kriegsgefangenen von Brutalität geprägt war. Es zeigt die Todesgefahr, in welcher sich die Wehrmachtssoldaten wähnten, auf, dass dies sowohl institutionell organisiert war als auch auf Eigeninitiative von Wehrmachtssoldaten beruhen konnte.[60] Vor allem im ersten Winter des Krieges gegen die Sowjetunion entstand durch die ungewohnt widrigen Verhältnisse eine Krisenstimmung innerhalb des deutschen Heeres. Spätere Winter waren zwar milder, konnten aber dennoch tiefe Frustration unter den Soldat auslösen, wie der Brief eines Soldaten Pott aus dem Winter 1943 verdeutlicht: „[…] Ja, selbst der gute Petrus macht nicht mehr mit! Wenn man da so nachstößt, könnte man vor Wut heulen. Es ist hier mehr als gut verständlich, wenn selbst der Ruhigste mal fertig wird. […]“[61] Durch die Feldpostbriefe gelangten Schilderung der Lebensumstände der Soldaten in die Heimat und vermittelten dort die tödliche Kriegsrealität.

Neben den aus Umwelteinflüssen oder feindliche Kampfhandlungen ursächlichen Todesarten gab es die durch die Wehrmacht selbst verursachten Tötungen deutscher Soldaten. Selbst verursachte Tötungen können unabsichtlich oder absichtlich geschehen. Als absichtliche Tötungen sind dabei sind zum einen der Suizid eines Soldaten und zum anderen die durch Militärgerichte verhängte Todesstrafe gemeint. Unter unabsichtlichen Tötungen von Soldaten sind Unfälle zu betrachten, die aus der Tatsche resultierten, dass „sich ein geballte Masse von Menschen, bewaffnet und mit einer großen Zahl von Fahrzeugen koordiniert bewegen und auf relativ engem Raum interagieren musste.“[62]

Die Todesstrafe gegenüber eigenen Soldaten verhängten deutsche Militärgerichte vor allem bei Fahnenflucht. Die Radikalisierung sei war in der Endphase des Krieges auch an „fliegenden Standgerichten“ zu erkennen gewesen.[63] Die verschärfte Urteilspraxis erklärt sich durch Erfahrungen aus dem Ersten Weltkrieg, die Zeitgenossen der 20er und 30er Jahre mit zu milden Urteilen als einer der Gründe für die Niederlage deuteten.[64] Neben der Fahnenflucht waren die Delikte der grundsätzlichen Kriegsdienstverweigerung, der Selbstverstümmelung, der Wehrkraftzersetzung und wegen so genannten Feigheitsdelikten diejenigen, die am häufigsten zur Todesstrafe führten.[65] Von 23.000 Todesurteilen sollen mindestens 15.000,[66] möglicherweise sogar 21.000 vollstreckt worden sein.[67] An der Front wurden die Soldaten durch Hinrichtungskommandos aus der eigenen Einheit erschossen, bei Ersatzgerichten geschah dies durch die Guillotine. „Die große Zahl der Todesurteile, die in keinem Verhältnis zu den Zahlen anderer Staaten und Armeen steht, zeigt, daß die Militärjustiz ein aktives Element im Vernichtungsapparat des Nationalsozialismus war.“[68] Dem Kapitel über Todesanzeigen vorwegnehmend sei hier ein Sachverhalt angeführt. Für hingerichtete Soldaten durfte keine Sterbeanzeige oder Nachruf in der Zeitung veröffentlich werden.[69] Somit blieb dieser Tod ohne positive oder negative Auswirkung auf den nationalsozialistischen Totenkult, weil er nicht in diesen integrierbar war.

[...]


[1] Jeggle, Utz: In stolzer Trauer. Umgangsformen mit dem Kriegstod im Zweiten Weltkrieg, in: ders. / Kaschuba, Wolfgang, Korff, Gottfried et al. (Hrsg.): Tübinger Beiträge zur Volkskultur Bd. 69, Tübingen 1986, S. 242 – 259, hier: 259. [Im Folgenden wird nach eine vollständigen Erstmeldung der zitierten Literatur diese mit Autor, Kurztitel und Seitenzahl angegeben.]

[2] Goebbels, Joseph: Die Tagebücher, Teil 1 Bd. 2 (1.1.1931 – 31.12.1936), München 1987, S. 113.

