Die Rückkehr Chinas nach Afrika. Chinas aktuelles Engagement in Afrika aus entwicklungspolitischer Sicht


Diplomarbeit, 2007
111 Seiten, Note: Sehr gut

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abstract

Abkürzungsverzeichnis

1 Einleitung

2 Historischer Überblick
2.1 Die Ursprünge sino-afrikanischer Beziehungen
2.2 Sino-afrikanische Beziehungen nach 1949: Die Volksrepublik China und Afrika
2.2.1 Annäherung im Rahmen der Blockfreien-Bewegung und chinesische Unterstützung für afrikanische Unabhängigkeitsbewegungen
2.2.2 Afrikas Bedeutung im Konflikt zwischen der Volksrepublik China und Taiwan
2.2.3 Die späten 1960er-Jahre: Rückschläge in Chinas Bemühen um Afrika
2.2.4 Aufleben der sino-afrikanischen Beziehungen nach der Hochphase der Kulturrevolution
2.2.5 Maos Tod: Beginn einer neuen Ära
2.2.6 Tiananmen und die Folgen für die Beziehungen zwischen China und Afrika
2.3 Die ersten vier Jahrzehnte chinesischer Entwicklungshilfe an Afrika
2.3.1 Die Anfänge: „The poor are helping the poor“
2.3.2 1960er-Jahre: Umwerben der neuen afrikanischen Staaten
2.3.3 Kulturrevolution: Kein Ende der Hilfe
2.3.4 1970-1978: Intensivierung chinesischer Entwicklungshilfe an Afrika
2.3.5 Reform der Entwicklungspolitik im Zuge der Orientierung auf die eigene Entwicklung
2.3.6 Anstieg der Hilfe nach Tiananmen

3 Die Rückkehr Chinas nach Afrika
3.1 Handel
3.1.1 Rüstungslieferungen
3.2 Direktinvestitionen
3.3 Diplomatie
3.4 Peace-Keeping
3.5 Migration
3.6 Kulturaustausch und Tourismus

4 Die aktuelle Entwicklungshilfe Chinas an Afrika
4.1 Ausmaß
4.2 Organisation und Abwicklung
4.2.1 Das China-Afrika-Kooperationsforum
4.2.2 China im weltweiten Aid-System
4.2.3 NGOs als Entwicklungshilfeträger
4.3 Chinesische Entwicklungshilfe nach Bereichen
4.3.1 Investitionsprojekte (Projekthilfe)
4.3.2 Programmhilfe
4.3.3 Technische Hilfe
4.3.4 Humanitäre Hilfe und Katastrophenhilfe
4.3.5 Entschuldung
4.4 Geographische Schwerpunkte
4.5 Motive

5 China als Motor für „Bad Governance“ in Afrika?
5.1 Das Beispiel Angola
5.2 Das Beispiel Sudan
5.3 Das Beispiel Simbabwe
5.4 Zusammenfassung

6 Chinas Fokus auf Afrika: Im Interesse Afrikas?
6.1 Gesamtökonomische und politische Auswirkungen
6.2 Umweltfolgen
6.3 Zusammenfassung

7 China: Ein Entwicklungsmodell für Afrika?
7.1 China und Afrika: Wirtschaftliche Entwicklung im Vergleich
7.1.1 Chinas Weg zur Weltwirtschaftsmacht
7.1.2 Wirtschaftliche und soziale Entwicklung Afrikas nach der Unabhängigkeit
7.1.3 Unterschiede und Gemeinsamkeiten
7.2 Lernen von China?

8 Zusammenfassung und Ausblick

Literaturverzeichnis

Abstract

Die Geschichte wirtschaftlicher und politischer Kooperation zwischen der Volksrepublik China und den Staaten Afrikas umfasst ein halbes Jahrhundert, in dem wechselnde Motive deren Art, Intensität und geographische Ausrichtung bestimmten. Von der Frühphase chinesischer Unterstützung für die afrikanische Unabhängigkeit, über Beijings Umwerben afrikanischer Staaten mit dem Ziel der Anerkennung der Volksrepublik China in den Vereinten Nationen, bis hin zur vorwiegend ökonomisch geprägten Kooperation der vergangenen Jahre war und ist Entwicklungshilfe ein wichtiger Teilbereich der sino-afrikanischen Kooperation: Wichtig für Afrika als Alternative und/oder Ergänzung zur Entwicklungshilfe der westlichen Industriestaaten, wichtig für China als Instrument zur Durchsetzung politischer und wirtschaftlicher Interessen. Mit dem derzeit stattfindenden Boom der wirtschaftlichen Kooperation zwischen China und Afrika erreicht auch die Entwicklungshilfe Beijings an afrikanische Staaten einen neuen Höhepunkt.

Diese Arbeit untersucht chinesische Entwicklungshilfe an Afrika, stellt sie westlichen Geberkonzepten gegenüber, und diskutiert Chancen und Gefahren der jüngsten Welle chinesischen Engagements in Afrika für den Kontinent. Dabei werden neben der Frage nach den ökonomischen und sozialen Folgen auch die Auswirkungen auf „good governance“ in Afrika und die Möglichkeit der Anwendung des chinesischen Entwicklungsmodells auf afrikanische Staaten diskutiert.

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

Lange Zeit im Westen kaum wahrgenommen, wurde 2006 eine breite internationale Öffentlichkeit auf ein Phänomen aufmerksam, das sich seit einigen Jahren in Afrika zeigt: Die in verschiedenen Erscheinungsformen auftretende, rasant wachsende Präsenz Chinas auf dem Kontinent. Internationale Fachmedien, Wirtschaftsmagazine, aber auch Nachrichtenagenturen und Tageszeitungen haben den wachsenden Einfluss Chinas in Afrika in jüngster Zeit als Thema entdeckt. Le Monde zählt die Kooperation zwischen China und Afrika zu den weltpolitisch bedeutendsten Entwicklungen des Jahres 2006[1]. Der bekannte Globalisierungskritiker Walden Bello beschreibt in einem Essay (Bello 2007), dass beim im Jänner 2007 in Nairobi abgehaltenen siebenten Weltsozialforum nicht etwa die Situation im Irak, der Neoliberalismus oder HIV/Aids die am heißest diskutierten Themen waren, sondern das Engagement Chinas in Afrika. Zum 50-jährigen Jubiläum der diplomatischen Beziehungen zwischen China und Afrika – 1956 anerkannte Ägypten als erster afrikanischer Staat die Volksrepublik China – erreichen diese eine neue Intensität. Eindrücklich führte dies der im November 2006 in Beijing abgehaltene Gipfel des Forums für chinesisch-afrikanische Zusammenarbeit vor Augen, zu dem Vertreter 48 afrikanischer Staaten, davon 41 Staatschefs, anreisten.

Je nach Blickwinkel sind die sichtbarsten Merkmale des verstärkten Engagements Chinas in Afrika die galoppierenden Außenhandelszahlen, die Treffen hoher chinesischer und afrikanischer Diplomaten, Regierungsbeamter und Staatschefs, die – zeitweise oder dauerhafte – Migration zehntausender Chinesen nach Afrika, oder die in jüngster Zeit entstandenen bzw. geplanten Großinfrastrukturprojekte wie der Bau von Häfen, Straßen und Öl-Pipelines.

Einen besonders interessanten, weniger berücksichtigten Aspekt der Beziehungen zwischen China und Afrika bildet die öffentliche chinesische Entwicklungshilfe an afrikanische Staaten. Von Kommentatoren des „China-Booms“ oft fälschlich als neu geschaffenes Instrument im Zusammenhang mit Chinas Bedarf an Rohstoffen dargestellt, blickt sie auf eine Tradition zurück, die bis zu den Jahren vor der afrikanischen Unabhängigkeit reicht. Während die chinesische Entwicklungshilfe an Afrika nach den von Deng Xiaoping Ende der 1970er-Jahre eingeleiteten wirtschaftlichen Reformen und der damit einhergehenden Konzentration auf die eigene Entwicklung Chinas an Bedeutung verloren hatte, nahm sie nach 1989 wieder zu. Mit großzügigen Krediten und Schuldenerlässen sowie einer strikten Politik der Nicht-Einmischung in Angelegenheiten der Empfängerstaaten tritt chinesische Entwicklungshilfe heute in vielen afrikanischen Staaten in Konkurrenz zu der meist an Konditionen geknüpften Entwicklungshilfe der OECD-Staaten und birgt das Potential, das internationale Aid-System nachhaltig zu verändern.

