Felix Fabri: Ins Heilige Land und zurück. Pilgerreise und Reisebedingungen im 15. Jahrhundert


Hausarbeit (Hauptseminar), 2000

32 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Felix Fabri und sein Pilgerbericht

3. Ins Heilige Land und zurück
3.1 Reisevorbereitungen
3.2 Von Ulm nach Venedig – Landreise und Alpenüberquerung
3.3 Von Venedig nach Jaffa – Pilgerreise zu Schiff
3.4 Vom Heiligen Land nach Ägypten – Reisen in der Fremde

4. Fabri und Breydenbach – Ein gemeinsames Erlebnis?

5. Schlussbetrachtung

6. Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Mobilität, Kommunikation und Globalität gelten heute als Schlagwörter für das nun bald anbrechende 21. Jahrhundert. Es wird nicht mit Spekulationen gespart, wie unsere Zukunft im dritten Jahrtausend wohl aussehen wird. Unverkennbar ist bei all den Betrachtungen die enorme Bedeutung von Verkehr und Transport in lokalen, regionalen und internationalen Dimensionen, ja das Reisen schlechthin steht ohne Frage jedem Mitglied der heutigen Gesellschaft offen.

Auch wenn das Ausmaß der Reisetätigkeit sicherlich erst allmählich zugenommen hat und sich besonders seit dem Aufkommen der Eisenbahn, des Autos und des Flugzeuges revolutioniert hat, lässt sich doch konstatieren, dass auch der Mensch des Mittelalters mit dem Reisen als Mittel zum Zweck, aber auch der Notwendigkeit von überregionalem Austausch durch Reisen, vertraut war. Viele Aspekte der mittelalterlichen Geschichte, die wir heute betrachten, schließen die Reisetätigkeit einzelner oder ganzer Gruppen wie selbstverständlich ein, oft ohne mit der notwendigen Aufmerksamkeit darauf zu achten, was denn das Unterwegssein in jener Zeit überhaupt bedeutete. Erst nachdem der in der heutigen Gesellschaft verwurzelte Betrachter seine modernen Vorstellungen von Mobilität zur Seite gelegt hat und Reisebedingungen mit den Augen eines Zeitgenossen betrachtet, kann ihm auch erst die ganze Bedeutung und Tragweite einzelner Gegebenheiten deutlich werden.

Bei den auch im Mittelalter bereits zahlreich reisenden Menschen lassen sich die unterschiedlichsten Motive für das Unterwegssein festmachen.[1] Hierbei stellt Arnold Esch „die Pilgerreise als damals üblichste und meistberichtete Form der Reise für Personen jedes Standes“[2] heraus. Norbert Ohler geht sogar noch einen Schritt weiter wenn er den Pilger als „Prototypen des mittelalterlichen Reisenden“[3] bezeichnet. An anderer Stelle heißt es: „Das Pilgern […] gehörte zu den wenigen legitimen Reisebegründungen des sonst heimatgebundenen mittelalterlichen Menschen.“[4] Neben vielen lokalen und regionalen Pilgerzielen standen die drei Ziele der ‚peregrinationes maiores‘ - Rom, Santiago de Compostela und das Heilige Land mit Jerusalem - an der Spitze der Pilgerrangliste.[5] Aufgrund der hohen Kosten, die mit der Reise nach Jerusalem verbunden waren, stand dieses Pilgerziel meist aber nur recht wohlhabenden Pilgern offen, die auch ohne weiteres eine Abwesenheit vom Heimatort von bis zu einem Jahr oder länger einrichten konnten.[6]

Wie Arnold Esch in seinem o.g. Zitat bereits hervorgehoben hat, liegen uns heute in der Tat zahlreiche Berichte von Jerusalempilgern vor, die sich in vielerlei Hinsicht durchaus ähneln, sich im Umfang und in der Intention jedoch oft stark unterscheiden. Besonders für die zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts gibt es eine Vielzahl von erhaltenen Berichten, die aufgrund der alleinigen Reisemöglichkeit von Venedig per Schiff in das Heilige Land oft auch von ein und derselben Pilgerfahrt berichten und somit vergleichbar sind.[7]

