Männliche Herrschaft - Die Dominanz des männlichen Geschlechts aus der Sicht Pierre Bourdieus und im Feld der Hochschule


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005
36 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das Leben Pierre Bourdieus

3. Bourdieus soziologische Denkweise

4. Pierre Bourdieu - Die männliche Herrschaft
4.1 Das Geschlecht - eine gesellschaftliche Konstruktion
4.2 Habituskonzept und die Somatisierung der Herrschaftsverhältnisse
4.3 Exkurs: Feldkonzept und Kapitalkonzept
4.4 Die Ausgrenzung der Frau aus sozialen Feldern
4.5 Bourdieus Forderung

5. Frauen im wissenschaftlichen Feld
5.1 Die Bestimmung der Frau
5.2 Frauenbewegung und politische Verfassung
5.3 Die Zulassung von Frauen zum Studium
5.4 Das Sozialprestige akademischer Berufe
5.5 Asymmetrische Geschlechterkultur an der Hochschule

6. Studentische Lebensstile und Geschlecht
6.1 Methodische Anlage und Daten der Untersuchung
6.2 Wohnen und Schlafen
6.3 Bezugsquelle der Kleidung und Ernährungsvorlieben
6.4 Ergebnisse

7. Zusammenfassung und Ausblick

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die feministische Geschlechterforschung scheint seit den 90er Jahren still zu stehen. Es droht sogar die Gefahr wieder in die Vergangenheit zu rutschen. Die Frau verliert wieder den neu gewonnen Status als politische Akteurin.

Pierre Bourdieus Theorie der Geschlechterungleichheit stellt einen „Ausweg aus den politischen Sackgassen der poststrukturalistische[n] Geschlechterforschung“ (Rade- macher 2002: 145) da. Mit seinem Aufsatz „Die männliche Herrschaft“ (Bourdieu 1997a) beteiligt sich Bourdieu an der Diskussion, bei der das Geschlecht als „zentrale Kategorie für das Verständnis der modernen Gesellschaft in der Soziologie (...) ver- ankern[t] (wird)“ (Krais 2001: 317). Bourdieu versucht zu analysieren und zu erklä- ren, wie es überhaupt zu einer Einteilung der Welt in männlich und weiblich kommt, wie es weiterhin zu einer Form männlicher Dominanz kommt und wie diese sich kontinuierlich behaupten kann. Hierzu hat er über Jahre hinweg die kabylische Ge- sellschaft beobachtet und deren Verhalten und besonders deren Arbeitsteilung ana- lysiert.

Zunächst deshalb ein Blick auf den Menschen Bourdieu. Wann hat er gelebt, wie ist er aufgewachsen, was hat er erlebt und was hat ihn dazu bewegt, sich mit der kabylischen Gesellschaft zu beschäftigen und auseinander zusetzen?

Im nächsten Schritt soll kurz in Bourdieus Denkweise eingeführt werden, bevor anschließend Bourdieus Aufsatz „Die männliche Herrschaft“ (Bourdieu 1997a) im Vordergrund steht. Es gilt aufzuzeigen, wie es überhaupt zur Aufteilung in die beiden Geschlechtsausprägungen männlich und weiblich kommt. Anschließend soll analysiert werden, warum die männliche Herrschaft dominiert, wie diese dauerhaft bestehen kann und was Bourdieu als Ausweg vorschlägt.

In diesem Teil soll auch auf einige Aspekte des im Seminar erarbeiteten Instrumenta- rium Bourdieus eingegangen werden, besonders auf das Habitus-, Feld- und Kapi- talkonzept.

Nicht immer konnten Frauen eine Schulausbildung genießen, einen Abschluss ma- chen, geschweige denn eine Hochschule besuchen. Sie wurden nicht als vollwertige und eigenständige Personen angesehen, sondern wurden immer über Männer defi- niert. Ehefrau, Mutter und Hausfrau waren die Rollen, die einer Frau zukamen. Frauen mussten darum kämpfen, als eigenständige Person anerkannt zu werden, der ein Schulabschluss und eine anschließende akademische Laufbahn zugestanden wird. Welche Gründe führten zu dieser Entwicklung? Wann durften Frauen sich zu einem Studium in der Hochschule einschreiben? Und wie wurde das von der Män- nerwelt aufgenommen?