Ziel der vorliegenden Diplomarbeit ist es, einen Beitrag zum Verständnis Chinas als zunehmend wichtigen Akteur der internationalen Entwicklungszusammenarbeit zu leisten. Nicht nur auf Seiten der direkt von chinesischer Entwicklungshilfe betroffenen Empfängerstaaten, auch seitens anderer Geberstaaten besteht die Notwendigkeit einer Auseinandersetzung mit Chinas wachsendem Engagement in Afrika. In der aktuellen Diskussion um Harmonisierung und Kohärenz der Entwicklungshilfe verschiedener Geberstaaten wird kein Weg an China vorbei führen, das keinen Zweifel daran lässt, in Zukunft auch im Bereich der Entwicklungshilfe eine wichtigere Rolle zu spielen, und dies durch Ankündigungen wie jene, die Entwicklungshilfeleistungen an Afrika bis zum Jahr 2009 zu verdoppeln, unterstreicht.

Nach einem historischen Überblick über die sino-afrikanischen Beziehungen und die Geschichte chinesischer Entwicklungshilfe an Afrika wird der Status quo der chinesischen Entwicklungspolitik gegenüber Afrika erhoben. Welche Konzepte liegen ihr zugrunde, wie ist sie organisiert, worin liegt ihre Motivation, und was sind ihre Konsequenzen für Afrika, lauten die in dieser Diplomarbeit behandelten Fragestellungen.

Eine besondere Herausforderung bei der Arbeit zu chinesischer Entwicklungshilfe stellt der Mangel an relevanten statistischen Daten sowie der mangelnde Zugang zu entwicklungspolitischen Planungs- und Positionspapieren der chinesischen Regierung dar. Im Gegensatz zu den im Development Assistance Committee (DAC) der OECD organisierten Industriestaaten, die jährlich Entwicklungspläne sowie genaue Aufstellungen ihrer Entwicklungshilfeleistungen veröffentlichen und diese in einem Peer-Review-Verfahren einer gegenseitigen Überprüfung unterziehen, veröffentlicht die chinesische Regierung keine nach transparenten Kriterien erhobenen Zahlen zu ihrer Entwicklungshilfe und beschränkt sich auf vereinzelte Meldungen über Hilfszusagen, aus denen nur annähernde Annahmen zu Gesamthöhe und Art der Leistungen abgeleitet werden können. Erschwert wird die Quantifizierung der Entwicklungshilfe Chinas außerdem durch eine Vermischung von konzessionellen Krediten und solchen, die zu Marktkonditionen an Entwicklungsländer vergeben werden. Dieser Vermischung liegt ein fundamental anderes Verständnis von Entwicklungshilfe zugrunde als jenes der „traditionellen“ Geberstaaten aus dem Kreise der OECD-Länder. Während hier zumindest vorgeblich Entwicklungshilfe und wirtschaftliche Kooperation mit Entwicklungsländern voneinander getrennt werden, macht China kein Geheimnis daraus, diese beiden Bereiche zu vermischen und Entwicklungshilfe, die meist als „Süd-Süd-Kooperation“ bezeichnet wird, als Teil seiner Wirtschaftspolitik zu verstehen. Obwohl eine umfassende Beschreibung chinesischer Entwicklungshilfe nach „westlichem“ Verständnis aus diesen Gründen nur schwer möglich ist, dient dieser Arbeit in Ermangelung anderer theoretischer Konzepte die Definition von Official Development Aid (ODA) der OECD als Referenzrahmen, anhand dessen die entwicklungspolitischen Beziehungen Chinas zu afrikanischen Staaten analysiert werden. Die Annäherung an das Wesen chinesischer Entwicklungshilfe erfolgt in dieser Arbeit vielfach über exemplarische Beispiele.

2 Historischer Überblick

2.1 Die Ursprünge sino-afrikanischer Beziehungen

Wann genau die ersten Kontakte zwischen China und Afrika stattfanden, ist nicht mit Sicherheit feststellbar. Bereits das Kaiserreich China unter der Han Dynastie (202 v. Chr. bis 220 n. Chr.) unterhielt – wenn auch nur indirekte, über indische und arabische Schiffe durchgeführte – Handelsbeziehungen mit den im nordöstlichen Afrika gelegenen Reichen Kush und Axum. Erste Zeugnisse einer Begegnung Chinas mit Afrika auf afrikanischem Boden datieren aus dem achten Jahrhundert nach Christus. So wurden beispielsweise in Ostafrika chinesische Münzen und chinesisches Porzellan aus dem 9. bis 14. Jahrhundert entdeckt. Zahlreiche Funde von afrikanischen Produkten des zehnten und elften Jahrhunderts in China legen ebenfalls Zeugnis von frühen Kontakten zwischen China und Afrika ab[2].

Einen besonderen Platz in der Geschichte der sino-afrikanischen Beziehungen nimmt der chinesische Seefahrer Zheng He ein, der im 15. Jahrhundert im Auftrag der in China herrschenden Ming-Dynastie mehrere Entdeckungsfahrten nach Afrika unternahm. 1418 erreichte der muslimische General mit seiner Flotte zum ersten Mal Afrika im Bereich des heutigen Somalia und war damit einige Jahrzehnte vor dem portugiesischen „Entdecker“ Vasco da Gama an der afrikanischen Küste des indischen Ozeans an Land gegangen. Gerne wird im Zuge von sino-afrikanischen Zusammentreffen – sei es in Form von Freundschaftsbekundungen bei Wirtschaftsgipfeln oder der politischen Agitation Chinas gegen Imperialismus und Kolonialismus in Afrika in den 1960er-Jahren – darauf verwiesen, dass es im Gegensatz zu den später folgenden Europäern nicht ökonomische Interessen waren, die Zheng He nach Afrika führten, sondern ein „freundlicher Austausch“ (Qin 2006) auf diplomatischer wie auf Handels-Ebene. Dieser frühe Kontakt sei der Anfang einer langen Tradition chinesisch-afrikanischer Freundschaft gewesen, die in der aktuellen Kooperation, so der häufig von chinesischen Diplomaten und Politikern getroffene Vergleich, ihre Fortsetzung finde.

Nach sieben Exkursionen Zheng Hes zwischen 1418 und 1433 stellte die chinesische Administration abrupt alle Aktivitäten im Indischen Ozean ein. Es wurde nicht weiter als sinnvoll erachtet, die kostspieligen Expeditionen nach Afrika zu finanzieren, die durch den Wert der zurückgebrachten Güter nicht gerechtfertigt waren. Als Reaktion auf die Bedrohung der chinesischen Grenzen durch die Mongolen beschränkte sich der Fokus der Außenpolitik Chinas nun auf den ostasiatischen Raum. Eine Politik der Innengewandtheit sollte Chinas Rolle in der Welt bis zur gewaltsamen Öffnung durch ausländische Mächte in den Opiumkriegen 400 Jahre später bestimmen. Mit Ausnahme chinesischer Arbeiter, die im 18. und 19. Jahrhundert im südlichen Afrika sowie auf Madagaskar von der jeweiligen Kolonialverwaltung für Berg-, Straßen- und Bauarbeiten eingesetzt wurden (Jäger 1994:28), folgte auf Zheng Hes Reisen eine lange Unterbrechung der sino-afrikanischen Kontakte. Während die portugiesischen Flotten unter der Führung Vasco da Gamas auf ihrem Weg nach Indien Ende des 15. Jahrhunderts erstmals vor Mosambik ankerten und in den folgenden Jahren durch die Errichtung von Handelsstützpunkten entlang der Küste die schrittweise Kolonialisierung Afrikas durch europäische Mächte einleiteten, sollten die bilateralen Beziehungen zwischen China und Afrika erst über 500 Jahre nach Zheng Hes Reisen in den 1950er-Jahren eine Fortsetzung finden.