Vergleichbar oder nicht, die meisten der erhaltenen Pilgerberichte erzählen nur sehr wenig über die tatsächlichen Reisebedingungen mit denen der Pilger konfrontiert war. Meist erfolgen nur kurze Erwähnungen der Reiseroute und von Entfernungen, allenfalls gibt es wenige Hinweise auf das Leben auf dem Schiff, das die Pilger immerhin bis zu zwei Monate pro Reisestrecke erlebten. Insbesondere die Reisevorbereitungen und Anreise bis Venedig wurden nicht oder nur in wenigen Sätzen beschrieben. Oft lassen die Verfasser ihre Berichte auch erst in der norditalienischen Stadt beginnen.[8] Dies lässt vermuten, dass solche Dinge wie Vorbereitungen und Alpenüberquerung vom Verfasser als selbstverständlich angesehen und nicht für erwähnenswert gehalten wurden, der ja nicht schrieb, damit sich Menschen ein halbes Jahrtausend später ein Bild vom Reiseleben im ausgehenden Mittelalter machen können. Letztendlich hat dieser Mangel in den Reiseberichten auch dazu geführt, dass bisherige Untersuchungen sich kaum mit dem Erlebnis und den Bedingungen einer solchen Pilgerreise befassen.[9]

Die erfreuliche Ausnahme ist hier der Ulmer Dominikanermönch Felix Fabri, der seine Reise in das Heilige Land von 1483-1484 sehr ausführlich beschreibt und dabei auch sehr genau über seine Reiseerfahrungen berichtet. Aufgrund seiner Beschreibungen möchte ich in meiner Arbeit anhand seiner Wahrnehmung und Beschreibung die Reisebedingungen auf einer spätmittelalterlichen Pilgerreise in das Heilige Land und über den Sinai nach Ägypten untersuchen. Hierbei werde ich mich nach einer kurzen Biographie im Hinblick auf Fabris Reisetätigkeit und der von ihm verfassten Berichte zuerst mit den Reisevorbereitungen beschäftigen, über die Fabri ebenfalls berichtet hat. Danach steht zunächst die Landreise von Ulm bis Venedig im Vordergrund, gefolgt von der Schiffsreise von Venedig nach Jaffa samt Vorbereitungen. Hierauf folgt eine Betrachtung der Reise im Heiligen Land und durch die Wüste zum Sinai und nach Ägypten. Die Rückreise von Alexandria bis Ulm soll dann aufgrund der Tatsache, dass die Reisebedingungen denen der Hinfahrt ähnlich waren und daher in den entsprechenden Abschnitten zuvor behandelt wurden, nicht mehr gesondert betrachtet werden.

Statt dessen werde ich wenigstens punktuell versuchen, die Angaben, die Felix Fabri in seinem Bericht macht, anhand eines Parallelberichtes zu überprüfen. Der Mainzer Domherr Bernhard von Breydenbach war nämlich ebenfalls von 1484 bis 1484 auf der Pilgerfahrt nach Jerusalem. Zwar unternahmen die beiden geistlichen Pilger die Hinfahrt auf getrennten Schiffen, doch lernten sie sich in Palästina kennen und reisten in einer Gruppe von Jerusalem über den Sinai nach Ägypten und zurück nach Venedig. Ich werde daher versuchen in Breydenbachs Bericht, Gemeinsamkeiten oder Abweichungen zu Fabris Darstellungen zu finden.[10]

2. Felix Fabri und sein Pilgerbericht

Das Geburtsjahr unseres Ulmer Pilgers ist umstritten und wird zum einem mit 1438, zum anderen mit 1441/42 angegeben. Klar ist jedoch, dass der als Felix Schmid geborene Sohn einer angesehenen Züricher Familie 1452 in das Dominikanerkloster Basel eintrat und 1468 von Basel nach Ulm versetzt wurde. Hier hatte er als Subprior, Lektor und Lehrer der Philosophie und Theologie eine hervorgehobene Stellung, was sich vor allem auch darin äußerte, dass er mehrfach in Angelegenheiten seines Klosters und seines Ordens reiste. Schon 1457 war er als Cursor seines Klosters in Pforzheim, 1467 und 1468 reiste er nach Aachen, wobei sich hier der Ordensdienst mit einer eigenen Pilgerreise verband. 1476 war er für den Orden in Rom und an anderen Orten in Italien, 1482 war er zur Ordensversammlung nach Colmar gereist und besuchte 1485 das Provinzialkapitel in Nürnberg. Nachdem er 1486 den Vertreter der oberdeutschen Provinz auf das Generalkapitel nach Venedig begleitet hatte, nahm er ein Jahr später selbst in dieser Funktion daran teil.[11]