[3] Die älteren aber wahrscheinlich nicht minder guten Arbeiten von Gamm, Hans-Jochen: Der braune Kult, Hamburg 1962 und Schmeer, Karlheinz: Die Regie des öffentlichen Lebens im Dritten Reich, München 1956 konnten aufgrund der zeitlichen Beschränkung und der Dauer der Fernleihe nicht in diese Arbeit mit aufgenommen werden.

[4] Hitler, Adolf: Mein Kampf, München 571933, S. 421, zit. nach: Berghoff, Peter: Der Tod des politischen Kollektivs. Politische Religion und das Sterben und Töten für Volk, Nation und Rasse, Reihe: Politische Ideen Bd. 7, Berlin 1997, S. 107.

[5] Goebbels, Josef: Die Führerfrage, in: ders.: Die zweite Revolution. Briefe an Zeitgenossen, Zwickau 1926, S. 6 -8, zit. nach: Bärsch, Claus-Ekkehard: Die politische Religion des Nationalsozialismus. Die religiöse Dimension der NS-Ideologie in den Schriften von Dietrich Eckart, Joseph Goebbels, Alfred Rosenberg und Adolf Hitler, München 1998, S. 122, Anm. 1.

[6] „Das Schwarze Korps“, 30.1.941, S. 4, zit. nach: Bärsch: politische Religion NS, S. 168, Anm. 2.

[7] Gritzbach, Erich (Hrsg.): Hermann, Göring: Reden und Aufsätze, München 1938, S. 390, zit. nach: Bärsch: politische Religion NS, S. 172, Anm. 1.

[8] Rosenberg, Alfred: Nationalsozialismus, Religion und Kultur, Berlin 1934, S. 4, zit. nach: Piper, Ernst: Alfred Rosenberg – der Prophet des Seelenkrieges. Der gläubige Nazi in der Führungselite des Nationalsozialismus, in: Ley, Michael / Schoeps, Julius H. (Hrsg.): Der Nationalsozialismus als politische Religion, Mainz 1997, S. 107 – 125, hier: S. 115.

[9] Vgl. Voegelin, Eric: Die politischen Religionen, Schriftenreihe Ausblicke, Wien 1938, 2. Auflage Stockholm 1939.

[10] Vgl. Vondung, Klaus: ‚Gläubigkeit‘ im Nationalsozialismus, in: Maier, Hans / Schäfer, Michael (Hrsg.): ‚Totalitarismus‘ und ‚Politische Religionen‘. Konzepte des Diktaturvergleichs Bd. II., Reihe: Politik- und Kommunikationswissenschaftliche Veröffentlichungen der Görres-Gesellschaft Bd. 17, Paderborn 1997, S. 15 – 28, hier: 16.

[11] Berghoff: Tod Kollektiv, S. 97.

[12] Vgl. Berghoff: Tod Kollektiv, S. 109.

[13] Berghoff: Tod Kollektiv, S. 111 f.

[14] Vgl. für die Übertragung des Konzeptes des Corpus Mysticum ganz allgemein auf verschiedene Nationalismen Berghoff: Tod Kollektiv, S. 114 – 117.

[15] Hier zeigt sich, dass auch der Nationalsozialismus nicht ohne Gott auskam. Unter anderem wird dies beispielsweise in der Eidesformel der Waffen-SS deutlich: „Ich schwöre Dir, Adolf Hitler, als Führer und Kanzler des Reiches Treue und Tapferkeit. Ich gelobe Dir und den von Dir bestimmten Vorgesetzten, gehorsam bis in den Tod, so wahr mir Gott helfe.“ Buchheim, Hans: Die SS in der Verfassung des Dritten Reiches, in: Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte Bd. 3, 1955, S. 146, zit. nach: Kratzer, Wolfgang: Feiern und Feste der Nationalsozialisten. Aneignung und Umgestaltung christlicher Kalender, Riten und Symbole, München 1998, S. 137, Anm. 195. [Hervorhebung D.H.]

[16] Vgl. Echternkamp, Jörg: Im Kampf an der inneren und äußeren Front. Grundzüge der deutschen Gesellschaft im Zweiten Weltkrieg, in: ders. (Hrsg.): Die deutsche Kriegsgesellschaft 1939 bis 1945.Politisierung Vernichtung, Überleben, Reihe: Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg, Bd. 9/1, München 2004, S. 1 – 76, hier: 22 – 28. Inwiefern die Niederlage von Stalingrad sich auf den Umgang der nationalsozialistischen Propaganda mit dem Soldatentod und deren anschließende Rezeption auswirkte, soll hier später erläutert werden.

