Die affektiven Aspekte von Lernprozessen im historischen Unterricht der Schule - Konzepte


Seminararbeit, 2002
25 Seiten

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Emotionen im Geschichtsunterricht der Schule - Konzepte
2.1. Die Methode der Imagination und der Fiktion. Einfühlendes Schreiben am Beispiel der Dreißigjährigen Krieges
2.1.1. Möglichkeiten der didaktischen Auswahl
2.1.2. Methodische Umsetzung der Idee
2.1.3. Auswertung
2.2. Das Verfahren des Nacherlebens vor dem Hintergrund des Luftkrieges 1940-1945
2.2.1. Didaktische Auswahl
2.2.2. Methodische Umsetzung
2.2.3. Auswertung
2.3. Behutsamere Formen der Vermittlung von Geschichte. `Probehandeln´ als Einstieg in eine Unterrichtseinheit und das Modell der `Filterfiguren´ als Option für den weiteren Ablauf des Unterrichts am Exempel des Nationalsozialismus
2.3.1. Beziehungsaufnahme durch `Probehandeln´
2.3.2. Das Konzept der `Filterfiguren´

4. Auswirkungen auf den Lernprozess

5. Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die vorliegende Hausarbeit thematisiert die emotionalen Aspekte von Lernprozessen im historischen Unterricht der Schule vor dem Hintergrund eines didaktisch/methodischen Entwurfes, welcher in erster Linie für die Erwachsenenbildung konzipiert wurde: der Gruppendynamik nach Tobias Brocher[1]. Der zentrale Gedanke der Gruppendynamik nach Brocher besteht darin, dass die Lernenden den Lernprozess selbst organisieren. Denn,

„Das neue Prinzip der Gruppendynamik [...]” begreift „Führung [...] nicht mehr als die Funktion eines Leiters oder Vorsitzenden [...], sondern als eine Funktion der Gruppe selbst, d.h. a l l e r Gruppenmitglieder.”[2]

Die Entstehung der Gruppendynamik kann auf mehrere Einflussfaktoren zurückgeführt werden. Erste Ansätze finden sich in der Reformpädagogik der 20er Jahre. Als Ergebnis dieser Bemühungen ergab sich, dass die Lernfähigkeit mit den wachsenden Möglichkeiten zur Eigenaktivität zunimmt.[3] Später traten Forschungen über Führungsstile, die Wege zur sich selbst führenden Gruppe aufzeigten daneben.[4] Weiterhin prägen die Entdeckungen der frühen Psychoanalyse, die erkannt hatte, dass es beim Lernen nie allein um Sachverhalte, sondern immer auch um Emotionen geht[5], die Entwicklung der Gruppendynamik. Letztendlich ist Gruppendynamik

„[...] aus einer Integration von psychoanalytischem und sozial-psychologischen Beobachtungen entstanden und weiterentwickelt worden.”[6]

Diese Hausarbeit lenkt den Blick nun auf diese affektiven Anteile des Lernvorgangs und stellt eine Verbindung her zu einem bedeutendem Anliegen der Gruppendynamik: der „[...] Einübung einer sensibleren Wahrnehmungsfähigkeit für die Wirkungen und Bedeutungen eigenen und fremden Handelns”[7].

Allerdings kann das Konzept des `selbstorganisierten Lernens´ nicht ohne weiteres auf die Schule übertragen werden, da immer gesehen werden muss, dass Schülerinnen und Schüler andere Lernbedingungen vorfinden als Erwachsene, die sich fort- oder weiterbilden, da Schülerinnen und Schüler, im Gegensatz zu Erwachsenen, erstens nicht freiwillig in den Unterricht gehen und zweitens einer Leistungsbeurteilung unterliegen. Vor diesem Hintergrund sollen geeignete Möglichkeiten aufgezeigt werden, wesentliche Elemente der Gruppendynamik im historischen Unterricht der Schule umzusetzen. Hier greifen jüngere Forschungen der Didaktik der Geschichte, zumeist gestaltpädagogische Konzeptionen, die auf eine Thematisierung von Emotionen in der Schule abzielen. Damit wird eine Brückenfunktion hergestellt, gerade weil die Auseinandersetzung mit Gefühlen im Schulunterricht gruppendynamischen Modellen wie Tobias Brocher sie für die Erwachsenenbildung entwickelt hat nebst dem weiteren außerschulischen ganz individuellem Bildungsweg des Einzelnen vorgreift, da jener Lernende, der sich bereits in seiner Schulzeit mit seinen eigenen Gefühlen in der Gruppe, das heißt der Schulklasse, beschäftigt hat, später begünstigt sein wird die jeweilige Lösung von Aufgaben oder Problemen eigenverantwortlich als Teil der Gruppe zu bewerkstelligen. Damit wird dem zentralen Prinzip der Gruppendynamik nach Brocher, welches die Führung der Gruppe „[...] als eine Funktion der Gruppe selbst, d. h. a l l e r Gruppenmitglieder.”[8] betrachtet, Vorschub gegeben.