Aufgrund seiner ausgeprägten (Fern-)Reisetätigkeit bereits vor seinen Pilgerfahrten in das Heilige Land in den Jahren 1480 und 1483 lässt sich feststellen, dass Felix Fabri sicherlich über Erfahrungen in Bezug auf die Planung und Durchführung einer längeren Reise verfügte und nicht als ins Klosterleben zurückgezogen gelten kann. Herbert Wiegandt beschreibt Fabri als eine durchaus reiselustige und weltzugewandte Natur „in der Ausprägung der zur städtisch-bürgerlichen Welt gehörenden, mitten im Leben stehenden […] Bettelmönche“[12], der trotz der Tatsache, dass Neugier sicherlich eines seiner Reisemotive gewesen sein mag, nicht als Abenteurer verstanden werden darf, da er sich stets bemühte, seine Reisen religiös zu rechtfertigen.[13]

Felix Fabri hat seine Erlebnisse auf den beiden Wallfahrten in zwei Reiseberichten verarbeitet, wobei der erste sehr kurz ist, was sicherlich damit zusammenhängt, dass er ihn erst im Zusammenhang mit dem zweiten Bericht ab 1484 niederschrieb, ihn diesem gleichsam voranstellt. So umfasst der erste Bericht gerade einmal 32 Seiten, das auf täglichen Aufzeichnungen während der zweiten Pilgerfahrt beruhende Evagatorium in Terrae Sanctae, Arabiae et Egypti Peregrinationem in der Druckausgabe von 1843/49 ca. 1500 Seiten. Das handschriftliche Manuskript blieb bis heute erhalten und befindet sich in der Stadtbibliothek Ulm. Interessant ist bei Fabri vor allem die „rezipienten-spezifische Stoffbearbeitung“[14], denn neben seinem für seine Klosterbrüder bestimmten lateinischen Evagatorium hat er für seine adligen Reisebegleiter und andere nichtgeistliche Interessenten eine deutsche Kurzfassung seines Berichtes mit dem Titel Eigentliche beschreibung der hin vnd wider fahrth zu dem Heyligen Landt (...) verfasst.[15]

Für meine Betrachtungen werde ich die von Herbert Wiegandt bearbeitete Übersetzung verwenden, die eine nur auf die eigentliche Reise gekürzte Fassung von Fabris Evagatorium darstellt und Fabris viele Abschweifungen ausspart[16], insbesondere für die Landreise über die Alpen aber auch die Teilübersetzung von Josef Garbner, die nur die Reiseabschnitte durch Tirol zum Gegenstand hat.[17]

[...]


[1] Vgl. hierzu: Ohler, Norbert: Reisen im Mittelalter, München 1986, S. 13-16.

[2] Esch, Arnold: Gemeinsames Erlebnis – Individueller Bericht. Vier Parallelberichte aus einer Reisegruppe von Jerusalempilgern 1480, in: ZHF 11 (1984), S. 385.

[3] Ohler, Reisen im Mittelalter, S. 50.

[4] Simon, Anne: ‚Gotterfahrung‘ oder ‚Welterfahrung‘: Das Erlebnis des Reisens in Pilger-berichten des 15. Jahrhunderts, in: Huschenbett, Dietrich; Margetts, John (Hg.): Reisen und Welterfahrung in der deutschen Literatur des Mittelalters, Würzburg 1991, (Würzburger Beiträge zur deutschen Philologie 7), S. 174.

[5] Bereits seit dem frühen Christentum war Jerusalem das Ziel von Wallfahrten und besonders während der Zeit der Kreuzfahrerstaaten verzeichnete das Heilige Land einen Pilgerboom, der seit dem Fall von Akkon 1291 jedoch merklich zurückging. Aufgrund der Probleme, die sich durch die Herrschaft der ‚Heiden‘ über die heiligen Stätten für die Christen ergaben, wuchs die Bedeutung der beiden anderen großen Pilgerziele Santiago de Compostela und Rom – hier besonders seit der Ausrufung des ersten heiligen Jahres 1300 durch Papst Bonifaz VIII – und lokaler Wallfahrtszentren. Vgl. hierzu: Ohler, Norbert: Pilgerleben im Mittelalter. Zwischen Andacht und Abenteuer, Freiburg 1994, S. 23-30 und Schmugge, Ludwig: Die Pilger, in: Moraw, Peter (Hg.), Unterwegssein im Spätmittelalter, Berlin 1985, (ZHF Beiheft 1), S. 18-30.

[6] Vgl. Favreau-Lille, Marie-Luise: The German Empire and Palestine: German pilgrimages to Jerusalem between the 12th and the 16th century, in Journal of Medieval History 21 (1995), S. 326.

