Die Hellenisierung des Christentums


Hausarbeit, 2003
13 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Darstellung der Hellenisierungsthese

Die Theorie einer Hellenisierung des Christentums hat bereits seit den Anfängen des Christentums die geistliche Welt in stärkstem Maße beschäftigt. In immer neuen Formen taucht sie in den verschiedenen Jahrhunderten auf und hat sowohl die Entwicklung der Kirche, als auch Theologie und Religionsphilosophie in den verschiedenen Epochen beeinflußt.

Für unsere Zeit wird sie, bezogen auf die ersten vier kirchengeschichtlichen Jahrhunderte, durch die Arbeiten des protestantischen Dogmengeschichtsforschers Adolf von Harnack vertreten[1]. Bei ihm bezeichnet sie die Ansicht, daß aus der Auslegung des Neuen Testaments mit Hilfe der griechischen Philosophie, durch die Apologeten im 2. und 3. Jahrhundert, eine Verfremdung der ursprünglichen Verkündigung der Frohen Botschaft in ein Glaubensgesetz resultierte[2]. „Die christliche Religion [wurde] sehr schnell zu einer Lehre, welche an dem Evangelium zwar ihre Gewißheit, aber nur zum Teil ihren Inhalt hatte.“ schreibt Harnack in seinem Lehrbuch für Dogmengeschichte und kommt zu dem Schluß: „Die neutestamentliche Botschaft ist eingegliedert in eine Erkenntnis der Welt und des Weltgrundes, die bereits ohne Rücksicht auf sie gewonnen war.“[3]

Generell ist mit der Theorie der Hellenisierung des Christentums die Beeinflussung des Urchristentums durch die hellenische Kultur gemeint, im Zuge welcher, nach Meinung vieler Vertreter dieser Theorie, die einfache Glaubensreligion Jesu Christi in eine komplexe Glaubenslehre verfälscht wurde.

Den schärfsten, kritischen Ausdruck findet die Hellenisierungsthese bei Friedrich Nietzsche, der das Christentum als „Platonismus für’s Volk“ tituliert[4] und ihm eine Eigenständigkeit gänzlich abspricht, indem er sagt: „Das Wort schon ‚Christentum‘ ist ein Mißverständnis -, im Grunde gab es nur einen Christen, und der starb am Kreuz.“[5] Was darauf folgte, „war bereits der Gegensatz dessen was er gelebt: ... ein Dysangelion“[6]

Die tendenziell negative Bewertung des Austauschs zwischen Christentum und hellenischer Kultur und die angenommene Einseitigkeit der Beeinflussung schwingt schon in der von Harnack mitgeprägten Bezeichnung mit. Hellenisierung des Christentums impliziert im Wortlaut ein präexistentes autarkes Christentum, welches im geschichtlichen Verlauf von der hellenischen Kultur vereinnahmt, hellenisiert wurde und damit seine Reinheit und Ursprünglichkeit verlor.

Es gibt und gab seit Beginn der Beschäftigung mit dieser These jedoch eine Vielzahl von Vertretern, welche die Begegnung von Christentum und der hellenischen Kultur nicht als verheerend für das Wesen des Christentums ansehen und die ihre Folgen als durchaus tragbar oder sogar positiv bewerten. Nicht zuletzt war insbesondere die Kirche selbst gezwungen, den schwerwiegenden Anklagen der Vertreter der Hellenisierungsthese entgegenzutreten und die geschichtlichen Ereignisse der Zeit des Urchristentums in eigener Weise zu verarbeiten und zu rechtfertigen. So schließt z.B. Walter Glawe, ein katholischer Autor des beginnenden 20. Jahrhunderts, seine Abhandlung Die Beziehung des Christentums zum griechischen Heidentum mit den Worten: „Die Hellenisierung des Christentums ist also ein Prozess, der geschichtlich notwendig ist...“ der jedoch nicht „die Religion Jesu Christi in ihrer Reinheit getrübt oder in ihrer Kraft geschwächt hat“[7].

Um die jeweiligen Argumentationsketten verstehen zu können, welche zu so unterschiedlichen Ergebnissen wie die Glawes und Nietzsches führen, ist es wichtig, das geschichtliche Umfeld und den Entwicklungsverlauf jenes Urchristentums zu kennen. Sowie es auch vonnöten ist, die Geschichte des Streits um die Bewertung der „Hellenisierung“ klar vor Augen zu haben, bevor man seine Inhalte für die heutige Zeit abwägt und sich zu einem eigenen Urteil durchringt: ob „Hellenisierung des Christentums“ eine adäquate Bezeichnung für den gemeinten Begegnungsprozess ist und welche Berechtigung die verschiedenen Werturteile haben.