[17] Vgl. Bärsch: politische Religion NS, S. 185 f.

[18] Arendt, Hannah: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. Antisemitismus, Imperialismus, totale Herrschaft, München 20039, S. 810.

[19] Wenn auch die pejorativen Bezeichnungen „Tausendjähriges Reich“ und „Drittes Reich“ früher für das nationalsozialistische Deutschland geläufig waren, wurden beide in der Zeit des NS nach einer gewissen Dauer verboten. Siehe: Berning, Cornelia: Vom „Abstammungsnachweis“ zum „Zuchtwart“. Vokabular des Nationalsozialismus, Reihe: Die kleinen de Gruyter Bände Bd. 6, Berlin 1964, „Drittes Reich“ S. 55 – 58, „Tausendjähriges Reich“ S. 182 f.

[20] Bédarida, François: Nationalsozialistische Verkündigung und säkulare Religion, in: Ley, Michael / Schoeps, Julius H. (Hrsg.): Der Nationalsozialismus als politische Religion, Mainz 1997, S. 153 – 167, hier: 156.

[21] Vgl.: Bärsch: politische Religion NS, S. 132.

[22] Vgl. Bédarida: säkulare Religion, S. 160.

[23] Vgl Mosse, George L.: Die Nationalisierung der Massen. Politische Symbolik und Massenbewegungen in Deutschland von den Napoleonischen Kriegen bis zum Dritten Reich, Frankfurt/Main 1976, S. 95 f.

[24] In diesem Sinne wird der Begriff der politischen Ersatzreligion hier nach Emilio Gentile benutzt. Vgl. Gentile, Emilio: 2003 c, in: Die Hans-Sigrist-Stiftung der Universität Bern: 1994-2004, unter: http://www.sigrist.unibe.ch/pdf/Hans-Sigrist-Stiftung.pdf [17.12.2006], S. 26 f. und Prodöhl, Ines: Die politischen Religionen als Kategorie der Neuesten Geschichte [Tagungsbericht der Preisverleihung des Preises der Hans-Sigrist-Stiftung der Universität Bern 2003], unter: http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=355 [17.12.2006].

[25] Bédarida: säkulare Religion, S. 164.

[26] Vgl. Mommsen, Hans: Nationalsozialismus als politische Religion, in: Maier, Hans / Schäfer, Michael (Hrsg.): ‚Totalitarismus‘ und ‚Politische Religionen‘. Konzepte des Diktaturvergleichs Bd. II., Reihe: Politik- und Kommunikationswissenschaftliche Veröffentlichungen der Görres-Gesellschaft Bd. 17, Paderborn 1997, S. 173 – 181.

[27] Vgl. Bärsch, Claus-Ekkehard: Erlösung und Vernichtung. Dr. phil. Joseph Goebbels. Zur Psyche und Ideologie eines jungen Nationalsozialisten 1923-1927, München 1987, S. 286.

[28] Vgl. v. a. für den Millenarismus, dem Verhältnis zwischen Anhängern und Feinden der christlichen Bewegung und dem Wiederauferstehen von Märtyrern: Die Offenbarung des Johannes, Kapitel 19 und 20, Die Bibel [Luther Bibel 1984], http://www.bibel-online.net/buch/66.offenbarung/19.html bzw. /20.html [06.12.2006].

[29] Vgl. Berghoff: Tod Kollektiv, S. 107.

[30] Vgl. Behrenbeck, Sabine: Der Kult um die toten Helden. Nationalsozialistische Mythen, Riten und Symbole 1923 bis 1945, Reihe: Kölner Beiträge zur Nationsforschung Bd. 2, Greifswald 1996, S. 19 – 21.

[31] Vgl. Vondung, Klaus: Magie und Manipulation. Ideologischer Kult und politische Religion des Nationalsozialismus, Göttingen 1971, S. 37.

[32] Goebbels, Josef: Die Führerfrage, in: ders.: Die zweite Revolution. Briefe an Zeitgenossen, Zwickau 1926, S. 6 -8, zit. nach: Bärsch: politische Religion NS, S. 176, Anm. 3. [Hervorhebung D.H.]

