Verbesserte Medienkritik oder Pseudo-Journalismus?

Eine inhaltsanalytische Studie journalistischer Qualität in medienkritischen Weblogs


Magisterarbeit, 2007
148 Seiten, Note: 1,5

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

1 Einleitung

2 Weblogs
2.1 Online-Medien
2.1.1 Eigenschaften des World Wide Web und von Online-Journalismus
2.1.2 Weblogs: Eigenschaften und Definition
2.2 Forschungsstand
2.2.1 Stand der Weblogforschung
2.2.2 Weblogs und Journalismus
2.3 Medienkritik als Gegenstand von Weblogs
2.3.1 Medienkritik und Medienjournalismus
2.3.2 Problemfelder der Medienkritik
2.3.2.1 Eigenwerbung und Konkurrenzschelte
2.3.2.2 Institutionalisierungsproblem
2.3.2.3 Journalistische Rollenverständnisse
2.3.3 Weblogs und Medienkritik

3 Theorie
3.1 Journalismus als soziales System
3.1.1 Systemtheoretische Ansätze in der Publizistikwissenschaft
3.1.2 Journalismus als eigenständiges soziales System
3.1.3 Journalistische Akteure
3.1.4 Begriffsdefinition
3.2 Qualität im Journalismus
3.2.1 Stand der empirischen Qualitätsforschung
3.2.2 Qualitätsdimensionen
3.2.3 Von der Erhebung ausgeschlossene Qualitätsdimensionen
3.2.3.1 Unabhängigkeit
3.2.3.2 Richtigkeit
3.2.3.3 Akzeptanz
3.2.3.4 Rechtmässigkeit
3.2.4 Erhobene Qualitätskriterien
3.2.4.1 Aktualität
3.2.4.2 Transparenz
3.2.4.3 Objektivität
3.2.4.4 Vielfalt
3.2.4.5 Vollständigkeit
3.2.4.6 Relevanz
3.2.4.7 Analytische Qualität
3.2.4.8 Interaktivität
3.2.4.9 Verständlichkeit
3.2.4.10 Hypermedialität
3.2.4.11 Unterhaltsamkeit
3.2.5 Journalistische Qualität in Weblogs

4 Fragestellung und Hypothesen

5 Methode
5.1 Gegenstand
5.1.1 Einschränkungen
5.1.1.1 Beschränkung der Gültigkeit
5.1.1.2 Beschränkung der Perspektive
5.1.1.3 Beschränkung der Dimensionen
5.1.2 Untersuchungsmaterial
5.1.3 Untersuchte Weblogs
5.2 Inhaltsanalyse
5.2.1 Codebuch und Pretest
5.3 Befragung
5.4 Datenstruktur

6 Ergebnisse
6.1 Aktualität
6.2 Transparenz
6.3 Objektivität
6.4 Vielfalt
6.5 Vollständigkeit
6.6 Relevanz
6.7 Analytische Qualität
6.8 Interaktivität
6.9 Verständlichkeit
6.10 Hypermedialität
6.11 Unterhaltsamkeit
6.12 Gesamtwerte
6.13 Befragung

7 Fazit und Ausblick

8 Literatur

Anhang A: Codebuch Artikelebene
Anhang B: Codebuch Angebotsebene
Anhang C: Recodierung
Anhang D: Fragebogen

Abbildungsverzeichnis

Abb. 3-1: Wechselbeziehungen zwischen gesellschaftlichen Systemen

Abb. 3-2: Aspekte journalistischer Professionalität (nach Schatz/Schulz 1992: 705)

Abb. 5-1: Beispiel für einen Weblogartikel

Abb. 6-1: Mittelwerte für Aktualität

Abb. 6-2: Indikatoren für Aktualität (Mittelwerte)

Abb. 6-3: Mittelwerte für Transparenz

Abb. 6-4: Ersichtlichkeit der Quellen (Mittelwerte)

Abb. 6-5: Indikatoren für Transparenz (Mittelwerte)

Abb. 6-6: Mittelwerte für Objektivität

Abb. 6-7: Mittelwerte für Vielfalt

Abb. 6-8: Mittelwerte für Vollständigkeit

Abb. 6-9: Mittelwerte für Textlänge

Abb. 6-10: Mittelwerte für Relevanz

Abb. 6-11: Indikatoren für Relevanz (Mittelwerte)

Abb. 6-12: Mittelwerte für analytische Qualität

Abb. 6-13: Indikatoren für analytische Qualität (Mittelwerte)

Abb. 6-14: Mittelwerte für Interaktivität

Abb. 6-15: Mittelwerte für Verständlichkeit

Abb. 6-16: Mittelwerte für Hypermedialität

Abb. 6-17: Mittelwerte für Unterhaltsamkeit

Abb. 6-18: Gesamtwerte (Mittelwerte für zusammengefasste Indizes)

Abb. 6-19: Mittelwerte für Einstufung der Weblogs auf einer Skala von 1 bis 5

Abb. 6-20: Mittelwerte für Einstufung von Online-Zeitungen auf einer Skala von 1 bis 5

Tabellenverzeichnis

Tab. 3-1: Dimensionen empirischer Qualitätsforschung in der publizistikwissen-schaftlichen Literatur

Tab. 5-1: Untersuchte Weblogs

Tab. 6-1: Ersichtlichkeit des Autors in Prozent

Tab. 6-2: Polemik und Ironie/Sarkasmus in Prozent

Tab. 6-3: Perspektivenpluralität (Mittelwerte)

Tab. 6-4: Mittelwerte für Vielfalt

Tab. 6-5: Indikatoren für Interaktivität in Prozent

Tab. 6-6: Durchschnittliche Anzahl Links pro Artikel

Tab. 6-7: Indikatoren für Hypermedialität (Mittelwerte)

Tab. 6-8: Mittelwerte für Hypermedialität auf Angebotsebene

Tab. 6-9: Gesamtwerte für Weblogs unterteilt in Einzel- und Gruppenblogs

Tab. 6-10: Gesamtwerte für Weblogs unterteilt in anonyme Blogs und Blogs mit ersichtlichem Betreiber

Tab. 6-11: Rangfolge der einzelnen Qualitätsdimensionen in der Befragung und der Inhaltsanalyse

Anmerkung

Nachfolgend wird bei Personenbezeichnungen grundsätzlich das generische Maskulinum verwendet. Die grammatikalisch maskuline Form steht dabei geschlechtsunspezifisch sowohl für weibliche als auch männliche Personen. Die Bezeichnung „Blogger“ bezeichnet beispielsweise kein spezifisches Geschlecht, sondern bezieht sich gleichermassen auf Frauen und Männer.

1 Einleitung

In heutigen Gesellschaften bestimmen die Medien weitgehend, wie wir unsere Welt sehen, worüber wir diskutieren, welche Themen uns beschäftigen. Medien verfügen daher über eine grosse Macht, und mit diesem grossen Einfluss kommt ihnen auch eine grosse Verantwortung zu. Deshalb ist es nicht unproblematisch, dass Medien heute auch Unternehmen sind und sich deshalb nicht nur am Wohlergehen der Gesellschaft orientieren, sondern auch ökonomische Ziele verfolgen. Medien funktionieren also nach zwei verschiedenen Logiken: Einerseits folgen sie einer publizistischen, gleichzeitig aber auch einer ökonomischen Rationalität. Die beiden Rationalitäten stehen in einem Spannungsfeld, weil sie sich nicht ohne weiteres miteinander vereinbaren lassen. Dieses Dilemma wird zusätzlich dadurch verschärft, dass die Medien selbst schwer zu kontrollieren sind. Weil die Medien als „vierte Gewalt“ eine Kontrollfunktion über die staatlichen Gewalten ausüben sollen, ist es von enormer Wichtigkeit, dass der Staat selbst keinen Einfluss auf diese ausüben kann. Gleichzeitig müssen die Medien, aufgrund ihres grossen Einflusses, kontrolliert werden können. Es werden also vom Staat unabhängige Kontrollinstanzen benötigt, die die Medien überwachen. So kommt es, dass der Medienkritik, also der Kritik, welche die Medien an sich selbst üben, eine grosse Bedeutung zukommt. Denn sie ist eine der wenigen Instanzen, die die Medien beobachten und auf Missstände hinweisen können. Medienkritik ist gleichsam die „fünfte Gewalt“ im Staat.

Jedoch ist der Medienjournalismus selbst Teil dessen, was er beobachtet. Und aufgrund der doppelten Interessen der Medien muss deren Kritikfähigkeit in Frage gestellt werden. Anders formuliert – um einmal mehr die viel zitierte Aussage Niklas Luhmanns zu bemühen – bestimmen Medien zwar unseren Blick auf die Welt (und damit auch auf die Medien selbst), jedoch wissen wir, dass wir ihnen nicht trauen können (vgl. Luhmann 2004: 9).

Anders als bei den traditionellen Medien sieht es beim Internet aus. Bei dieser Kommunikationsform herrschen ganz andere Verhältnisse. Einige, wie etwa der Informatiker und Journalist Erik Möller, gehen so weit, dass sie von einer Medienrevolution im Internet sprechen (vgl. Möller 2006). Diese optimistische Haltung gegenüber dem Internet geht davon aus, dass mit den geringeren Zugangsbarrieren zur öffentlichen Kommunikation im Internet eine Demokratisierung derselben einhergeht. Bisher bestimmten die traditionellen Massenmedien als Gatekeeper die Themenagenda für die Gesellschaft - im Internet wählt der Nutzer selbst aus. Hier können auch einzelne Privatpersonen zumindest potentiell ein Massenpublikum erreichen und damit all jene Themen aufgreifen, die in den traditionellen Massenmedien keinen Platz finden.

Eine Publikationsform, die zum Hoffnungsträger dieser Netzoptimisten geworden ist, sind die so genannten Weblogs oder Blogs. Diese einfachen Websites, die ohne grossen Kostenaufwand oder Know-how von nahezu Jedermann betrieben werden können, haben viel von sich reden gemacht. Aus der optimistischen Warte sind sie die Speerspitze einer neuen Gegenöffentlichkeit, einer journalistischen Alternative zur bestehenden ökonomisierten Medienwelt. In ihnen soll mit dem so genannten Citizen- oder Grassroot-Journalism eine Medienrevolution von unten stattfinden: Blogger sollen nah an den Ereignissen denjenigen authentischen und transparenten Journalismus betreiben, der in den traditionellen Medien fehlt. Für den Medienjournalismus würde das bedeuten, dass unabhängige, autonome Journalisten in Weblogs die Medien kritisieren können, ohne dass ihnen dabei Eigeninteressen den klaren Blick auf die Dinge verstellen.

Aus der entgegengesetzten Sichtweise allerdings sind Weblogs in erster Linie ein undurchschaubarer Haufen an irrelevanter Information. In Weblogs finden sich Unmengen minderwertiger Information, aufbereitet von digitalen Soap-Box-Speakern und Pseudojournalisten. Aus dieser Perspektive beschränkt sich Journalismus in Weblogs auf das lautstarke Kundtun der eigenen Meinung, die klassischen journalistischen Arbeitsweisen bleiben dabei aussen vor. Aus dieser Sicht sind Weblogs bestenfalls proto- oder parajournalistisch, jedenfalls sind sie weit entfernt vom professionellen Journalismus, den etwa Zeitungen betreiben.

