Horváths Fräuleinfiguren in ausgewählten Volksstücken


Hausarbeit (Hauptseminar), 2007

26 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Italienische Nacht
2.1 Leni und Karl
2.2 Adele und der Stadtrat
2.3 Anna und Martin / Anna und der Faschist

3. Geschichten aus dem Wiener Wald
3.1 Marianne und Alfred
3.2 Marianne und der Zauberkönig
3.3 Marianne und Oskar

4. Glaube Liebe Hoffnung
4.1 Elisabeth
4.2 Frau Amtsgerichtsrat, Die Prantl und Maria
4.3 Exkurs: Der Fall Klara Gramm als Vorbild für die Figur Elisabeth

5. Resümee

Literatur

1. Einleitung

Glück und Elend des menschlichen Daseins – für Horváth manifestierte es sich vor allem in den Charakteren und Schicksalen der Frauen.[1]

Ödön von Horváth war stets bemüht als selbst ernannter „treuer Chronist [s]einer Zeit“[2] die tristen (gesellschaftlichen) Zustände der späten zwanziger und frühen dreißiger Jahre wahrheitsgetreu in seinen Volksstücken abzubilden. „Es gibt für“ ihn „nur ein Gesetz und das ist die Wahrheit“[3], schrieb er in der 1932 entstandenen „Gebrauchsanweisung“ zu „Kasimir und Karoline“.

Man wirft mir vor, ich sei zu derb, ekelhaft, zu unheimlich, zu zynisch und was es dergleichen noch an soliden, gediegenen Eigenschaften gibt – und man übersieht dabei, daß ich doch kein anderes Bestreben habe, als die Welt zu schildern, wie sie halt leider ist.[4]

So weisen seine Volksstücke nicht nur Parallelen zu wahren Begebenheiten[5] auf, sie zeigen auch die kleinbürgerliche Welt der Weimarer Republik, in der man Nächstenliebe, Aufrichtigkeit und Gerechtigkeit vergeblich sucht. Stattdessen treten ‚Werte‘ wie Egoismus und purer Überlebenswille in den Vordergrund. „Die Menschen [...] werden [...] durch unser heutiges wirtschaftliches System gezwungen, egoistischer zu sein, als sie es eigentlich wären, da sie doch schließlich vegetieren müssen.“[6] beschreibt die Figur Schürzinger die Situation treffend. Die Krisenzeit beschwört einen „Kampf zwischen Individuum und Gesellschaft“[7] herauf. Nicht nur finanziell stürzen Inflation, Arbeitslosigkeit und Weltwirtschaftskrise die Menschen in die Not, auch auf zwischenmenschliche Beziehungen hat die harte Zeit Auswirkungen. Die Mentalität aller Charaktere Horváths ist stark geprägt vom wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Druck, der auf sie ausgeübt wird. Die wirtschaftliche Not demoralisiert die Menschen. Horváth unterstreicht in seinem Werk die „Abhängigkeiten des Privaten vom Ökonomischen“[8] und hebt hervor, dass Sicherheit und Halt vermehrt nur noch durch Geld zu finden sind. In der Krise sind es vor allem die jungen, alleinstehenden Frauen, die, zumeist arbeitslos, am Meisten unter den Umständen zu leiden haben. Dem kleinbürgerlichen Milieu entsprungen, stehen eine Marianne, Karoline, Leni und auch eine Elisabeth mit all ihren gemeinsamen Charakteristika auf dem untersten Platz in der gesellschaftlichen Hierarchie. Sie sind als sogenannte Fräuleins allesamt Opfergestalten der finanziellen Not und werden von ihrem patriarchalischen Umfeld unterdrückt. Neben den Fräuleinfiguren zeigt Horváth die Figur der unterdrückten Ehefrau und der (alleinstehenden) reifen Frau auf. Diese Frauen-, allen voran die Fräuleinfiguren, versuchen sich mit aller Gewalt dem patriarchalischen Prinzip zu unterwerfen oder zerbrechen bei der Auflehnung gegen selbiges.

