„Wir kehren immer wieder zum Wasser zurück.“ - Der Versuch einer Interpretation zu John von Düffels Roman 'Vom Wasser'


Hausarbeit, 2006
16 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Roman
2.1. Der Ururgroßvater und das Wasser
2.2. Der Urgroßvater und das Wasser
2.3. Der Großvater, die Küchenaushilfe und das Wasser
2.4. Der Erzähler und das Wasser
3. Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Wir kehren immer wieder zum Wasser zurück.“[1] Mit diesem Satz, einer Prophezeiung gleich, umrahmt der Autor John von Düffel seinen ersten Roman Vom Wasser, für den er unter anderem mit dem Aspekte -Literaturpreis und mit dem Mara-Cassens-Preis ausgezeichnet wurde. Dem Titel folgend, möchte ich mit dieser Arbeit versuchen, eine literaturwissenschaftliche Interpretation des Romans vorzunehmen. Dabei soll das Hauptaugenmerk auf den unterschiedlichen Beschreibungen des Wassers liegen, sowie die damit verbundenen spezifischen Konnotationen im Roman interpretiert werden. Die Ausgangsfrage muss also sein, welche Bedeutungen den unterschiedlichen Wasserbeschreibungen gegeben werden können? D.h. wird das Wasser kontextuell an bestimmte Personen, Sachen und Dinge und Umstände unterschiedlich beschrieben, dargestellt und benannt? Oder sind daneben weitere Merkmal erkennbar?

Beginnen möchte ich jedoch mit einer kurzen, allgemeinen Darstellung der realen Hintergründe, auf die der Roman zurückgreift. Denn nicht nur beim Ich-Erzähler sind wenigsten marginale Parallelen mit dem Autor zu erkennen, sondern auch der Handlungsort, die Insel Mißgunst, zwischen den beiden Flüssen Diemel und Orpe gelegen, und die heute noch darauf ansässige Papierfabrik, existieren wirklich. Zwar sind beide genannten Umstände für den Roman und seine Interpretation nicht sehr relevant, aber das Wissen darum, erscheint mit dennoch erwähnenswert.

So verbinden den Ich-Erzähler und den Autor neben der Begeisterung für das Schwimmen, auch von Düffel war Leistungssportler, der Aufenthalt in den USA. Damit enden jedoch auch schon die Analogien, was den Schluss zulässt, dass von Düffel zwar seine Biografie als Basis zugrunde gelegt hat, diese dann aber nicht weiter ausgebaut hat. Weder konnte ich verwandtschaftliche Verbindungen zu der Unternehmerfamilie auf der Mißgunst entdecken, noch wird seine Biografie als Dramaturg, Journalist und Theaterkritiker in die Handlung des Romans eingebaut. Wie bereits gesagt, sind die Parallelen in Bezug auf die Erzählerfigur marginal, dennoch sollten diese Ähnlichkeiten nicht vollständig unerwähnt bleiben.

Etwas konkreter wird es allerdings beim Rückgriff auf den Handlungsort und die dort ansässige Familie, wenngleich auch hier natürlich Faktualität und Fiktion ineinander übergehen. Die Insel Mißgunst liegt bei Diemelstadt-Wrexen. Im Jahr 1863 erwirbt Caspar Diedrich Haupt den Mißgunst Hammer und errichtete darauf die C.D.Haupt Papierfabrik. 1889 nach dem Tod des Fabrikgründers geht das Unternehmen an den Sohn Gustav über, der die Spezialisierung von Buchbinder-Strohpappen vorantreibt. Mit dem Jahr 1922 geht die Firma in die dritte Generation, die Söhne Carl und Paul Haupt, über. Nach Carls plötzlichem Tod tritt dessen Sohn Dietrich als Teilhaber ein, Paul scheidet einige Jahre später aus. Die Papierfabrik wird jetzt (1934) von der vierten Generation geführt. Mit dem Beginn des Zweiten Weltkriegs wird jedoch die positive Unternehmensentwicklung unterbrochen. Auch die Nachkriegsjahre setzen dem Betrieb schwer zu. 1963 schließlich tritt die fünfte Generation in das Unternehmen ein. Mit Ingrid Kramer-Haupt und ihrem Mann Klaus Haupt, ist das erste Mal auch eine Frau in der Geschäftsleitung. 1989 wird das Familienunternehmen Teil der weltweit operierenden Jefferson Smurfit Group mit Sitz in Dublin.[2]