Diese beiden Sichtweisen auf neue Kommunikationsformen im Internet sind nichts Neues. Beck/Vowe (1995: 551-553) nennen sie das euphorische und das pragmatische Argumentationsmuster und beschreiben sie als zwei von acht idealtypischen Argumentationsmustern in Bezug auf Multimedia. Dieses Muster lässt sich hier auch in Bezug auf das Internet erkennen: Ist die neue Technologie ein Fluch oder ein Segen? Gesucht ist hier folglich der gemeinsame Nenner dieser beiden Positionen, eine nüchterne Sichtweise auf das neue Medium. Was dann bleibt, ist die Einsicht, dass die Kommunikationssituation im Internet eine gänzlich andere ist. Christoph Neuberger spricht hier von der Aufhebung des „Gatekeeper-Paradigmas“: Anders als bei den traditionellen Massenmedien, die das Zuviel an verfügbarer Information an die Vermittlungsleistung der Medien anpassen, kann (oder muss) der Nutzer im Internet selbst aus der immensen Informationsmenge auswählen. Die Selektion relevanter Nachrichten findet also nicht mehr vor der Publikation durch den Journalisten statt, sondern wird nachgelagert und dem Rezipienten überlassen. Dieser erhält nicht mehr täglich die relevantesten Informationen, zusammengefasst in einer einzelnen Zeitung oder in einer zehnminütigen Nachrichtensendung, sondern muss die Selektionsleistung selber erbringen, indem er aus der verfügbaren Informationsmenge des Internets auswählt.

Offen bleibt dabei die Frage nach der Qualität dieser Information. Denn diese Selektionsleistung, die vom Rezipienten abverlangt wird, ist nicht einfach zu bewältigen. Äusserlich lassen sich im Internet „schlechte“ Informationen nur schwerlich von „guten“ trennen. Um die Qualität dieser Angebote prüfen zu können, ist folglich eine tiefere Analyse notwendig.

Bezieht man diese veränderte Kommunikationssituation auf die eingangs geschilderte Problematik der Medienkritik, drängt sich die Frage nach der journalistischen Qualität noch viel stärker auf. Grundsätzlich könnten nämlich Weblogs hier ihre Vorteile noch besser ausspielen als bei andern Themen: Im Internet kann – zumindest theoretisch – massenmediale Medienkritik von journalistischen Akteuren betrieben werden, die nicht von gewinnorientierten Medienunternehmen abhängig sind. Medienkritik in Weblogs könnte also die Tugenden des Journalismus vereinen, ohne seine Defizite aufzuweisen: Eine fundierte Medienkritik ohne Konflikte mit Eigeninteressen. Doch nutzen Weblogs dieses Potential auch wirklich?

Erneut tut sich das Spannungsfeld zwischen der euphorischen und der pragmatischen Sichtweise auf: Sind nun Weblogs tatsächlich eine neue Plattform für Journalismus, welche die Defizite der traditionellen Massenmedien aufheben kann? Oder sind sie bloss ein pseudojournalistisches Durcheinander? Um diese Frage beantworten zu können, muss zuerst geklärt werden, was „guter“ Journalismus überhaupt ist. Welche Qualitäten zeichnen einen guten journalistischen Beitrag aus? Erst dann kann journalistische Qualität empirisch gemessen werden. Denn das Ziel dieser Arbeit ist, mit einer Inhaltsanalyse die journalistische Qualität medienkritischer Weblogs zu untersuchen.

Dazu sollen in einem ersten Schritt der Gegenstand Weblogs und der Themenbereich Medienkritik mit ihren Problemfeldern genauer beleuchtet werden, um dann die theoretische Grundlage für ein exaktes Verständnis von Journalismus zu schaffen. Ausgehend davon soll dann anhand der bisherigen publizistikwissenschaftlichen Forschung journalistische Qualität definiert werden, damit ein zuverlässiges Analyseinstrument erstellt werden kann. Damit soll dann die journalistische Qualität von Weblogs gemessen werden, um die im Titel gestellte Frage beantworten zu können: Hat Medienkritik in Weblogs eine höherer Qualität als in den traditionellen Medien? Oder ist sie doch nur Pseudojournalismus?

2 Weblogs

Zur genauen Bezeichnung und Definition von Weblogs soll in diesem Kapitel vorerst auf Online-Medien im Allgemeinen eingegangen werden. Hier sollen die zentralen Begriffe Internet und World Wide Web (WWW) erläutert werden und die spezifischen medialen Eigenschaften der beiden Kommunikationsformen dargestellt werden. Erst dann soll, weil die Eigenschaften des Internets und des WWW auch für Weblogs gelten, ausführlich auf diesen Gegenstand eingegangen werden. Anhand der spezifischen Eigenschaften von Weblogs soll dann ein Definitionsversuch unternommen werden, um dann den publizistikwissenschaftlichen Forschungsstand aufzuarbeiten. Ebenfalls sollen in diesem ersten Kapitel die zentralen Begriffe definiert werden. Anschliessend soll in diesem Kapitel auch vertieft auf Weblogs als Plattform für Medienkritik eingegangen werden. Dazu sollen in einem kurzen Einschub vorerst der Medienjournalismus und dessen Problemfelder dargestellt werden.

2.1 Online-Medien

Ob man vom Internet als Medium sprechen kann, hängt vom verwendeten Medienbegriff ab. In der publizistikwissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Gegenstand Internet hat sich die Ansicht weitgehend durchgesetzt, vom Internet nicht in corpore als Medium zu sprechen, sondern die einzelnen Kommunikationsmodi des Internets auf ihre medialen Eigenschaften zu prüfen (vgl. Beck 2006: 23f., Dobal/Werner 1997: 107, Döring 2003: 42f., Rössler 2003: 505f., sowie Winter 1998: 274). Als „Kommunikationsmodi“ (Dobal/Werner 1997: 114) des Internets gelten nach Rössler: E-Mail, Newsgroups, Chats, MUDs[1] und das World Wide Web (vgl. Rössler 2003: 110, sowie Döring 2003: 49-110). Als „World Wide Web“ gilt derjenige abruforientierte Bereich des Internets, der mit einem Browser dargestellt wird und folglich hypertextbasiert ist (vgl. Fentrop 1998: 330, Rössler 2003: 506). Als Hypertext werden jene Dokumente bezeichnet, die mit Links, also per Mausklick anwählbaren Verbindungen, Verknüpfungen zu anderen Dokumenten herstellen (vgl. Luginbühl 2005: 428). Hypertextdokumente werden mit HTML[2] erstellt und werden auch als Web-Seite (engl. Webpage) bezeichnet. Dieser Begriff ist nicht zu verwechseln mit dem englischen Wort Website, das sich auf eine Mehrzahl einzelner Webpages mit der gleichen Domain [3] oder Subdomain bezieht (vgl. Beck 2006: 59). Jede Webpage hat eine individuelle URL[4], über die sie direkt aufgerufen werden kann.

Im Folgenden sollen die beiden Begriffe Internet und WWW konsequent voneinander getrennt werden. Mit dem Begriff Internet ist das weltumspannende Netzwerk gemeint, also die Verbindung zwischen Computern (vgl. Fentrop 1998: 324f.), die „Kommunikations-Infrastruktur“ (Döring 2003: 43). Das WWW ist hingegen nur einer von mehren Diensten oder Kommunikationsmodi, die auf diesem Netzwerk basieren. Diese unterschiedlichen Kommunikationsmodi des Internets unterscheiden sich stark. Im Gegensatz zu den anderen oben genannten Kommunikationsmodi, die alle vorwiegend der Individual- oder Gruppenkommunikation dienen[5], hat das WWW jedoch einen stärker massenmedialen Charakter. Aufgrund seiner Heterogenität und der unterschiedlichen Verwendungsweisen ist allerdings auch eine individualkommunikative Nutzung nicht auszuschliessen (vgl. Morris/Ogan 1996: 42). Dementsprechend Vorsichtig formulieren deshalb Dobal/Werner ihre Einstufung des WWW als Massenmedium:

„Zusammenfassend kann man sagen, dass das WWW viele Merkmale eines Massenmediums hat, aber potentiell auch die Möglichkeiten der Individualmedien bestehen“ (Dobal/Werner 1997: 108).

Welches sind nun aber diese Merkmale ? Ob das Internet und das WWW als Medien bezeichnet werden können, hängt in erster Linie vom verwendeten Medienbegriff ab. Sinnvoll ist hier die Unterscheidung zwischen Medien erster und zweiter Ordnung, die auf Kubicek/Schmid/Wagner (1997) zurückgeht. Während Medien erster Ordnung reine Vermittlungstechniken sind, erfüllen Medien zweiter Ordnung darüber hinaus eine

Selektions-, Strukturierungs- und Präsentationsleistung (vgl. Kubicek/Schmid/Wagner 1997: 32f., Weischenberg 1998: 51). Dabei erfüllt das WWW die Anforderungen an ein Medium erster Ordnung sicherlich, ob es sich dabei aber auch um ein „institutionelles Medium“ (Kubicek/Schmid/Wagner 1997: 35, Schmid/Kubicek 1994: 403) handelt, kann nicht abschliessend beantwortet werden. Institutionelle Medien zeichnen sich dadurch aus, dass sie „Mitteillungen für einen mehr oder weniger definierten Nutzerkreis auswählen, strukturieren und in einer bestimmten technischen und symbolischen Form präsentieren“ (Schmid/Kubicek 1994: 404). Die zahlreichen Nutzungsmöglichkeiten des WWW lassen zwar Angebote zu, die diese Kriterien erfüllen, diese sind jedoch nicht für alle Angebote des WWW gültig. Das hier angeführte Raster von Schmid/Kubicek ist in seiner Formulierung jedoch auch keineswegs trennscharf.

Weiter stellt sich auch die Frage, ob beim Internet von Massenkommunikation gesprochen werden kann. Orientiert man sich dabei an Maletzkes Definition von Massenkommunikation, erhält man auch hier keine eindeutige Antwort (vgl. Dahinden 2001: 466). Maletzke definiert Massenkommunikation als öffentlich, technisch verbreitet, indirekt und einseitig (vgl. Maletzke 1998: 46). Auch das Internet lässt sich also nicht insgesamt als Massenmedium bezeichnen, jedoch gelten die meisten von Maletzke genannten Eigenschaften für einen grossen Teil der Angebote im WWW. Einzig der Aspekt der Einseitigkeit ist bei vielen Angeboten nicht völlig erfüllt, weil es bei vielen Websites sehr einfach ist, Feedback zu äussern. Ein „Rollenwechsel zwischen Aussagendem und Aufnehmenden“ (Maletzke 1998: 46), ist aber auch hier gewöhnlich nicht möglich, weshalb selbst das Kriterium der Einseitigkeit bei zahlreichen Angeboten als erfüllt betrachtet werden kann.

