Der Aspekt Sprache in "Un coeur simple" im Kontext der traditionellen Legende


Seminararbeit, 2006

22 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Die traditionelle Legende – Definitionen

3. Die Rolle der Sprache in Un Cœur simple am Beispiel der Félicité
3.1 Félicité als sprachlose Sprecherin
3.2 Félicité als taube Hörerin und Loulou

4. Die Gattung der Legende verarbeitet in Un Cœur simple
4.1 Sainteté der Félicité
4.2 Das Legendäre in Un Cœur simple

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In der vorliegenden Arbeit untersuche ich, welche Rolle die Sprache in Gustave Flauberts Conte Un Cœur simple spielt und wie der Autor hier die Gattung der traditionellen Legende verarbeitet.

Die Gattung werde ich unter 2 vorstellen. Einen Ausgangspunkt dafür liefern nicht nur die Definitionen von Jolles und Jauß, sondern auch das Glossar von Arnold und Sinemus.

Beim Sprachaspekt, der unter 3 folgt, interessiert mich besonders, wie und wann der Erzähler seine Hauptfigur Félicité sprechen lässt, was das Gesprochene über sie aussagt (3.1), wie sie selbst Sprache aufnimmt und welche Rolle Loulou dabei spielt (3.2).

Félicités Lebensweise gleicht offenbar in vielen Punkten einer Heiligenvita. Kann Un Cœur simple auf Grund des Charakters und beschriebenen Lebensweges der Félicité als Legende in Flauberts Werk bezeichnet werden? Mit diesem Thema beschäftige ich mich unter 4, wo ich die vermeintliche Heiligkeit der Félicité darstelle (4.1) und den Einsatz der Gattung der traditionellen Legende im Conte untersuche (4.2).

2. Die traditionelle Legende - Definitionen

Legenden wurden ursprünglich während der Klostermahlzeiten vorgelesen. Arnold und Sinemus definieren sie in ihrem Glossar als überwiegend religiös belehrende, erbauliche, z. T. auch volkstümlich unterhaltende Berichte über das begnadete, durch Wunder ausgezeichnete Leben göttlicher oder heiliger Gestalten zum Trost und zur Nachfolge, deren Ziel es ist, im Zeugnis des Heiligen die Existenz einer jenseitigen Welt zu offenbaren, sie als wirklich und verbindlich darzustellen.[1]

André Jolles betont die Bedeutung der Legende im Mittelalter, wo sie noch eine der Himmelsrichtungen ist, in die man sah, ja vielleicht sogar die einzige, nach der man

sich bewegen konnte[2] ; er beschreibt ihre Institutionalisierung im 17. Jahrhundert durch die katholische Kirche in Form der Seligsprechung und der darauf folgenden Heiligsprechung – oder Kanonisation -, deren Verfahren in Prozeßform abläuft[3]. Hierbei spielt die Sprache eine wichtige Rolle, denn an ihren Zeichen – also Motiven bestimmter Wortfelder - ist das Maß an Heiligkeit einer Person zu erkennen. Dieser Heilige ist der Gemeinschaft nicht in diesem Sinne ein Mensch wie andere, er ist ein Mittel, Tugend vergegenständlicht zu sehen[4]. Die Person, die nach ihrem Tod für heilig erklärt wird, ist an diesem Prozess unbeteiligt. Tätige Tugend und bestätigende Wunder werden in der Heiligen-Vita, die in der Legende eine sprachliche Form findet, bezeugt. Dabei sind für Jolles spes, fides, caritas - also Hoffnung, Treue bzw. Zuverlässigkeit und Hochachtung bzw. Liebe - theologische Tugenden des Seligen; iustitia, prudentia, fortitudo, temperantis - also Gerechtigkeit, Voraussicht bzw. Einsicht, Stärke bzw. Mut, Tapferkeit, Energie und Mäßigung - sind moralische Tugenden.[5] Der Servus Dei muss außerdem Wunder vollbracht haben, seine Lebenshaltung und Lebensweise müssen sich von der der anderen unterscheiden; er ist tugendhafter als die anderen, und zwar nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ. Nach Jolles kann Sprache sowohl das Leben eines Heiligen vertreten als auch Heilige bilden. Die Legende kennt das Historische nicht, sondern nur Tugend und Wunder.[6]

Den Heiligen nennt Jolles imitabile: Er ist eine Gestalt, an der wir etwas, was uns allseitig erstrebenswert erscheint, wahrnehmen, erleben und erkennen und die zugleich die Möglichkeit der Bestätigung veranschaulicht – kurz, er ist im Sinne der Form ein imitabile.[7] Was uns an dieser Gestalt nachahmenswert vorkommt, nennt Jolles imitatio oder Geistesbeschäftigung. Nach dem Tod des Heiligen vergegenständlicht sich die tätige Tugend in einer Reliquie, die zum Träger der Macht wird. Die Vita wird als Gemisch von Sprachgebärden in Form der Legende verschriftlicht. Jolles betont, dass die offizielle Sammlung der Legenden – die Acta Sanctorum - auch heute noch nicht vollendet ist und eigentlich

auch nicht vollendet werden kann, denn die Zahl der Heiligen ist keinesfalls historisch beschränkt: es können sozusagen jeden Tag neue hinzukommen, und sie kommen hinzu.[8]