2.2 Sino-afrikanische Beziehungen nach 1949: Die Volksrepublik China und Afrika

In den ersten Jahren nach Gründung der Volksrepublik China im Jahr 1949 nahm Afrika eine unbedeutende Stellung in der chinesischen Außenpolitik ein. Die kommunistische Regierung in Beijing wurde ab ihrer Machtübernahme und verstärkt nach dem Korea-Krieg - ausgehend von den USA - international isoliert, ihre diplomatischen Kontakte beschränkten sich auf die Sowjetunion und die Staaten des Ostblocks. Obwohl es seitens der regierenden Kommunistischen Partei Chinas bereits rhetorische Attacken gegen den internationalen Imperialismus und damit auch gegen den Kolonialismus europäischer Mächte in Afrika gab, war Afrika, das keine direkte strategische Bedeutung für China hatte und auch auf diplomatischer Ebene von geringer Relevanz für die Volksrepublik war (der größte Teil des Kontinents befand sich unter kolonialer Herrschaft), bis Mitte der 1950er-Jahre nicht im Fokus der auf sicherheitspolitische Interessen ausgerichteten chinesischen Außenpolitik. Dies sollte sich ab dem Jahr 1955 jedoch langsam ändern: Im Zuge der Bandung-Konferenz, eines auf Initiative des indischen Präsidenten Nehru zustande gekommenen Treffens unabhängiger afrikanischer und asiatischer Staaten, fand die erste diplomatische Kontaktaufnahme des chinesischen Premierministers Zhou Enlai mit einem afrikanischen Staatschef, dem ägyptischen Präsidenten Gamal Abdel Nasser, statt.

2.2.1 Annäherung im Rahmen der Blockfreien-Bewegung und chinesische Unterstützung für afrikanische Unabhängigkeitsbewegungen

Am 18. April 1955 versammelten sich Vertreter 23 asiatischer – darunter China – und sechs afrikanischer Staaten[3] in der Stadt Bandung auf der indonesischen Insel Java zu einer Konferenz, um unabhängig von den (ehemaligen) Kolonialmächten und den Großmächten USA und Sowjetunion einen eigenen politischen Weg zu formulieren. In der Konferenz wurden erstmals gemeinsame Forderungen von Entwicklungsländern, viele davon erst seit kurzem unabhängig, gegenüber den ehemaligen Kolonialmächten laut. Der durch Bandung eingeleitete Süd-Süd-Dialog stellte auch den Ausgangspunkt für die Intensivierung der Beziehungen zwischen China und Afrika dar.

Mit dem in Folge von Bandung begonnenen Prozess der Entstehung der Blockfreien-Bewegung, einem losen Zusammenschluss von Staaten, die weder dem einen noch dem anderen der sich im Kalten Krieg gegenüberstehenden Machtblöcke angehörten, wurde der chinesischen Führung das Potential der Entwicklungsländer als Verbündeten zur Durchsetzung von politischen und ideologischen Zielen bewusst. Ein verstärktes Interesse Chinas an der „Dritten Welt“ und speziell an Afrika setzte ein, was sich in den folgenden Jahren in zahlreichen Staatsbesuchen chinesischer Politiker in Afrika bemerkbar machte. Der Auftakt für die diplomatische Offensive Chinas fand in Nordafrika und am Horn von Afrika statt: 1956 reisten zum ersten Mal seit Zheng He offizielle chinesische Delegationen nach Afrika und besuchten dort Ägypten, Sudan, Marokko, Tunesien und Äthiopien. Ägypten, das sich zu diesem Zeitpunkt in dem als Suez-Krise bezeichneten Konflikt mit einer Allianz aus Großbritannien, Frankreich und Israel um die Kontrolle über den strategisch bedeutsamen Suez-Kanal befand, erkannte im selben Jahr als erster afrikanischer Staat die Volksrepublik China offiziell an.

Die Hinwendung Chinas zu Afrika lag jedoch nicht ausschließlich im eigenstaatlichen Interesse der Stärkung des internationalen Gewichts begründet. Vielmehr war sie wesentlich beeinflusst von dem aus der eigenen Erfahrung der Unterwerfung durch fremde Mächte – die demütigenden „Ungleichen Verträge“ mit Großbritannien, Frankreich, den USA und Russland in Folge der verlorenen Opiumkriege, aber auch die Invasion Japans zwischen 1938 und 1940 waren tief im chinesischen Bewusstsein verankert – als moralische Verpflichtung empfundenen Ziel, unterdrückte Völker bei deren Kampf gegen die imperialistische Beherrschung zu unterstützen. So verkündete Mao Tse-tung auf dem achten Kongress der Kommunistischen Partei Chinas im September 1956:

„We must give active support to the National Independence and Liberation Movements in Asia, Africa and Latin America, as well as to the Peace Movement and righteous struggle in all countries throughout the world.“ (zitiert nach Ogunsanwo 1974:13)

Als sich in Kenia, Algerien und Kamerun in den 1950er-Jahren gewaltsamer Widerstand gegen die europäischen Kolonialmächte geregt hatte, war die Begeisterung in Chinas Führungsriege groß gewesen. Parallelen zum eigenen Unabhängigkeitskampf, dem Boxeraufstand Anfang des 20. Jahrhunderts, wurden gezogen, und das kommunistische China empfand es als Verpflichtung, die eigenen Erfahrungen des Widerstandes gegen fremde Herrschaft mit den Völkern Afrikas zu teilen. Auf der anderen Seite wuchs in Afrika das Interesse an China, das mit seiner Geschichte des vollständigen Bruchs mit dem Westen ein faszinierendes Beispiel für die Erlangung der Unabhängigkeit aus eigener Kraft bot. Marxistische und antikoloniale Literatur verbreitete sich unter afrikanischen Studenten, und für viele im Kampf um die Unabhängigkeit engagierte Afrikaner wurde China zum Vorbild. So berichtet der Historiker Philip Snow (1988:72) von einem Anführer des Mau-Mau-Aufstandes in Kenia, der sich in Anlehnung an Chinas Widerstand gegen ausländische Mächte den nom de guerre „General China“ gab, sowie von den Reisen zahlreicher afrikanischer politischer Aktivisten nach China mit dem Ziel, dort über den chinesischen Unabhängigkeitskampf und den chinesischen Kommunismus zu lernen.

Der in Bandung begonnene Prozess der afroasiatischen Kooperation bot den Rahmen, der verbalen Unterstützung für afrikanische Unabhängigkeitsbewegungen auch Taten folgen zu lassen. Von Ende 1957 bis zum 1. Jänner 1958 wurde die „Afro-Asian People's Solidarity Conference“ in Kairo abgehalten, an der auch China teilnahm. Ein ständiges Sekretariat der Organisation wurde in Kairo eingerichtet und ermöglichte China, direkten Kontakt zu radikalen und revolutionären Gruppen in Afrika aufzunehmen (Nielsen 1969:222). Ein reger Austausch zwischen China und im Unabhängigkeitskampf aktiven afrikanischen Gruppen etablierte sich: Zwischen 1958 und 1959 besuchten Delegationen aus 27 afrikanischen Ländern (Staaten und abhängige Gebiete) China (Ogunsanwo 1974:35), um dort um Unterstützung zu werben. China empfing die afrikanischen Delegationen mit allen Ehren, die höchsten chinesischen Staatsmänner trafen persönlich mit jungen afrikanischen politischen Aktivisten zusammen (Snow 1988:73).

