War zu Zeiten Karls des Großen prächtige Kleidung noch eher ein Hinweis auf Eitelkeit und die Seidenkleidung ein Privileg der Priester, so war im späten Mittelalter „das adlige Hofpublikum an der Absicherung seiner Kleidervorrechte interessiert“ , denn im 12./13. Jahrhundert sind teure Kleider ein Anzeichen für Stolz und Würde der ritterlichen Hofgesellschaft geworden. In der zeitgenössischen höfischen Dichtung findet dies seinen Einschlag dergestalt, dass viele Verse dafür aufgewendet werden, den Luxus der gebrauchten Materialien hervorzuheben und teure Importwaren in den Mittelpunkt zu rücken, welche die adligen Protagonisten am Leibe tragen. Schon die Fülle von Gewandbeschreibungen in der höfischen Literatur lässt erahnen, welche besondere Bedeutung die Kleidung für den mittelalterlichen Menschen besaß. Helden und Heldinnen der höfischen Romane werden in kostbaren Gewändern dargestellt, wobei bis ins Detail die einzelnen Stücke sowie auch Schmuck, Haartracht und sonstiger Putz geschildert werden. Die Dichter jener Zeit ließen vor den Augen ihres Publikums die höfische Pracht einer Ideal- und Wunschwelt lebendig werden.
Seit Veldeke seine Dido in ihrem Jagdkostüm zu einer höfisch-modischen Edeldame stilisierte , gehörten längere, idealisierte Gewanddeskriptionen zu den konstitutiven Elementen der mittelhochdeutschen höfische Epik.
Auch im Nibelungenlied wird eine – teilweise äußerst differenzierte – Fachterminilogie der Textil- und Kostümkunde gebraucht und zwar so sehr, dass Heusler spöttisch äußert, es sähe bei der Brünhildenwerbung „eine zeitlang so [aus], als sei der Zweck der Freierfahrt die Schaustellung der schneeweißen, kleegrünen, rabenschwarzen Seidenkleider mit Fischotterbesatz und Edelsteinen in arabischem Gold“. Er übersah dabei nicht nur die Bedeutung der Kleiderpracht für die höfische Gesellschaft, sondern auch die Tatsache, dass der Dichter des Nibelungenliedes Stoffe und Kleider nicht nur fade aufzählt, sondern sie zu wichtigen Requisiten macht und in den Dienst der Handlung stellt. Wie dies geschieht, soll den Mittelpunkt dieser Arbeit bilden. Ebenso, inwiefern Personen durch Kleidung ihren Stand markieren und im Text Aussehen und Inneres von Figuren in Kongruenz stehen. Es soll bewiesen werden, dass der Dichter bestimmte Stoffe und Aufmachungen nutzt, um mit ihnen die Geschichte voranzutreiben, um so zu zeigen, dass Kleidung im Nibelungenlied eine weit größere Bedeutung trägt, als lediglich „zur Schau gestellt“ zu werden.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Das höfische Zeremoniell
2. Teure Stoffe aus dem Orient – Kleidung als Statussymbol
3. Die Wechselbeziehung zwischen Inner- und Äußerlichkeit –
Kleidung im Dienst der Personenbeschreibung
4. Das Motiv des Kleiderlohns
5. Erzählen mit der Kleidung
Nachwort
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die Bedeutung der Kleidermotivik im Nibelungenlied und analysiert, wie der Dichter stoffliche Beschreibungen als strategische Requisiten einsetzt, um Handlungsabläufe zu steuern und soziale sowie charakterliche Identitäten zu markieren. Dabei steht die Forschungsfrage im Mittelpunkt, inwiefern die äußere Gewandung über reine ästhetische Zurschaustellung hinaus als Ausdruck von Macht, politischem Status und innerem Zustand der Figuren fungiert.
- Die Funktion von Kleidung als Statussymbol und politisches Repräsentationsmittel.
- Die Kongruenz zwischen äußerer Erscheinung und innerer Tugendhaftigkeit.
- Die Rolle des "Kleiderlohns" im höfischen Zeremoniell und Austauschwesen.
- Narrative Strategien: Kleidung als Mittel der Personencharakterisierung.
- Der bewusste Bruch mit literarischen Schemata zur Verdeutlichung emotionaler Zustände.
Auszug aus dem Buch
3. Die Wechselbeziehung zwischen Inner- und Äußerlichkeit – Die Kleidung im Dienst der Personenbeschreibung
Die Schönheitsbeschreibung in der höfischen Dichtung allgemein ist eng mit der Gewandbeschreibung verbunden, d. h., „dass die schöne Gewandung im Einklang mit dem schönen Körper steht.“ Ein weiterer, wichtiger Aspekt ist das Eintreten der Kleiderbeschreibung in den Dienst der Personen- und Persönlichkeitsbeschreibung. Auf den engen Zusammenhang zwischen körperlichem Liebreiz, prunkvoller Kleidung und innerer Schönheit (d.h. des Charakters!) wird u. a. an folgender Textstelle (282-283) hingedeutet:
Jâ lûhte ir von ir wæte vil manec edel stein. ir rôsenrôtiu varwe vil minneclîchen scein. ob iemen wünscen solde, der kunde niht gejehen daz er ze dirre werlde het iht scœners gesehen
Sam der liehte mâne vor den sternen stât, des scîn sô lûterlîche ab den wolken gât, dem stuont si nu gelîche vor maneger frouwen guot. des wart dâ wol gehœhet den zieren héldén der muot.