Im Folgenden gilt aufzuzeigen, dass innerhalb der Hochschule nach wie vor die männliche Herrschaft dominiert und Frauen es auch heute noch schwer haben, hier ihren Platz zu finden.

Im letzten Teil der Hausarbeit wird eine Studie von Steffani Engler vorgestellt, die eine Verbindung zwischen Bourdieus Konzept des Habitus und dem Feld der Hochschule darstellt (vgl. Engels 1997).

Steffani Engler versucht durch ihre Studie aufzuzeigen, inwieweit unterschiedliche Lebensstile der Studierenden zu Veränderungen oder Festschreibungen von Geschlechter- und Klassenverhältnissen beitragen. Weiterhin möchte sie aber auch mit dieser Studie herausfinden, welches der beiden Merkmale „Geschlecht“ und „Klasse“ das grundlegendste, primäre Merkmal des Habitus ist. Sie befragt dazu männliche und weibliche Studierende vier verschiedener Studienfächer zu ihren Gewohnheiten bezüglich Wohnen, Schlafen, Ernährung und Kleidung.

Im ersten Schritt ist es notwendig, die methodische Vorgehensweise der Studie von Steffani Engler zu erläutern. Anschließend ist zu zeigen, zu welchen Ergebnissen sie bei dieser Studie, bezüglich der vier Merkmale des Lebensstils, gelangt ist, bevor abschließend diese diskutiert werden können.

2. Das Leben Pierre Bourdieus

Pierre-Félix Bourdieu wurde am 1. August 1930 in Denguin/ Frankreich, in der Nähe von Pau, geboren. Sein Vater war Briefträger und übernahm später ein Postamt, ob- wohl er aus einem bäuerlichen Elternhaus stammte. Bourdieu erfuhr so schon früh was es heißt, ein Grenzgänger oder Überläufer zu sein, da er nicht wirklich zu den Bauern auf dem Land, aber auch nicht zu den Menschen aus der Stadt gehörte. Aufgrund dieser Erfahrungen beschäftigte sich Bourdieu später mit Untersuchungen zum Bildungssystem. Am berühmten Lycée Louis-le-Grand in Paris absolvierte Bourdieu 1951 die Vorbereitungsklasse, an dem Durkheim, Voltaire und Sartre studiert hatten (vgl. Bourdieu 2003: 23).

Bourdieu studierte ab 1951 in Paris an der École Normale Supérieure das Fach Philosophie. Nach dem akademischen Abschluss 1954 nahm er zunächst für ein Jahr eine Stelle als Philosophielehrer an einem Gymnasium in Moulins an, bevor er 1955 „zum Militärdienst nach Algerien einberufen“ (ebd.: 24) wurde. Er wurde einem Re- giment zugeteilt, welches in Algerien unter anderem Flugstützpunkte schützen soll- te.

Nach Ende seiner Dienstzeit, blieb Bourdieu in Algerien als Assistent für Soziologie an der dortigen Universität und wechselte zunächst von der Philosophie zur Ethnologie und später zur Soziologie. Er unternahm in dieser Zeit ethnologische Studien über das Leben der Menschen in Algerien (vgl. ebd.: 26). Von 1962 bis 1964 arbeitet Bourdieu an der Universität Lille und anschließend wird er Forschungsdirektor an der Pariser Ecole pratique des Hautes Etudes. 1975 gründet Bourdieu die Zeitung Actes de la recherche en sciences sociales (vgl. ebd.: 68). Seit 1981 hatte Bourdieu einen Lehrstuhl am Collège de France.

Im Jahre 1993 wurde er mit der „Médaille d'or du Centre National de la Recherche Scientifique“ (CNRS) ausgezeichnet, 1989 wurde ihm von der Freien Universität Berlin die Ehrendoktorwürde verliehen.

Am 23. Januar 2002 stirbt Pierre Bourdieu an einem Krebsleiden im Pariser Hôpital Saint-Antoine (vgl. ebd.: 169).

3. Bourdieus soziologische Denkweise

Pierre Bourdieu und seine Arbeiten werden oft von anderen Wissenschaftlern missverstanden. Der Grund hierfür könnte darin liegen, dass diese Wissenschaftler Denkschemata auf Bourdieus Texte anwenden, ohne diese zu hinterfragen.