Als Folge dieser Treffen leistete China konkrete militärische Unterstützung für Unabhängigkeitsbewegungen in verschiedenen Teilen Afrikas, in Form von Waffen, Uniformen, Nahrungsmitteln und Medizin. Zu den von China unterstützten Gruppen zählten die FLN in Algerien, PAIGC in Kap Verde und Guinea Bissau, UPC in Kamerun, die SWAPO in Namibia und der ANC in Südafrika (vgl. Snow 1988:78). Einen wichtigen Teil der militärischen Unterstützung nahmen militärische Schulungen ein, die in der Militärakademie in Nanking, aber auch in eigenen Trainingslagern beispielsweise in Ghana und Tansania stattfanden. Später in den 1970er-Jahren sollte die Weiterführung dieser militärischen Unterstützung in den Stellvertreterkriegen in Angola und Mosambik, in denen sich die Sowjetunion und China Einflusszonen in der dritten Welt zu sichern versuchten, zu einem dunklen Kapitel des chinesischen Engagements in Afrika werden.

Neben Nordafrika galt das besondere Interesse Chinas zunächst dem westlichen Teil des Kontinents, wo Guinea und Ghana in den späten 1950er-Jahren die Unabhängigkeit erlangt und einen sozialistischen Weg eingeschlagen hatten. Entgegen den Erwartungen Chinas erfolgte der Übergang zur Unabhängigkeit in diesen beiden Ländern wie auch in den meisten anderen afrikanischen Staaten in den folgenden Jahren jedoch nicht durch eine bewaffnete Rebellion, sondern friedlich. Im Gegensatz zu dem von China propagierten totalen Bruch mit den ehemaligen Kolonialmächten blieb europäischer Einfluss auch nach der Unabhängigkeit, die ein großer Teil Afrikas 1960 und in den darauf folgenden Jahren erlangte, am ganzen Kontinent erhalten. Die Staatschefs vieler junger afrikanischer Staaten, wie zum Beispiel Ghanas Kwame Nkrumah, Guineas Sékou Touré oder Tanganjikas Julius Nyerere, waren zwar kritisch gegenüber dem Westen und standen China sehr positiv gegenüber. Sie waren jedoch nicht bereit, das von der jeweiligen Kolonialmacht geerbte politische System, wie von Mao erhofft, durch ein rigides kommunistisches nach dem Vorbild der Volksrepublik China zu ersetzen.

2.2.2 Afrikas Bedeutung im Konflikt zwischen der Volksrepublik China und Taiwan

Mit der fortschreitenden Unabhängigkeit Afrikas – 1960 gab es 27 unabhängige afrikanische Staaten, 1963 machten afrikanische Staaten fast ein Drittel der UN-Mitgliedsstaaten aus – gewann neben Ideologie und Solidarität ein neuer Faktor zunehmend an Gewicht, der Afrikas Bedeutung für China stärkte. Jedes Jahr wurde in der UNO über den Sitz Chinas, der zu diesem Zeitpunkt von der verfeindeten Regierung der Republik China (Taiwan) besetzt war, abgestimmt, und das Stimmgewicht der afrikanischen Staaten war dabei mit von entscheidender Bedeutung. Um an Stelle Taiwans die Vertretung Chinas in den Vereinten Nationen zu erlangen, galt es für die Volksrepublik, die Unterstützung einer Mehrheit der UN-Mitgliedsstaaten zu gewinnen, die nach den Statuten über je eine gleichwertige Stimme in der Hauptversammlung verfügten. 1961 erkannten 8 von 29 afrikanischen Staaten die Volksrepublik China an, zwei Jahre später stimmten bei der jährlichen Abstimmung in der UN-Hauptversammlung 14 afrikanische Staaten für die Volksrepublik China und 17 für Taiwan. Der kommunistischen Führung in Beijing war klar, dass Afrika mit seiner großen Anzahl von Staaten, viele davon im Gegensatz zu den Ländern Asiens ohne Verbindung zu Taipei, eine entscheidende Rolle auf dem Weg zu dem Ziel, Taiwan als Vertreter Chinas zu ersetzen, spielen würde. Aber auch die Regierung Taiwans wusste um die Bedeutung Afrikas in der Entscheidung um die internationale Anerkennung, und so begann ein regelrechter Wettlauf um die Gunst der neuen afrikanischen Staaten.

Vor diesem Hintergrund setzte sich die Annäherung Chinas an Afrika bei dem 1961 in Belgrad stattfindenden Gründungsgipfel der Blockfreien-Bewegung fort (Gaye 2006:64). Um die hohe Priorität zu unterstreichen, die China Afrika in seiner Außenpolitik einräumte, reiste Premierminister Zhou Enlai zwischen 1963 und 1965 drei Mal nach Afrika und besuchte unter anderem Ägypten, Algerien, Äthiopien, Marokko, Ghana, Guinea, Mali, Somalia und den Sudan. In dieser diplomatischen Offensive, die gleichzeitig die erste Serie von Besuchen eines chinesischen Staatsoberhauptes außerhalb Osteuropas seit Gründung der Volksrepublik war und zeitlich mit dem endgültigen Bruch Chinas mit der Sowjetunion zusammenfiel, predigte Zhou Enlai den Kampf gegen imperialistische Kontrolle und kolonialen Einfluss. „Afrika ist reif für die Revolution“ (zitiert nach Nielsen 1969:225), verkündete der chinesische Premierminister bei seinem Staatsbesuch in Somalia, und China präsentierte sich mit Verweis auf die lange Tradition friedlicher Beziehungen als Partner und Verbündeter im revolutionären Kampf. Diese Idee einer Partnerschaft auf gleicher Ebene unterstrich Zhou Enlai durch sein Auftreten gegenüber afrikanischen Politikern, denen er mehr Respekt, Aufmerksamkeit und Wertschätzung entgegenbrachte, als diese beispielsweise von Seiten europäischer Politiker erfuhren (vgl. Snow 1988). Mit Hilfe der neu entstandenen unabhängigen Staaten Afrikas strebte China eine Führungsposition innerhalb der Dritten Welt und damit den Weg aus der internationalen politischen Isolation an. Afrika sollte mit Hilfe Chinas, so die Vision Maos, den Imperialismus besiegen und die Weltrevolution vorantreiben.

2.2.3 Die späten 1960er-Jahre: Rückschläge in Chinas Bemühen um Afrika

Chinas Engagement in Afrika stieß jedoch nicht überall auf offene Türen. Nicht alle der neuen afrikanischen Staaten waren für Chinas von einer anti-westlichen Rhetorik begleitete diplomatische Offensive zugänglich. Konservative Staatschefs wie Philibert Tsiranana in Madagaskar und Maurice Yaméogo in Obervolta (heute: Burkina Faso) lehnten den chinesischen Kommunismus vollkommen ab. Die diplomatische Anerkennung des algerischen Regimes, das 1965 in einem Militärputsch den populären Präsidenten Ben Bella abgesetzt hatte, durch China löste Verstimmung auch bei China zunächst positiv gegenüberstehenden afrikanischen Staatschefs aus. Zunehmend fühlten sich afrikanische Regierungen durch die Unterstützung Chinas für revolutionäre Gruppen in ihrer eigenen Macht bedroht. Burundi, die Zentralafrikanische Republik und Dahomey (Benin) brachen die diplomatischen Beziehungen zu China ab, und der Sturz der pro-chinesischen Regimes in Ghana 1966 und in Mali 1968 bedeutete einen weiteren Rückschlag für Chinas Afrika-Politik. Ein weiterer Schlag für Chinas diplomatische Bemühungen um die Gunst der Dritten Welt war das Nicht-Zustandekommen der geplanten Bandung-Folgekonferenz in Algier, in deren Vorfeld sich China und die Sowjetunion ein regelrechtes Rennen um die Unterstützung seitens der afro-asiatischen Staaten geliefert hatten (Copper 1976:118).

