Embodied Cognition. Die metaphorische Strukturierung des menschlichen Konzeptsystems bei Georg Lakoff und Mark Johnson


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006

19 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Begriffliche und historische Einführung

2. Leben in Metaphern
2.1. Metaphern
2.1.1. Strukturmetaphern
2.1.2. Orientierungsmetaphern
2.1.3. Ontologische Metaphern
2.2. Metonymie
2.3. Die Entstehung des Konzeptsystems
2.4. Konzept der Kausalität

3. Kritisches Resümee

4. Literaturverzeichnis

1. Begriffliche und historische Einführung

„Embodied Cognition“ ist ein Ausdruck für eine neue Theorie der Erkenntnis und des Geistes, die sich nur schwerlich zu einer bereits bestehenden Wissenschaft zuordnen lässt. Vielmehr umfasst sie Ergebnisse und Theorien der Biologie, der Philosophie, der Kognitionswissenschaft, der KI-Forschung und der Psychologie. Angemessen könnte „embodied cognition“ mit „Theorie der verkörperten Erkenntnis“ übersetzt werden. Sie besagt, dass die Körperlichkeit des Menschen dessen Erkenntnisfähigkeit ermöglicht, strukturiert und sein Denken organisiert. Körperlichkeit ist ein Ausdruck, der hier für die Wahrnehmungs-, Handlungs-, Bewegungs- und Orientierungsfähigkeit des Menschen in seiner Umwelt steht.

Rückwirkend wird Jakob von Uexküll, der um die Jahrhundertwende des 19./20. Jh. gelebt und als Zoologe gearbeitet hat, als einer der frühesten Vertreter dieser neuen Theorie bezeichnet, obwohl er selbst diese Begrifflichkeit nicht verwendet hat. Das von ihm erschienene Buch „Streifzüge durch die Umwelten von Tieren und Menschen“, welches er zusammen mit Georg Kriszat veröffentlichte, prägt den Begriff der Umwelträume und untersucht deren Bedeutung für die verschiedenen Lebewesen. Die entscheidende Aussage ist, dass „alle Tiersubjekte, die einfachsten wie die vielgestaltigsten, [...] mit der gleichen Vollkommenheit in ihre Umwelten eingepaßt [sind]. Dem einfachen Tier entspricht eine einfache Umwelt, dem vielgestaltigen einen ebenso reichgegliederte Umwelt.“1 Mithin ist der jeweilige Umweltraum eines Lebewesens nur so komplex wie es selbst. D.h., dass jedes Lebewesen aufgrund seiner eigenen Erkenntnisfähigkeit, wie einfach bzw. komplex sie auch entwickelt sei, seine Umwelt in demselben Maß erkennen, sie strukturieren und sich zu ihr verhalten kann. Je komplexer die Erkenntnisfähigkeit dabei entwickelt ist, um so komplexer gestaltet sich Umwelt des Lebewesens. Jedoch gleichgültig in welchem Maß Erkenntnisfähigkeit entwickelt ist, so ist jedes Lebewesen adäquat angepasst an seinen Umweltraum oder besser gesagt, die Umwelt wird für das Lebewesen in angemessener und ausreichender Weise erkannt, strukturiert und handhabbar gemacht.

Während Uexküll sich der Theorie von Umwelträumen über einen physiologischen Zugang nähert, tun dies die Autoren Lakoff und Johnson in dem Buch „Leben in Metaphern“ von 1980 über Metaphern. Dabei zeigen sie, dass Metaphern „nicht nur Elemente der Sprache [sind], sondern des Denkens, der Kognition - eines Denkens, das auf die Imagination nicht verzichten kann.“2 Metaphern sind mithin Konzepte, die die soziale und kognitive Welt des Menschen erkennbar, handhabbar und begreifbar machen. Ausgehend von unserem unreflektierten Alltaghandeln bis in die prosaischsten Einzelheiten wird die alltägliche Welt des Denkens und Handelns durch metaphorische Konzepte gelenkt, gestaltet und strukturiert.3 Diese Theorie soll kritischer Betrachtungsgegenstand dieser Arbeit sein.