Diese Hausarbeit untersucht in erster Linie die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Frauenfiguren in den drei bekanntesten Volksstücken Horváths. Steckt hinter Marianne, Karoline, Elisabeth und Leni ein bestimmtes Frauenbild? Welche Rolle spielen Horváths Frauenfiguren in der Gesellschaft bzw. was ist ihre Funktion im Werk Horváths? Sind „jene Mädchen von schlichter Denkart [...] Opfer der männlichen Gier und der männlichen Eitelkeit, des wirtschaftlichen Elends und der sozialen Verhältnisse“[9] oder doch fähig selbstbewusst im Leben zu stehen? Des Weiteren soll ein kleiner Exkurs zu einem wahren Fall eines solchen Fräuleins verdeutlichen, woher Horváth die Ideen für seine Stoffe und damit auch die Frauenfiguren nahm.

Bei den untersuchten Volksstücken handelt es sich um:

- Italienische Nacht. Volksstück [in sieben Bildern] (Uraufführung 1931),
- Geschichten aus dem Wiener Wald (in sieben Bildern) (Uraufführung 1931),
- Glaube Liebe Hoffnung. Volksstück in sieben Bildern (Uraufführung 1936 unter dem Titel „Liebe, Pflicht und Hoffnung“).

2. Italienische Nacht

Ödön von Horváths Volksstück „Italienische Nacht“ ist das einzige hier untersuchte Volksstück, in dem weniger eine Liebesbeziehung selbst im Vordergrund der Handlung steht. Vielmehr stellt Horváth den Mittelstand einer süddeutschen Kleinstadt um 1930 in einen direkt-politischen Kontext. Im Gegensatz zu den folgenden Volksstücken spielen die Frauenfiguren nur Nebenrollen als haltgebende Ehefrau, Freundin oder Informationslieferantin. Die Frauen werden komplett aus dem politischen Leben heraus gehalten, sie bilden nur den Rahmen für die Handlungen der politisierenden Männer. „Über ideologische Grenzen hinweg wird die ausschließlich innerfamiliäre Funktion der Frau beschworen.“[10] Die Worte des Sozialdemokraten Kranz („Trautes Heim, Glück allein, Häuslicher Herd ist Goldes wert. Die Grundlage des Staates ist die Familie.“[11] ) nehmen sich dabei nichts mit denen des Faschisten[12]. Liebeleien stehen der Politik ohnehin nur im Wege, wie Betz treffend bemerkt:

BETZ Du kannst es doch nicht leugnen, daß dich die Weiber von deinen Pflichten gegenüber der Politik abhalten [...].[13]

Aber gerade in dieser Situation, in der die Männer kein anderes Interesse als Politik zu haben scheinen, zeigt sich ihre abschätzige Haltung gegenüber ihren Frauen: Leni als willkommene Geldquelle, Anna als Spitzel und Adele als unterdrückte Ehefrau ohne eigene Meinung.

2.1 Leni und Karl

Die politisch vollkommen uninteressierte „Rückschrittlerin“[14] Leni und Karl, der zum Leid seiner Genossen mehr durch Liebschaften, falsche Versprechungen und Lügen als durch politische Handlungen auf sich aufmerksam macht, finden erst im Laufe des Stückes zusammen.

Das politische Desinteresse der Angestellten Leni gründet auf ihrer Meinung, dass keine Änderung ihrer Situation eintreten wird, egal, ob die Republikaner oder die Nationalsozialisten regieren:

LENI Ist mir auch gleich. Besser wird’s nicht. Ich schau, daß ich durchkomm.[15]

So hofft Leni auch durch Karl weiter durchzukommen. Als eine der wenigen Frauen in Horváths Stücken, die materiell über dem Mann stehen, hat sie keine Absicherung durch Heirat und/oder Unterordnung unter einen bessergestellten Mann nötig. Dennoch verfällt sie im Glauben, dass „eine Frau [...] nicht viel zu geben [hat] – aber wenn sie was gibt, macht sie den Mann zu einem König“[16] naiv Karls unbegründetem Selbstmitleid. Als sich dieser in vermeintlicher Gefühlsduselei als „halber Mensch“[17] bezeichnet, will Leni ihn aus seiner misslichen Lage „erlösen“[18] und zusammen mit ihm von ihrem Geld eine Kolonialwarenhandlung gründen. Nachdem Karl sich vergewissert hat, das Leni das Geld auch wirklich „in bar“[19] zur Verfügung steht, nimmt er die „Erlösung“, an:

KARL Ich hab ja schon immer von der Erlösung durch das Weib geträumt, aber ich habs halt nicht glauben können [...].[20]

Die abschätzige Bezeichnung „das Weib“ zeigt, dass es Karl um seine eigene wirtschaftliche Sicherheit geht. Leni als Frau ist ihm unwichtig. Er hat vielmehr Angst, dass ihn die Annahme des Geldes zu einer Heirat verpflichten könnte, aus der er sich mit einer fadenscheinigen Aussage heraus zu winden versucht:

KARL [...] Denkst du jetzt an eine Ehegemeinschaft? Nein, dazu bist du mir zu schad![21]

[...]