Die 1966 beginnende Kulturrevolution führte neben dramatischen internen Umwälzungen auch zu einer Veränderung der chinesischen Außenpolitik, was auch Einfluss auf die Beziehungen zu Afrika hatte. Die Beziehungen zu anderen Ländern wurden im Zuge einer Politik der Ausrichtung nach innen stark eingeschränkt, aus Afrika wurden alle Botschafter mit Ausnahme des in Kairo stationierten zurückberufen. Die radikalen internen Maßnahmen der ersten Jahre der Kulturrevolution und die militante Haltung Chinas führten zu einem weiteren Sympathieverlust Chinas in Afrika (Yu 1988:853). Das bis zum Sturz Nkrumahs im Jahr 1966 China treu verbundene Ghana stellte beispielsweise die Beziehungen zu China in Folge der Ereignisse der Kulturrevolution gänzlich ein (ebda.). Dennoch bedeutete die Kulturrevolution keine vollständige Abkehr Chinas von Afrika (vgl. Kapitel 2.3.3, „Kulturrevolution: Kein Ende der Hilfe“).

2.2.4 Aufleben der sino-afrikanischen Beziehungen nach der Hochphase der Kulturrevolution

Mit Anfang der 1970er-Jahre erlebten die sino-afrikanischen Beziehungen einen neuen Aufschwung. Nach einer Phase selbstgewählter weitgehender Isolation während der Kulturrevolution bemühte sich China wieder zunehmend darum, anerkanntes Mitglied der internationalen Staatengemeinschaft zu werden. Die Volksrepublik wandte sich der internationalen Bühne, verstärkt auch wieder Afrika, zu. Zwischen 1970 und 1975 wurden 16 afrikanische Staatschefs in China empfangen. Der spätere Staatschef Deng Xiaoping suchte unter den Entwicklungsländern Unterstützung für seine „Theorie der drei Welten“, nach der die Dritte (Entwicklungsländer) unterstützt durch die Zweite (Kanada, Europa, Japan, Ozeanien) Welt dem Hegemonieanspruch der Ersten Welt (USA und Sowjetunion) entgegentreten müsse. Dabei wurde gegenüber den frühen 1960ern ein Wechsel in der Rhetorik deutlich. Der Ruf nach Revolution wich einer Rhetorik der „friedlichen Koexistenz“, was in Afrika auf große Zustimmung stieß. In einer erneuten diplomatischen Offensive, die von großzügiger Entwicklungshilfe begleitet war, begann China Afrika zu umwerben. Dies sollte sich 1971 bezahlt machen: Am 25.10.1971 wurde der Volksrepublik mit 76 Stimmen (gegen 35 Stimmen für Taiwan) in der so genannten „Albanien-Resolution“ der Sitz in den Vereinten Nationen zugesprochen und damit das jahrelange Tauziehen mit Taipei zugunsten Beijings entschieden. Einen wichtigen Anteil an diesem Ergebnis hatten afrikanische Staaten, die China nicht zum ersten Mal zu Hilfe kamen. Schon in der Frage von Chinas umstrittenen Atomtests bekam Mao im Jahr 1964 Schützenhilfe aus Afrika. Auf den Gewinn des UN-Sitzes folgten weitere von großzügiger Entwicklungshilfe begleitete diplomatische Bemühungen Chinas um Afrika. Die Zahl der afrikanischen Staaten, die im Jahr 1975 die Volksrepublik China anerkannten, war als Ergebnis dieser Politik auf 37 von insgesamt 48 afrikanischen Staaten angewachsen.

Im Laufe der 1970er-Jahre kam es neben dem Wiederaufleben der sino-afrikanischen Beziehungen auch zu einer Entspannung des Verhältnisses zwischen China und den USA, was 1979 in der Aufnahme diplomatischer Beziehungen mündete. Gleichzeitig verschärfte sich Chinas Konflikt mit der Sowjetunion weiter. Auf der internationalen Bühne betonte China erneut die Zugehörigkeit zur Dritten Welt und stellte sich hinter die 1974 erhobenen Forderungen der Entwicklungsländer nach einer Neuen Internationalen Weltwirtschaftsordnung.

2.2.5 Maos Tod: Beginn einer neuen Ära

Nach dem Tod Maos und dem darauf folgenden Machtantritt Deng Xiaopings brach eine neue Phase der sino-afrikanischen Beziehungen an. Deng leitete Ende der 1970er-Jahre gravierende wirtschaftliche Reformen ein, die schließlich zur schrittweisen wirtschaftlichen Öffnung Chinas führten. Im Gegensatz zum Idealismus früherer Jahre war die chinesische Außenpolitik unter Deng Xiaoping von politischem Realismus geprägt. Die Modernisierung Chinas erforderte die Konzentration aller Kräfte, und Afrika verlor an Bedeutung für China, das seine Außenpolitik nun auf weitgehend ideologiefreie Beziehungen zu den USA, Westeuropa und Japan fokussierte. Dennoch wurde der Süd-Süd-Dialog auch in den 1980er-Jahren nicht abgebrochen. 1982 wurde die neue außenpolitische Strategie Chinas auf Basis der 1954 als Nachbarschaftsabkommen mit Indien formulierten „Five Principles of Peaceful Coexistence“[4] präsentiert und die Zugehörigkeit zur Dritten Welt erneut betont, was durch Staatsbesuche des Premierministers Zhao Ziyang in zehn afrikanischen Staaten[5] in den Jahren 1982 und -83 unterstrichen wurde. Wie schon Zhou Enlai in den 1960er-Jahren beschwor auch Zhao Ziyang die Solidarität der Dritten Welt, doch rückte diese ideologische Komponente im Gegensatz zu früheren Jahren gegenüber der Argumentation einer gemeinsamen wirtschaftlichen Entwicklung in den Hintergrund. Auch konnte die Dritte-Welt Rhetorik nicht darüber hinwegtäuschen, dass Afrika nach 1978 einen Bedeutungsverlust in der chinesischen Politik erfuhr, was sich auch in sinkender Entwicklungshilfe und einem sinkenden Handelsvolumen niederschlug. Grund für diese Marginalisierung war neben Afrikas geringem ökonomischen Potential für Chinas Wachstumsstrategie auch die Entspannung des Verhältnisses Chinas zur Sowjetunion, wodurch Afrika an geostrategischer Bedeutung für China verlor.

2.2.6 Tiananmen und die Folgen für die Beziehungen zwischen China und Afrika

Eine weitere Phase chinesischer Afrika-Politik brach mit den Ereignissen des Jahres 1989 an. Am 3. und 4. Juni beendete die chinesische Armee gewaltsam die friedliche Besetzung des Platzes des himmlischen Friedens (Tiananmen) durch Studenten, was zu scharfer Kritik von Seiten der westlichen Industriestaaten und zu einer schweren diplomatischen Krise führte. Aus Afrika hingegen waren kaum kritische Stimmen gegenüber dem Vorgehen der chinesischen Sicherheitskräfte zu hören, teilweise gab es sogar offene Unterstützung für Chinas militärische Niederschlagung der Proteste. So drückte beispielsweise Angolas Außenminister „Unterstützung für das resolute Handeln, um die kontra-revolutionäre Rebellion niederzuschlagen“ (Taylor 1998:447) aus, und Namibias späterer Präsident Sam Nujoma schickte ein Telegramm, um der chinesischen Armee zu ihrem Einschreiten zu gratulieren (ebda.). Der Hintergrund für diese Haltung war die grundsätzliche Ablehnung von westlicher Einmischung und Kritik, der die Eliten vieler afrikanischer Staaten bezüglich ihrer eigenen Menschenrechtspolitik ausgesetzt waren. Dritte Welt-Solidarität und die pragmatische Überlegung, dass offene Kritik an Beijings Handeln Konsequenzen auf Entwicklungshilfe und Handelsbeziehungen haben könnte, dürften das Verhalten afrikanischer Staaten nach den Vorfällen von Tiananmen ebenfalls beeinflusst haben (Taylor 1998:447). China honorierte diese der Ablehnung des Westens entgegengesetzte Solidarität: Während die westliche Welt in den nächsten Jahren auf die Veränderungen in Osteuropa blickte, erfolgte in China eine Rückbesinnung auf „alte Freunde“ in der Dritten Welt.