Bourdieus Arbeiten zeichnen sich durch eine „relationale Betrachtungsweise“ (Engler 2003: 231) aus. Er hinterfragt gerade auch grundlegende Dinge und nimmt sie nicht als selbstverständlich hin. Bourdieu macht „die soziale Praxis von Akteu- rinnen und Akteuren zum Gegenstand“ (ebd., 233) seiner Analysen. Diese „substan- tiellen ‚Realitäten’“ (Bourdieu 1998: 7), wie beispielsweise Gruppen oder Individuen, sollen wie soziale Tatbestände behandelt werden. Denn Bourdieu ist der Meinung, dass jedes Gefüge anders ist und deshalb kein einheitliches Muster auf dieses ange- wendet werden kann. Jedes Gefüge muss für sich behandelt werden (vgl. Engler 2003: 233).

Er ist also gegen die Einteilung der Welt in typische Klassifikationen, Schemata oder Dualismen, wie z.B. die Einteilung der Welt in männlich und weiblich. Sein soziales Denken ist ein Bruch mit diesem „Substanzdenken“ (Engler/ Zimmermann 2002: 37). Genau dies fordert Bourdieu auch von anderen Wissenschaftlern. Sie sollen sich selbst als Konstrukteure verstehen, Denkschemata nicht hinnehmen, sondern diese selber zum Untersuchungsgegenstand machen und neu konstruieren (vgl. ebd.: 45).

Hinzu kommt, dass der Betrachter sich nie außerhalb des Gefüges sieht kann und infolgedessen keinen neutralen Standpunkt einnimmt. Er ist Teil innerhalb des Gefüges. Somit müssen auch die Wahrnehmungs- und Denkschemata von diesem Standpunkt aus reflektiert werden (vgl. Engler 2003: 234).

In Bourdieus Texten kommt es deshalb auch nie oder nur selten vor, dass er Definitionen, schematische und formale Festlegungen von anderen Wissenschaftlern übernimmt und benutzt.

4. Pierre Bourdieu - Die männliche Herrschaft

Pierre Bourdieu beteiligt sich mit seinem Aufsatz „Die männliche Herrschaft“ an der Geschlechterforschung, mit der sich die Soziologie erst seit den 70er Jahren ernsthaft beschäftigt hat (vgl. Krais 1993: 208). Er steuert so einen literarischen Beitrag zur feministischen Literatur und zum Thema ‚Geschlecht’ bei.

Bourdieu schafft einen „methodologischen Kunstgriff“ (Bourdieu 1997a: 155), indem er „die anthropologische Analyse auf Strukturen der kollektiven Mythodologie anwende[t]“ (ebd.). Er wendet sich bewusst einer anderen, der westlichen Welt fremden Gesellschaft - der kabylischen Gesellschaft - zu, um so einen „distanzierten ethnologischen Blick“ (Rademacher 2002: 146) für seine Forschungsarbeit zu schaffen. Die kabylische Gesellschaft kennt nur die soziale Differenzierung nach dem Geschlecht.

4.1 Das Geschlecht - eine gesellschaftliche Konstruktion

Die Gesellschaft, so wie wir sie kennen, ist ohne hinterfragt zu werden in die beiden Geschlechtsausprägungen männlich und weiblich eingeteilt, „um der Welt eine Ordnung zu geben“ (Krais 1993: 213). Diese kulturell erzeugte Einteilung der Welt drückt sich in Redewendungen und Sprichwörtern, in Darstellungen, aber auch in menschlichen Praktiken aus, z.B. in Verhaltensweisen, im Handeln sowie im Auftreten (vgl. Bourdieu 1997a: 159). Wir übernehmen diese Einteilung, ohne sie in Frage zu stellen. Sie wird als selbstverständlich, als natürlich empfunden. Bourdieu spricht hier, ohne diese Selbstverständlichkeit zu befürworten, von „doxa“ (Bourdieu 1997a: 160): Einteilungen, Definitionen, Werte, die als natürlich, selbstverständlich und als unabwendbar angesehen werden und deshalb vor Fragungen und Zweifeln „geschützt“ sind (vgl. ebd.). Die Geschlechterunterschiede werden also durch Klassifikationsschemata vermittelt und so in die Köpfe eingetrichtert, so dass „das Kulturelle als Natur erscheint“ (Rademacher 2002: 146).