In diesem kurzen Abriss der Firmengeschichte werden nun allerdings einige Parallelen sichtbar. Neben dem Unternehmensgegenstand Papier und dem Ort, der Insel Mißgunst, zwischen den Flüssen Diemel und Orpe, ist die Übergabe an die Söhne, sowie der Eintritt einer eingeheirateten Frau auch im Roman Gegenstand. Und auch die Zahl der Generationen bis der Betrieb aus Familienhand geht, ist identisch. Damit kann unterstellt werden, dass sich der zeitliche Ablauf der Handlung auch an den realen Umständen orientiert. Starke Abweichungen gibt es jedoch in den Auswirkungen, die der Krieg verursacht hat; im Roman werden durch ihn die Produktion und der Arbeitseinsatz stark erhöht. Und auch die Übernahme der Firma durch ein Familienmitglied endet früher als bei Familie Haupt.

2. Der Roman

Der Roman Vom Wasser wird von einem namenlosen Ich-Erzähler erzählt. Ohnehin verzichtet der Roman fast ausnahmslos auf die konkrete Nennung von Personennamen. Immer werden die Figuren durch andere Beschreibungen charakterisiert, wie beispielsweise „der alte Herr der Mißgunst“ und „der Krüppel“, oder nur durch die genealogischen Bezeichnungen aus Sicht des Erzählers „Urgroßvater“, Großvater“, „die Brüder meines Großvaters“ „Mutter“ oder „Tante“.

Es ist die Geschichte „von einem, der immer zum Wasser zurückkehrt, und der Versuch, das zu verstehen“[3]. Aber dafür muss der Erzähler weiter zurückgreifen, denn es ist auch eine Familiengeschichte über fünf Generationen, in der alle irgendwie mit dem Wasser verbunden sind. Es ist das Wasser, das für seine Familie und für ihn in gewisser Art und Weise Lebensgrundlage ist. Ein interessanter Ansatz, das das Wasser ja bereits ein Symbol für das Lebens ist, weil ohne es menschliches Leben nicht möglich wäre. Zugleich ist es aber auch ein todbringendes Element, was im Werk auch immer wieder thematisiert werden wird.

In diesem Roman geht es immer wieder um Wasser in seinen verschiedensten Ausprägungen, Aggregatszuständen und Wesensmerkmalen: Das Wasser ist der Grund für den Sitz der Papierfabrik, es übt auf die Menschen dort unterschiedliche Macht aus, was später noch genauer untersucht werden soll. Es symbolisiert Anziehungskraft, Gefahr, den Ort des Fischens, das Element, in dem man Schwimmen kann, Energie und auch Veränderungen. Wasser ist damit ohne Zweifel – und das ist schon jetzt unschwer zu erkennen – nicht nur allein durch den Titel, sondern auch durch seine weiteren Referenzen, das Leitmotiv des Romans.

„Wir kehren immer wieder zum Wasser zurück“[4], so hatte es die Freundin des Erzählers zu ihm gesagt Und weil das so, sitzt der Ich-Erzähler in der Rahmenhandlung auch am Rhein bei Basel, und während er auf die Wellen schaut, denkt er zurück und kommt so in der Binnenhandlung an die Orte zurück, die seine Familie mit dem Wasser verbanden: auf die Mißgunst, in die USA und nach Frankreich.