In den 1990er-Jahren bemühte sich China wieder um eine aktivere Rolle im internationalen politischen System, was nicht zuletzt eine aus der zunehmenden wirtschaftlichen Globalisierung erwachsende Notwendigkeit war. Mit dem rasanten wirtschaftlichen Aufschwung und dem damit einhergehenden Bedarf an Rohstoffen, der nicht mehr aus den innerhalb der eigenen Grenzen vorhandenen Ressourcen gedeckt werden konnte, gewannen die Beziehungen zu Afrika ab Mitte der 1990er-Jahre an neuer Bedeutung. Mit großem Elan begann China, Afrika zu umwerben, und präsentierte sich als Partner für eine gleichwertige, intensive ökonomische Zusammenarbeit, von der beide Seiten profitieren würden. Der Hauptteil dieser Diplomarbeit ist dieser bis heute andauernden Phase sino-afrikanischer Kooperation gewidmet.

2.3 Die ersten vier Jahrzehnte chinesischer Entwicklungshilfe an Afrika

Als Geburtsstunde der Idee von Entwicklungshilfe gelten die Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg, in denen die Bretton-Woods-Institutionen IMF und Weltbank vor dem Hintergrund des Wiederaufbaus Europas aus der Taufe gehoben wurden. Als erstes großes Hilfsprogramm der Geschichte gilt das auf Initiative von US-Außenminister George C. Marshall geschaffene European Recovery Program, auch bekannt als „Marshall-Plan“. Konzipiert mit dem Ziel des Wiederaufbaus der europäischen Wirtschaft, war dieses großzügige Hilfsprogramm auch ein Instrument im Rahmen der Ost-West-Rivalität dieser Zeit, und sollte kommunistischen Einfluss in Europa fernhalten bzw. zurückdrängen. Von ähnlicher Intention waren auch US-Hilfsprogramme an Korea und Taiwan getragen, die die südkoreanische bzw. die nationalchinesische Regierung gegen die „kommunistische Bedrohung“ stärken sollten (vgl. Raffer & Singer 2001:64ff). So bezeichnen Raffer und Singer (2001:66) den Kalten Krieg als einen, wenn nicht sogar den wichtigsten Grund für die Entstehung von Entwicklungshilfe in den Jahren nach dem zweiten Weltkrieg.

Vor diesem Hintergrund erstaunt es wenig, dass auch die kommunistische Regierung der Volksrepublik China wenige Jahre nach Schaffung des Marshall-Plans eigene Ambitionen im Bereich der Entwicklungshilfe verfolgte. Schon Mitte der 1950er-Jahre, als China selbst nach allen Kriterien „Entwicklungsland“ und gemessen am Nationalprodukt weit ärmer als die zu diesem Zeitpunkt unabhängigen afrikanischen Staaten war, begann China, Entwicklungshilfe an Afrika zu leisten. Diese Tradition wurde bis in die Post-Tiananmen-Jahre ohne vollständige Unterbrechung beibehalten.

Ähnlich den im vorigen Kapitel skizzierten Phasen sino-afrikanischer Beziehungen durchlief auch die Entwicklungshilfe Chinas an afrikanische Staaten verschiedene Veränderungen, die nun analysiert werden sollen. Dabei wird ein deutlicher Zusammenhang zwischen Motivation, Ausmaß und Zielgebieten der Entwicklungshilfe und außen- wie innenpolitischen Entwicklungen wie dem Ringen um den bis 1971 von der Republik China (Taiwan) gehaltenen Sitz in der UNO oder der schrittweisen wirtschaftlichen Öffnung Chinas ab Ende der 1970er-Jahre deutlich.

2.3.1 Die Anfänge: „The poor are helping the poor“

Der Beginn chinesischer Entwicklungshilfe wird mit dem Jahr 1953 angesetzt (Lin 1996:47), wobei Afrika zunächst nicht zu deren Zielgebieten gehörte. Der Schwerpunkt chinesischer Entwicklungshilfe lag zunächst auf den benachbarten asiatischen Ländern, prioritär war jedoch zunächst die Entwicklung der riesigen westlichen Hälfte des eigenen Landes. Wenige Jahre später wurde Afrika zu einer der wichtigsten Zielregionen für chinesische Entwicklungshilfe. Den Anfang machte dabei Ägypten: Nachdem im Rahmen der Bandung-Konferenz 1955 erste Beziehungen zwischen China und Ägypten geknüpft worden waren, folgte während der Suez Krise 1956 die erste Entwicklungshilfeleistung Chinas an ein afrikanisches Land in Form eines Geschenks von 4,7 Millionen US$ (Ogunsanwo 1974:9).

Von nennenswerten wirtschaftlichen Hilfsprogrammen Chinas an Afrika kann in den 1950er-Jahren noch nicht gesprochen werden. Chinas ökonomische Möglichkeiten zu diesem Zeitpunkt waren stark beschränkt, die Politik des „großen Sprung nach vorn“, die die Industrialisierung Chinas zum Ziel hatte, schlug katastrophal fehl und führte zu dramatischen Hungersnöten im eigenen Land, der 20 bis 40 Millionen Menschen zum Opfer fielen. Während China trotz dieser schweren internen Probleme bereits vereinzelte Hilfsprogramme in Nordkorea, Nordvietnam, in der Mongolei, in Albanien und Ungarn durchführte (Ogunsanwo 1974:40), war die Zeit für ausgedehnte Entwicklungshilfe an Afrika noch nicht reif. Noch befand sich ein großer Teil Afrikas in direkter Abhängigkeit (als Kolonie oder abhängiges Gebiet) von Kolonialmächten, nur Ägypten, Äthiopien, Liberia und Südafrika existierten 1950 als unabhängige afrikanische Staaten und damit als mögliche Zielgebiete von Entwicklungshilfe. Dies sollte sich mit der in der zweiten Hälfte der 1950er-Jahre beginnenden Dekolonisierung ändern.

Zu den ersten afrikanischen Staaten, die chinesische Entwicklungshilfe erhielten, zählte – nicht zufällig – Guinea. Das westafrikanische Land schlug nach Erlangen der Unabhängigkeit von Frankreich im Jahr 1958 als einzige der ehemaligen Kolonien des Afrique Occidentale Française, dem französischen Kolonialreich in Westafrika, den Weg der vollständigen Loslösung von Frankreich ein. In einer Volksabstimmung über den Verbleib in der Gemeinschaft autonomer Überseegebiete der ehemaligen Kolonialmacht stimmte die Bevölkerung Guineas ganz im Sinne des Staatspräsidenten Sekou Touré mit „Nein“ und zog damit „die Armut in Freiheit dem Reichtum in der Sklaverei“ vor, wie Touré verkündete (Schicho 2001:331). Die Folge waren der Abzug aller französischen Beamten und Fachkräfte aus dem Land sowie die teilweise Zerstörung von Infrastruktur durch die das Land verlassenden Europäer, was zu einem weitgehenden Zusammenbruch der Wirtschaft Guineas führte. China war von diesem vollständigen Bruch Tourés mit Frankreich, der Maos Vision eines revolutionären Afrika entsprach, begeistert und sagte 1959 trotz drastischen Nahrungsmittelmangels im eigenen Land eine Hilfslieferung von 10.000 Tonnen Reis an Guinea zu. Im Jahr 1960 folgte ein zinsfreier Kredit in Höhe von 25 Mio. US$.

Auch zwei weitere westafrikanische Staaten erhielten kurz nach ihrer Unabhängigkeit Starthilfe von China: Nachdem Ghana im Jahr 1960 nach der 1957 erlangten Unabhängigkeit zur Republik wurde, schloss Präsident Nkrumah einen Freundschaftsvertrag mit Beijing ab und erhielt im Zuge dessen einen zinsfreien Kredit in der Höhe von 20 Mio. US$ (Nielsen 1969:223). Auch das sozialistische Mali unter Modibo Keita wurde 1960 mit einem Entwicklungshilfekredit aus Beijing bedacht. China erhielt im Gegenzug für diese Zuwendungen die diplomatische Anerkennung durch die jungen Staaten.