Der Mann (vir) ist ein besonderes Wesen, das sich als allgemeines Wesen (homo) erlebt, das faktisch und rechtlich das Monopol auf das Menschliche als Träger des menschlichen Daseins schlechthin zu fühlen (ebd.).

Mit diesem Satz verdeutlicht Bourdieu die selbstverständliche Einteilung der Welt und auch die männliche Dominanz, die aus dieser Selbstverständlichkeit heraus an Macht gewinnt. In der französischen Sprache gibt es für das Subjekt Mann und für das Subjekt Mensch nur ein Wort: homme. Dieses Wort bezeichnet also „nicht nur das männliche menschliche Wesen, sondern das menschliche Wesen im allgemeinen“ (ebd.). Die maskuline Form wird für das Menschliche benutzt. Diese Tatsache wurde bis zur modernen Frauenforschung nie hinterfragt, sondern als Selbstverständlichkeit anerkannt.

Die „Natur der Dinge“ (Bourdieu 1997a: 159), die Einteilung in männlich und weiblich ist in den Köpfen der Menschheit verinnerlicht. Bourdieu sieht dies als Resultat dafür, dass auch weiterhin alles in das Gegensatzpaar männlich/ weiblich eingeteilt und klassifiziert wird (vgl. ebd.: 161).

Die männliche Weltsicht erscheint also als ein „scheinbar natürliches Fundament“ (ebd.: 172) und die Definition des Körpers ist laut Bourdieu das „Produkt einer um- fassenden gesellschaftlichen Konstruktionsarbeit“ (ebd.), bei der die Sicht der Welt in „relationale Arten“ (ebd.), wie z.B. männlich und weiblich, eingeteilt wird. Diese so- zialen Unterschiede zwischen Mann und Frau werden mit den biologischen Unter- schieden, die offensichtlich sind, begründet. Die biologischen und anatomischen Un- terschiede zwischen dem männlichen und dem weiblichen Körper erscheinen also als „unanfechtbare Rechtfertigung des gesellschaftlich konstruierten Unterschieds zwi- schen den Geschlechtern“ (ebd.: 169). Hieraus resultiert aber auch die Legitimation des Herrschaftsverhältnisses, bei dem die Frau vom Mann beherrscht wird. Die männliche Herrschaft erscheint als eine „nicht hinterfragbare Gegebenheit“ (Dölling 2004: 77).

Um nun den Bogen zur Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern zu spannen, schreibt Bourdieu, dass die Wahrnehmung der Sexualorgane und der sexuellen Aktivität von Wahrnehmungskategorien strukturiert wird, die schließlich auf die geschlechtliche Arbeitsteilung verweisen (vgl. Bourdieu 1997a: 177). Hiermit meint Bourdieu erneut die Dualismen, in die wir die Welt gliedern.

Frauen werden Arbeiten zugewiesen, die sich im Inneren, Drinnen, im Haus abspielen. Bourdieu spricht vom „Feuchten, [...] Gekrümmten, [...] Kontinuierlichen“ (ebd.). Die Aufzucht der Kinder, die Versorgung der Tiere, Gartenarbeit, Arbeiten mit Holz, sowie dreckige, mühsame und monotone Arbeiten sind Aufgaben des weiblichen Geschlechts. An anderer Stelle schreibt Bourdieu, dass Frauen arbeiten verrichten, bei der sie der Natur nur assistieren, wie z.B. beim Grasauflesen für das Vieh (vgl. Bourdieu 1997a: 208). Ihre Aufgaben werden nicht als wichtig und notwendig anerkannt, sondern nur als Hilfsarbeiten.

Männern hingegen werden Arbeiten zugewiesen, die sich Draußen, in der Öffentlichkeit abspielen. Arbeiten, die offiziell sind, im Trockenen stattfinden und zudem gefährlich, spektakulär und niemals monoton oder von langer Dauer sind (vgl. ebd.: 161). Für sie sind diese Aufgaben Unterbrechungen vom alltäglichen Le- ben, eine Abwechslung, wie z.B. das Schlachten von Tieren, die Ernte oder sogar die Kriegsführung.