[33] Vgl. Burrin, Phillipe: Die politischen Religionen: Das Mythologisch-Symbolische in einer säkularisierten Welt, in: Ley, Michael / Schoeps, Julius H. (Hrsg.): Der Nationalsozialismus als politische Religion, Mainz 1997, S. 168 – 185, hier: 171 f.

[34] Vgl. Winkler, Heinrich August: Der Nationalismus und seine Funktionen, in: ders. (Hrsg.): Nationalismus, Reihe: Neue Wissenschaftliche Bibliothek Bd. 100, Königstein 1978, S. 5 – 48, hier: 17 f.

[35] Sabine Behrenbeck führt dies auf die Pluralität der Lebenswelten der modernen Gesellschaft zurück und verweist dabei auf die Urbanisierung und Säkularisierung, welche die christlichen Riten und volkstümlichen Bräuche aufgelöst und zu einer leeren Konvention verdünnt hätten. Vgl. Behrenbeck: Kult tote Helden, S. 520.

[36] Vgl. Hahn, Alois: Einstellungen zum Tod und ihre soziale Bedingtheit. Eine soziologische Untersuchung, Reihe: Soziologische Gegenwartsfragen Neue Folgen Bd. 26, Stuttgart 1968, S. 95.

[37] Berghoff: Tod Kollektiv, S. 123.

[38] Vgl. Ackermann, Volker: Nationale Totenfeiern in Deutschland. Von Wilhelm I. bis Franz Josef Strauß. Eine Studie zur politischen Semiotik, Reihe: Sprache und Geschichte Bd. 15, Stuttgart 1990, S. 185 f.

[39] Bärsch: politische Religion NS, S. 45. Ähnlich argumentierten die Nationalsozialisten hinsichtlich eines neuen Geschichtsbewusstseins. Dieses neue Bewusstsein bezeichnete die Hitlersche Machtergreifung als säkulare Wende der Weltgeschichte, welche die dem deutschen Volke artgemäß vorherbestimmte Aufgabe der Weltherrschaft einbringen werde. Dabei wurden die gegenwärtigen Kämpfe aus der Vergangenheit legitimiert und die geschichtliche Kausalität durch politische Finalität ersetzt. Hiermit wird klar, dass Geschichte (und Geschichtswissenschaft) im NS nur einen Funktionswert bezüglich der Verifizierung der Ideologie hatte. Vgl. Olszewski, Henryk: Das Geschichtsbild – ein Bestandteil der NS-Ideologie, in: Hüttner, Joachim / Meyers, Reinhard / Papenfuss, Dietrich (Hrsg.): Tradition und Neubeginn. Internationale Forschungen zur deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert, Reihe: Internationale Fachgespräche, Köln 1975, S. 299 – 317, hier 304 und 314. Auf allen Wissenschaftsgebieten ist dieses Verhalten zu beobachten, selbst wenn eine unvoreingenommene Verwendung Vorteile gebracht hätte. Beispielhaft sei hier auf die Psychologie verwiesen, deren „psychologisches Wissen nur dann zum Einsatz kam, wenn es in die Grundmuster des nationalsozialistischen Regimes einzupassen war.“ Raphael, Lutz: Zweierlei Kriegseinsatz: Amerikanische und deutsche Psychologen im 2. Weltkrieg, in: Dipper, Christof / Raphael, Lutz / Gestrich, Andreas (Hrsg.): Frieden und Demokratie. Festschrift für Martin Vogt zum 65. Geburtstag, Frankfurt / Main 2001, S. 207 – 217, hier: 217.

[40] Berghoff: Tod Kollektiv, S. 123.

[41] Vgl. Nassehi, Armin / Weber, Georg: Tod, Modernität und Gesellschaft. Entwurf einer Theorie der Todesverdrängung, Opladen 1989, S.271.

[42] Vgl. Overmans, Rüdiger: Die Toten des Zweiten Weltkrieges in Deutschland. Bilanz der Forschung unter besonderer Berücksichtigung der Wehrmacht- und Vertreibungsverluste, in: Michalka, Wolfgang (Hrsg.): Der Zweite Weltkrieg. Analysen – Grundszüge – Forschungsbilanz, München 1989, S. 858 – 873, hier: S. 859, Tab. 1.

[43] Vgl. Overmans, Rüdiger: 55 Millionen Opfer des Zweiten Weltkrieges? Zum Stand der Forschung nach mehr als 40 Jahren, in: Militärgeschichtliche Mitteilungen (48) 1990, S. 103 – 121, hier: 108.