Vor dem Hintergrund dieser Konstellation ergibt sich die zentrale Fragestellung dieser Hausarbeit: Welche Möglichkeiten der Umsetzung bieten emotionale Aspekte innerhalb des historischen Lernprozesses für die Vermittlung von Geschichte in den Schulen der Sekundarstufe I und wie wirkt sich die Thematisierung von Emotionen auf den Lernprozess aus ?

2. Emotionen im Geschichtsunterricht der Schule - Konzepte

Anhand drei verschiedener Unterrichtseinheiten, die in unterschiedlichen Schulklassen durchgespielt wurden, sollen exemplarisch Möglichkeiten aufgezeigt werden, Emotionen im historischen Unterricht der Sekundarstufe I einzusetzen.

2.1. Die Methode der Imagination und der Fiktion. Einfühlendes Schreiben am Beispiel der Dreißigjährigen Krieges

Da Frieder Stöckle, der über eine Unterrichtseinheit über den Dreißigjährigen berichtet, Realschullehrer ist,[9] ist davon auszugehen, dass er diesen Versuch in einer Realschulklasse durchführte. Zu Beginn seiner Ausführungen stellt Stöckle geeignete Medien vor, die als Einstieg genutzt werden können, um die Schülerinnen und Schüler für die gewählte Thematik zu sensibilisieren. In einem zweiten Teil präsentiert er didaktisch-methodische Überlegungen.

2.1.1. Möglichkeiten der didaktischen Auswahl

Stöckle schlug ausschließlich zeitgenössische Quellen vor, die Emotionen artikulieren. Dazu gehören eine visuell-ästhetische und zwei weitere literarische Quellen. Außerdem zog er zwei Chroniken heran. Bei der visuell-ästhetischen Quelle handelt es sich um die abgedruckte Fotokopie eines Holzschnittes aus dem Jahre 1498 von Albrecht Dürer, der die vier `apokalyptischen Reiter´ aus der `Offenbarung Johannis´ zeigt. Diese Bildquelle eignet sich besonders als thematischer Einstieg, weil sie „[...] die dunklen und bedrohenden Phänomene, die kollektiven Emotionen, die Ängste und Bangigkeiten [...]”[10] des Mittelalters zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges transportiert. Die vier Reiter symbolisieren jeweils

„den nach neuen Eroberungen lüsternen Sieger, seinen Gehilfen, den Krieg, sein Gefolge den Hunger, die Waage symbolisiert das unerschwinglich teuer gewordene Getreide, und schließlich den Tod.”[11]

Alternativ kann das Gedicht `Thränen des Vaterlandes´ von Andreas Gryphius aus dem Jahre1634 als Unterrichtseinstieg genutzt werden. Der Text drückt

„[...] die Greuel, Schrecken und Untergangsstimmung der Zeit zwischen 1618 und 1648 [...]”[12] aus. Diese Affekte verdichten sich sich zu einem Gefühl der Angst.

„Der Autor - davon darf man ausgehen - artikuliert, wenn auch in zeitbebedingt-konventionalisierter Form, kollektive Affekte, und zwar handelt es sich bei der Grundstimmung um die Gefühlsdimension der Angst, des bittersten Leids und der Verzweiflung.”[13]

Bei dem zweiten literarischen Einstieg handelt es sich um eine autobiographische Ich-Erzählung eines kindlich-jugendlichen Helden. Dieser Text beschreibt den Schrecken der Zeit aus infantiler Perspektive.

Der Erzähler blendet die schreckliche Realität durch positive Assoziationen gleichsam aus. Diese kindlich-naive Distanz des Ich-Erzählers drängt die Schülerinnen und Schüler zur Imagination. Die Stadtchronik von Hans Heberle `Zeytregister´ eignet sich gleichfalls, die Aufmerksamkeit der Lernenden zu wecken. Die Chronik erfasst den Zeitraum zwischen 1618 - 1672. Diese Aufzeichnungen des Schumachers Hans Heberle, der auch aus einer Schumacherfamilie kommt, stammt aus dem Ulmer Territorium und schildert den Dreißigjährigen Krieg aus der Sicht der einfachen Landbevölkerung.

„Das `Zeytregister´ beschreibt das Leben der Bauern auf dem Lande, ihre Sorgen und Nöte [...]”[14] Allgemeine Phänomene der Zeit, in erster Linie religiös begründete Angstgefühle, wie göttliche Erwartungsangst gekoppelt mit Schuldgefühlen und ebenso religiös motivierte Angst von außen durch Zeichen mit einem gemeinsamen Bezugsrahmen für alle Menschen, werden durch diese Quelle eingefangen.