Die Arbeitsteilung wird genau definiert, so dass zwei Seiten entstehen; die eine wird dem weiblichen und die andere dem männlichen Geschlecht zugeschrieben. Bourdieu spricht von der Einteilung in Dualismen, in die die Welt gegliedert wird. Dieses daraus resultierende dualistische Denkschemata ist auf alles anwendbar.

Des Weiteren geht Bourdieu näher auf die Geschlechtsorgane ein und verdeutlicht, dass diese mit positiven und negativen Gegensätzen behaftet sind. Dies war aber nicht immer so, denn bis zur Renaissance verfügte man über keine Begriffe zur Be- schreibung des weiblichen Geschlechtsorganes. Die Vorstellung zu dieser Zeit war die, dass Frauen dieselben Organe wie Männer haben, diese aber anders angeordnet sind (vgl. ebd.: 180).

Bourdieu arbeitet heraus, dass die Vagina einen negativen Ruf hat, weil sie als „klebriges Loch“ (ebd.: 179), als „hohl, unausgefüllt“ (ebd.: 181) beschrieben wird. Hinzu kommt die Verurteilung der Umkehrung des Phallus ins Negative. Beim Geschlechtsakt ist die Frau diejenige, die sich oben, auf dem Manne befindet. Die normale Beziehung sieht aber so aus, dass der Mann der Mächtige ist. Er ist derjenige, der sich oben befindet. Diese Beziehung wird beim Geschlechtsakt ins Gegenteil umgekehrt (vgl. ebd.: 182).

Bourdieu führt den „ Ursprungsmythos “ ein, den die Kabyler zur Legitimation für die Positionen der Geschlechter bei der Arbeitsteilung sich zunutze machen:

Der erste Mann trifft die erste Frau an einem Brunnen. Er stößt sie an, als dieser am Brunnen Wasser gegen seinen Durst trinken möchte, so dass sie zu Boden fällt und er ihre Schenkel erblickt. Während der Mann vor Staunen erstarrt, zeigt die Frau ihm, wie er seine Organe benutzen kann, indem sie sich auf ihn legt. Der Mann empfindet Genuss dabei, so dass er ihr überall hin folgt, um es zu wiederholen. Doch eines Tages sagte er zu ihr, er möchte auch ihr etwas zeigen. Sie solle sich hinlegen und er würde sich auf sie legen. Die Frau fügt sich seinem Willen und auch hierbei empfin- det er Genuss. Deshalb sagte er zur Frau: „Am Brunnen bist du es (die zu sagen hat), im Haus bin ich es.“ (Bourdieu 1997a: 182). Seither ist die Aufteilung zwischen Mann und Frau klar definiert, die Männer herrschen über die Frauen. Dem „anomischen Akt“ (ebd.: 183) der Frau am Brunnen, bei der die Frau die Initiative übernimmt und der Natur folgt, wird der „konforme Akt“ (ebd.) des Mannes gegenübergestellt, der kulturell geprägt ist und im Haus stattfindet.

Bourdieu erklärt weiterhin, dass es Ablösungsriten gibt, die zum Ziel haben, dass sich der Junge von seiner Mutter als Verkörperung des Weiblichen löst. Die Beschneidung des Jungen ist z.B. eine „Arbeit an der Vermännlichung“ (ebd.: 184). Auch bei den Mädchen gibt es eine psychosomatische Arbeit. Die Frau wird als „negatives, […] durch Mangel bestimmtes Wesen“ (ebd.) bezeichnet. Die ganze Sozialisationsarbeit muss nun darauf abzielen, dass Prinzipien der weiblichen Le- bensform gelernt und in den Körper eingeschrieben werden. Mädchen müssen ler- nen, sich so ihrem Status entsprechend zu kleiden. Ihre Kleidung muss erkennen lassen, ob sie ein kleines Mädchen, eine heiratsfähige Jungfrau, eine bereits verheiratete Frau und/ oder eine Mutter einer Familie sind. Hinzu kommen das Verhalten, die Gestik und die Mimik, die ihren Status ebenso widerspiegeln müssen. Bei den Jungen als auch bei den Mädchen soll dieser Sozialisationsprozess ins Un- bewusste aufgenommen werden und in den Habitus fließen, so dass das Verhalten unhinterfragt wiedergegeben werden kann (vgl. ebd.: 185).