Zusammenfassend muss festgehalten werden, dass weder das Internet noch das WWW in ihrer Gesamtheit als Massenmedien angesehen werden können. Auch die Unterscheidung verschiedener Kommunikationsmodi lässt keine abschliessende Bezeichnung der Modi als Massenmedien zu. Denn auch die einzelnen Modi – besonders das WWW – lassen unterschiedliche Nutzungsweisen zu, die zum Teil die Merkmale massenmedialer Kommunikation aufweisen, teilweise aber auch individualkommunikative Eigenschaften besitzen. Die Nutzung des WWW als Massenmedium ist folglich möglich, es existieren aber auch nicht-massenmediale Nutzungsweisen – die Unterscheidung kann auf der Ebene der Kommunikationsmodi nicht abschliessend vorgenommen werden, sondern muss auf der Ebene der einzelnen Angebote geschehen. Dennoch lässt sich für das WWW deutlich ein medialer Charakter erkennen.

2.1.1 Eigenschaften des World Wide Web und von Online-Journalismus

An dieser Stelle soll auf die spezifischen Eigenschaften des WWW eingegangen werden, die dieses für journalistische Inhalte bietet. Der Journalismus im Internet wird von dessen technischen Eigenschaften stark mitbestimmt. Neuberger nennt folgende erweiterten Optionen, die das WWW aufgrund seiner technischen Potentiale für den Online-Journalismus im Gegensatz zu den traditionellen Massenmedien bietet (vgl. Neuberger 1999: 33-50 und 2000a: 20f.):

- Multimedialität
- grosse Speicherkapazität
- globale Zugänglichkeit
- permanente Aktualisierbarkeit
- Selektivität
- Additivität
- Interaktivität
- kostengünstige Produktion und Verbreitung von Inhalten (Neuberger 2000a: 20).

Mit Selektivität meint Neuberger die Auswahlmöglichkeiten des Nutzers innerhalb der vordefinierten Handlungsoptionen, während mit Interaktivität die Auseinandersetzung mit einem menschlichen und individuell reagierenden Gegenüber gemeint ist (s. Kap. 3.2.4.8). Der Begriff Additivität bezeichnet hier das Wegfallen der durch die Periodizität bedingten Notwendigkeit, ein Medium permanent vollständig zu erneuern und damit die Möglichkeit, Aktuelles mit älteren Inhalten zu verknüpfen (vgl. Neuberger 2000a: 20).

Zentral ist hier der letzte der von Neuberger genannten Punkte. Im Gegensatz zu den traditionellen Medien, bei denen aufgrund der enormen Eintrittsbarrieren der Zugang zur öffentlichen Kommunikation sehr schwierig ist, verstellen bei der Publikation im Internet nur geringfügige Zugangsschranken den Weg (vgl. Beck 2006: 207). Dies liegt vor allem daran, dass zur Publikation im WWW nur geringe finanzielle Mittel benötigt werden und dass dazu unter Umständen auch kaum technisches Wissen benötigt wird.

Journalistische Angebote im WWW erfordern gleichsam eine geringe Infrastruktur und können daher auch von Einzelpersonen hergestellt werden. Neuberger bezeichnet solche Akteure treffend als „Mikrojournalisten“ (Neuberger 2000a: 18). Diese Mikrojournalisten sind nicht nur unabhängig von den übergeordneten Instanzen innerhalb von Medienunternehmen, sondern auch von Rendite und Quote. Die geringen Kosten haben zur Folge, dass Mikrojournalisten „Non-Profit-Journalismus“ (Quandt 2004: 77) betreiben können. Dadurch, dass sie nicht zwingend auf Rendite und damit auch nicht auf eine grosse Leserschaft angewiesen sind, können sie es sich theoretisch leisten, unpopuläre Themen zu behandeln, die nur eine kleine Leserschaft ansprechen. In Medien, die auf ein grosses Publikum angewiesen sind, ist dies meist nicht möglich.

Wenn man nun die ökonomische Verflechtung von Medienredaktionen als zentrales Kernproblem des traditionellen Medienjournalismus betrachtet, wie dies an späterer Stelle ausführlich gezeigt werden soll, dann kann angenommen werden, dass Medienjournalismus und -kritik im WWW als Alternative dazu gewisse Vorteile mit sich bringt. Der fehlende ökonomische Druck ermöglicht zumindest theoretisch eine unabhängige, umfangreiche und kontinuierliche Behandlung von Medienthemen. Gleichzeitig sind für Weblogs auch Defizite zu erwarten: gewöhnlich betreiben Blogger ihre Angebote nebenberuflich. Deshalb stehen zur Verfassung der Beiträge relativ geringe Zeitressourcen und finanzielle Mittel zur Verfügung. Auch ist anzunehmen, dass die meisten Betreiber von Weblogs keine journalistische Ausbildung absolviert haben oder über Berufserfahrung verfügen und dass die meisten Blogs deshalb von journalistischen Laien betrieben werden. Es ist jedoch möglich, dass Weblogs auch professionell betrieben werden, wenn Journalisten (wie etwa die zuvor beschriebenen Mikrojournalisten) dies tun. Auf die unterschiedlichen Problemfelder der Medienkritik in traditionellen Massenmedien und die Lösungen, die das WWW und speziell Weblogs dafür bieten können, wird in Kapitel 2.3 ausführlich eingegangen. Zuvor soll jedoch im nächsten Kapitel genauer auf Weblogs eingegangen werden. Denn die oben genannten spezifischen Eigenschaften des WWW gelten ganz besonders auch für diese Angebotsform.

2.1.2 Weblogs: Eigenschaften und Definition

Weblogs, oder Blogs, wie diese oft kurz genannt werden, sind Websites mit spezifischen Eigenschaften, die nachfolgend beschrieben werden sollen. Ursprünglich bezeichnete der Begriff als Kombination aus den Begriffen „Web“ und „Log“ (englisch für Logbuch) also eine Art Fahrtenbuch der ersten Surfer im Internet (vgl. Schmidt 2006: 13). Jedoch haben sich Weblogs längst von dieser ursprünglichen Funktion gelöst und die Blogger, wie die Betreiber von Weblogs häufig genannt werden, haben mittlerweile zahlreiche verschiedene Nutzungsweisen gefunden (vgl. Picot/Fischer 2006: 14). Typischerweise handelt es sich bei Weblogs aber um persönliche Websites, in denen mehr oder weniger kurze Texte publiziert werden.

Die unterschiedlichen Definitionsversuche, die sich in der Literatur zu Weblogs finden lassen, zeigen jedoch mit aller Deutlichkeit, wie schwierig die genaue Bestimmung dieses Gegenstandes ist. Ein Gegenstand, der wie Weblogs von grosser formaler und inhaltlicher Heterogenität geprägt ist, kann nur sehr schwer trennscharf umrissen werden (vgl. Bruns/Jacobs 2006: 2, Neuberger 2007: 96, Przepiorka 2006: 14, Schlobinski/Siever 2005: 9). Die zentrale Frage ist, inwiefern sich Weblogs von anderen Websites abgrenzen lassen. Denn von einem technischen Standpunkt aus sind Weblogs nichts anderes als Websites: sie basieren ebenso auf der Hypertext-Sprache HTML und lassen sich nach technischen Kriterien nicht eindeutig von anderen Websites unterscheiden. Die zentralen Eigenschaften von Weblogs, die in der Literatur genannt werden, sind folglich in erster Linie keine technischen Kategorien. Nachfolgend sollen diese Eigenschaften zu einer Definition zusammengefasst werden:

Weblogs sind

- Websites (vgl. Beck 2006: 209, Möller 2006: 113, Picot/Fischer 2006: 3, Przepiorka 2006: 14, Schmidt 2006: 9),
- in denen die einzelnen Beiträge in umgekehrt chronologischer Reihenfolge veröffentlicht werden (vgl. Armborst 2006: 46, Möller 2006: 113, Przepiorka 2006: 14, Schmidt 2006: 13, Walker 2005: 45),
- die regelmässig aktualisiert werden (vgl. Beck 2006: 209, Neuberger 2003b: 132, Picot/Fischer 2006: 3, Przepiorka 2006: 14, Schmidt 2006: 13, Singer 2005: 173, Walker 2005: 45),
- häufig mit Links auf andere Websites verweisen (vgl. Beck 2006: 209, Möller 2006: 113, Przepiorka 2006: 14, Schmidt 2006: 13, Wegner 2002: 76),
- von einzelnen Personen oder Gruppen betrieben werden (vgl. Beck 2006: 209, Neuberger 2003b: 132, Picot/Fischer 2006: 3, Przepiorka 2006: 14, Walker 2005: 45),
- und dem Leser gewöhnlich die Möglichkeit bieten, Kommentare zu den Inhalten zu veröffentlichen (vgl. Przepiorka 2006: 14, Schmidt 2006: 13, Wegner 2002: 76).

Die gewählte Formulierung zeigt, dass die hier aufgeführten Eigenschaften zwar die Regel bilden, aber nicht unbedingt alle auf jedes einzelne Weblog zutreffen: Das Verweisen auf andere Websites und die Kommentarfunktion sind keine konstituierenden Eigenschaften von Weblogs. Weil sie aber ein häufiges und typisches Merkmal von Weblogs sind, werden sie hier dennoch aufgeführt.

Es existieren verschiedene Dienste und Anbieter, die es einem Betreiber ermöglichen, mit relativ geringem Aufwand ein eigenes Weblog zu erstellen. Dabei kann der Betreiber direkt auf der Website dieses Anbieters die einzelnen Beiträge im Browser eingeben und formatieren (vgl. Schmidt 2006: 14). Mit einem Content-Management-System (CMS) wird der Beitrag dann automatisch gespeichert und verwaltet (vgl. Armborst 2006: 36, Wegner 2002: 76, Przepiorka 2006: 16f.). Jeder Beitrag erhält seine feste URL und ist damit direkt adressier- und abrufbar und wird gleichzeitig in die chronologische Auflistung des Weblogs eingefügt (vgl. Armborst 2006: 46, Przepiorka 2006: 15).

Diese vorgefertigten Websites und CMS ermöglichen es dem Nutzer, ohne Kenntnis der im WWW verwendeten Programmiersprachen Inhalte zu publizieren (vgl. Picot/Fischer 2006: 3). Dadurch, dass auf diese CMS gewöhnlich in einem normalen Browser zugegriffen werden kann, können Weblogs auch auf öffentlich zugänglichen Computern – wie etwa in Internet-Cafés – erstellt werden. Deshalb wird für das Betreiben eines Blogs nicht einmal ein eigener Computer zwingend benötigt, wodurch die finanziellen Zugangsbarrieren weiter sinken.

Der in Kapitel 2.1.1 beschriebene Mikrojournalismus ist also in Weblogs besonders gut möglich, weil mit minimalem Kostenaufwand und geringem technischem Know-how das Betreiben eines eigenen Weblogs und damit die Publikation eigener Inhalte möglich werden. Dass diese Situation zu einer grossen Anzahl an verschiedenen Weblogs führt, belegen beispielsweise die Zahlen von David Sifrys regelmässig publizierter Studie „The State of the Blogosphere“ eindrucksvoll (vgl. Sifry 2007: o. S.). Zwar stellen auch diese Zahlen, die mit der Weblog-Suchmaschine Technorati erstellt werden, keine zuverlässigen Werte für die Gesamtzahl an Weblogs dar (vgl. Neuberger 2007: 97), dennoch zeigen sie, dass es eine enorme und stetig wachsende Anzahl Weblogs gibt: Die Studie zählt im April 2007 über 70 Millionen Weblogs, und täglich entstehen über 120'000 neue.