[7] Zur Anzahl der überlieferten Berichte siehe: Huschenbett, Dietrich: Die Literatur der deutschen Pilgerreisen nach Jerusalem im späten Mittelalter, in: DVJS 59 (1985), S. 31. Er gibt für die Zeit von 1320-1500 allein 124 deutschsprachige Berichte an, wovon 66 Reisen nach 1450 durchgeführt wurden.

Zur Vergleichbarkeit der Pilgerberichte aufgrund der vorgegebenen Route über Venedig und aufgrund der Tatsache, dass meist nur ein bis zwei Schiffe pro Saison fuhren siehe: Esch, Gemeinsames Erlebnis, S. 386.

[8] Vgl. Huschenbett, Literatur der deutschen Pilgerreisen, S. 36 und Sommerfeld, Martin: Die Reisebeschreibungen der deutschen Jerusalempilger im ausgehenden Mittelalter, in: DVJS 2 (1924), S. 836.

[9] Eine Ausnahme stellen die Untersuchungen von Norbert Ohler zum Reisen im Mittelalter und zum Pilgerleben dar, der diesem Aspekt einen Großteil seiner Aufmerksamkeit schenkt.

[10] Breydenbach, Bernhard von: Die Reise ins Heilige Land. Ein Reisebericht aus dem Jahre 1483, übertr. von Elisabeth Geck, Wiesbaden 1961.

[11] Zur Diskussion um das Geburtsjahr und auch zur Biographie siehe: Carls, Wieland (Hg.): Felix Fabri. Die Sionpilger, Berlin 1999, (Texte des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit 39), S. 53f. Für Fabris Biographie und sein Wirken sehr ergiebig sind vor allem: Wiegandt, Herbert: Felix Fabri. Dominikaner, Reiseschriftsteller, Geschichtsschreiber 1441/2-1502, in: Uhland, Robert (Hg.): Lebensbilder aus Schwaben und Franken, Bd. 15, Stuttgart 1983, S. 1-28 und Ernst, Max: Frater Felix Fabri. Der Geschichtsschreiber der Stadt Ulm, in: Zeitschrift für württembergische Landesgeschichte 6 (1942), S. 323-367. Zur Bedeutung Fabris im Kloster siehe auch: Scheffer, Lia: A Pilgrimage to the Holy Land and Mount Sinai in the 15th Century, in: ZDPV 102 (1986), S. 145.

[12] Wiegandt, Felix Fabri, S. 3.

[13] Vgl. ebenda, S. 3 und 11.

[14] Carls, Sionpilger, S. 20.

[15]Zu den beiden Berichtsformen siehe: Ebenda, S. 20-22. Zur Überlieferung, den Manuskripten und späteren Druckeditionen siehe: Paravicini, Werner (Hg.): Europäische Reiseberichte des späten Mittelalters. Teil 1: Deutsche Reiseberichte, bearb. von Christian Halm, Frankfurt 1994 (Kieler Werkstücke Reihe D: Beiträge zur europäischen Geschichte des späten Mittelalters 5), S. 210-220 und Ganz-Blättler, Ursula: Andacht und Abenteuer. Berichte europäischer Jerusalem- und Santiagopilger (1320-1520), Tübingen 1990, (Jakobus Studien 4), S. 76.

[16]Fabri, Felix: Galeere und Karawane. Pilgerreise ins Heilige Land, zum Sinai und nach Ägypten 1483, bearb. von Herbert Wiegandt, Stuttgart 1996.

[17] Garber, Josef: Die Reisen des Felix Faber durch Tirol in den Jahren 1483 und 1484, Insbruck 1923, (Schlern-Schriften 3).

Ende der Leseprobe aus 32 Seiten

Details

Titel
Felix Fabri: Ins Heilige Land und zurück. Pilgerreise und Reisebedingungen im 15. Jahrhundert
Hochschule
Universität Kassel  (FB 5)
Veranstaltung
Kreuzzug und Pilgerreise.
Note
1
Autor
Jahr
2000
Seiten
32
Katalognummer
V8325
ISBN (eBook)
9783638153188
Dateigröße
630 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Felix, Fabri, Heilige, Land, Pilgerreise, Reisebedingungen, Jahrhundert, Kreuzzug
Arbeit zitieren
Ralf Käcks (Autor), 2000, Felix Fabri: Ins Heilige Land und zurück. Pilgerreise und Reisebedingungen im 15. Jahrhundert, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/8325

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