2. Leben in Metaphern

Der Begriff „Metapher“, der aus dem Griechischen kommt und mit „Übertragung“ übersetzt wird, „wird seit Aristoteles vor allem als rhetorisch- poetische Redewendung betrachtet, bei der ein Ausdruck aus seinem üblichen Gebrauchsbereich unter einem bestimmten Hinblick in einen neuen Bereich übertragen wird.“4 Wie schon erwähnt wird bei Lakoff und Johnson eine Theorie vorgestellt, die die Metapher nicht nur als sprachliches Phänomen, sondern vielmehr als strukturierendes Element des menschlichen Konzeptsystems begreift. D.h. ihre Theorie soll einerseits den Beweis leisten, „dass die menschlichen Denkprozesse weitgehend metaphorisch ablaufen“5 und andererseits ein Verfahren vorstellen, „mit dem [sie] [...] im Detail identifizieren können, welche Metaphern unsere Wahrnehmung, unser Denken und handeln strukturieren.“6 Die Autoren stellen drei Arten von Metaphern vor: (1) die Strukturmetaphern, (2) die Orientierungsmetaphern und (3) die ontologischen Metaphern.

2.1. Metaphern

2.1.1. Strukturmetaphern

Strukturmetaphern sind Metaphern, „[...] in denen ein Konzept von einem anderen Konzept her metaphorisch strukturiert wird.“7 Die Autoren führen drei Beispiele an, wovon hier zwei nähere Betrachtung finden sollen:

(1) „Argumentieren ist Krieg“ und (2) „Zeit ist Geld“. Zu Erstens werden einige Beispiele in der Alltagssprache benannt, die die sprachliche Evidenz für das metaphorische Konzept darstellen. So seien hier einige aufgeführt: „Er griff jeden Schwachpunkt in meiner Argumentation an.“; „Wenn du nach dieser Strategie vorgehst, wird er dich vernichten.“; „Er machte alle meine Argumente nieder.“8 Begriffe wie „angreifen“, „Strategie“, „vernichten“, „niedermachen“ sind nur einige Beispiele für die Kriegsmetaphorik, die für und in der Argumentation alltäglich Gebrauch finden. Natürlich ist das Argumentieren nicht der realen Kriegführung gleichzusetzen. Dennoch muss festegestellt werden, dass hier eine Übertragung der Begrifflichkeiten der Kriegsführung in die des Argumentierens stattgefunden hat. Übertragung heißt hier jedoch keineswegs, dass die Begriffe sich gegenseitig auslöschen. Vielmehr muss gesagt werden, dass die Begrifflichkeit der Kriegsführung und deren Semantik partiell auf Argumentationshandlungen in unserer Kultur metaphorisch übertragen wurde. Diese Metaphorik strukturiert mithin das Konzept des Argumentieren. Da eine Person in einer Argumentation sein Gegenüber nicht physisch vernichten wird, wie das beispielsweise der semantische Hintergrund dieser Begrifflichkeit in der Kriegführung ist, kann also nur von einer partiellen Übertragung gesprochen werden. Die Strukturen des Kriegskonzept, die das Konzept „Argumentieren ist Krieg“ hinterlegen, beeinflussen unser Handeln und tragen wesentlich zum Verständnis der Argumentationshandlungen bei. Diese Feststellung veranlasst die Autoren zu folgender Definition: „Das Wesen der Metapher besteht darin, daß wir durch sie eine Sache oder einen Vorgang in Begriffen einer anderen Sache bzw. eines anderen Vorgangs verstehen und erfahren können.“9 In Anwendung auf das metaphorische Konzept von „Argumentieren ist Krieg“ gebracht, kann die Definition wie folgt formuliert werden: Das Wesen der „Argumentieren ist Krieg“-Metapher besteht darin, dass wir durch sie die Argumentationshandlungen in Begriffen der Kriegsführung verstehen und erfahren können. Mithin strukturieren metaphorische Konzepte Denkprozesse und Handlungen des Menschen.