Bei Jauss ist die Legende nicht mehr nur eine der Einfachen Formen, sondern sie ist eine von neun kleinen literarischen Gattungen der exemplarischen Rede im Mittelalter. Die kommunikative Situation beschreibt Jauss für die Legende etwa so: Ein anonymer Zeuge spricht zu der Gemeinschaft der Gläubigen und bezeugt ihr gegenüber ein heiliges Leben (modus dicendi)[9]. Was bei Jolles Geistesbeschäftigung heißt, ist bei Jauss die Subsinnwelt, in der Raum und Zeit als zeichenhaft beschränkt erscheinen, auf Ereignisse, die in der Relation tätige Tugend – bestätigende Wunder stehen. Die Akteure handeln nach einem in Vorbestimmung, Krise (Bekehrung), Bewährung (Passion) typisiertes Modell. Dieses Handlungsmodell besitzt eine posthume Wirkung. Die Botschaft der Legende ist die Antwort auf die Frage: Wie kann Tugend in einem Menschen sichtbar werden? Die Legende soll eine Identifikation aus Bewunderung hervorrufen. Um das Verhaltensmuster der Legende zu beschreiben, übernimmt Jauss den Begriff imitabile, wo Tugend tätig, messbar, fassbar wird von Jolles.[10]

Ausgehend von diesen Definitionen wird es für mein Thema darauf ankommen, in welchem Ausmaß auf Félicité der Begriff imitabile anwendbar ist, in wie weit man das Handlungsmodell von Jauss auf den Conte übertragen kann, die Protagonistin eine Heilige und die Erzählung eine Legende ist.

3. Die Rolle der Sprache in Un Cœur simple am Beispiel der Félicité

3.1 Félicité als sprachlose Sprecherin

In der in fünf Kapitel gegliederten Erzählung Un Cœur simple ergreift Félicité nur elfmal direkt das Wort. Ansonsten sind ihre Worte und Gedanken in indirekter Rede, in erzählter Rede ebenso wie in erlebter Rede repräsentiert. Da ist es nicht verwunderlich, dass sich neben dem hier betrachteten Motiv der Sprache auch das Motiv der Stille[11] wie ein roter Faden durch Gustave Flauberts Conte zieht. Einen Gegensatz dazu bildet Félicités Stimme, die in der Einleitung als schrill vorgestellt wird. Die direkte Rede der Protagonistin zeichnet sich aus, durch häufige Ausrufe, durch die Kürze der Sätze und die Kürze der Worte. So bildet das einleitende Satzglied mit verbum dicendi – immer eine Form von dire, crier oder répliquer – einen Kontrast zu der wörtlichen Rede, die vorangeht oder folgt. Diese Kontrastierung hat eine Akzentuierung der wörtlichen Rede zur Folge. Besonders stark fällt der Kontrast bei der ersten Wortmeldung Félicités im zweiten Kapitel auf. Der Erzähler weist uns vor dem wörtlichen Zitat auf ihre Unbeholfenheit hin und erwähnt, dass sie eigentlich gar nicht weiß, was sie Théodore antworten soll, und dass sie es vorziehen würde – wenn sie denn einen eigenen Willen hätte – davonzulaufen. So wirkt dieses «Ah!» dit-elle[12] (S.46) automatisch; es bestätigt ihre in der Einleitung beschriebene Art – toujours silencieuse - und lässt den Leser ahnen, in welcher Beschränktheit und Wortarmut Félicité lebt und wie wenig kommunikative Kompetenz ihr durch ihr Umfeld in ihrem Leben mitgegeben wurde. So war sie doch Dienstmagd von klein auf, lernte früh sich anzupassen und sich zu unterwerfen. Félicité wird uns vorgestellt als beste und treuste aller Dienstmägde, die im Anschluss an eine traurige, kurze Kindheit und nach ihrer ersten und einzigen Liebesgeschichte und dem schmerzhaften Verlust eben dieser Liebe in den Dienst der Mme Aubain tritt. Dass sie hier nicht viel weniger ausgebeutet wird als bei ihrer vorherigen Arbeit, beweist der zweite Satz der Erzählung. Ihr Leben erscheint reduziert auf die Dienstzeit bei ihrer Herrin Mme Aubain – immerhin verbringt sie dort un demi-siècle (S.43) - und mechanisiert durch die regelmäßige Abfolge ihrer Arbeit. Die Heldin mit viel Herz und sanftem Gemüt liebt Paul und Virginie, die Kinder ihrer Herrin, sofort. Als Félicité, die Kinder und Mme Aubain von einem wilden Stier bedroht werden, beruhigt Félicité die anderen erst mit den Worten «Ne craignez rien!» (S.49) und rettet dann alle vor dem Stier, in dem sie ihn mutig und heldenhaft mit Sand bewirft, während sie Mme Aubain, Paul und Virginie dazu auffordert, wegzulaufen: - «Dépêchez-vous! dépêchez-vous!» (S.50). Das Ausmaß ihrer Selbstlosigkeit lässt sich

an dieser Stelle – gleichsam als Aufschrei - bereits erahnen. Sie ist hier bereit, ihr eigenes Leben zu opfern. Ihr instinktives Beschützerverhalten und ihren Mut hat der Erzähler bereits zuvor - als es darum ging, den betrunkenen M. de Gremanville loszuwerden (S.48) - in erzählter Rede angekündigt; jetzt wird dies durch die direkte Rede bestätigt.