Diese Weblogs können unter Umständen ein grosses Publikum erreichen. Dadurch, dass Weblogs häufig in die gemeinschaftlich vernetzte Gesamtheit der Weblogs, die so genannte Blogosphäre, eingebettet sind, sind sie relativ gut untereinander verknüpft (vgl. Schmidt 2006: 13). Die Anzahl Links, die von anderen auf eine bestimmte Website verweisen, sind ein wichtiges Einstufungskriterium verschiedener Suchmaschinen (vgl. Schulz/Held/Laudien 2005: 15). Somit werden Weblogs in den Rankings von Suchmaschinen oftmals relativ hoch eingestuft und damit häufiger gefunden. Wenn man Suchmaschinen als Gatekeeper des Internets betrachtet (vgl. Schulz/Held/Laudien 2005: 21), die massgeblich daran beteiligt sind, welche Websites überhaupt wahrgenommen werden, haben Weblogs dank der netzwerkartigen, engen Verknüpfung gute Voraussetzungen.

Jedoch betrifft dieses Phänomen wohl nur relativ wenige Weblogs. Die enorme Anzahl Blogs steht nämlich in einem Gegensatz zur Rezipientenseite: Der grossen Breite der publizierten Information steht eine vergleichsweise geringe Anzahl Leser gegenüber. Damit sind auch längst nicht alle Weblogs in ein enges Netzwerk von Verknüpfungen eingebunden. Nur diejenigen Blogs, die eine gewisse Aufmerksamkeit erreichen, werden auch von anderen verlinkt. Die oftmals kleine Leserschaft einzelner Weblogs verdeutlicht die ARD/ZDF-Online-Studie von 2006: nur gerade rund 7 Prozent der Befragten Online-Nutzer gaben an, überhaupt schon einmal ein Weblog gelesen zu haben (vgl. Fisch/Gscheidle 2006: 435f.). Dieser Sachverhalt wird in einem Artikel der New York Times folgendermassen auf den Punkt gebracht: „A few blogs have thousands of readers, but never have so many people written so much to be read by so few“ (Hafner 2004: 1). Um eine grössere Leserschaft erreichen zu können, sind auch Weblogs auf eine Thematisierung in den traditionellen Massenmedien angewiesen, wie Drezner/Farrell ausführen (vgl. Drezner/Farrell 2004: 23, s. auch Nip 2006: 229).

Im Folgenden soll nun auf die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Weblogs eingegangen werden. Das wachsende Interesse auch der Kommunikations-wissenschaften am Gegenstand Weblogs zeigt sich an einer steigenden Anzahl wissenschaftlicher Beiträge, die im folgenden Kapitel zusammengefasst werden sollen.

2.2 Forschungsstand

In diesem Kapitel wird zuerst eine Übersicht über die bisherige Forschung zu Weblogs gegeben werden. Anschliessend wird ausführlicher auf eine zentrale Frage dieser Forschung eingegangen, nämlich auf diejenige nach dem Verhältnis von Weblogs und Journalismus. Zu dieser Debatte sollen hier erst einige grundsätzliche Anmerkungen gemacht werden, bevor dann an späterer Stelle ausführlicher darauf eingegangen wird.

2.2.1 Stand der Weblogforschung

Obwohl es sich bei Weblogs um ein sehr neues Forschungsfeld handelt, existieren bereits einige Studien. Dies ist unter anderem darauf zurückzuführen, dass Weblogs als Forschungsgegenstand für verschiedene wissenschaftliche Disziplinen von Bedeutung sind. So werden Weblogs aus sozialpsychologischer, kultur- und sprachwissenschaftlicher oder medienpädagogischer Perspektive untersucht (vgl. Schmidt 2006: 22). Daneben gibt es auch zahlreiche nicht-akademische Publikationen zu Weblogs, zum Beispiel Textsammlungen oder Ratgeber. Im Folgenden soll hier ein Überblick über die kommunikations- und publizistikwissenschaftliche Auseinander-setzung mit Weblogs gegeben werden, auch wenn Zugänge aus anderen wissenschaftlichen Disziplinen für diese Arbeit unter Umständen ebenfalls relevant sein können. Der Überblick über den Forschungsstand bezieht sich jedoch vorwiegend auf die kommunikationswissenschaftliche Literatur, die übrigen Texte sollen dort Erwähnung finden, wo sie für die vorliegende Arbeit hilfreich sind. Übersichten über den Forschungsstand zu Weblogs finden sich auch bei Neuberger (2007), Schmidt (2006: 21-23) und Schmidt/Schönberger/Stegbauer (2005: 3-5).

Christoph Neuberger (2003a, 2006 und 2007), der bereits einen wichtigen Beitrag zur Erforschung von Online-Journalismus geleistet hat, hat auch mehrere publizistik-wissenschaftliche Arbeiten über Weblogs veröffentlicht. Neuberger betrachtet Weblogs als eines von mehreren neuen Formaten der Internetöffentlichkeit. Ihnen kommt dabei die Funktion von Mediatoren in einer neuen Kommunikationssituation zu. Neuberger sieht im Internet einen Strukturwandel der Öffentlichkeit, der zur Aufhebung des Gatekeeper-Monopols der traditionellen Massenmedien führt (vgl. Neuberger 2003a: 5, Neuberger 2006: 116). Aufgrund der geringen Zugangsbarrieren des Internets besteht dort eine gänzlich andere Kommunikationssituation als in den traditionellen Massenmedien. Dort handeln Mediatoren laut Neuberger nach dem „Gatekeeper-Paradigma“ (Neuberger 2006: 117), indem sie aus einem Zuviel an Information auswählen, um dieses an die begrenzte Vermittlungsleistung der Massenmedien anzupassen. Im Internet hingegen besteht die Leistung von Mediatoren darin, den Nutzern bei der Auswahl aus der unbegrenzten verfügbaren Informationsmenge zu unterstützen (vgl. Neuberger 2003a: 8 und 2006: 116). Auch Weblogs zählt Neuberger zu diesen Vermittlern im Internet. In einer explorativen Online-Anbieterbefragung (Neuberger 2005) untersucht Neuberger das Verhältnis dieser Angebote zum Journalismus und kann zeigen, dass viele Anbieter von Weblogs ihre Tätigkeit als eine journalistische betrachten (vgl. Neuberger 2005: 87). Dabei stellt er fest, dass der publizistische Beitrag, den persönliche Websites und Weblogs leisten, noch kaum eruiert wurde (vgl. Neuberger 2002: 46f.). Deshalb hält er eine inhaltsanalytische Untersuchung der Leistungen von Weblogs für notwendig:

„Die Leistungen von Weblogs und P2P-Angeboten [[6] ] müssen ausserdem inhaltsanalytisch ermittelt werden, gemessen an den klassischen journalistischen Standards“ (Neuberger 2005: 89).

Auch Jan Schmidt (2006) hat sich wiederholt mit Weblogs beschäftigt. Mit seiner Monographie hat er die erste deutschsprachige, kommunikationswissenschaftliche Gesamtdarstellung zu Weblogs verfasst, die auch eine Übersicht über die bisherige Forschung und Überlegungen zur Methodik der Weblogforschung beinhaltet. Der empirische Teil besteht aus einer Fallstudie, die Praktiken in Weblogs und die Einbettung in eine vernetzte „Weblog-Community“ (Schmidt 2006: 169) untersucht. Blogger entwickeln laut Schmidt spezifische Routinen und Erwartungen im Umgang mit Weblogs. Mit der Zeit verfestigen sich diese zu überindividuellen Verwendungsregeln (vgl. Schmidt 2006: 169 und 171). Auch wenn Schmidts Erkenntnissinteresse also in erster Linie ein soziologisches ist, befasst er sich im Kapitel Weblogs und Journalismus anhand einer Sekundäranalyse bisheriger Forschung mit der journalistischen Verwendung von Weblogs. Hier kommt er zum Schluss, dass sich Weblogs an anderen Qualitätsmerkmalen orientieren als die traditionellen Medien: während dort Objektivität und Ausgewogenheit im Vordergrund stehen, sind Weblogs in erster Linie um Transparenz und Authentizität bemüht (vgl. Schmidt 2006: 125). Diese Erkenntnis beruht jedoch vorwiegend auf zwei Versuchen einer „Weblog-Ethik“, die Schmidt zitiert, und kann deswegen keineswegs als empirisch gesichert betrachtet werden.

Die Überlegungen zur Methodik der Weblogforschung bei Schmidt stammen weitgehend aus Schmidt/Schönberger/Stegbauer (2005), von wo auch die Aufteilung in die wichtigsten Formen von Weblogs bei Schmidt stammt:

- Weblogs als persönliche Online-Tagebücher,
- Weblogs als Medien der (internen wie externen) Organisationskommunikation,
- Weblogs als (quasi-)journalistische Publikation oder
- Weblogs als Medien der Expertenkommunikation und des persönlichen Wissensmanagements (Schmidt/Schönberger/Stegbauer 2005: 2, vgl. auch Schmidt 2006: 10).

Diese verschiedenen Verwendungsformen zeigen nochmals deutlich, wie heterogen der Gegenstand ist. Denn Schmidts Auflistung ist nicht abschliessend, es sind noch weitere Verwendungsformen denkbar. Wie im anschliessend folgenden Kapitel ausführlicher gezeigt wird, wird dieser Faktor aber oftmals bei Aussagen über Weblogs nicht berücksichtigt.

Die Einsatzmöglichkeiten von Weblogs in der Unternehmenskommunikation hat Ansgar Zerfass (2005) untersucht. Dabei hat er auch einen Überblick über die Entwicklung von Weblogs und einen umfassenden Definitionsversuch verfasst. Vor allem den Aufbau und die technischen Aspekte von Weblogs hat Zerfass ausführlich beschrieben (vgl. Zerfass 2005: 10f.), was auch für diese Arbeit hilfreich ist. Die Arbeit selbst beschäftigt sich aber in erster Linie mit dem Einfluss, den Weblogs auf die öffentliche Meinungsbildung ausüben können. Dabei geht es einerseits um so genannte corporate Blogs, also Weblogs, die von Unternehmen im Dienste der Unternehmenskommunikation eingesetzt werden, andererseits beschreibt Zerfass Weblogs auch als Monitoring-Instrument, mit dem Unternehmen aktuell diskutierte Themen frühzeitig erkennen können (vgl. Zerfass 2005: 23f. und 32f.).

Eines der umfangreicheren Werke im deutschsprachigen Raum ist das Buch von Erik Möller (2006). Es handelt sich hierbei um eine umfassende Ansammlung von Quellen und Fakten zu Weblogs. Allerdings liegt der Schwerpunkt dabei oftmals auf technischen Aspekten, die Überlegungen zu Journalismus in Weblogs beschränken sich auf einzelne Fälle (vgl. Möller 2006: 131-133) und sind – wie das Buch insgesamt – oftmals geprägt von einer euphorischen Haltung gegenüber Weblogs.