Die „Zeit ist Geld“-Metapher verdeutlicht nach Aussage der Autoren die Tatsache, dass metaphorische Konzepte an kulturelle Hintergründe gebunden sind, da diese Metapher nicht in allen Kulturen der Welt vorkommt und entwicklungshistorisch relativ neu ist. Sie entstand in der Zeit der Industrialisierung, in der die Ökonomisierung von Herstellungsprozessen und marktwirtschaftliche Interessen Zeit und Geld als wertvolle begrenzte Ressourcen erfahrbar gemacht haben. „Die metaphorischen Konzepte `Zeit ist Geld´, `Zeit ist eine begrenzte Ressource´ und `Zeit ist ein kostbares Gut´ bilden ein eigenes System, das auf der Subkategorisierung basiert, daß nämlich in unserer Gesellschaft Geld eine begrenzte Ressource ist und daß begrenzte Ressourcen kostbare Güter sind.“10 Die aufgeführten Subkategorisierungen sind mithin metaphorische Ableitungen aus der Metapher „Zeit ist Geld“ und sie bilden zusammen ein kohärentes System von metaphorischen Konzepten. Deutlich werden diese Ableitungen aus den metaphorischen Konzepten im alltäglichen Sprachgebrauch moderner Industriegesellschaften: (A) Wenn Zeit Geld ist, kann sie vergeudet, verschwendet, geschenkt, investiert werden. (B) Ist sie eine Ressource, kann sie genutzt werden, knapp sein. (C) Ein kostbares Gut ist sie, wenn man sie hat, verliert, geben und dankbar für sie sein kann.11 So haben die Autoren gezeigt, dass metaphorische Konzepte von einander abgeleitet werden können, wenn sie zusammen ein kohärentes System ergeben. Wie an dem Konzept der Metapher „Argumentieren ist Krieg“ angedeutet wurde, ist weder der Krieg mit dem Argumentieren gleichzusetzen noch wird beim Argumentieren ein realer Krieg geführt. Es wird die Kriegsmetaphorik verwendet, um einen besseren Zugang bzw. ein besseres Verständnis für die Art und Weise des Argumentierens in unserem Kulturkreis zu erhalten. Dies verdeutlicht einen weiteren wichtigen Punkt, auf den die Autoren hinweisen: ein metaphorisch strukturiertes Konzept ist nur partiell metaphorisch strukturiert. Bei der Übertragung einer Metapher kann durchaus nur ein Aspekt Berücksichtung in der Strukturierung eines anderen metaphorischen Konzepts finden und hier durchaus auch erweitert werden.

