Die Frau im Tieck - Tiecks Weiblichkeitsbild im Spiegel der Klausenburg und sein Verhältnis zur Romantik


Seminararbeit, 2006

18 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung
1.1 Die so genannte Romantik
1.2 Weiblichkeit in der Romantik

2 Vergleichende Analyse der Protagonistinnen der ‚Klausenburg’
2.1 Sidonie
2.2 Hannchen
2.3 Ernestine
2.4 Elisabeth

3 Die hässliche Bildung, die schöne Naivität? Tiecks Bild von der Frau im Spiegel der Klausenburg und sein Verhältnis zur Romantik

4 Quellen- und Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Kaum eine Frage ist, insbesondere seit den 1970er Jahren, in der deutschen Lite­raturwissenschaft bei der Betrachtung der Romantik stärker betrachtet und disku­tiert worden, als das ‚Emanzipatorische’ im Frauenbild jener Epoche,[1] die litera­risch und philosophisch maßgeblich von den Vorlesungen und Schriften[2] der Brü­der Friedrich und Wilhelm Schlegel beeinflusst worden ist.

Distanzieren sich in der neuesten Forschung auch zunehmend Literaturwissen­schaftler von der emphatischen Feier vor allem Friedrich Schlegels als einem Vor­reiter der Emanzipation[3] und schlagen gemäßigtere und wohl auch reflektiertere Töne an, gehört die beginnende Abwendung von der Superiorität des Mannes über die Frau doch zu einer der Hauptneuerungen der Romantik. Die Ausführungen Goethes[4] zum Beispiel zu Aufgabe und Bestimmung des weiblichen Geschlechtes stellen das Gegenteil dessen dar, was Schlegel in seinem Werk ‚Lucinde’ vertritt.

Die Kontakte, die nicht nur die Brüder Schlegel, sondern auch weitere Mitglieder des Jenaer Kreises[5] und anderer Zeitgenossen zu körperlich und geistig reiferen Frauen unterhielten, waren grundlegend für die Erkenntnis der Ebenbürtigkeit der Geschlechter.[6] Leibschaften wie Dorothea Veith und Caroline Böhmer, die später die Frauen Friedrich und Wilhelm Schlegels wurden und gleichzeitig zu deren Ent­fremdung beitrugen, nahmen so als Rückprojektionsfläche großen Einfluss auf die Literaturgeschichte, auch wenn ihr eigenes Werk kaum Beachtung fand.[7]

Diese Ausführungen legen nun den Schluss nahe, dass mit der Veröffentlichung der Lucinde und den Wiener Vorlesungen der Geist der emanzipatorischen Ro­mantik über das literarische Deutschland hereingebrochen sei. Doch nicht nur an der oft kritischen, manchmal polemischen, jedoch in jedem Fall reichlichen Re­zeption dieses Schlüsselwerks der schlegelschen „Symphilosophie“[8] lässt sich die Geg­nerschaft zu diesem Gedanken ersehen.

So erschienen zahlreiche Novellen, Romane und Abhandlungen[9] zur so genannten Zeit der Romantik, die eben das Gegenteil ausdrücken.

Inwieweit sich nun Tieck, der, aus dem Jenaer Kreis stammend, zu den Frühro­mantikern gezählt werden kann, an diesem Vorbild orientiert oder aber in Opposi­tion zur schlegelschen Philosophie ging, soll im Folgenden behandelt werden.

Nach einer Klärung des Epochenbegriffs der Romantik soll noch einmal dezidiert auf die Vorstellung von und die Wahrnehmung der Frau durch die Gesellschaft der Romantik eingegangen werden. Im Hauptteil wird dann anhand vierer Beispiele weiblicher Protagonisten aus Ludwig Tiecks ‚Klausenburg’ dessen Weiblichkeits­bild ermittelt, um im Fazit dieses ausführlich darzustellen und epochal einzuord­nen.