Eine ebenfalls sehr optimistische Grundhaltung gegenüber Weblogs nehmen Bucher/Büffel (2006) ein. Sie betrachten diese als Indiz für einen „grundlegenden Strukturwandel der Medienkommunikation“ (Bucher/Büffel 2006: 131). Sie kritisieren an der aktuellen Journalismusforschung die Verwendung eines Journalismusbegriffs, der die Einbindung in eine redaktionelle Organisation als konstitutiv erachtet und Weblogs damit grundsätzlich ausschliesst (vgl. Bucher/Büffel 2006: 132). Sie betrachten Weblogs als neue Form von Journalismus, in der journalistische Prozesse dezentral geregelt werden und dem klassischen „Top-Down-Journalismus“ ein „Bottom-up-Modell des Netzwerk-Journalismus“ (Bucher/Büffel 2006: 136) gegenüberstellen. Allerdings findet sich bei den Betrachtungen von Bucher/Büffel ein weit verbreitetes Problem bei der Untersuchung von Weblogs: wie beispielsweise auch Möller (2006) ziehen sie anhand einzelner Phänomene Schlüsse auf die Gesamtheit von Weblogs. Sie vernachlässigen dabei, dass es sich bei Weblogs um eine äusserst heterogene Gesamtheit handelt, für die allgemeingültige Aussagen nur sehr schwer zu machen sind. So gelten beispielsweise die bei Bucher/Büffel aufgelisteten Eigenschaften (vgl. Bucher/Büffel 2006: 135) durchaus für einzelne, aber keineswegs für sämtliche Weblogs. Es ist ebenfalls fragwürdig, ob Weblogs allgemein als Form von Journalismus eingestuft werden können (Bucher/Büffel 2006: 136), oder ob sie nicht vielmehr etwas vorsichtiger als potentielle Plattform für journalistische Inhalte zu betrachten sind.

Eine weitere neuere Arbeit, die sich ebenfalls mit dem Verhältnis von Journalismus und Weblogs befasst, hat Matthias Armborst (2006) verfasst. In einer Befragung von 148 Betreibern von Weblogs, untersucht er dieses Verhältnis empirisch. Dabei stellt er fest, dass ein grosser Teil der Blogger – 37 Prozent – journalistische Berufserfahrung hat, dass jedoch nur 7 Prozent zum Zeitpunkt der Befragung hauptberuflich als Journalisten tätig waren (vgl. Armborst 2006: 157f.). Ausserdem stellt er fest, dass die meisten Blogger dem traditionellen Journalismus gegenüber eine sehr kritische Haltung haben (vgl. Armborst 2006: 161). Die Befragung zeigt, dass viele Blogger ihre eigene Rolle als eine eher journalistische sehen. Diese gaben dann auch an, gewissenhaft mit Quellen umzugehen. Vor allem sind Blogger darum bemüht, durch Verlinkung und die Korrektur von eigenen Fehlern Transparenz herzustellen (vgl. Armborst 2006: 185). Diese Aussagen beruhen jedoch alle auf Selbsteinschätzungen und müssen dementsprechend vorsichtig beurteilt werden. Zuerst müssen diese Aussagen empirisch anhand der Inhalte von Weblogs überprüft werden, denn es muss davon ausgegangen werden, dass die geäusserten Selbsteinschätzungen der Blogger von den tatsächlichen Arbeitsweisen divergieren.

In der englischsprachigen Medienwissenschaft findet ebenfalls eine angeregte Debatte über Weblogs - und vor allem über deren Beziehung zum Journalismus - statt. Der Diskurs bleibt hier jedoch über weite Strecken der theoretischen Perspektive verhaftet und lässt empirische Aussagen noch weitgehend vermissen. Zwar wird die englischsprachige Weblogforschung auch im deutschsprachigen Raum mitverfolgt, Synergien ergeben sich dabei aber eher selten. In die englischsprachige Debatte fliessen immer wieder Impulse von ausserhalb des akademischen Diskurses ein. So finden beispielsweise die Artikel des Autors und Journalisten J.D. Lasica (v. a. 2001 und 2003) viel Beachtung. Lasica führt ein eigenes Weblog und hat zahlreiche Abhandlungen über das Verhältnis von Weblogs und Journalismus verfasst. Seine duale Perspektive, die stark auf den Konflikt der sich gegenüberstehenden Pole Weblogs und Journalismus fokussiert, findet sich auch in zahlreichen anderen Publikationen. Es scheint jedoch, dass diese duale Perspektive zunehmend zugunsten einer stärkeren Konzentration auf Konvergenzen zwischen Weblogs und Journalismus schwindet (vgl. Lowrey 2006: 478).

So untersucht beispielsweise Donald Matheson (2004) anhand einer Fallstudie das Verhältnis von Weblogs zum Journalismus. Er untersucht ein Weblog der englischen Zeitung Guardian und kommt dabei zum Schluss, dass sich der Journalismus in Weblogs nur geringfügig von demjenigen in traditionellen Massenmedien unterscheidet (vgl. Matheson 2004: 460). Als Hauptunterschied sieht Matheson die Einbindung von Weblogs in Netzwerke. Verschiedene Texte in unterschiedlichen Weblogs ergänzen sich durch Verlinkung gegenseitig, der Journalismus in Weblogs wird somit zum „Journalism of connections “ (Matheson 2004: 458). Matheson ist nicht der Ansicht, dass Weblogs den Journalismus revolutionieren, vielmehr sind sie ein einzelner Schritt in einer längeren Entwicklung des Journalismus (vgl. Matheson 2004: 447). Matheson lässt in Bezug auf die Rolle von Weblogs im Journalismus keine übertriebene Euphorie aufkommen. Jedoch ist es fragwürdig, ob anhand eines einzelnen Weblogs zuverlässige Aussagen über den Journalismus in Weblogs allgemein überhaupt möglich sind. Das gilt hier besonders, weil bei Mattheson das untersuchte Blog auch noch einem etablierten Printmedium entstammt.

Ähnlich wie Matheson sieht auch Melissa Wall (2005) Weblogs als Teil einer grösseren Entwicklung. Im Frühling 2003 untersuchte sie mit einer Textanalyse während dem zweiten Irakkrieg 23 news-orientierte Weblogs (vgl. Wall 2005: 160). Sie sieht Weblogs als Erscheinung der Postmoderne und als Teil einer grösseren Entwicklung, die auch andere Medien erfasst (vgl. Wall 2005: 167). Hauptmerkmale der untersuchten Weblogs sind Personalisierung, die Herstellung von Transparenz und der Miteinbezug des Lesers (vgl. Wall 2005: 165). Unter Miteinbezug versteht sie die Möglichkeit des Lesers, Kommentare zu den Beiträgen zu veröffentlichen und mit dem Verfasser des Weblogs in einen Dialog zu treten (vgl. Wall 2005: 165f.). Ungleich euphorischer als Matheson kommt Wall zur Annahme, dass Weblogs den Journalismus von Grund auf verändern:

„ Indeed, the premise of this article is that blogging is changing journalism, creating a more conversational, dialogic, and decentralized type of news “ (Wall 2005: 157).

Ob und wie sich diese Veränderung des Journalismus in Weblogs dann auf die traditionellen Massenmedien auswirkt, erklärt Wall nicht. Ihre Prämisse greift hier insofern zu weit, als dass sich die Aussagen ihrer empirischen Untersuchung ausschliesslich auf Weblogs beziehen und nicht – wie die anfangs aufgestellte Prämisse – auf den Journalismus im Allgemeinen.

Im Rahmen seiner Beschäftigung mit neueren Publikationsformen im Internet hat sich auch Axel Bruns (2005) ausgiebig mit dem Verhältnis von Weblogs zum Journalismus auseinandergesetzt. Er geht von einer symbiotischen Beziehung aus, in der beide Seiten von der Arbeit der anderen profitieren. Die Frage, ob Weblogs Journalismus sind, wird mit dem Hinweis auf die Vielfältigkeit von Weblogs nicht abschliessend beantwortet (vgl. Bruns 2005: 211f.), jedoch verwendet Bruns auch keinen klar definierten Journalismusbegriff.

Trotz der zahlreichen Beiträge zu Weblogs, die in den Kommunikationswissenschaften in den vergangenen Jahren publiziert wurden, besteht nach wie vor ein Mangel an umfassenden, empirischen Studien. Dies konnte anhand des Forschungsstandes gezeigt werden. Problematisch ist ausserdem, dass der Gegenstand der Weblogforschung vielfach zu undifferenziert betrachtet wird, beziehungsweise ein unscharfer Journalismusbegriff verwendet wird. Es lassen sich auch nur schwerlich allgemeingültige Aussagen über Weblogs machen: zahlreiche Versuche, grundsätzliche Eigenschaften von Weblogs auszumachen, sind daher von vornherein zum Scheitern verurteilt.

Die Frage nach dem Zusammenhang von Weblogs und Journalismus wird zwar rege diskutiert, muss sich aber in erster Linie auf Befragungen, Fallstudien und theoretische Aussagen stützen. Gerade deshalb ist es wichtig, die in Befragungen gemachten Aussagen von Bloggern empirisch am Status quo zu prüfen. Die Betrachtung aus rein theoretischer Perspektive scheitert oftmals daran, dass die Journalismus-Definition nur institutionalisierte Journalismusformen miteinbezieht und damit einen klaren Blick auf den Gegenstand verwehrt. Deshalb bleibt in der publizistikwissenschaftlichen Forschung der Fokus oftmals auf den traditionellen Medien, während bei anderen Formaten – wie Weblogs – eher selten eine Auseinandersetzung mit den Inhalten stattfindet. Dies soll in der vorliegenden Arbeit nun geschehen. Zuerst sollen jedoch nochmals einige grundlegende Überlegungen zum Verhältnis zwischen Weblogs und Journalismus vorgenommen werden.

2.2.2 Weblogs und Journalismus

Wie das vorangehende Kapitel gezeigt hat, ist eine zentrale Frage der publizistikwissenschaftlichen Weblogforschung, in welchem Verhältnis Weblogs zum Journalismus stehen. Die Frage, die dabei gestellt werden muss, ist allerdings nicht, ob Weblogs Journalismus sind, wie dies verschiedene Autoren tun (vgl. z. B. Möller 2006: 131, Blood 2003: 61, Andrews 2003: 63). Diese Frage ist eine müssige, denn Weblogs sind nicht Journalismus, genauso wenig wie beispielsweise Fernsehen Journalismus ist. Weblogs sind ein Träger, ein Gefäss; Journalismus hingegen ist eine inhaltliche Kategorie. Journalismus ist nicht an ein bestimmtes Medium gebunden, sondern grundsätzlich auf verschiedenen Plattformen denkbar (vgl. Gill 2004: 2). Die Frage, ob Weblogs Journalismus sind, ist falsch gestellt, weil so eine inhaltliche mit einer weitgehend formalen Kategorie verglichen wird. So korrigiert beispielsweise Rebecca Blood (2003) ihre eigene Aussage:

„The early claim, »Weblogs are a new form of journalism«, has been gradually revised to »some Weblogs are doing journalism, at least part of the time (Blood 2003: 61).

