„Wir kehren immer wieder zum Wasser zurück.“ Mit diesem Satz, einer Prophezeiung gleich, umrahmt der Autor John von Düffel seinen ersten Roman Vom Wasser, für den er unter anderem mit dem Aspekte-Literaturpreis und mit dem Mara-Cassens-Preis ausgezeichnet wurde. Dem Titel folgend, versucht die Arbeit, eine literaturwissenschaftliche Interpretation des Romans vorzunehmen. Dabei liegt das Hauptaugenmerk auf den unterschiedlichen Beschreibungen des Wassers, sowie die damit verbundenen spezifischen Konnotationen, die im Roman interpretiert werden. Die Ausgangsfrage ist dabei, welche Bedeutungen den unterschiedlichen Wasserbeschreibungen gegeben werden können? D.h. wird das Wasser kontextuell an bestimmte Personen, Sachen und Dinge und Umstände unterschiedlich beschrieben, dargestellt und benannt? Oder sind daneben weitere Merkmal erkennbar?
John von Düffel gelingt mit seinem Roman Vom Wasser etwas Außergewöhnliches. Schon rein äußerlich gibt sich die Textgestaltung, das Layout ungewohnt. In kurzen etwa halbseitigen Absätzen, von Leerzeilen unterbrochen, präsentiert sich der Text kaskadengleich dem Leser. Hinzu kommt die hohe Redundanz der Sätze, die das Gefühl des ewig dahinplätschernden, aber dennoch veränderten vermitteln, unterstützt von einem hypotaktischen Satzbau, der spielerisch und flink wirkt. Der Leser wird über die Textform förmlich an fließendes Wasser erinnert. Es hat sich beinahe in die Erzählweise von Düffels eingeschlichen, durch eine Flut von Eindrücken und durch sein fließendes Erzählen.
Mit Allegorien, Metaphern und über Synästhesien, mit Alliterationen und lautmalerischen Elementen bekommt das Wasser seine Gestalt. Es wird zum charakterisierten Bestandteil, eigentlich schon zum Protagonisten des Romans.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der Roman
2.1. Der Ururgroßvater und das Wasser
2.2. Der Urgroßvater und das Wasser
2.3. Der Großvater, die Küchenaushilfe und das Wasser
2.4. Der Erzähler und das Wasser
3. Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende literaturwissenschaftliche Interpretation befasst sich mit John von Düffels Roman "Vom Wasser" und untersucht die zentrale Rolle des Wassers als Leitmotiv sowie dessen vielfältige Konnotationen in Bezug auf die dargestellten Familienmitglieder der Familiensaga.
- Literarische Interpretation der Wasserbeschreibungen und Symbolik
- Analyse der Generationengeschichte der Familie auf der "Insel Mißgunst"
- Untersuchung der psychologischen und existenziellen Bedeutung des Wassers für den Ich-Erzähler
- Vergleich der realen Hintergründe der Papierfabrik mit der Romanhandlung
- Beleuchtung der ambivalenten Natur des Wassers (Lebensgrundlage vs. todbringendes Element)
Auszug aus dem Buch
Der Großvater, die Küchenaushilfe und das Wasser
Mit der Übernahme der Papierfabrik durch den Großvater kommt wiederum ein neuer Aspekt bei der Darstellung und Beurteilung des Wassers hinzu. Allein vom Umfang nimmt die Schilderung des Lebens des Großvaters den größten Teil des Romans in Anspruch. Der jetzige Herr der Mißgunst ist der Jüngste von drei Brüdern. Die zwei Älteren sollten eigentlich den Betrieb übernehmen. Sie werden als angesehene und von allen geschätzte Personen als „die erklärten Lieblinge der Mißgunst“ beschrieben, die allerdings beide in den Zweiten Weltkrieg ziehen, so dass der Jüngste, der eigentlich Künstler werden will, und immer am Ufer der Orpe auf der Suche nach dem „rechten Licht“ ist, die Geschäfte übernehmen muss.
Erneut wird durch die Einsetzung des Großvaters auf die Rache der Mißgunst beziehungsweise des Harkemanns angespielt. Dem Großvater, der ironischerweise durch das Wasser zum Krüppel wurde, als er sich nämlich beim Eislaufen das Knie zertrümmerte, wird „die Herrschaft auf der Mißgunst [mißgönnt]“. Insbesondere die Belegschaft will ihn nicht akzeptieren und sehnt den Untergang der Papier- und Pappenfabrik auf der Mißgunst herbei. In dieser aufgeheizten Atmosphäre reagiert der Großvater mit einem cholerischen Wutausbruch, bei dem er auch gegen einen Arbeiter gewalttätig wird, der durch den Erzähler mit bildhafter, von Wassermetaphorik untermalter Sprache beschrieben wird:
[…]als ihn plötzlich der Reststock mit seinem geborstenen Ende am Kopf traf und einen glühendheißen Striemen quer über den Scheitel zog, dem wie Regen auf Gewitter sogleich Blut nachfolgte, ein warmer, wohliger Strom von Blut, der fließend und ohne Unterlaß aus de Schlitz quer über seinen Scheitel ran.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Darstellung des methodischen Vorgehens bei der literaturwissenschaftlichen Interpretation sowie Einordnung der realen Hintergründe des Romans und der Verbindung zur Biografie des Autors.
