Seit je her sind Menschen von Naturkatastrophen fasziniert. Eines der in vielerlei Hinsicht bewegendsten Ereignisse war das Erdbeben von Lissabon im November 1755. Fast keine andere Katastrophe der jüngeren Geschichte hat die Menschen so zur geistigen Auseinandersetzung mit sich selbst und der Welt angeregt. Sowohl für die Geisteswissenschaften als auch für die Weiterentwicklung in naturwissenschaftlichen Bereichen gingen von Lissabon maßgebliche Impulse aus. „Die Zer-störung Lissabons hatte mindestens für die europäische Geschichte eine erheblich größere Wirkung, denn dieses Erdbeben erschütterte nicht nur eine irdische Region, sondern auch eine kulturelle, wissenschaftliche, geistige Welt.“
Viele Dichter und Denker haben sich mit dem Beben von Lissabon beschäftigt. Goethe beschreibt in Dichtung und Wahrheit seine Erinnerungen an das Jahr 1755. Kleist nahm die Szenerie der portugiesischen Stadt für seine Novelle des Erdbebens von Chili auf. Rousseau und Kant suchten in der Katastrophe Argumentationsansätze menschlicher Existenz in der Natur.
Als einer der ersten äußerte sich Voltaire öffentlich zu den Begebenheiten in Lissabon. Es ist bekannt, dass ihn die Katastrophe sehr beschäftigte, dass er in einer seiner ersten schriftlichen Äußerung anstatt seines damaligen Wohnortes Genf, Lissabon auf den Absender schrieb. Sein Gedicht La Poème sur le désastre de Lisbonne soll Gegenstand dieser Arbeit sein. Es ist von vielen Seiten untersucht, interpretiert und zitiert worden, so dass man es als ein wichtiges literarisches Zeugnis des Erdbebens von Lissabon ansehen kann.
Ein kurzer Exkurs geht auf das fünfte und sechste Kapitel in Voltaires Roman Candide oder Der Optimismus eingehen, weil er dort ebenfalls die Katastrophe von Lissabon reflektiert.
Grundsätzlich versucht die Arbeit, die poetologischen Beschreibungen des Erdbebens in den Vordergrund der Betrachtungen zu stellen. Dies ist insofern von Bedeutung, weil sowohl für den Roman als auch für das Gedicht die stilistischen Werkzeuge eher Mittel zum Zweck sind. Beide haben ihre Schwerpunkte in der Auseinandersetzung mit den philosophischen Fragestellungen ihrer Zeit, so dass der Verfasser nicht umhin kommt, auch ihnen ein besonderes Augenmerk zu widmen. Das wirkt sich auch in der Forschungsliteratur aus, die insbesondere die philoso-phischen Ansätze sowie die Theodizeefrage reflektiert.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Naturkatastrophen als vom Menschen interpretiertes Phänomen
2.1 Das Erdbeben in Lissabon
3. La Poème sur le désastre de Lisbonne
3.1 Bemerkungen zum Vorwort des Gedichts
3.2 Untersuchung des Gedichts
4. Exkurs: Candide
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht Voltaires literarische Auseinandersetzung mit dem Erdbeben von Lissabon im Jahr 1755, insbesondere in seinem Gedicht "La Poème sur le désastre de Lisbonne". Dabei steht die Forschungsfrage im Mittelpunkt, wie Voltaire durch poetische Mittel die philosophische Lehre des Optimismus kritisiert und welche Rolle das Leid in seiner Weltsicht spielt.
- Literarische und philosophische Aufarbeitung des Erdbebens von Lissabon.
- Kritik an der Leibnizschen Theodizee und dem Popeschen Optimismus.
- Analyse der poetischen Mittel Voltaires zur Darstellung von Katastrophen.
- Exkurs zur Reflexion der Katastrophe im Roman "Candide oder Der Optimismus".
- Untersuchung der Spannung zwischen göttlicher Güte und menschlichem Leid.
Auszug aus dem Buch
3.2 Untersuchung des Gedichts
Voltaire hat mit dem Poème sur le désastre de Lisbonne ou Examen de cet axiome ‚Tout est bien’ ein philosophisches Gedicht verfasst, das den Schrecken der Erdbebenkatastrophe in der portugiesischen Hafenstadt reflektiert. Bezeichnend ist der Untertitel, der eine Prüfung der Popeschen Behauptung „Alles ist Gut“ verspricht. Gleichzeitig wird hier aber auch schon deutlich, dass es offenbar nicht allein um die Schilderung der Katastrophe gehen wird. Das Gedicht ist 234 Verse lang und in paarweise gereimten Alexandrinern verfasst.
Breidert fasst die Beweggründe Voltaires treffend zusammen:
Die Doppelfunktion Gottes bei Katastrophen, nämlich einerseits Schöpfer und Beherrscher dieser Welt zu sein, aber andererseits als allgütiger Vater und Retter zu gelten, gab Voltaire den Impuls zu seiner Abwendung von der optimistischen Kernthese des von ihm hochgeschätzten Pope. War es angesichts des Untergangs von Lissabon – um mit Adorno zu sprechen – barbarisch, von dieser Welt zu sagen: „What ever is, is right“? Für Voltaire brach nicht nur Lissabon zusammen, sondern ein Weltsicht. Ihn packte angesichts der Katastrophe Empörung.26
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einführung erläutert die historische und kulturelle Bedeutung des Erdbebens von Lissabon und führt in Voltaires literarische sowie philosophische Auseinandersetzung mit dem Thema ein.