Die Motive für Chinas irrational scheinende Großzügigkeit in Zeiten größter Not im eigenen Land waren zweierlei. Neben der proklamierten Solidarität mit befreundeten Völkern und deren Kampf gegen den weltweiten Imperialismus war das Engagement in Afrika auch ein Versuch, der von den USA getragenen internationalen Isolation zu entkommen und diplomatische Anerkennung zu erlangen – ein Ziel, das die Afrika-Politik Chinas in den folgenden Jahren wie bereits erwähnt noch deutlicher bestimmen sollte. Doch selbst vor diesem realpolitischen Hintergrund waren die Anfänge chinesischer Entwicklungshilfe in Afrika von einem bemerkenswerten Idealismus geprägt. „The poor help the poor“ (Snow 1988:144) lautete das Credo in dieser ersten Phase chinesischer Entwicklungspolitik gegenüber Afrika.

2.3.2 1960er-Jahre: Umwerben der neuen afrikanischen Staaten

Mit der fortschreitenden Unabhängigkeit Afrikas waren im Laufe der frühen 1960er-Jahre die Rahmenbedingungen für die Ausweitung der chinesischen Entwicklungshilfe an Afrika gegeben. Mit großzügigen Geschenken und zinsfreien Krediten begann China, die jungen Staaten zu umwerben. Im Jänner 1964 präsentierte Zhou Enlai bei einem Staatsbesuch in Somalia im Zuge einer großen diplomatischen Afrika-Offensive folgende acht Prinzipien, nach denen die chinesische Entwicklungshilfe gestaltet werden sollte:

- Chinesische Entwicklungshilfe folge dem Prinzip von Gleichheit und gegenseitigem Nutzen. Demnach handle es sich dabei nicht um unilaterale Almosen, vielmehr würde China selbst durch die Entwicklung von befreundeten Staaten und deren Befreiung aus der kolonialen Kontrolle profitieren.
- Die chinesische Regierung respektiere die Souveränität der Empfängerländer und verlange weder irgendeine Art der Bevorzugung, noch sei die Hilfe an Konditionen gebunden.
- Kredite würden zinsfrei oder zu niedrigen Zinssätzen vergeben.
- Ziel chinesischer Entwicklungshilfe sei es nicht, Abhängigkeit von China zu erzeugen, sondern die Empfängerstaaten auf ihrem Weg zur wirtschaftlichen und politischen Eigenständigkeit zu unterstützen.
- Die chinesische Regierung versuche ihr Bestes, Empfängerländer beim Aufbau von Projekten zu unterstützen, die niedrige Investitionen erfordern und schnelle Ergebnisse bringen, sodass die Länder ihr Einkommen erhöhen und Kapital akkumulieren können.
- Die chinesische Regierung liefere Produkte bester Qualität von eigenen Herstellern zu internationalen Marktpreisen.
- Die chinesische Regierung stelle durch begleitende technische Hilfe sicher, dass lokales Personal die in den Hilfsprojekten eingesetzte Technik voll beherrsche.
- Chinesische Experten hätten keinen Anspruch auf besondere Privilegien, sondern müssten sich mit dem selben Lebensstandard wie lokale Experten begnügen.

(Aus der Rede Zhou Enlais vom 15. Jänner 1964 in Somalia, zitiert nach Copper 1974:155)

Diese Prinzipien spiegelten Chinas eigene Erfahrungen als Empfänger von Entwicklungshilfe wider und unterschieden sich in wesentlichen Punkten von der oft paternalistischen und gönnerhaften westlichen Entwicklungshilfe. Chinas Abneigung gegen die im 19. Jahrhundert selbst erfahrene Vorschreibung von Politikmaßnahmen durch fremde Mächte (vgl. „Ungleiche Verträge“ in Kapitel 2.2.1) wurde von vielen afrikanischen Ländern geteilt, viele afrikanische Staaten waren nach ihrer Unabhängigkeit von der vielfach an Konditionalitäten gebundenen westlichen Entwicklungshilfe enttäuscht.[6] China sah in seiner Entwicklungshilfe eine Chance, moralische Überlegenheit gegenüber dem Westen zu zeigen. Mit sehr günstigen Kreditkonditionen, besonders aber mit dem Verzicht auf Einmischung und Konditionalität, hob sich die chinesische Entwicklungshilfe von jener des Westens ab. Während westliche Entwicklungshilfeexperten in den besten Hotels residierten und damit die Rückzahlungsraten der Hilfskredite erhöhten, mussten sich chinesische Entwicklungshelfer mit dem selben Lebensstandard wie ihre lokalen Kollegen und Mitarbeiter begnügen. Während die ehemaligen Kolonialherren des Westens ihre imperialistische Interessenspolitik in Afrika im neuen Gewand der Entwicklungshilfe fortführen würde, käme aus China die genuine Hilfe eines befreundeten Volkes, so die chinesische Propaganda. Und tatsächlich finden sich in der Literatur zahlreiche Beispiele von chinesischen Entwicklungshilfeprojekten der Frühphase, die von beachtlicher Großzügigkeit gekennzeichnet sind. So unterstützte China beispielsweise Marokko beim Aufbau einer Tee-Produktion, obwohl Marokko ein wichtiger Abnehmer von Tee aus China war (Ogunsanwo 1974:89f) und vergab im Gegensatz zu den Industrienationen, deren Kredite sich in ihren Konditionen oft nicht wesentlich von jenen am freien Finanzmarkt üblichen unterschieden, zinsfreie Kredite zum Beispiel an Algerien und Somalia.

Mit der Unabhängigkeit von mehr und mehr afrikanischen Ländern dehnte sich auch die chinesische Entwicklungshilfe an Afrika aus. Im Zeitraum von 1963 bis 1965 leistete China neue Zusagen zur Finanzierung von Hilfsprogrammen an zahlreiche afrikanische Staaten. Der Historiker Philipp Snow schreibt von einem „philanthropischen Kreuzzug“ Chinas in Afrika in dieser Periode (Snow 1988:146), im Zuge dessen die Hilfe an Staaten wie Kongo Brazzaville, Mali, Guinea, Ägypten, Dahomey, Zentralafrikanische Republik und Kenia weiter intensiviert wurde. Neben diesen Ländern wurden auch Algerien, wo China einen Hilfsappell in Form von Geschenken von Getreide, Stahl und Medikamenten beantwortete (Ogunsanwo 1974:92), und Somalia mit Entwicklungshilfe aus China unterstützt. Als Somalia beispielsweise 1963 britische Hilfe ablehnte, war China mit einem zinsfreien Kredit zur Stelle und leistete nach einer Ernährungskrise 1965 Nahrungsmittelhilfe und medizinische Hilfe (Ogunsanwo 1974:153). Auch organisatorisch erhielt die Entwicklungshilfe zu diesem Zeitpunkt in dem neu eingerichteten Ministerium für Außenhandelsbeziehungen neues Gewicht in Beijing.