[1] Marcel Reich-Ranicki: Horváth, Gott und die Frauen. Die Etablierung eines neuen Klassikers der Moderne. In: Über Ödön von Horváth. Hrsg. von Dieter Hildebrandt und Traugott Krischke. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag 1972 (= Edition Suhrkamp 584). S. 83-90. Hier: S. 90.

[2] Ödön von Horváth: Gebrauchsanweisung. In: Ödön von Horváth: Kasimir und Karoline. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag 1972 (= Bibliothek Suhrkamp 316). S. 152.

[3] Ebd. S. 152.

[4] Ödön von Horváth : Interview mit Willi Cronauer. In: Ödön von Horváth: Volksstücke. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag 1972. (= Ödön von Horváth: Gesammelte Werke. Hrsg. von Traugott Krischke und Dieter Hildebrandt. Band 1). S. 7-16. Hier: S. 13.

[5] Vgl. Kapitel 4.3 dieser Arbeit.

[6] Ödön von Horváth: Kasimir und Karoline. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag 1972 (= Bibliothek Suhrkamp 316). S. 16.

[7] Ödön von Horváth: Randbemerkung: In: Ödön von Horváth: Glaube Liebe Hoffnung. Frankfurt am Main: Suhrkamp Taschenbuch Verlag 2001 (= Ödön von Horváth: Gesammelte Werke. Kommentierte Werkausgabe in Einzelbänden. Hrsg. von Traugott Krischke unter Mitarbeit von Susanna Foral-Krischke. Band 6). S. 12.

[8] Angelika Führich: Ödön von Horváths „Fräulein“-Figuren: Aufbegehrende Töchter des Kleinbügertums. In: Angelika Führich: Aufbrüche des Weiblichen im Drama der Weimarer Republik. Brecht – Fleißer – Horváth – Gmeyner. Heidelberg: Carl Winter Universitätsverlag 1992. (= Reihe Siegen. Beiträge zur Literatur-, Sprach- und Medienwissenschaft. Hrsg. von Helmut Kreuzer. Band 109). S. 65.

[9] Marcel Reich-Ranicki: Horváth, Gott und die Frauen. S. 89.

[10] Kurt Bartsch: „...denn das Weib repräsentiert die Natur”. Zum Frauenbild im Werk Ödön von Horváths. In: Literatur und Kritik 24. H. 231-232 (1989). S. 52-63. Hier: S. 55.

[11] Ödön von Horváth: Italienische Nacht. Frankfurt am Main: Suhrkamp Taschenbuch Verlag 2001 (= Ödön von Horváth: Gesammelte Werke. Kommentierte Werkausgabe in Einzelbänden. Hrsg. von Traugott Krischke unter Mitarbeit von Susanna Foral-Krischke. Band 3).

[12] „Das Weib gehört an den heimischen Herd, es hat dem kämpfenden Manne lediglich Hilfestellung zu gewähren!“ (ebd. S. 85.)

[13] Ebd. S. 65.

[14] Ebd. S. 73.

[15] Ödön von Horváth: Italienische Nacht. S. 82.

[16] Ebd. S. 97.

[17] Ebd. S. 110.

[18] Ebd. S. 110.

[19] Ebd. S. 111.

[20] Ebd. S. 111.

[21] Ebd. S. 111.

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Horváths Fräuleinfiguren in ausgewählten Volksstücken
Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen
Veranstaltung
Ödön von Horváth: „Glaube Liebe Hoffnung“ – ein Drama und seine Inszenierung (in Zusammenarbeit mit dem Stadttheater Gießen)
Note
1,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
26
Katalognummer
V83328
ISBN (eBook)
9783638899208
ISBN (Buch)
9783656555292
Dateigröße
555 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Fräuleinfiguren, Horváth, Drama, Ödön von Horváth, Volksstück, Italienische Nacht, Geschichten aus dem Wiener Wald, Glaube Liebe Hoffnung
Arbeit zitieren
Katrin Reichwein (Autor), 2007, Horváths Fräuleinfiguren in ausgewählten Volksstücken, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/83328

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