Als weiteres Medium schlägt Stöckle eine `Bietigheimer Stadtschreibechronik´ vor. Auch hier dominiert die Darstellung kollektiv wahrgenommener Angstgefühle, die religiös begründet werden. Die `Bietigheimer Stadtschreibechronik´ beschreibt den christlichen Geist der Zeit. Religiöse Hinweise wie ein gesichteter Komet oder feuriger Luftspaltung sollen die Bürger zur Abkehr von ihrem unchristlichen Lebensstil bewegen. Da diese Warnungen nicht ernst genommen wurden ereignete sich im Jahre 1634 schließlich ein Unglück, nämlich die Schlacht von Nördlingen, die als göttliche Züchtigungsmaßnahme hingenommen wurde.

2.1.2. Methodische Umsetzung der Idee

Eine methodische Möglichkeit für die emotionsorientierte Vermittlung von Geschichte ist die fiktive Textproduktion. Stöckle hatte das Ziel die Schülerinnen und Schüler dazu veranlassen „[...] das Potential des Imaginativen aus dem Rezeptiven heraus ins Produktive zu wenden.”[15] Besonders Texte, die „[...] Identifikation, Imagination und Emotion in Verbindung mit der Dramaturgie einer Handlung ermöglichen [...]”[16], können für die Methode der Imagination und Fiktion genutzt werden. Stöckle wählte neben zwei der bereits vorgestellten Quellen, der autobiographischen Ich-Erzählung eines Kindes und dem Gedicht von Andreas Gryphius, einen Autorentext aus dem benutzten Schülergeschichtsbuch[17], eine zeitgenössische Quelle über die Plünderung und Niederbrennung der Stadt Magdeburg[18], einen poetischen Text von Martin Opitz[19], einen lokalbezogenen Kurztext über die Beschießung der Stadt Schorndorf und dem damit zusammenhängenden Stadtbrand von 1634[20] sowie die Einwohnerstatistik von Schorndorf aus den Jahren 1463 / 1514 / 1550 /

1618 / 1636 / 1654 / 1684 und 1855.[21] Das produktionsorientierte, einfühlende Schreiben kann durch folgende Merkmale gekennzeichnet sein: - Entwurf eines Szenarias, wobei der Verfasser die Dramaturgie selbst festlegen kann - beschreibende und erzählende Gestaltung der Textproduktion

- Zulassung von Metaphern und Bildern
- auf Dialoge basierende Orientierung
- unter Einschluss des inneren Monologs als besondere Beteiligungsform

[...]


[1] Tobias Brocher veröffentlichte zahlreiche Publikationen über die Gruppendynamik. Darunter

sein Hauptwerk: Gruppendynamik und Erwachsenenbildung. Einschließlich der Neuauflage

unter dem späteren Titel: Gruppenberatung und Gruppendynamik gedieh dieses Werk zu 17

Ausgaben

[2] Brocher, S. 29

[3] vgl. ebd., S. 18f.

[4] vgl. ebd., S. 27ff.

[5] vgl. dazu die Forschungen Sigmund Freuds und darauf aufbauend die von E. H. Erikson dar-

gestellt in Brocher (1976), S. 20ff.

[6] Brocher, S. 23

[7] ebd., S. 24

[8] ebd., S. 29

[9] vgl. Stöckle, S. 228 Fußnote 12

[10] Stöckkle, S. 217

[11] ebd.

[12] ebd., S. 219

[13] ebd., S. 220

[14] ebd., S. 223

[15] ebd., S. 229

[16] ebd., S. 229

[17] Heuman, Hans: Geschichte für morgen. Bd. 2. Frankfurt 1981, zit. n. Stöckle, S. 231

[18] Dollinger, Hans: Schwarzbuch der Weltgeschichte. München 1973, zit. n. Stöckle, S. 231

[19] Opitz, Martin: Trosgedicht in den Widerwärtigkeiten des Krieges, zit. n. Stöckle, S. 231

[20] Stadtarchiv Schorndorf, zit. n. Stöckle, S. 231

[21] ebd.

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Die affektiven Aspekte von Lernprozessen im historischen Unterricht der Schule - Konzepte
Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg
Veranstaltung
Gruppendynamik und die Gestaltung von Lehr- und Lernprozessen.
Autor
Jahr
2002
Seiten
25
Katalognummer
V83355
ISBN (eBook)
9783638040167
ISBN (Buch)
9783638936651
Dateigröße
561 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Aspekte, Lernprozessen, Unterricht, Schule, Konzepte, Gruppendynamik, Gestaltung, Lehr-
Arbeit zitieren
Carsten Becker (Autor), 2002, Die affektiven Aspekte von Lernprozessen im historischen Unterricht der Schule - Konzepte, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/83355

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Die affektiven Aspekte von Lernprozessen im historischen Unterricht der Schule - Konzepte


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden