Das Ideal des Weisen in der stoischen Ethik


Essay, 2000

11 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

In diesem Essay möchte ich die Realisierbarkeit des Ideals des Weisen in der stoischen Ethik untersuchen. Vor allem möchte ich dabei den Fragestellungen nachgehen, inwiefern der stoische Weise allwissend ist und dabei untersuchen, welche Relevanz die stoischen Urteilstheorie dabei hat.

Als Textgrundlage dienen mir vor allem die Fragmentausgaben von Long & Sedley[1]. Auch werde ich den Aufsatz ,,Dialectic and the Stoic Sage“ von A..A. Long heranziehen[2] und mich an dem Text ,,Stoicism” von David Sedley[3] orientieren.

Bevor ich mich dem Ideal des Weisen zuwende, erscheint es mir wichtig zu klären, was Weisheit im Sinne der Stoa bedeutet. Aetios (Fragment 26 A) schreibt: ,,Die Stoiker sagen, Weisheit sei das wissenschaftliche Wissen um Göttliches und Menschliches und die Philosophie sei die Ausübung der Kunst im Bereich des Nützlichen”[4].

Doch was ist mit dem Göttlichen gemeint und - so könnte man weiter fragen - ist nicht jeder Mensch im Besitz dieses Wissens? Was ist demzufolge der Unterschied zwischen gewöhnlichem und ,,göttlichem” Wissen?

Einen Hinweis auf die Beantwortung dieser Fragen scheint Seneca (Fragment 26 F) zu geben: ,,Denn der Weise erforscht und kennt die Ursachen der Naturerscheinungen, während der Geometer deren Zahlen und Maße erhebt und berechnet. Aus welchem Grund die Himmelserscheinungen ihren Bestand haben, welche Kraft ihnen eigen ist und was ihre Natur ist, das weiß der Weise; der Mathematiker (Astronom) dagegen stellt die Regeln für ihre Läufe und Rückläufe zusammen sowie für die Erscheinungen, in deren Verlauf sie untergehen, aufgehen und zuweilen den Eindruck von Stillstand vermitteln... Der Weise kennt die Ursache, warum in einem Spiegel Reflexionsbilder entstehen; dagegen kann der Geometer dir sagen, wie weit der Körper von dem Reflexionsbild entfernt sein muß [...].”[5] An anderer Stelle heißt es (Fragment 26 G): ,,Weisheit heißt, um göttliche und menschliche Angelegenheiten sowie um deren Ursachen zu wissen.”[6]

Die Stoiker differenzieren zwischen verschiedenen Arten von Wissen.

Zenon beschreibt diesen Unterschied mit einer Metapher (Fragment 41 A). Die Vorstellung kommt einer ausgestreckten Hand gleich - doxa; die Zustimmung symbolisiert er damit, dass er die Finger ein wenig einzieht. Der Erkenntnis kommt die zusammengepresste Faust gleich - katalepsis; während das wissenschaftliche Wissen noch zusätzlich durch die linke, die Faust umfassende Hand angedeutet wird - episteme. - . Im Besitz des wissenschaftlichen Wissens sei lediglich der Weise, während die Vorstellung und Zustimmung den minderwertigen Menschen zugeordnet werden.[7]

Ein weiterer Unterschied zwischen dem Weisen und dem Nicht-Weisen ist daran erkennbar, dass der Weise nicht mutmaßt oder falschen Vorstellungen anhängt. Das wird in einem anonymen stoischen Traktat ( Fragment 41 D) deutlich: ,,Wir sagen nun, daß sich daraus, dass der Weise keine Meinungen pflegt, noch mehr Charakteristika ergeben, nämlich: Erstens mutmaßt er nichts, denn das Mutmaßen ist eine nicht erkenntistaugliche Meinung...(3) Daraus folgt überdies, daß die Weisen nicht getäuscht werden können und sich nicht irren werden und daß sie ihr Leben in angemessener Weise führen und in allem gut handeln. Daher verwenden sie auch größere Aufmerksamkeit darauf, sicherzustellen, daß ihre Zustimmungen nicht zufällig, sondern nur in Verbindung mit Erkenntnis erfolgen.”[8]

Ein weiterer Hinweis zum Wissen des Weisen ist bei Stobaeus (Fragment 41 G) zu finden: ,,(1) Aber etwas Falsches, so sagen sie [die Stoiker] nimmt der Weise niemals an, und auf keinen Fall gibt er seine Zustimmung zu etwas Nicht-Erkanntem, da er auch keine Meinungen hat und nichts nicht-weiß. (2) Denn das Nicht-Wissen sei eine veränderbare und schwache Zustimmung. (3) Er nehme aber nichts schwach an, sondern vielmehr [alles nur] sicher und fest, weshalb der Weise eben auch keine Meinungen habe.”[9] An dieser Stelle ist unklar, ob die Stoiker tatsächlich von einer Allwissenheit des Weisen ausgehen. Dieses wird zwar behauptet, doch wird gleichzeitig eingeräumt, er gebe nicht Zustimmung zu etwas Nicht-Erkanntem. Dies impliziert, dass die Option des Nicht-Erkennens auch beim Weisen gegeben sein muss.

[...]


[1] A.A.Long; D.N. Sedley: Die hellenistischen Philosophen: Texte und Kommentare. Übers. von K. Hülser. Stuttgart; Weimar 2000.

[2] A.A. Long: Dialectic an the Stoic sage. In: Stoic Studies. Cambridge 1996. S.85 - 106.

[3] Sedley, David :Stoicism. In: Routledge, encyclopedia of philosophy. Padstow, Cornwall 1998. Volume 9.S.141 - 161.

[4] Im folgenden werde ich anstatt der vollständigen Quellenangabe mit Angabe des Buchtitels nur den Namen des Verfassers angeben.

Long; Sedley. S.183.

[5] Ebd. S.185.

[6] Ebd. S.185.

[7] Ebd. S. 301 f.

[8] Ebd. S.303

[9] Ebd. S.304

Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Das Ideal des Weisen in der stoischen Ethik
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Institut für Philosophie)
Veranstaltung
Stoische Ethik
Note
1,0
Autor
Jahr
2000
Seiten
11
Katalognummer
V83346
ISBN (eBook)
9783638899260
ISBN (Buch)
9783638905206
Dateigröße
431 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Kommentar der Dozentin zu der Arbeit: "Ihr Text gefällt mir ausgezeichnet, Sie haben die verschiedenen Fragen angesprochen und auf interessante Literatur/ Texte Bezug genommen. (...)"
Schlagworte
Ideal, Weisen, Ethik, Stoische, Ethik
Arbeit zitieren
Dominik Sarota (Autor), 2000, Das Ideal des Weisen in der stoischen Ethik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/83346

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