2. Der Roman: Analyse der grundlegenden Erzählweise und der zentralen Stellung des Wassers als Leitmotiv für den namenlosen Ich-Erzähler.
2.1. Der Ururgroßvater und das Wasser: Untersuchung der wirtschaftlichen Deutung des Wassers als Energiequelle und Geldquelle für den Fabrikgründer sowie Einführung der mythischen Komponente des "Harkemanns".
2.2. Der Urgroßvater und das Wasser: Beleuchtung des technischen und mathematischen Zugangs zur Flussregulierung und der resultierenden negativen, tödlichen Auswirkungen auf die Umwelt.
2.3. Der Großvater, die Küchenaushilfe und das Wasser: Analyse der emotionalen und künstlerischen Beziehung des Großvaters zum Wasser sowie der symbolischen Entwicklung einer Liebesbeziehung durch das Element Wasser.
2.4. Der Erzähler und das Wasser: Reflexion über die existenzielle Bedeutung des Schwimmens für den Ich-Erzähler und die Ambivalenz des Wassers als Faszination und tödliche Bedrohung.
3. Zusammenfassung: Resümee über die gelungene Verknüpfung von Familiengeschichte und dem zentralen Leitmotiv des Wassers, das als Gradmesser für den menschlichen Lebenswandel fungiert.
Schlüsselwörter
John von Düffel, Vom Wasser, Literaturwissenschaft, Familiensaga, Wasser, Leitmotiv, Mißgunst, Papierfabrik, Schwimmen, Symbolik, Orpe, Diemel, Generationengeschichte, Interpretation, Existenzialismus.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es grundsätzlich in dieser Arbeit?
Die Arbeit bietet eine literaturwissenschaftliche Interpretation des Romans "Vom Wasser" von John von Düffel und analysiert die symbolische Bedeutung des Wassers über fünf Generationen hinweg.
Welche Themenfelder stehen im Zentrum der Untersuchung?
Die zentralen Themen sind die verschiedenen Aggregatszustände und Wesensmerkmale des Wassers, die Familiengeschichte der Papierfabrikbesitzer sowie die Transformation des Wassers von einer Lebensgrundlage hin zu einem bedrohlichen Element.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, die spezifischen Konnotationen und Bedeutungszusammenhänge der unterschiedlichen Wasserbeschreibungen innerhalb des Romans zu interpretieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird angewandt?
Die Arbeit verwendet eine literaturwissenschaftliche Textanalyse, um Allegorien, Metaphern und die erzählerische Struktur im Hinblick auf das Hauptmotiv Wasser zu untersuchen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine chronologische Analyse der verschiedenen Generationen der Familie und deren individuelles Verhältnis zum Wasser, ergänzt durch die Reflexion des Ich-Erzählers.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Schlüsselbegriffe sind unter anderem "Leitmotiv", "Familiensaga", "Wasser-Symbolik" sowie die spezifischen Begriffe wie "Insel Mißgunst" und "Transformation".
Welche Rolle spielt die "Insel Mißgunst" im Roman?
Sie dient als geografischer und symbolischer Ort des Geschehens, an dem sich die industrielle Tätigkeit und die familiären Schicksale zwischen den Flüssen Diemel und Orpe vollziehen.
Warum verbindet der Autor den Erzähler mit dem Leistungssport Schwimmen?
Durch das Schwimmen wird das Wasser für den Erzähler zu einer existenziellen Instanz, wodurch der Gegensatz zwischen normiertem Wettkampf und spielerischer Naturerfahrung verdeutlicht wird.
Wie endet die Familiengeschichte in Bezug auf das Wasser?
Der Erzähler erkennt am Ende, dass das Wasser das einzig Beständige ist, während sich die Menschen und ihre Unternehmungen wandeln; er bestätigt damit das Leitmotiv der ewigen Rückkehr zum Wasser.
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- M.A. Florian Schneider (Author), 2006, „Wir kehren immer wieder zum Wasser zurück.“ - Der Versuch einer Interpretation zu John von Düffels Roman 'Vom Wasser', Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/83209