Die chinesische Entwicklungshilfe der frühen 1960er-Jahre war wie schon jene der ersten Phase von moralischen Vorstellungen über Solidarität und der Idee, revolutionäre Bewegungen in Ländern der Dritten Welt zu unterstützen, geleitet. Ihr Ziel war, zur „Realisierung des großen Ideals des Kommunismus und [dem] Schaffen einer neuen Welt ohne Imperialismus, ohne Kapitalismus und ohne Ausbeutung“ (Grundsatzpapier „China's Economic and Technical Aid to Other Countries“, zitiert nach Copper 1974:157-158) beizutragen, so die offizielle Rhetorik. Sie war jedoch auch ein Instrument zur Erreichung des realpolitischen Ziels, die (gegenseitige) diplomatische Anerkennung der jungen afrikanischen Staaten zu erlangen – ein Ziel, das auch Taiwan mit einer aktiven Afrika-Politik verfolgte. Bereits in den frühen 1960ern begann Taipei, Entwicklungshilfe an afrikanische Staaten zu leisten, um seinen Sitz in den Vereinten Nationen zu sichern, was den Auftakt zu einem regelrechten Wettlauf mit China bedeuten sollte (Cheng 1992). So wurden die Beziehungen einiger afrikanischer Staaten zu Beijing und Taipei regelrecht durch die Höhe der Entwicklungshilfeleistungen, die die beiden Länder zu geben bereit waren, bestimmt. Anhand einer Gegenüberstellung von Hilfsempfängern und ihrem jeweiligen Abstimmungsverhalten in der China-Frage in den Vereinten Nationen lässt sich zeigen, dass Entwicklungshilfe sowohl für die Volksrepublik China, als auch für Taiwan ein wirksames Mittel zur Erlangung diplomatischer Anerkennung war (siehe Copper 1976:85).

Trotz einem angesichts der wirtschaftlichen Lage Chinas beeindruckenden Engagement in Afrika in der ersten Hälfte der 1960er-Jahre war das Gewicht chinesischer Hilfe verglichen mit jener aus der Sowjetunion und seitens westlicher Geber verhältnismäßig gering. Während Chinas Hilfe für einige wenige afrikanische Staaten in den ersten Jahren nach der Unabhängigkeit eine relevante ökonomische Hilfe bedeutete, wurde der Rat Chinas, keine Hilfe von westlichen Staaten anzunehmen, von keinem einzigen afrikanischen Land befolgt. Das ambitionierte Ziel, mit der Unterstützung für Afrika die „Weltrevolution“ voranzutreiben, sollte sich nicht erfüllen.

2.3.3 Kulturrevolution: Kein Ende der Hilfe

Während die 1966 beginnende Kulturrevolution zu einer Unterbrechung der diplomatischen Beziehungen zwischen den meisten afrikanischen Staaten und China führte, bedeutete sie keinen vollständigen Bruch in der chinesischen Entwicklungshilfe an Afrika. Ganz im Gegenteil wurde die Zusammenarbeit mit einigen ausgewählten Staaten sogar intensiviert (Yu 1988:854). So fällt der Beginn des bis dato größten Entwicklungshilfeprojekts Chinas in Afrika, der Bau der TAZARA Eisenbahnverbindung zwischen Sambia und Tansania, in diesen Zeitraum. Das Binnenland Sambia, bis 1964 britische Kolonie unter dem Namen Nord-Rhodesien, war für den Export seiner Bodenschätze und den Import von Waren auf eine Eisenbahnverbindung zum Meer angewiesen. Die von der Kolonialregierung gebaute Strecke führte durch das von Ian Smiths weißem Siedlerregime regierte Rhodesien und durch Südafrika. Um einen Zugang zum Meer zu schaffen, der nicht jederzeit von den feindlichen Nachbarn unterbrochen werden konnte, planten die beiden befreundeten Staaten Sambia und Tansania den Bau einer 2000 Kilometer langen Eisenbahnverbindung zwischen dem im sambischen Hochland gelegenen Kapiri Mposhi und der tansanischen Stadt Dar es Salaam am indischen Ozean. Nachdem die Weltbank einen Antrag auf die Finanzierung des Großprojektes mit der Begründung, dass es wirtschaftlich nicht sinnvoll sei, abgewiesen hatte, wandte sich der sambische Präsident Kenneth Kaunda nach mehreren Versuchen, einen Finanzierungspartner zu finden, schließlich an die chinesische Führung. Diese ließ 1965 eine Machbarkeitsstudie durchführen, zwei Jahre später wurden, ungeachtet der sich in China in vollem Gang befindlichen Kulturrevolution, die ersten Verträge über einen zinsfreien Hilfskredit in der Höhe von zirka 400 Millionen US$ zur Finanzierung des Baus der Eisenbahnlinie abgeschlossen. Mit diesem Finanzierungsvolumen war die Tan-Zam Eisenbahn das größte Infrastrukturprojekt in Sambia und Tansania und zu diesem Zeitpunkt überhaupt eines der größten je durchgeführten Hilfsprojekte in Afrika. China lieferte damit ein starkes Bekenntnis zu seinem Engagement in Afrika, durch das es sich in eine Liga mit den Weltmächten USA und Sowjetunion begab und die Entwicklungshilfe des verfeindeten Taiwan ausstechen konnte. Ähnlich wie der Assuan-Staudamm für die Sowjetunion sollte die Tan-Zam Eisenbahn das Prestigeprojekt Chinas in Afrika werden und dem Ansehen der Volksrepublik in der Dritten Welt dienen. Zusätzlich sah China darin die Chance, strategischen Einfluss in Ostafrika zu gewinnen und von Sambia ausgehend seine Unterstützung für den Kampf gegen den Imperialismus, repräsentiert durch die Regimes in Simbabwe und Südafrika im Süden bzw. die portugiesische Kolonialmacht in Angola im Westen und in Mosambik im Osten, auszubauen.

Zwischen 1966 und 1968 wurden auch andere zuvor begonnene Hilfsprojekte in Afrika fertig gestellt, weitere Hilfszusagen wurden beispielsweise an Mali, Guinea, Tansania, Sambia, Mauretanien und Kongo Brazzaville gemacht. So wurde beispielsweise 1967 ein Vertrag mit den Regierungen Guineas und Malis über den Bau einer Eisenbahnlinie zwischen den beiden Ländern unterzeichnet – ein Projekt, das allerdings aufgrund des Putsches gegen den malischen Präsident Modibo Keita im Jahr 1968 nie fertig gestellt wurde.

In der geographischen Verteilung chinesischer Entwicklungshilfe an Afrika lässt sich in den späten 1960er-Jahren, besonders durch die Konzentration auf Sambia und Tansania, eine Verschiebung von West- nach Ostafrika feststellen. Nordafrika, in dem China gegenüber der Sowjetunion an Einfluss verloren hatte, wurde weitgehend aufgegeben und der Fokus auf das subsaharische Afrika verlegt.

[...]


[1] „Une nouvelle donne“, Le Monde, 30.12.2006

[2] Für eine detaillierte Ausführung über die frühen Kontakte zwischen China und Afrika siehe Snow 1988

[3] Ägypten, Sudan, Äthiopien, Liberia, Libyen und Goldküste (heute: Ghana)

[4] Die fünf Prinzipien lauten:
1. Mutual respect for each other's territorial integrity and sovereignty
2. Mutual non-aggression
3. Mutual non-interference in each other's internal affairs
4. Equality and mutual benefit
5. Peaceful co-existence

[5] Algerien, Kongo Brazzaville, Ägypten, Gabun, Guinea, Kenia, Marokko, Tansania, Zaire, Sambia und Simbabwe

[6] Tanzania beispielsweise verfolgte schon in den ersten Jahren nach der Unabhängigkeit eine kritische Haltung gegenüber (westlicher) Entwicklungshilfe und forderte „Hilfe ohne politische und wirtschaftspolitische Bedingungen“ (vgl. Mukandala 1999:35)

Ende der Leseprobe aus 111 Seiten

Details

Titel
Die Rückkehr Chinas nach Afrika. Chinas aktuelles Engagement in Afrika aus entwicklungspolitischer Sicht
Hochschule
Universität Wien  (Institut für Afrikawissenschaften)
Note
Sehr gut
Autor
Jahr
2007
Seiten
111
Katalognummer
V83414
ISBN (eBook)
9783638872539
ISBN (Buch)
9783656203865
Dateigröße
763 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Rückkehr, Chinas, Afrika, Engagement, Sicht, China, Rohstoffe, Mao, Tazara, Entwicklungspolitik
Arbeit zitieren
DI (FH) Mag. Harald Mayer (Autor), 2007, Die Rückkehr Chinas nach Afrika. Chinas aktuelles Engagement in Afrika aus entwicklungspolitischer Sicht, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/83414

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