Dieser Aspekt muss berücksichtigt werden, wenn das Verhältnis von Weblogs und Journalismus untersucht wird, denn Weblogs sind nicht per se Journalismus, sondern können ein journalistisches Medium sein, wenn Inhalte und Arbeitstechniken den dazu erforderlichen Ansprüchen genügen. Genauso wenig dürfen Weblogs allerdings pauschal als pseudo- oder parajournalistisch abgetan werden, wie dies beispielsweise Klaus Beck tut (vgl. Beck 2006: 209, s. auch Haas 2005: 389). Der Begriff Weblog bezeichnet keine klar umrissene Grösse, wie die zahlreichen Schwierigkeiten bei der Begriffsdefinition zeigen. Aufgrund der Heterogenität des Gegenstandes ist es sehr schwierig, allgemeingültige Aussagen über diese Publikationsform zu machen. Daher muss von Fall zu Fall entschieden werden, ob es sich bei einem Weblog um ein journalistisches Medium handelt – für die Gesamtheit der Weblogs kann diese Frage jedoch nicht abschliessend beantwortet werden.

Auf der Nutzerseite wird diese radikalen Unterscheidungen zwischen der Rezeption von Weblogs und Printmedien meist nicht gemacht, wie Haas et al. (2007) in einer Befragung von 501 Onlinern belegen. Diese nennen Information als Hauptnutzungsmotiv von Weblogs und über die Hälfte der Befragten sieht inhaltliche Überschneidungen von Weblogs mit Tageszeitungen und Zeitschriften (vgl. Haas et al. 2007: 218). Es kann deshalb angenommen werden, dass die Nutzer von Weblogs keine grundsätzliche Trennung zwischen Weblogs und Journalismus vornehmen.

2.3 Medienkritik als Gegenstand von Weblogs

In diesem Kapitel soll gezeigt werden, weshalb Weblogs gerade für den Bereich der medialen Selbstberichterstattung Vorteile bieten können. Denn es gibt im Medienjournalismus wie in keinem anderen Themengebiet medialer Berichterstattung eine Vielzahl von Problemfeldern. Deshalb kommen die spezifischen Eigenschaften von Weblogs hier besonders zum Tragen.

Bei der Betrachtung von deutschsprachigen Weblogs fällt auf, dass sich eine Vielzahl von ihnen mit Medienthemen beschäftigt. Wenn man davon ausgeht, dass Weblogs eine Alternative zur bestehenden Medienlandschaft bilden können, kann diese Erscheinung als Hinweis darauf angesehen werden, dass bei Medienthemen ein besonderer Bedarf an einer solchen Alternative besteht. Dieser Eindruck wird bestätigt, wenn man sich die umfangreiche wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Medienberichterstattung und -kritik genauer ansieht. Diese zeigt, dass die Besonderheit der medialen Selbstbeobachtung zu einer ganzen Reihe von Problemen führt.

2.3.1 Medienkritik und Medienjournalismus

Medienkritik soll im Folgenden als eine spezielle Form von Medienjournalismus verstanden werden. Medienjournalismus als mediale Selbstberichterstattung bezeichnet hier ausschliesslich die journalistische Berichterstattung in Medien über Medien. Als genauere Definition für den Begriff der medialen Selbstberichterstattung soll eine Abwandlung von Siegerts Definition medialer Selbstthematisierung verwendet werden. Mediale Selbstberichterstattung wird demzufolge verstanden als

- die explizite Thematisierung
- von Materialien, technischen Mitteln und sozialen Organisationen zur Herstellung und Verbreitung eines Medienangebotes sowie des Medienangebotes selbst, Teile seiner Inhalte oder Personen
- der Massenmedien, die sich durch journalistische Produktionsweise und öffentliche Kommunikation auszeichnen
- in einem Inhalt, eines durch journalistische Produktionsweise und öffentliche Kommunikation gekennzeichneten Mediums (vgl. Siegert 2001: 209f.).

Medienselbstberichterstattung bezieht sich also ausschliesslich auf journalistische Medien, und nicht etwa auf beispielsweise Musik oder Spielfilme. Analog zum Begriff Medienjournalismus soll Medienkritik verstanden werden als die Kritik an Medien in Medien.

2.3.2 Problemfelder der Medienkritik

Die Probleme medialer Selbstbeobachtung entstammen in ihrem Kern der doppelten Rationalität der Medien in einer ökonomisierten Medienlandschaft. Hier handeln Medien nach zwei grundsätzlich verschiedenen Logiken: einer publizistischen und einer ökonomischen Rationalität (vgl. Siegert 2001: 238, s. auch Kap. 3.1.2). Eine Vielzahl der Probleme des Medienjournalismus entstammt dabei dem Konflikt zwischen diesen beiden Rationalitäten. Als zentrale Problemfelder des Medienjournalismus lassen sich anhand der wissenschaftlichen Literatur die folgenden Bereiche nennen: Eigenwerbung und Konkurrenzschelte sowie das Institutionalisierungsproblem und die journalistischen Rollenverständnisse.[7] Hinzu kommen grundsätzliche Probleme der Selbstbeobachtung wie der blinde Fleck. Im Folgenden soll auf diese Aspekte genauer eingegangen und auf die Möglichkeiten hingewiesen werden, die Weblogs zur Lösung dieser Probleme bieten können.

2.3.2.1 Eigenwerbung und Konkurrenzschelte

Diese beiden Problemfelder gründen im genannten Konflikt zwischen ökonomischer und publizistischer Rationalität. Je nachdem, ob das eigene oder ein konkurrierendes Medienunternehmen beobachtet wird, kann das eine oder das andere dieser beiden Phänomene auftaucht. Bei Befolgung einer rein ökonomischen Rationalität besteht die Gefahr, dass das eigene Unternehmen und dessen Produkte zu positiv dargestellt werden und die Medienberichterstattung als kostengünstige Werbung in eigener Sache missbraucht wird (vgl. u. a. Beck 2001: 407, Beuthner/Weichert 2005: 50, Engels 2005a: 107f., Malik 2005: 45, Russ-Mohl 1999: 200, Russ-Mohl 2000: 33). Wenn Medien über das eigene Unternehmen berichten, werden zwangsläufig Eigeninteressen tangiert (vgl. Jarren 1988: 92). Eine objektive Berichterstattung wird dadurch massiv erschwert. Genauso können bei der Fremdberichterstattung, also bei der Berichterstattung über andere Medienunternehmen, Probleme entstehen. Hier besteht die Gefahr, dass aus den gleichen Gründen an der Konkurrenz Schmähkritik geübt wird. Wenn die beiden betroffenen Medien auf dem gleichen Markt tätig sind und dort um Leser werben, befinden sie sich in einer direkten Konkurrenzsituation. Damit werden auch hier Eigeninteressen tangiert, wodurch die Unbefangenheit des Kritikers beeinträchtigt werden kann (vgl. Russ-Mohl 2000: 34). Jedoch kann diese Konkurrenzsituation auch zu einem gegenteiligen Effekt führen: Wie Schader zeigt, neigen Journalisten in medialen Krisenzeiten eher zu einem milden Umgang mit der Konkurrenz, um bei allfälligen eigenen Problemen auf eine ebensolche Behandlung hoffen zu können (vgl. Schader 2005: 308-310). Zudem sind auch positive Auswirkungen dieser Konkurrenzsituation denkbar, indem diese die gegenseitige kritische Wahrnehmung fördert (vgl. Schütz 2000: 55).

In beiden Fällen journalistischer Medienberichterstattung bleibt jedoch die Gefahr einer mangelnden Distanz zum Gegenstand der Beobachtung. Weil bei der Medienberichterstattung in gewinnorientierten Massenmedien zwangsläufig Eigen-interessen tangiert werden (vgl. Jarren 1988: 92, Schmidt 1994b: 614) und ein Medienjournalist immer über sein eigenes Metier schreibt, ist die Distanz gezwungenermassen gering. Die in der wissenschaftlichen Literatur immer wieder bemühte Metapher vom Medienjournalisten als schreibendem Münchhausen ist deshalb durchaus treffend: Nämlich wird vom Medienjournalisten das paradoxe Kunststück erwartet, sich am eigenen Schopf aus den ihn umgebenden Verhältnissen herauszuziehen und gleichermassen von innen und aussen über die Medien zu schreiben (vgl. Kreimeier 2005: 93, Prokop 2005: 99).

Im Gegensatz zu den traditionellen Medien, die gewöhnlich wirtschaftliche Unternehmen und somit auf Rendite angewiesen sind, besteht für Weblogs ein ungleich geringerer ökonomischer Druck. Wie auch andere Online-Medien zeichnen sich Weblogs durch eine kostengünstige Produktion aus (vgl. Neuberger 1999: 46, Neuberger 2000a: 20). Zahlreiche Anbieter stellen die Infrastruktur zur Erstellung eines Weblogs kostenlos zur Verfügung, der Betreiber des Weblogs hat einzig für die Verbindungskosten aufzukommen (vgl. Schmidt 2006: 14, Picot/Fischer 2006: 3). Dadurch können Weblogs mit sehr geringem Kostenaufwand betrieben werden. Wie Neuberger mit einer Befragung zeigt, will dennoch nur ein geringer Anteil der Betreiber mit Weblogs Geld verdienen (vgl. Neuberger 2005: 86). Dadurch ist in Weblogs ein „Non-Profit-Journalismus“ (vgl. Quandt 2004: 77) möglich, der keinem Quotendruck ausgesetzt ist. Ohne ökonomischen Druck werden bei Medienjournalismus in Weblogs weniger Eigeninteressen tangiert, wodurch eine neutralere Berichterstattung zumindest denkbar ist. Denn bei der Berichterstattung über Medien sind bei Weblogs weder Eigeninteressen direkt betroffen, noch befindet sich der Kritisierende in einem direkten Konkurrenzverhältnis zum Kritisierten. Natürlich ist die Berichterstattung von Weblogs deswegen nicht zwangsläufig neutral, aber dennoch ist durch die reduzierte Verflechtung von ökonomischen Interessen eine wichtige Voraussetzung für diese neutrale Berichterstattung gegeben. Es bleibt die Frage, inwiefern der Betreiber eines medienkritischen Weblogs sich bei seiner Tätigkeit tatsächlich ausserhalb des Mediensystems befindet: Kann ein Blogger, weil er nicht in die ökonomischen Verflechtungen des Mediensystems eingebunden ist, distanziert und objektiv berichten? Oder ist er, wenn sich seine Tätigkeit als eine journalistische bezeichnen lässt, automatisch selbst Teil des Mediensystems? Denn wenn man einer radikal konstruktivistischen Argumentation folgen will, kann es gar kein „Jenseits der Medienwirklichkeit“ (Beuthner/Weichert 2005: 46, vgl. auch Luhmann 2004: 138f.) geben und folglich auch keine in Bezug auf das Mediensystem objektive Position ausserhalb. Aus dieser Perspektive folgt, dass auch bei Weblogs nicht von einer gänzlich objektiven Haltung ausgegangen werden kann. Allerdings darf vermutet werden, dass mit dem Schwinden des ökonomischen Drucks zumindest einzelne Aspekte gegeben sind, die die Objektivität der Berichterstattung potentiell weniger einschränken als in den traditionellen Massenmedien.