[44] Overmans, Rüdiger: Deutsche militärische Verluste im Zweiten Weltkrieg, Reihe: Beiträge zur Militärgeschichte Bd. 46, München 1999.

[45] Vgl. ebd. S. 6 f.

[46] Die 5,3 Millionen Toten schließen Gefallene aus paramilitärischen Einheiten ein. Vgl. ebd. S. 224.

[47] Vgl. ebd. S. 215.

[48] Vgl. ebd. S. 255. Im Gegensatz zur Wehrmacht, bei der wie berichtet durchgängig die Verluste zu niedrig angesetzt wurden, waren die Annahme über die Verluste bei der Waffen-SS durchgängig zu hoch. Zwei Gründe sind hierfür anzuführen: 1. Aufgrund des besonderen Rufes der Waffen-SS ist anzunehmen, dass die Zahlen in den meisten Fällen – möglicherweise auch ganz bewusst - nach oben korrigiert wurde. 2. Innerhalb der Waffen-SS divergierte die Verlustquote zwischen den einzelnen Einheiten enorm, besonders in den beiden letzten, enorm verlustreichen Kriegsjahren. Dies konnte zu falschen Berechnungen führen. Vgl. Wegner, Bernd: Hitlers Politische Soldaten: Die Waffen-SS 1933 – 1945. Studien zu Leitbild, Struktur und Funktion einer nationalsozialistischen Elite, Reihe: Sammlung Schöningh zur Geschichte und Gegenwart, Paderborn 1982, S. 282 f.

[49] Vgl. Overmans: Deutsche militärische Verluste. S. 257 Betrachtet man diesen Wert für die einzelnen Teilstreitkräfte ergibt sich folgendes Bild: Heer 31 %, Luftwaffe 17 %, Marine 12 % und Waffen-SS 34 %. Die dreifach höhere Strebewahrscheinlichkeit, die sich beispielsweise zwischen Marine und Waffen-SS feststellen lässt, trug möglicherweise zu dem rauen Image der nationalsozialistischen Elite-Einheit bei.

[50] Vgl. ebd. S. 219.

[51] Vgl. ebd., S. 238, Abb. 3. Das bedeutet, dass 15,1 % aller gefallenen deutschen Soldaten in den beiden zuletzt genannten Monaten starben. Vgl. Tab. 38, S. 239. [Merkwürdig erscheinen die bis Juni 1941und für den November 1941 von Overmans angegebenen „gerundeten“ Zahlen.]

[52] Vgl. Overmans: Deutsche militärische Verluste, S. 239. Um den konstruierten Charakter der Unterteilung des Zweiten Weltkrieges anhand der deutschen Gefallenenzahlen hervorzuheben, werden diese Abschnitte im Folgenden als „Sterbephasen“ und nicht als „Kriegsphasen“ bezeichnet.

[53] Vgl. ebd. S. 265.

[54] Vgl. ebd., S. 265, Tab. 52.

[55] Vgl. Rass, Christoph: Das Sozialprofil von Kampfverbänden, in: Echternkamp, Jörg (Hrsg.): Die Deutsche Kriegsgesellschaft 1939 bis 1945. Politisierung, Vernichtung, Überleben, Reihe: Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg, Bd. 9/1, Stuttgart 2004, S. 641 - 742, hier: S. 698.

[56] Vgl. Rass: Sozialprofil, S. 704.

[57] Vgl. ebd., S. 698.

[58] Vgl. ebd., S. 704.

[59] Zit. nach: Golovchansky, Anatoly / Osipov, Valentin / Prokopenko, Anatoly / Daniel, Ute / Reulecke, Jürgen (Hrsg.): „Ich will raus aus diesem Wahnsinn“. Deutsche Briefe von der Ostfront 1941-1945; aus sowjetischen Archiven, Wuppertal, Moskau 1991, S. 70. [Hervorhebung D.H.]

[60] Vgl. Rass, Christoph: "Menschenmaterial": Deutsche Soldaten an der Ostfront. Innenansichten einer Infanteriedivision 1939-1945, Reihe: Krieg in der Geschichte Bd. 17, Paderborn 2003, S. 155 f.