2.1. Der Ururgroßvater und das Wasser

Von Düffel lässt seinen Erzähler mit einer umfassenden Reflexion über die unterschiedlichen Gerüche des Wassers in die Handlung einsteigen. Bereits die Kapitelüberschrift „Der Geruch des Wassers“ weist auf den Gegenstand hin: Man kann es riechen. Es ist zwar eigentlich nicht das Wasser, sondern die an die Wassermoleküle chemisch gebundene Stoffe, welche den jeweils spezifischen Geruch ausmachen, aber trotzdem verbinden sich so, auf Basis des Wassers, gewisse Erinnerungen und Assoziationen. So kommt der Erzähler dazu, unterschiedliche Zustände von Wasser zu beschreiben, an die er sich erinnern kann: „Ich erinnere mich, wie es nach fließendem, strömendem, lebendigem Wasser riecht. Genauso wie es umgekehrt totes Wasser ist, das stinkt.“[5] Und weiter sagt er, „[…] daß uns das Wasser die Dimension des Geruchs zurückgegeben hat.“[6] Tatsächlich sind es die unterschiedlichen Gerüche des Wassers, die im Menschen unterschiedliche Erinnerungen und Bilder hervorrufen können. Wasser steht einerseits für Frische und Klarheit, es kann aber auch als dunkles, Furcht einflössendes Element wahrgenommen werden. Es tritt in verschiedenster Form auf, sei es als Regen, in Meeren, Seen oder Flüssen. Und gerade mit der Beschreibung von zwei sehr unterschiedlichen Flüssen leitet der Ich-Erzähler in die Binnenhandlung über und beginnt mit der Geschichte seines Ururgroßvaters, der genau zwischen den beiden Flüssen Diemel und Orpe, auf der Insel Mißgunst, seine Papierfabrik errichtete.

Die Orpe ist der Fluss, der schwarzes Wasser führt. Sie fließt still und lautlos, „[…]seltsam lichtlos und dunkel zwischen moosigen Steinen […]“[7]. Sie ist ein Fluss, der den Geruch „wie süße Grabesluft“[8] hat. So beschreibt der Erzähler den ersten Fluss, der der Papierfabrik als Energiequelle und als Abwasserlauf dient. Damit bekommt der Fluss – beziehungsweise das Wasser – für den Ururgroßvater eine sehr eigene Dimension. Denn nicht nur, dass treffend bildlich und mit einer wunderbaren farblichen Entgegensetzung davon gesprochen wird, „wie aus diesem schwarzen Wasser weißes Papier werden konnte“[9], vielmehr schreibt der Erzähler seinem Ururahn eine sehr treffende Beschreibung des Wassers zu: „Dieses Wasser, sah er, war Geld.“[10] Gerade für die weitere Interpretation wird hier ein entscheidender Grundstein gelegt. Zuvor noch als natürliches Element beschrieben, kommt dem Wasser nun eine rein wirtschaftliche, monetäre Funktion zu. „Und er hatte die Ströme des schwarzen Wassers in Papier und das Papier in Geld verwandelt.“[11]

Komplementär dazu steht die folgende Beschreibung des zweiten Flusses, der Diemel. Sie ist „silbrig und hell“[12] und „glasklar“[13], dabei geräuschvoller durch „ein ständiges Plätschern, Sprudeln und Rauschen, von der heiteren Unruhe eines Wasserspiels“[14]. Und auch hier lässt der Autor den Bezug auf den Geruch nicht aus:

Dieser Geruch war silbriges Wasser und Pappellaub, ein kühler doch seltsam tauber Geruch, der einen Nachgeschmack hinterließ auf der Zunge, einen stumpfen Nachgeschmack, der im Widerspruch stand zur Frische von Wind und Wasser.“[15]

Auch hier kommt wieder eine Gegensätzlichkeit in die Charakterisierung des Wassers zum Tragen. Es scheint, als sei es beinahe nicht möglich, dem stetig Veränderungen unterworfenem Wasser, eine konkrete Beschreibung zu geben.