2.3.2.2 Institutionalisierungsproblem

Es scheint, dass die Medienberichterstattung im deutschsprachigen Raum einer starken Konjunkturabhängigkeit unterworfen ist. Die Zeitungskrise von 2001 hat gezeigt, dass das Medienressort in Zeiten knapper Mittel rasch zum Opfer von Sparmassnahmen wird (vgl. Beuthner/Weichert 2005: 51, Engels 2005a: 107, Schader 2005: 309). Wenn Medien jedoch nur im Schnittbereich mit den Ressorts Politik und Kultur – und nicht in einem eigenen Ressort – thematisiert werden, wird eine kontinuierliche und systematische Medienberichterstattung massiv erschwert. Zum geringen Umfang der Medienberichterstattung trägt zudem bei, dass Medienthemen gewöhnlich ein geringes Interesse seitens der Zuschauer attestiert wird (vgl. Beuthner/Weichert 2005: 49f., Engels 2005a: 114, Jarren 1988: 95). Medienjournalismus und -kritik sind im deutschsprachigen Raum demnach alles andere als eine fest verankerte Institution, sondern „eher durch Volatilität und Labilität geprägt“ (Engels 2005a: 114). Auch als Beruf ist der Medienjournalismus kaum institutionalisiert: Es gibt fast keine spezifischen Ausbildungsmöglichkeiten für Medienjournalisten und auch auf Seiten der Redaktionen scheint kaum Interesse an solchen Ausbildungswegen zu bestehen: Die Anforderungen an Medien- journalisten beschränken sich gewöhnlich auf journalistische Berufserfahrung (vgl. Fengler 2003: 155).

In Weblogs ist aufgrund des geringeren Quotendrucks und der nahezu unbeschränkten Platzverhältnisse eine kontinuierliche und systematische Auseinandersetzung mit Medienthemen zumindest denkbar. Allerdings sind die Zeitressourcen, die zu dieser Beobachtung der Medienlandschaft zur Verfügung stehen, ungleich knapper, weil viele Weblogs nur nebenbei in der Freizeit betrieben werden (vgl. Neuberger 2004b: 2). Durch das kooperative Führen von Weblogs in Gruppen könnte dieses Defizit jedoch behoben werden, zusätzlich kann durch die Hinweise, die Leser den Betreibern von Weblogs teilweise geben, die für Recherchen benötigte Zeit reduziert werden. Auch fehlendes Publikumsinteresse stellt für Weblogs theoretisch kein Problem dar, da Weblogs finanziell nicht auf eine grosse Leserschaft angewiesen sind. Jedoch sinkt mit der geringen Leserschaft auch die Sanktionsmacht.

2.3.2.3 Journalistische Rollenverständnisse

Verschiedene Befragungen haben gezeigt, dass sich das Selbstverständnis von Medienjournalisten kaum mit dem deckt, was von aussen von ihnen erwartet wird. Viele Medienjournalisten betrachten Medienkritik und Kontrolle der Medien nicht als ihre Hauptaufgaben (vgl. Engels 2005b: 495, Kreitling 1997: 129, Linke/Pickl 2000: 32). Medienjournalisten begreifen sich selbst also kaum als fünfte Gewalt und Überwacher der Medienlandschaft.

Problematisch ist hier auch die von Wolfgang Donsbach konstatierte Kollegenorientierung von Journalisten: Ihm zufolge orientieren sich Journalisten nicht in erster Linie an ihrem Publikum, sondern an Berufskollegen (vgl. Donsbach 1982: 267). Diese starke Kollegenorientierung kann bei Medienjournalisten zu Hemmungen vor Kritik führen, weil sie dabei ihre Berufskollegen kritisieren müssten. Diese „Nestbeschmutzung“ (Beuthner/Weichert 2005: 49) wird von Berufskollegen vielerorts ungern gesehen und ist folglich unüblich (vgl. Engels 2005a: 114, Jarren 1997: 322, Malik 2005: 45).

Wie Neuberger mit seiner Befragung zeigt, zählt knapp ein Drittel der Betreiber von Weblogs journalistische Tätigkeiten zu den Bestandteilen seiner Aktivität als Blogger (vgl. Neuberger 2005: 86f.). Dennoch ist anzunehmen, dass die Rollenverständnisse der Betreiber von Weblogs grundsätzlich andere sind, als diejenigen von Journalisten. Und besonders bei denjenigen Bloggern, die ihre Tätigkeit anonym ausüben, dürfte eine Hemmung vor Kritik an Journalisten kein grundsätzliches Problem sein.[8] Das einnehmen einer klaren Haltung auf Kosten der objektiven Berichterstattung wird vielerorts als typisch für Weblogs erachtet. Damit dürfte auch die Kritikfähigkeit zunehmen.

2.3.3 Weblogs und Medienkritik

Wie in den vorangehenden Abschnitten gezeigt wurde, können Weblogs viele der zentralen Problemfelder des Medienjournalismus zumindest theoretisch lösen: Im Gegensatz zu den traditionellen Massenmedien ist bei Weblogs der ökonomische Druck - der das Kernproblem medialer Selbstbeobachtung darstellt - ungleich geringer. Es ist denkbar, dass Medienkritik in Weblogs eine Reaktion auf die Probleme des traditionellen Medienjournalismus ist. Darauf, dass die grosse Anzahl solcher Weblogs mit den Defiziten des traditionellen Medienjournalismus zusammenhängt, deutet auch eine Studie aus Portugal hin. In ihrer Befragung von Betreibern medienkritischer Weblogs stellen Grilo und Pélissier (2006) fest, dass die starke Zunahme von medienbezogenen Weblogs vor allem auf Defizite in der Berichterstattung der traditionellen Massenmedien zurückzuführen ist (vgl. Grilo/Pélissier 2006: 170f.).

Doch Weblogs bieten für den Medienjournalismus nicht nur Vorteile, es sind auch neue Probleme zu erwarten: Mit den geringen Zugangsbarrieren im Internet wächst auch die Menge an verfügbarer minderwertiger Information (vgl. Neuberger 1999: 46f.). Die Schwierigkeit liegt hauptsächlich darin, die Inhalte richtig einzuordnen. Denn äusserlich lassen sich para- oder pseudojournalistische Inhalte unter Umständen nur schwer erkennen und die Unterscheidung kann dem Rezipienten demnach schwer fallen (vgl. Neuberger 2000b: 310). Götzenbrucker sieht hier eine Deprofessionalisierung des Journalismus, weil die journalistischen Tätigkeiten nun auch Branchenfremden und Laien offen stehen (vgl. Götzenbrucker 2000: 46). Um zu überprüfen, ob diese aus theoretischer Perspektive ersichtlichen Vorteile wirklich genutzt werden, ist es von entscheidender Bedeutung, die journalistische Qualität medienkritischer Weblogs zu untersuchen.

Tatsächlich lassen sich Hinweise darauf finden, dass die Auseinandersetzung von Weblogs mit Medienthemen sehr intensiv ist. Besonders in den USA lässt sich eine grosse Anzahl medienkritischer Weblogs finden (vgl. Fengler 2007: 17), auch für Portugal wurde ein grosser Stellenwert medienkritischer Weblogs nachgewiesen (vgl. Grilo/Pélissier 2006: 163f.). Im deutschsprachigen Raum stellen Medienthemen ebenfalls einen zentralen Themenkreis für Weblogs. Armborst stellt in einer Befragung fest, dass knapp ein Viertel der befragten Blogger „Medien und Journalismus“ als einen inhaltlichen Schwerpunkt ihres Weblogs bezeichnen (vgl. Armborst 2006: 155). Als besondere Form von Weblogs mit Medienthemen gelten Watchblogs, die teilweise eine sehr hohe Aufmerksamkeit geniessen (vgl. Schmidt 2006: 136, Wied/Schmidt 2007: 23). Watchblogs beschäftigen sich kontinuierlich mit einem einzelnen Medium und üben an diesem regelmässig Kritik[9] (vgl. Lowrey 2006: 478, Mrazek 2006: 44). Im deutschsprachigen Raum haben Watchblogs vor allem durch das Bildblog Aufmerksamkeit erhalten, das sich mit der Boulevardzeitung „Bild“ beschäftigt und mehrfach als das deutsche Blog mit der grössten Reichweite bezeichnet wurde (vgl. Armborst 2006: 51, Fisch/Gscheidle 2006: 436, Schmidt 2006: 136, Zerfass 2005: 7).

3 Theorie

Nach der Bestimmung des Gegenstandes wird in diesem Kapitel nun die theoretische Ausgangslage für die anschliessende, empirische Forschung geschaffen. Zuerst wird die grundsätzliche theoretische Perspektive dieser Studie erläutert, bevor dann eine Bestimmung von Journalistischer Qualität vorgenommen wird. Anhand der bisherigen medienwissenschaftlichen Qualitätsforschung werden dabei einzelne Qualitätsdimensionen definiert und begründet.

3.1 Journalismus als soziales System

„Studien, die sich mit dem Journalismus und seiner Organisation befassen, kommen nicht umhin, sich mit dem Journalismus als sozialem System zu beschäftigen [ ] (Altmeppen 1999: 27).

Tatsächlich hat sich die soziologische Systemtheorie zu einem der wichtigsten Ansätze der Medienwissenschaften entwickelt. Dennoch scheint sich auf den ersten Blick eine systemtheoretische Perspektive in Bezug auf die Fragestellung dieser Arbeit nicht besonders zu eignen. Denn das Erkenntnisinteresse bezieht sich in erster Linie auf journalistisches Handeln als weitgehend individuelles Handeln, während die Systemtheorie auf einer höheren Ebene gesamtgesellschaftliche Zusammenhänge untersucht (vgl. Löffelholz/Quandt/Thomas 2004: 181). Aber wie Altmeppen im oben genannten Zitat schreibt, findet die Systemtheorie in der Journalismusforschung immer wieder Verwendung. Und insbesondere für das Verständnis der weiteren Zusammenhänge des Medienjournalismus bietet sich die Systemtheorie an. Sie hilft dabei, Zusammenhänge und Abhängigkeiten auf der Makroebene zu erkennen und zu verstehen. Auch über die Mesoebene lassen sich anhand der Systemtheorie Aussagen machen. Für diese Arbeit muss die systemtheoretische Perspektive allerdings mit einer Analyse der Mikroebene ergänzt werden. Dadurch lassen sich einerseits die grossen Zusammenhänge erkennen, andererseits kann aber auch der journalistische Text als Produkt individuellen Handelns erkannt werden. Der starke Bezug des Erkenntnisinteresses zur journalistischen Tätigkeit steht deshalb mit der systemtheoretischen Sichtweise nicht in einem Widerspruch.

3.1.1 Systemtheoretische Ansätze in der Publizistikwissenschaft

Die Anwendung der soziologischen Systemtheorie in der Publizistikwissenschaft hat eine gewisse Tradition. Nicht nur in der Journalismusforschung, sondern in der gesamten Publizistikwissenschaft, hat sich die Systemtheorie zu einem der wichtigsten theoretischen Ansätze entwickelt. Als Folge davon gibt es zahlreiche verschiedene Studien, die die Systemtheorie auf unterschiedliche Weise auf den Gegenstand der Publizistikwissenschaft anwenden. Die zentralen Fragen werden dabei ganz unterschiedlich beantwortet. So sind sich diese Ansätze keineswegs einig darüber, von welchem System denn überhaupt gesprochen wird, welches seine Funktion ist und nach welchem Code[10] es handelt. Im Folgenden sollen die wichtigsten Ansätze kurz vorgestellt und diskutiert werden, weil sich diese Arbeit bei der Anwendung der Systemtheorie genau diesen Fragen stellen muss und ein Überblick über die bisherigen Ansätze deshalb notwendig ist.