2. Naturkatastrophen als vom Menschen interpretiertes Phänomen: Dieses Kapitel definiert den Begriff der Naturkatastrophe durch die notwendige Verknüpfung von Naturereignis und menschlicher Betroffenheit und betrachtet historische sowie metaphysische Deutungsmuster.
2.1 Das Erdbeben in Lissabon: Hier wird der historische Hergang des Erdbebens von 1755, dessen verheerende Folgen für die Stadt sowie die erste Krisenbewältigung detailliert geschildert.
3. La Poème sur le désastre de Lisbonne: Der Abschnitt ordnet das Werk in den Kontext der Aufklärung ein und beschreibt die breite Wirkung des Gedichts auf den zeitgenössischen intellektuellen Diskurs.
3.1 Bemerkungen zum Vorwort des Gedichts: Hier wird Voltaires diplomatisches Vorgehen im Vorwort analysiert, mit dem er versucht, einer vorzeitigen einseitigen Verurteilung seines Werkes als bloßer Anti-Optimismus-Tirade entgegenzuwirken.
3.2 Untersuchung des Gedichts: Dieses zentrale Kapitel analysiert die philosophische Argumentation Voltaires innerhalb des Gedichts, insbesondere seine Kritik an der Theodizee und dem Lehrsatz „Alles ist gut“.
4. Exkurs: Candide: Der Exkurs zeigt auf, wie Voltaire die Katastrophe von Lissabon drei Jahre später in seinem Roman "Candide" erneut aufgreift, um den Optimismus auf satirische Weise weiter zu entlarven.
5. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass es Voltaire gelungen ist, durch poetische Ausdruckskraft eine tiefe menschliche Betroffenheit zu artikulieren und gleichzeitig das europäische Denken nachhaltig zur kritischen Reflexion über den Optimismus anzuregen.
Schlüsselwörter
Voltaire, Erdbeben von Lissabon, Aufklärung, Theodizee, Optimismus, Alles ist gut, La Poème sur le désastre de Lisbonne, Candide, Literaturwissenschaft, Naturkatastrophe, Metaphysik, Philosophie, Leid, Katastrophenliteratur, Leibniz.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht, wie Voltaire auf das verheerende Erdbeben von Lissabon 1755 literarisch reagiert und warum dieses Ereignis einen Wendepunkt in seinem Verhältnis zum philosophischen Optimismus markiert.
Welche Themenfelder stehen im Zentrum der Analyse?
Zentral sind die philosophische Auseinandersetzung mit der Theodizeefrage, die Darstellung von Leid in der Literatur und die Kritik am zeitgenössischen Glauben an eine harmonische "beste aller Welten".
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es aufzuzeigen, wie Voltaire mittels poetischer Mittel – insbesondere in seinem Gedicht über Lissabon – den philosophischen Optimismus erschüttert und nach Sinn und Ursprung des Leids fragt.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zur Anwendung?
Die Analyse stützt sich maßgeblich auf das Verfahren des "Close Reading" von Voltaires Gedicht sowie auf die vergleichende Einordnung in die Forschungsliteratur.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine historisch-theoretische Verortung der Katastrophe, eine detaillierte Interpretation von Voltaires Gedicht sowie einen Exkurs zu dessen Roman "Candide".
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Die zentralen Begriffe sind Voltaire, Erdbeben von Lissabon, Theodizee, Optimismus, Aufklärung, Leid und Katastrophenliteratur.
Warum spielt das Vorwort von Voltaires Gedicht eine so wichtige Rolle für die Analyse?
Voltaire nutzt das Vorwort als diplomatisches Mittel, um seine kritische Position zu relativieren und den "großen Knoten", den Philosophen in die Theodizee-Debatte gebracht haben, aufzuzeigen.
Wie unterscheidet sich Voltaires Darstellung von Lissabon in "Candide" von der im Gedicht?
Während das Gedicht primär ein philosophisches Werk ist, das die Entrüstung des Dichters thematisiert, nutzt Voltaire im Roman "Candide" die satirische Ironie und Komisierung, um die Theodizee nachhaltig zu entlarven.
Welche Schlussfolgerung zieht der Autor bezüglich Voltaires Rolle als Dichter?
Der Autor schließt, dass es Voltaire durch seine Sensibilität als Dichter gelungen ist, die Menschen mehr zur Reflexion zu bewegen als durch rein philosophische Argumente, und er somit als Wegbereiter für ein neues Denken in der Aufklärung fungierte.
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- M.A. Florian Schneider (Author), 2004, „Lissabon, hattest du denn an Lastern so viel?“ - Voltaires poetische Erdbebendarstellungen , Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/83200