Hellenismus und Urchristentum

Hellenismus bezeichnet nach Johann Gustav Droysen den historischen Zeitraum vom Jahre 323 vor Christus, dem Todesjahr Alexanders des Grossen, bis zum Beginn der römischen Kaiserzeit[8]. Gleichzeitig ist mit Hellenismus auch eine kulturelle Epoche gemeint, welche zeitlich noch weit in die römische Kaiserzeit hineinragt und somit auch die Eroberung Griechenlands und der östlichen Mittelmeerstaaten durch das Römische Imperium meint, welche das lokale Zentrum des Hellenismus bilden. Eine Epoche, welche die klassische Antike mit der kaiserzeitlichen Spätantike verbindet. Ein kultureller Raum, den nahezu alle nördlichen und östlichen Mittelmeerstaaten gemeinsam beleben, in welchem somit auch eine Vielzahl von kulturellen und gleichfalls religiösen Anschauungen und Lebensweisen miteinander in Berührung kommen und gegenseitigen Einfluß auf einander haben. Sozial eine Epoche des Übergangs der alten, begrenzten Polis zu weiträumigen, territorial definierten Staaten. In diesen entwickeln sich die alten, sowie auch neue Städte zu internationalen Handels- und Verkehrszentren, um welche sich eine griechischsprachige Weltkultur etabliert, die zunächst auch unter römischer Herrschaft fortdauert[9].

Insbesondere in den Städten verlieren die alten, ländlichen, religiösen Vorstellungen zunehmend an Bedeutung und aufgrund des Souveränitätsverlustes der Polis gegenüber Rom sinkt gleichwohl das politische Interesse der Bevölkerung. Dadurch gewinnen zunehmend esoterische Weisheitslehren an Bedeutung, die einen individuellen Lebenssinn vermitteln. Das Interesse an Erkenntnisreligionen steigt und damit einher gehend entwickelt sich eine Erwartungshaltung, übernatürliche Offenbahrungen zu erhalten. Diese sind jedoch nicht allein den Priestern, Sehern und Gebildeten vorbehalten. - Jedem, der scheinbar Göttliches verkündet, wird Gehör geschenkt. Dabei zeigt sich in der Vermischung vieler unterschiedlicher, religiöser Vorstellungen eine zunehmende Akzeptanz synkretistischer, neuer Religionen.

[...]


[1] A. v. Harnack, Das Wesen des Christentums, Leipzig 1900; Mission und Ausbreitung des Christentums in den ersten drei Jahrhunderten, Leipzig1902; Die Entstehung der christlichen Theologie und des kirchlichen Dogmas, Gotha 1927; Lehrbuch der Dogmengeschichte I –III, Tübingen 1931.

[2] A. v. Harnack, Die Entstehung der christlichen Theologie und des kirchlichen Dogmas, Gotha 1927, S.78.

[3] A. v. Harnack, Lehrbuch der Dogmengeschichte I, S.19f.

[4] Fr. Nietzsche, Jenseits von Gut und Böse, Vorrede, (Kritische Gesamtausgabe, VI, 2), Berlin 1968, S. 4.

[5] Fr. Nietzsche, Der Antichrist, Versuch einer Kritik des Christentums, (Kritische Gesamtausgabe VI, 3) Berlin 1969, S. 209.

[6] Siehe Fußnote 3.

[7] W. Glawe, Die Beziehung des Christentums zum griechischen Heidentum, in Biblische Zeit und Streitfragen, 1913, S. 326.

[8] J.G. Droysen, Geschichte des Hellenismus I-III, 1877.

[9] M. Lutz-Bachmann, Hellenisierung des Christentums?, in Spätantike und Christentum, S.81-82.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Die Hellenisierung des Christentums
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Religionswissenschaft)
Veranstaltung
Einführung in die Religionsphilosphie: Von der Antike bis zum ausgehenden Mittelalter
Note
1,0
Autor
Jahr
2003
Seiten
13
Katalognummer
V83184
ISBN (eBook)
9783638898874
Dateigröße
411 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Hellenisierung, Christentums, Einführung, Religionsphilosphie, Antike, Mittelalter
Arbeit zitieren
M.A. Alexander Jentsch (Autor), 2003, Die Hellenisierung des Christentums, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/83184

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