Ebenso kann die oben zitierte Textstelle dazu verwendet werden, um den redundanten Einsatz von einzelnen Phrasen aufzuzeigen. Bereits hier sei darauf hingewiesen, dass es teilweise ganze Sätze im Roman gibt, die wortwörtlich wieder und wieder auftauchen. Wenngleich das beim Lesen den Eindruck einer gewissen angehäuften Wiederholung vermittelt, dient es doch offenbar gleichzeitig dem fließenden, endlosen Eindruck, den der Blick auf einen Fluss vermitteln kann. Es ist also nicht allein künstlerisches Element, sondern wird gleichzeitig auch Mittel zum Zweck.

Neben den rein sachlichen Beschreibungen des Wassers verweist er aber auch noch auf einen Mythos. Es sind die „Geschichten der Mütter und Großmütter“[16], die von einem Wasserwesen berichten. Es ist der so genannte Harkemann, der in der Orpe wohnen soll. Dabei werden hier alt tradierte Elemente von Wassermenschen und Wasserwesen bedient, wie sie überall auf der Welt auftauchen. Dieser Harkemann dient einer weiteren Erklärung, warum das Wasser schwarz sei. „Und sein bemooster, grauschwarzer Rücken warf lange Schatten auf den Grund des Flusses. Weil der Harkemann dort hauste, war die Orpe schwarz.“[17] Es ist dann auch der Ururgroßvater, der vom Harkemann geholt wird. Ironischerweise fällt er eines Nachts beim ,Wasserlassen’ in den Fluss und ertrinkt. Hierin müssen die Bewohner der Mißgunst natürlich eine n Racheakt des Flusses sehen, den der Unternehmer ausgebeutet hat. Somit bekommt das Wasser, das bereits durch den Mythos personifiziert wurde, einen weiteren existentiellen Beleg. Dahingehend nämlich, dass es zu bewusstem Handeln in der Lage sei. Die Dimension des Fluchs liegt so über dem Fluss und der Insel, und damit im weiteren Verlauf des Romans auch über der Familie.

So gelingt es von Düffel bereits auf den ersten, wenigen Seiten, dem Leser zum einen die Komplexität des Stoffes Wasser, seine verschiedenen Bedeutungen, Gerüche, Kräfte, Manifestationen und Konnotationen zu vermitteln, während er gleichzeitig geschickt auf die unterschiedlichen Lebensformen und -auffassungen in der Familiensaga hinweist. Er entwirft förmlich einen breiten ,Strom von Gedanken’ basierend auf den beiden Flüssen Orpe und Diemel.

[...]


[1] John von Düffel: Vom Wasser. München 2000. S. 5, 7 u. 248.

[2] Vgl. www.cdhaupt.de

[3] John von Düffel: a.a.O. S. 7.

[4] ebd. S. 7.

[5] John von Düffel: a.a.O. S. 11.

[6] ebd. S. 11.

[7] ebd. S. 11.

[8] ebd. S. 10.

[9] ebd. S. 11.

[10] ebd. S. 11

[11] John von Düffel: a.a.O. S. 11.

[12] ebd. S. 12.

[13] ebd. S. 14.

[14] ebd. S. 12.

[15] ebd. S. 13.

[16] ebd. S. 22.

[17] John von Düffel: a.a.O. S. 22.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
„Wir kehren immer wieder zum Wasser zurück.“ - Der Versuch einer Interpretation zu John von Düffels Roman 'Vom Wasser'
Hochschule
Universität Karlsruhe (TH)  (Institut für Literaturwissenschaft)
Veranstaltung
Vom Wassser
Note
1,3
Autor
Jahr
2006
Seiten
16
Katalognummer
V83209
ISBN (eBook)
9783638895194
ISBN (Buch)
9783638895224
Dateigröße
444 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wasser, Versuch, Interpretation, John, Düffels, Roman, Wassser
Arbeit zitieren
M.A. Florian Schneider (Autor), 2006, „Wir kehren immer wieder zum Wasser zurück.“ - Der Versuch einer Interpretation zu John von Düffels Roman 'Vom Wasser', München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/83209

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