Bis heute hat sich dieses „System der grundlegenden Gegensätze“ (ebd.) durchgesetzt und ist erhalten geblieben. Die Frau ist aufs Innere, auf das „Universum des Hauses“ (Bourdieu 1997a: 185) beschränkt, welches der „biologischen, sozialen sowie symbolischen Reproduktion gewidmet ist“ (ebd.), mit anderen Worten der Aufzucht der Kinder. Dem Mann hingegen steht die Welt außerhalb des Hauses zur Verfügung, das „Universum des Unternehmens, das auf die Produktion und den Profit gerichtet ist“ (ebd.). Bourdieu geht einen Schritt weiter und stellt die Frage, warum sich niemand gegen dieses Denkschemata erhebt oder es in Frage stellt. Warum erscheint dieses Herrschaftsverhältnis als natürlich und warum wird es weiterhin reproduziert (vgl. Engler 2003: 238)?

Obwohl Frauen bei dieser Arbeitsteilung benachteiligt werden, sie die Beherrschten sind, scheinen sie ihre Situation zu akzeptieren, sich dem zu fügen. Bourdieu folgert hieraus, dass diese „sanfte, unsichtbare, unmerkliche Diskriminierung [...] nur mit der abgepreßten und gleichfalls unbewußten Komplizenschaft der Frau möglich [ist]“ (Bourdieu 1997b: 228). Es muss eine Zustimmung seitens der Beherrschten geben, „die nicht auf der freiwilligen Entscheidung eines aufgeklärten Bewusstseins beruht, sondern auf der unmittelbaren und vorreflexiven Unterwerfung der soziali- sierten Körper.“ (Bourdieu 1997a: 165). Die Beherrschten wenden die Denkschemata an, welche sie ohne es zu hinterfragen verinnerlicht haben und deshalb auch ohne zu hinterfragen weiter anwenden. Aus der Sicht der Herrschenden erscheinen dieser Prozess der Verinnerlichung und damit die Unterdrückung als ganz natürlich. Die Männer üben keine direkte Gewalt auf die Frauen auf, indem sie sie nötigen oder einschüchtern. Aber da sie diese festgefahrenen Denkschemata, in denen Frauen als minderwertiger angesehen werden, akzeptieren, üben sie eine verdeckte Form der Gewalt aus, die Bourdieu als „symbolische Gewalt“ (ebd.: 166) bezeichnet. Claudia Rademacher formuliert es wie folgt: „Die symbolische Gewalt im Geschlechterver- hältnis materialisiert sich [...] in der Habitualisierung und Somatisierung der Geschlechterkonstruktion“ (Rademacher 2002: 147). Und Beate Krais schreibt hierzu:

Sie [die symbolische Gewalt] setzt voraus, dass subjektive Strukturen - der Habitus - und objektive Verhältnisse im Einklang miteinander sind, dass inkorporiert ist, ‚was sich gehört’ (Krais 2001: 325).

Die Gesellschaft schafft Prinzipien, die spezifisch für Mann oder Frau sind und die ihnen während ihrer Sozialisierung beigebracht, ja einverleibt werden.

[...]

Ende der Leseprobe aus 36 Seiten

Details

Titel
Männliche Herrschaft - Die Dominanz des männlichen Geschlechts aus der Sicht Pierre Bourdieus und im Feld der Hochschule
Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen  (Institut für Soziologie)
Veranstaltung
Intensievseminar - Das soziologische Instrumentarium Pierre Bourdieus
Note
2,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
36
Katalognummer
V83364
ISBN (eBook)
9783638899345
ISBN (Buch)
9783638905251
Dateigröße
487 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Männliche, Herrschaft, Dominanz, Geschlechts, Sicht, Pierre, Bourdieus, Feld, Hochschule, Intensievseminar, Instrumentarium
Arbeit zitieren
Jessica Hurtak (Autor), 2005, Männliche Herrschaft - Die Dominanz des männlichen Geschlechts aus der Sicht Pierre Bourdieus und im Feld der Hochschule, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/83364

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