1.1 Die so genannte Romantik

Die Begriffe ‚Romantik’ und ‚romantisch’ sind nicht nur in der alltäglichen Spra­che vermeintlich feste Begriffe, die bei genauerem Hinsehen eine mannigfaltige Bedeutungsbreite erhalten.[10] Auch in der wissenschaftlichen Begrifflichkeit findet sich eine außergewöhnliche Bedeutungsbreite, die sich in der für jedes Land unter­schiedlichen Epochendauer ebenso widerspiegelt wie in den verschiedenen Ro­mantikdefinitionen der Kulturwissenschaften,[11] die den Begriff als einzige wissen­schaftlich verwenden.[12]

Schon die geschichtliche Entwicklung dieses Begriffes, der später einmal als Strömungsbegriff des literarischen Schaffens vieler Künstler zwischen 1790 und 1840 Eingang in den Sprachgebrauch finden sollte, deutet die proteische Eigen­schaft an.

Ist der etymologische Ursprung in der Bezeichnung der Volkssprache des westli­chen Frankenreichs, dem Romanischen, zu finden und stand in, noch, rein begriff­licher Opposition zum klassischen Latein der Liturgie und Gelehrsamkeit, änderte sich dies bald mit dem Aufkommen der provenzalischen Ritterepen. Diese in der Volkssprache verfassten Epen wurden bald als ‚romances’ bezeichnet, wodurch der Begriff erstmals eine Verbindung zur Literatur erhielt.[13] Durch die abenteuerli­chen und in der Regel erdichteten Inhalte der Epen erhielt der Begriff der Roman­tik das Archaische und Schwärmerische, das ihm auch im allgemeinen Sprach­gebrauch der heutigen Zeit noch immer anhängt. Auch die Verbindung zur Kultur abgewandten Natürlichkeit stammt daher.[14]

Doch wurde, gerade aufgrund dieser Bedeutungen, der Begriff auch als Kritik und Abqualifikation genutzt, um gegen die unhistorische Fiktionalität zu polemisie­ren.[15]

Die Opposition des Romantischen zur klassischen Antike, die schon in der Ety­mologie angelegt ist und auch im gesellschaftlichen Bewusstsein heutiger Tage manifest ist, fand im Ausgang des 18. Jahrhunderts schließlich in Deutschland erste Ausdrucksformen.[16] Das Heidentum der Antike, das in der Aufklärung mit der Antikenrezeiption ins Bewusstsein der Gelehrten stieg,[17] wurde nunmehr als nicht zeitgemäß im Vergleich zum aktuellen, europäischen Christentum angese­hen, das in der vorkonfessionellen Zeit, in der auch die romances ihren Ursprung haben, seinen Höhepunkt hatte.[18]

Dies alles förderte eine gewisse Romantisierung von Teilen der Literatur schaffen­den Gesellschaft. Allerdings, und hier setzt nun die Problematik der Romantik als Epochenbegriff an, verlief diese Entwicklung parallel zu der Schaffensperiode der Weimarer Klassik, die sich besonders auf das Zeitlose in der antiken Kultur be­rief.[19] Kam es auch zu häufigen, gegenseitigen Kritiken, die sich teilweise zu Hohn und Spott steigerten, können beide Richtungen nicht ohneeinander gedacht wer­den, was sich nicht nur in der Verwendung des aus der nichtlateinischen Literatur stammenden Sonetts durch Goethe, sondern auch in der vor allem in der Anfangs­zeit als Grecomanie belächelten Begeisterung Friedrich Schlegels für die griechi­sche Kultur widerspiegelt.[20]

Dass die Romantik in Deutschland einen so hohen Stellenwert einnahm, ist wohl nicht zuletzt ein Verdienst Napoleons, der, unter den Vorzeichen von überkomme­nem Klassizismus und in Ablehnung des Christentums, Europa mit Krieg überzog und damit gerade die nationale Romantik beförderte.[21]

Aufgrund des proteischen Charakters des Begriffs Romantik ist somit kaum zu ei­ner geschlossenen Definition zu kommen.[22]