Obwohl Félicité dagegen ist, dass Virginie ins Internat geht, weil sie sie dann nicht mehr umhegen und umpflegen kann, äußert sie dies in keinem Wort gegenüber Mme Aubain. Der Erzähler nutzt hier die erlebte Rede, um Félicités Gefühle dazu in Worte zu fassen. Félicité gesteht sich an dieser Stelle völlig freiwillig ein – Ces choses dépassaient sa compétence. - (S.56), dass sie in Sachen Kindererziehung weniger Ahnung hat als ihre Herrin. Als sich nach dem Verlust von Virginie auch noch herausstellt, dass sie handarbeitlich ungeschickt ist, fühlt sie sich «minée» (S.57), also völlig kaputt, bis ihr einfällt, dass ihr Neffe Victor eine mögliche Ablenkung sein könnte. Der Erzähler formuliert die Bitte der Félicité um die Erlaubnis für den Besuch ihres Neffen in indirekter Rede, um die hier vorliegende Frage als Folge eines Bedürfnisses der Félicité – nämlich das, jemanden aufopferungsvoll zu lieben, nicht so stark zu betonen (S.57). Victor ist nach Théodore, Paul und Virginie der vierte Mensch, den Félicité liebt – diesmal maternell - und den sie daraufhin verliert. Man kann also von einer „Liebes-Verlustkette“ sprechen. Als Victor mit dem Schiff nach Amerika aufbricht, kommt Félicité zu spät, um ihn zu verabschieden. Das Schiff ist schon in See gestochen: Félicité, qui ne l’avait pas reconnu, criait: «Victor!» (S.58). Dieser Schrei, der wieder mit der Länge des Hauptsatzes kontrastiert, zeugt von einer verzweifelten Sehnsucht nach Liebe. Von der Abreise Victors an denkt Félicité nur noch an ihn, aber sie bleibt allein mit ihrer Sehnsucht, denn jamais elle ne parlait de ses inquiétudes (S.59). Nur um Mme Aubain mit ihrem eigenen Beispiel zu trösten, entsteht dieser kleine Dialog:

- «Moi, madame, voilà six mois que je n’en ai reçu!...»

- «De qui donc?...»

La servante répliqua doucement:

- «Mais… de mon neveu!»

- «Ah! votre neveu!» Et, haussant les épaules (S.59).

[...]


[1] H.L. Arnold, V. Sinemuns (Hgg.): Grundzüge der Literatur- und Sprachwissenschaft. Band 1: Literaturwissenschaft. München: Deutscher Taschenbuch Verlag 1983, hier: S.478.

[2] A. Jolles: Einfache Formen. Legende, Sage, Mythe, Rätsel, Spruch, Kasus, Memorabile, Märchen, Witz. Tübingen : Niemeyer 1958, hier: S.23.

[3] A. Jolles, S.29.

[4] Ebd.,S.35.

[5] Ebd., S.27.

[6] Ebd., S.40f.

[7] Ebd., S.36.

[8] A. Jolles, S.24.

[9] H.-R. Jauss: „Übersicht über die kleinen literarischen Gattungen der exemplarischen Rede im Mittelalter“ in: Alterität und Modernität der mittelalterlichen Literatur. Gesammelte Aufsätze 1956-1976, München: Fink 1977, hier: Annex.

[10] Vgl. Jauss, ebd..

[11] S. ferner P. Dufour : „Muette Félicité“, in: P. Dufour (Hg.): Flaubert ou la prose du silence. Paris: Nathan 1997, S.52-59.

[12] G. Flaubert: Trois contes. Présentation par Pierre-Marc de Biasi, Paris: Flammarion 1986. Die Seitenzahl ist von hier an immer in Klammern hinter den Zitaten angegeben.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Der Aspekt Sprache in "Un coeur simple" im Kontext der traditionellen Legende
Hochschule
Universität des Saarlandes
Note
2,3
Autor
Jahr
2006
Seiten
22
Katalognummer
V83327
ISBN (eBook)
9783638899192
ISBN (Buch)
9783638939638
Dateigröße
475 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Aspekt, Sprache, Kontext, Legende, Flaubert
Arbeit zitieren
Nele Bach (Autor), 2006, Der Aspekt Sprache in "Un coeur simple" im Kontext der traditionellen Legende, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/83327

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