[61] Pott, im Süden, bei Tscherkassy, 3.12.1943, zit. nach: Humburg, Martin: Das Gesicht des Krieges. Feldpostbriefe von Wehrmachtssoldaten aus der Sowjetunion 1941 – 1944, Reihe: Kulturwissenschaftliche Studien zur deutschen Literatur, Wiesbaden 1998, S. 151. [Hervorhebung D. H.]

[62] Rass: Menschenmaterial, S. 164.

[63] So auch Haase: „Nicht zuletzt in der ständigen Radikalisierung der Kriegsgerichtsbarkeit fand die fortschreitende Durchdringung der Wehrmacht mit totalitärem nationalsozialistischem Geist ihren sinnfälligen Ausdruck.“ Haase, Norbert: Wehrmachtangehörige vor dem Kriegsgericht, in: Müller, Rolf-Dieter / Volkmann, Hans-Erich (Hrsg.): Die Wehrmacht. Mythos und Realität, München 1999, S. 474 – 485, hier 485.

[64] Vgl. Echternkamp: innere und äußere Front, hier: 49 f.

[65] Zur Entwicklung dieser Begriffe und der Praxis der Urteile siehe: Päuser, Frithjof Harms: Die Rehabilitierung von Deserteuren der Deutschen Wehrmacht unter historischen, juristischen und politischen Gesichtspunkten mit Kommentierung des Gesetzes zur Aufhebung nationalsozialistischer Unrechtsurteile (NS-AufhG vom 28.05.1998), Dissertation der Universität der Bundeswehr München, München 2005 abrufbar auf dem Archivserver der Deutschen Nationalbibliothek unter:

http://deposit.d-nb.de/cgi-bin/dokserv?idn=974004502&dok_var=d1&dok_ext=pdf&filename=974004502.pdf [11.01.2007], S. 16 – 31. Einen Überblick über die verschiedenen Formen der Verweigerung von Wehrmachtssoldaten gibt: Ziemann, Benjamin: Fluchten aus dem Konsens zum Durchhalten. Ergebnisse, Probleme und Perspektiven soldatischer Verweigerungsformen in der Wehrmacht 1939-1945, in: Müller, Rolf-Dieter / Volkmann, Hans-Erich (Hrsg.): Die Wehrmacht. Mythos und Realität, Oldenburg 1999, S. 589 – 613.

[66] Vgl. Echternkamp: innere und äußere Front, S. 51. Im Übrigen soll sich hier der Terminologie von Overmans angeschlossen werden. Overmans betrachtet zum Tode Verurteilte weiterhin als Soldaten auch wenn im offiziellen Sinne, diese keine mehr waren, da sie vor Vollstreckung automatisch aus der Wehrmacht ausgeschlossen wurden. Vgl. Overmans: Deutsche militärische Verluste, S. 175, Anm. 42.

[67] Vgl. Messerschmidt, Manfred / Wüllner, Fritz: Die Wehrmachtjustiz im Nationalsozialismus Zerstörung einer Legende, München 1987, S. 79, zit. nach: Paul, Gerhard: Ungehorsame Soldaten. Dissens, Verweigerung und Widerstand deutscher Soldaten (1939 – 1945); Reihe: Saarland Bibliothek Bd. 9, St. Ingbert 1994, S. 114, Anm. 204.

[68] Knippschild, Dieter: Deserteure im Zweiten Weltkrieg: Der Stand der Debatte, in: Bröckling, Ulrich / Sikora, Michael (Hrsg.): Armeen und ihre Deserteure. Vernachlässigte Kapitel einer Militärgeschichte der Neuzeit, Göttingen 1998, S. 222 – 251, hier: 227.

[69] Vgl. Paul: Ungehorsame Soldaten, S. 115.

Ende der Leseprobe aus 97 Seiten

Details

Titel
Der Tod im Krieg fürs Vaterland: Der Umgang der nationalsozialistischen Propaganda mit dem Soldatentod im 2. Weltkrieg
Hochschule
Universität Trier  (Fachbereich III: Geschichte - Neueste Geschichte)
Note
2,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
97
Katalognummer
V83175
ISBN (eBook)
9783638871136
ISBN (Buch)
9783640827398
Dateigröße
2354 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Krieg, Vaterland, Umgang, Propaganda, Soldatentod, Weltkrieg, Sterben, Massentod
Arbeit zitieren
Daniel Heisig (Autor), 2007, Der Tod im Krieg fürs Vaterland: Der Umgang der nationalsozialistischen Propaganda mit dem Soldatentod im 2. Weltkrieg, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/83175

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