So gibt es laut Schulz „[…] keinen durch bestimmte Symptome eindeutig be­schreibbaren romantischen Stil“,[23] was nicht zuletzt damit zusammenhängt, dass sich die Romantik nicht auf alle Lebens- und Denkbereiche auswirkte, sondern le­diglich eine ästhetische Bewegung war. Zudem gab es keinen eindeutigen, festen Personenkreis, der ausschließlich ‚romantisch’ geschrieben hätte. Deshalb, und weil zeitgleich die fast ambivalente Klassik in Deutschland weite Teile der litera­risch Tätigen beeinflusste, ist also kaum von einer Epoche wie dem Barock oder dem Expressionismus zu sprechen.[24]

1.2 Weiblichkeit in der Romantik

Dementsprechend ist das Bild der Frau in der Romantik nicht ein gesellschaftlich unangefochtenes. Vielmehr wurde es oft und heftig ebenso von Zeitgenossen wie von Nachgeborenen kritisiert und verspottet.

Anlass vor allem zu letzterem hat die als programmatisch geltende Schrift Fried­rich Schlegels ‚Lucinde’ gegeben.[25] Diese Geschichte, in der Schlegel seine Bezie­hung zu der wesentlich älteren und physisch wie psychisch reiferen Dorothea Veith literarisch verarbeitet hat, galt den Zeitgenossen nicht nur als öffentliche Bloßlegung der Intimitäten dieser Beziehung.[26] Darüber hinaus nahm man auch An­stoß daran, dass darin ein bis dahin kaum in der Öffentlichkeit vertretenes Bild von der Frau zelebriert wurde.

Was war geschehen? Das allgemein von der Gesellschaft akzeptierte Bild von Weiblichkeit, das bei Schopenhauer auch seinen philosophischen Niederschlag er­halten hatte, sah eine klare Rollenverteilung zu Ungunsten der Frau vor.

[...]


[1] zur Problematik der Romantik als Epoche siehe Kapitel 1.1

[2] v. a. den frühen Schriften und den Wiener Vorlesungen, welche auf diesen beruhen; vgl. Becker-Cantarino 1997, Seite 36ff und Eichner 1997, Seite 2

[3] Becker-Cantarino 1997, Seite

[4] Eichner 1997, Seite

[5] zu denen auch Tieck kurzzeitig zählte; vgl. Eichner 1997, Seite 17

[6] Eichner 1997, Seite 4

[7] ebd., Seite 18

[8] ebd., Seite 18

[9] z.B. Schopenhauer, Arthur: Über die Weiber

[10] Schulz 1996, Seite 7

[11] gemeint sind Kunst-, Musik- und Literaturwissenschaft

[12] Schulz 1996, Seite 8

[13] ebd., Seite 10

[14] Schulz 1996, Seite 10f

[15] ebd., Seite 10

[16] vgl. Christoph Wielands Oberon

[17] und in der Französischen Revolution zur ersten großflächigen Ausprägung kam

[18] Schulz 1996. Seite 12ff

[19] ebd., Seite 18f

[20] ebd., Seite 19

[21] ebd., Seite 24

[22] Prang 1972, Seite 1f; zu verschiedenen Lösungsansätzen der Literaturwissenschaft des 20. Jahrhun­derts vgl. auch dessen Aufsatzsammlung Prang, Helmut (Hg.): „Begriffsbestimmung der Romantik“. Darmstadt 1972

[23] Schulz 1996, Seite 27

[24] ebd., Seite 27

[25] Eichner 1997, Seite 2

[26] was allein schon Grund für Aufregung gewesen wäre

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Die Frau im Tieck - Tiecks Weiblichkeitsbild im Spiegel der Klausenburg und sein Verhältnis zur Romantik
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Germanistisches Institut, Abteilung Literaturwissenschaft)
Veranstaltung
Proseminar
Note
2,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
18
Katalognummer
V83181
ISBN (eBook)
9783638898867
Dateigröße
534 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Frau, Tieck, Tiecks, Weiblichkeitsbild, Spiegel, Klausenburg, Verhältnis, Romantik, Proseminar
Arbeit zitieren
Daniel Tatz (Autor), 2006, Die Frau im Tieck - Tiecks Weiblichkeitsbild im Spiegel der Klausenburg und sein Verhältnis zur Romantik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/83181

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