2.1.2. Orientierungsmetaphern

In Abgrenzung zu den Strukturmetaphern stellen die Autoren die Orientierungsmetaphern vor, die ein gesamtes System von Konzepten darstellen, die sich wechselseitig aufeinander beziehen und organisieren. Diese Orientierungsmetaphern, die ursprünglich aus räumlichen Relationen entstanden sind, sind ebenso wie die Strukturmetaphern an einen kulturellen Erfahrungshintergrund gebunden. Sie beziehen sich auf physische Erfahrungen von physikalischen Weltzuständen. Erfahrungen von „vorn und hinten“, „oben und unten“, „innen und außen“ etc. dienen der Raumorientierung und werden durch die physische Natur des Menschen ermöglicht. Die Orientierung des Menschen in seinen Umwelträumen (das Vokabular von Uexküll) wird durch die komplexe Wahrnehmung dieser in solch räumlichen Kategorien ermöglicht. Mithin ermöglicht der Körper bzw. die körperliche Beschaffenheit des Menschen das entsprechende Funktionieren in seiner Umwelt, wobei das Konzept von Räumlichkeit eine entscheidende Rolle spielt. Die selbstständige physische Erfahrung von uns selbst und unserer Umwelt ermöglicht erst unsere räumlichen Wahrnehmungskategorien. Untersuchungen von William Nagy, wenn sie behaupten, dass Orientierungsmetaphern die meisten unserer basalen Konzepte organisieren.12 Zur Veranschaulichung werden hier zwei Beispiele von William Nagy bei Lakoff und Johnson vorgestellt. (1) Das metaphorische Konzept „die Zukunft liegt vor uns und die Vergangenheit hinter uns“ wird alltagssprachlich durch Aussagen wie „die bevorstehenden Ereignisse“ und „das liegt weit hinter zurück“ gestützt. Als physische Grundlage kann die Tatsache genannt werden, dass unsere Augen zumeist in die Richtung schauen, in die wir uns bewegen und dass die Bewegung zumeist vorwärts gerichtet ist.13 (2) „Kontrolle und Macht ausüben ist oben, währenddessen das Ausgesetztsein dieser unten ist“ kann als metaphorisches Konzept in folgenden alltagssprachlichen Wendungen Entsprechung finden: „Überlegenheit“, „da stehe ich drüber“, „obere Zehntausend“, „unter Kontrolle haben“, „von der Machtposition stürzen“, „unterlegen sein“. Hier kann die physische Grundlage in dem Phänomen der Proportionalität von Körpergröße und physischer Stärke gesehen werden. Des Weiteren kann bei Kämpfen beobachtet werden, dass der Sieger „oben“ steht, während der Verlierer „unten“ liegt. Dies könnte ein weiteres Indiz für die physische Basis des oben genannten metaphorischen Konzepts ist.14 So schlussfolgern die Autoren aus der Betrachtung dieser Beispiele hinsichtlich der empirischen Grundlage, der Kohärenz und der Systematik metaphorischer Konzepte unter anderem, dass jede Raummetapher eine innere Systematik hat und dass es eine äußere Gesamtsystematik zwischen Raummetaphern gibt, die deren Kohärenz definiert. Des Weiteren scheinen die Beispiele aufzuzeigen, dass Raummetaphern erst durch physische und gesellschaftliche Erfahrungen entstehen können. Die empirischen Wurzeln von Metaphern sind weitgehend unbekannt. Dennoch sagen die Autoren, dass ihrer Meinung nach „[...] eine Metapher niemals unabhängig von ihrem Ursprung in der Erfahrung verstanden oder sogar angemessen repräsentiert werden [kann].“15

[...]


1 Uexküll, Jakob von; Kriszat, Georg: Streifzüge durch die Umwelten von Tieren und Menschen. Ein Bilderbuch unsichtbarer Welten. Frankfurt am Main: Fischer Verlag 1970. S. 11.

2 Buchholz, Michael B.: Vorwort. In: Lakoff, Georg / Johnson, Mark: Leben in Metaphern. Konstruktion und Gebrauch von Sprachbildern. Heidelberg: Verlag und Verlagsbuchhandlung 1998. S. 8.

3 Vgl.: Lakoff, Georg / Johnson, Mark: Leben in Metaphern. Konstruktion und Gebrauch von Sprachbildern. Heidelberg: Verlag und Verlagsbuchhandlung 1998. S. 11.

4 Metzler Philosophie Lexikon. Begriffe und Definitionen. Hg. v. Peter Prechtl und FranzPeter Burkard. 2. Auflage. Stuttgart;Weimar 1999. S. 361.

5 Lakoff, Georg / Johnson, Mark: Leben in Metaphern. S. 14.

6 Lakoff, Georg / Johnson, Mark: Leben in Metaphern. S. 12.

7 Ebenda. S. 22.

8 Ebenda. S. 12.

9 Lakoff, Georg / Johnson, Mark: Leben in Metaphern. S. 13.

10 Ebenda. S. 17.

11 Vgl.: Ebenda.

12 Vgl.: Lakoff, Georg / Johnson, Mark: Leben in Metaphern. S. 26.

13 Vgl.: Ebenda. S. 24.

14 Vgl.: Ebenda. S. 23 f.

15 Ebenda. S. 28.

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Details

Titel
Embodied Cognition. Die metaphorische Strukturierung des menschlichen Konzeptsystems bei Georg Lakoff und Mark Johnson
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin
Veranstaltung
Embodied Cognition
Note
2,3
Autor
Jahr
2006
Seiten
19
Katalognummer
V83283
ISBN (eBook)
9783638895491
ISBN (Buch)
9783640862535
Dateigröße
413 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Embodied, Cognition
Arbeit zitieren
Katy Wedekind (Autor), 2006, Embodied Cognition. Die metaphorische Strukturierung des menschlichen Konzeptsystems bei Georg Lakoff und Mark Johnson, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/83283

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