Eines der zentralen Werke ist sicherlich Die Realität der Massenmedien von Niklas Luhmann (2004). Der Autor wendet hier die soziologische Systemtheorie, die er selbst mitbegründet hatte, auf die Massenmedien an. Die Massenmedien, die er hier als soziales System betrachtet, definiert er dabei als „Einrichtungen der Gesellschaft [ ] , die sich zur Verbreitung von Kommunikation technischer Mittel der Vervielfältigung bedienen“ (Luhmann 2004: 10). Die Funktion des Systems Massenmedien ist das Dirigieren der gesellschaftlichen Selbstbeobachtung (vgl. Luhmann 2004: 173), unterschieden wird nach dem Code Information/Nicht-Information (vgl. Luhmann 2004: 36). Zentral für die Ausdifferenzierung eines Mediensystems ist laut Luhmann die Entwicklung von Verbreitungstechnologien. Erst durch diese ist ein Mediensystem möglich, das nicht mehr auf individuelle Kontakte mit seiner Umwelt angewiesen ist, sondern seine Operationen – die Information – aus sich selbst heraus reproduziert und damit autopoietisch wird (vgl. Luhmann 2004: 34f.).

Der Luhmannsche Ansatz zu einer systemischen Medientheorie wurde mehrfach kritisiert. So stellt Matthias Kohring (2004) vor allem Luhmanns Begrifflichkeiten in Frage. Der Begriff Information sei zu unspezifisch um als Entscheidungscode zu gelten, Information sei ein grundlegender Bestandteil jeder – und also nicht nur der massenmedialen – Kommunikation (vgl. Kohring 2004: 192). Auch die Definition von Massenmedien anhand der technischen Reproduktion ist laut Kohring eher willkürlich (vgl. Görke/Kohring 1997: 7, Kohring 2004: 193), und Scholl/Weischenberg (1998) bezeichnen diese technische Definition der Systemgrenze zumindest als „erstaunlich“ (Scholl/Weischenberg 1998: 70).

Noch vor Luhmann selbst hat Frank Marcinkowski (1993) eine umfassende Anwendung der Systemtheorie auf die Massenmedien vorgenommen. Er spricht dabei von der Publizistik als sozialem System (vgl. Marcinkowski 1993: 27). Deren Funktion ist, ähnlich wie bei Luhmann, die „Selbstbeobachtung der Gesellschaft und Herstellung einer Selbstbeschreibung mittels Veröffentlichung von Themen und darauf bezogenen Beiträgen“ (Marcinkowski 1993: 118). Unterschieden wird dabei nach dem systemeigenen Code öffentlich/nicht-öffentlich (vgl. Marcinkowski 1993: 149). Journalismus ist bei Marcinkowski ein Teilsystem der Publizistik, dessen Leistung es ist, die Umwelt in Themen zu zerlegen, diese zu beobachten, für die öffentliche Kommunikation bereitzustellen und Kommunikationsbeiträge dazu zu liefern (vgl. Marcinkowski 1993: 147).

Genauso wie bei Luhmann kritisiert Kohring auch bei Marcinkowskis Ansatz die Abgrenzung des Systems über die Verbreitungstechnologie (vgl. Kohring 2004: 193f.). Überhaupt stellt Kohring Marcinkowski in einen sehr engen Zusammenhang zu Luhmann und sieht diese in einer gemeinsamen Denktradition (vgl. Kohring 2004: 193). Scholl/Weischenberg bemängeln an Marcinkowskis Ansatz eine begriffliche Unschärfe bei der Festlegung des binären Codes. Diese führt dazu, dass die unterschiedlichen Systemebenen Publizistik und Journalismus durcheinander geraten und er das System Publizistik hauptsächlich anhand des Subsystems Journalismus beobachtet. Maja Malik (2004) kritisiert nicht nur bei Marcinkowski, sondern ganz grundsätzlich die Konzeption des Journalismus als Teil eines übergeordneten Muttersystems, sei es nun ein Publizistik- oder Mediensystem (vgl. Malik 2004: 39). Auf ihre Konzeption des Journalismus als autonomes Funktionssystem soll jedoch an späterer Stelle ausführlicher eingegangen werden (s. Kapitel 3.1.2).

Einen etwas anderen Ansatz als Marcinkowski und Luhmann wählt Jürgen Gerhards (1994), auch wenn er seine Arbeit als eine Weiterentwicklung der Ansätze von Marcinkowski und Blöbaum (s. u.) versteht (vgl. Gerhards 1994: 78). Er betrachtet (massenmediale) Öffentlichkeit als soziales System, dessen Funktion - wie bei Marcinkowski und Luhmann - in der Ermöglichung gesellschaftlicher Selbstbeobacht-ung liegt (vgl. Gerhards 1994: 87). Als binärer Code dient dabei die Unterscheidung zwischen Aufmerksamkeit und Nicht-Aufmerksamkeit (vgl. Gerhards 1994: 89). Die Besonderheit an Gerhards Ansatz liegt jedoch in der Kombination der systemtheoretischen Perspektive mit einer handlungstheoretischen. Laut Gerhards bestimmen soziale Systeme die constraints, also die strukturellen Restriktionen, die wiederum das Handeln von Akteuren innerhalb des Systems beeinflussen (vgl. Gerhards 1994: 80f.). Damit kann das von Schimank diagnostizierte Erklärungsdefizit der Systemtheorie behoben werden (vgl. Schimank 1988: 622). Dieses besagt, dass die Systemtheorie lediglich dazu in der Lage ist, Gesellschaften zu beschreiben, aber nicht zu erklären. Gerhards Ansatz erlaubt es hingegen, anhand der constraints das Handeln von Akteuren innerhalb eines sozialen Systems zu erklären (vgl. Gerhards 1994: 81). Scholl/Weischenberg kritisieren an Gerhards Ansatz allerdings die mangelnde Unterscheidung zwischen Journalismus und Öffentlichkeit, weshalb Elemente der Massenmedien ohne Relevanz für die öffentliche Meinungsbildung unnötigerweise mit eingeschlossen werden (vgl. Scholl/Weischenberg 1998: 66).

[...]


[1] Der Begriff MUD steht für Multi-User-Dungeon und bezeichnet Online-Fantasy-Spiele, in denen in Gruppen kommuniziert werden kann (vgl. Beck 2006: 134-146, Döring 2003: 98-109). Auf die einzelnen Kommunikationsmodi soll hier allerdings nicht weiter eingegangen werden, da sie und ihre medialen Eigenschaften für diese Arbeit nicht weiter von Bedeutung sind. Eine ausführliche Beschreibung der einzelnen Modi findet sich bei Beck (2006: 57-146).

[2] HTML (Hypertext Markup Language) ist eine Markup-Sprache, mit der zusätzliche Informationen zu Texten gespeichert werden. Es handelt sich um eine Auszeichnungssprache, also eine Art einfache Programmiersprache, mit der die Darstellung von Texten festlegt wird (z. B. lassen sich mit HTML Bilder, Videos, Animationen oder Tondokumente in Texte integrieren oder Links zu anderen Dokumenten setzen (vgl. Fentrop 1998: 324)).

[3] Die Domain ist ein Teil der URL (s. Anm. 4). Sie bezeichnet die Adresse eines Servers, wie zum Beispiel www.unizh.ch. Als Subdomains werden Teilbereiche einer Domain bezeichnet, die durch einen eigenen Namen links vor der Hauptdomain beschrieben werden (z. B. www.ipmz.unizh.ch) (vgl. Beck 2006: 9).

[4] Die URL (Uniform Resource Locator) bezeichnet die individuelle Adresse einer Webpage, wie z. B. http://www.ipmz.unizh.ch/institut/kurzueb0.html. Übliche Bestandteile davon sind das verwendete Protokoll (http), die Domain mit allfälliger Subdomain (www.ipmz.unizh.ch) und der Pfad (institut/kurzueb0.html) (vgl. Beck 2006: 58, Fentrop 1998: 329).

[5] Eine trennscharfe Unterteilung der einzelnen Kommunikationsmodi in one-to-one- und one-to-many- bzw. many-to-many-Medien ist aufgrund der vielfältigen Nutzungsweisen allerdings nicht möglich. So wird beispielsweise der Modus E-Mail üblicherweise als Individual- oder Gruppenkommunikations-Medium verwendet, eine Verwendung als Massenmedium im Sinne einer one-to-many-Kommunikation ist aber ebenfalls denkbar (vgl. Beck 2006: 21-23, Döring 2003: 49).

[6] P2P steht für „Peer-to-Peer“, also eine Verbindung zwischen gleichberechtigten Systemen. Über diese Verbindung können Dateien oder Informationen ausgetauscht werden (vgl. Neuberger 2003b: 133). Neuberger meint hier aber in erster Linie „Informations-Sites mit vielen Teilnehmern (wie «Wikipedia», «Slashdot.org» und «Shortnews»)“ (Neuberger 2006: 119). Hier schreiben die Nutzer die Inhalte selbst und kontrollieren und bearbeiten gegenseitig diese Beiträge (vgl. Beck 2006: 210, Neuberger 2003a: 11).

[7] Die Ausführungen zu den Problemfeldern des Medienjournalismus basieren auf einer Seminararbeit zu diesem Thema (vgl. Hutter 2006).

[8] Allerdings leidet dafür die Transparenz der Berichterstattung, wenn der Autor anonym schreibt. Ausserdem ist davon auszugehen dass bei einer anonymen Berichterstattung eine erhöhte Gefahr für Unsachlichkeit besteht. Auf diese Aspekte soll später in Kapitel 3.2.2 eingegangen werden.

[9] Der Begriff bezieht sich hier ausschliesslich auf Medien-Watchblogs. Es existieren jedoch auch Weblogs, die einzelne Unternehmen ausserhalb der Medienbranche beobachten und die ebenfalls als Watchblogs bezeichnet werden. Diese sind hier jedoch nicht miteingeschlossen.

[10] Nach Luhmann handeln soziale Systeme nach spezifischen, binären Entscheidungscodes (vgl. Luhmann 1993: 602f.)

Ende der Leseprobe aus 148 Seiten

Details

Titel
Verbesserte Medienkritik oder Pseudo-Journalismus?
Untertitel
Eine inhaltsanalytische Studie journalistischer Qualität in medienkritischen Weblogs
Hochschule
Universität Zürich  (Institut für Publizistikwissenschaft und Medienforschung)
Note
1,5
Autor
Jahr
2007
Seiten
148
Katalognummer
V83248
ISBN (eBook)
9783638861434
ISBN (Buch)
9783638939669
Dateigröße
1437 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Lizentiatsarbeit mit der Note: 5.5 (Schweiz, entspricht 1.5 in Deutschland)
Schlagworte
Verbesserte, Medienkritik, Pseudo-Journalismus
Arbeit zitieren
Andres Hutter (Autor), 2007, Verbesserte Medienkritik oder Pseudo-Journalismus?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/83248

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