Der Glanz der Edelsteine, des rosigen Teints, der teuren Kleidung allgemein hat eine Signalfunktion – er wird als Zeichen für innere Tugendschönheit verstanden. Oder wie de Boor treffend schreibt: „In der Schönheit der Erscheinung, gehoben durch farbenfrohe Kostbarkeit der Kleidung, drückt sich adliges Wesen nach außen hin aus.“
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die historische Bedeutung von Kleidung im Mittelalter als Ausdruck von Stand und Würde und führt in die literaturwissenschaftliche Fragestellung der Arbeit ein.
1. Das höfische Zeremoniell: Dieses Kapitel erläutert den Einfluss höfisch-ritterlicher Kultur und der Kreuzzüge auf das wachsende Bedürfnis nach prunkvoller Selbstdarstellung durch Kleidung.
2. Teure Stoffe aus dem Orient – Kleidung als Statussymbol: Hier wird analysiert, wie der Dichter durch orientalische Seidenstoffe und luxuriöse Schnitte die ständische Überlegenheit der Protagonisten hervorhebt.
3. Die Wechselbeziehung zwischen Inner- und Äußerlichkeit – Kleidung im Dienst der Personenbeschreibung: Dieses Kapitel untersucht die enge Verbindung von körperlicher Schönheit, Kleidung und innerer Tugend sowie den Kontrast zur Figur der Brünhild.
4. Das Motiv des Kleiderlohns: Es wird die gesellschaftliche Praxis des Schenkens von Kleidung als Zeichen höfischer Milte und als festes Protokoll der Kommunikation behandelt.
5. Erzählen mit der Kleidung: Dieses Kapitel zeigt anhand von Kriemhilds Kleiderszenen, wie das gezielte Abweichen von Beschreibungsschemata narrative Wendepunkte markiert und innere Konflikte offenbart.
Nachwort: Das kurze Nachwort fasst die zentralen Thesen zusammen.
Schlüsselwörter
Nibelungenlied, Kleidermotivik, Höfische Gesellschaft, Statussymbol, Stoffkunde, Personenbeschreibung, höfisches Zeremoniell, Kleiderlohn, mittelalterliche Literatur, Repräsentationsprinzip, Schemabruch, feudale Kultur, höfische Identität, Seidenstoffe, Sachkultur.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit der zentralen Rolle von Kleidung und Gewandbeschreibungen im Nibelungenlied und analysiert deren Funktion für die höfische Gesellschaft und die erzählerische Struktur des Epos.
Was sind die thematischen Schwerpunkte der Untersuchung?
Im Fokus stehen die symbolische Bedeutung teurer Stoffe, das höfische Zeremoniell, die Verbindung zwischen äußerem Erscheinungsbild und innerem Charakter sowie der Einsatz von Kleidung zur Standesmarkierung.
Welches primäre Ziel verfolgt der Autor?
Das Ziel ist es zu beweisen, dass Kleidung im Nibelungenlied weit mehr als bloßer Luxus ist, sondern ein gezielt eingesetztes erzählerisches Mittel, um politische Machtverhältnisse zu demonstrieren und die Handlung voranzutreiben.
Welche wissenschaftliche Methodik wird verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse durchgeführt, die primär auf die Auswertung der Kleidermotivik im Text und den Abgleich mit zeitgenössischen höfischen Normen und Sekundärliteratur zur mittelalterlichen Epik setzt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse des höfischen Zeremoniells, der Statussymbolik von Stoffen, der Personencharakterisierung durch Kleidung, die Bedeutung des Kleiderlohns und die erzählerische Funktion vestimentärer Schemabrüche.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Zu den prägenden Begriffen gehören "Kleidermotivik", "höfische Repräsentation", "Statusdeklaration", "Schemabruch" und "Sachkultur".
Wie dient die Kleidung als "Schaubildtechnik" im Epos?
Sie fungiert als visuelles Instrument des Dichters, um innere Zustände der Figuren oder politische Machtpositionen für das Publikum plastisch zu machen, ohne diese explizit ausformulieren zu müssen.
Warum ist Kriemhilds Trauerkleidung so bedeutend für die Interpretation?
Kriemhilds Festhalten am schlichten Trauergewand entgegen dem höfischen Protokoll bricht mit dem Schema der "Schönheit als Zeichen für Status" und verdeutlicht eindrücklich ihre tiefe, exklusive Bindung an den verstorbenen Siegfried.
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- Andy Schalm (Author), 2007, Kleidung und adliges Selbstverständnis - Zur Kleidermotivik im Nibelungenlied, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/83451