Kinder und Jugendliche mit Verhaltensstörungen bestimmen immer mehr den Alltag
in Familie, Kindergarten, Schule und Heim. Verhaltensstörungen – mit den
einhergehenden Erziehungsproblemen – gehören inzwischen fast zur
„Tagesordnung“. Eltern und Pädagogen werden damit tagtäglich konfrontiert. Die
Kinder wachsen in einer Umwelt auf, die durch zunehmende soziale und psychische
Spannungen gekennzeichnet ist. Die Verhaltensstörungen hemmen nicht nur ihre
Lernprozesse, sondern auch ihre zwischenmenschlichen Beziehungen und stören
zunehmend die Persönlichkeitsentwicklung der Kinder und Jugendlichen. Oft wird
die pädagogische Arbeit mit diesen Kindern durch aggressives und zappeliges
Verhalten oder durch notorische Unruhe und übermäßige Ängstlichkeit empfindlich
gestört. Es muß daher nach Wegen gesucht werden, um Gegengewichte zu schaffen,
die es den Kindern und Jugendlichen ermöglichen, zu einer ausgeglicheneren
Lebensform zurückzufinden, dazu gehört vor allem die Reduzierung des auf ihnen
lastenden Spannungsdrucks. Ausreichende Möglichkeiten des Spannungsabbaus
durch Bewegung oder das Einbauen von Ruhephasen – Entspannung durch
Reizarmut – erleichtern den täglichen Umgang mit verhaltensgestörten Kindern.
Entspannungsverfahren lösen nachweislich positive Wirkungen auf physiologischer
wie psychischer Ebene aus. Ihr Einsatz führt zwar nicht zur Reduzierung von
Verhaltensstörungen, vielmehr zeigen Entspannungsverfahren ihre Bedeutsamkeit
und Hilfeleistung im Abbau der durch Hyperaktivität, Angst und Aggressionen
entstandene körperliche Erregungszustände, Angespanntheit und motorischer
Bewegungsunruhe. Durch gezielte und aufbauende Entspannungsübungen wird
Kindern und Jugendlichen physisch-psychische Entlastung angeboten. Der positive
Effekt von Entspannungsverfahren ermöglicht es ihnen, sich mit anschließenden
Aktivitäten angemessen und erfolgversprechend auseinanderzusetzen.
Welche Entspannungsverfahren bei Kindern und Jugendlichen eingesetzt werden
können, wird anhand theoretischer Grundlagen und konkreter Beispiele erklärt. Ich
konzentriere mich dabei auf den Einsatz von Entspannungsverfahren bei Kindern, da
die frühzeitige Planung pädagogischer Fördermaßnahmen den größten Erfolg
verspricht.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Verhaltensstörungen bei Kindern und Jugendlichen
2.1 Kurzer Abriß der kindlichen Entwicklung
2.2 Sozio-kulturelle Faktoren als mögliche Ursachen für Verhaltensstörungen
2.3 Darstellung von Verhaltensstörungen
2.3.1 Hyperkinetisches Syndrom
2.3.2 Aggressives Verhalten
2.3.3 Angststörungen
2.4 Bedeutung von Entspannung bei Verhaltensstörungen
3. Charakterisierung der gängigsten Entspannungsverfahren
3.1 Das Autogene Training
3.2 Die Progressive Muskelentspannung
3.3 Sonstige Entspannungsverfahren
4. Zum Begriff der Entspannung
4.1 Physiologische Aspekte der Entspannung
4.1.1 Neuromuskuläre Veränderungen
4.1.2 Kardiovaskuläre Veränderungen
4.1.3 Respiratorische Veränderungen
4.1.4 Elektrodermale Veränderungen
4.1.5 Zentralnervöse Veränderungen
4.2 Psychologische Aspekte der Entspannung
4.3 Der heutige Wissensstand zum Entspannungszustand
5. Anwendung und Durchführung von Entspannungsverfahren bei Kindern und Jugendlichen
5.1 Indikation und Kontraindikation von Entspannungsverfahren
5.1.1 Indikation
5.1.2 Kontraindikation
5.1.3 Nebenwirkungen und Begleiterscheinungen
5.2 Entspannungsarten
5.3 Durchführungsmodalitäten
5.3.1 Hinführungsphase
5.3.2 Ausführungsphase
5.3.3 Probleme bei der Durchführung
6. Geeignete Entspannungsverfahren für Kinder und Jugendliche
6.1 Sensorische Entspannungsverfahren
6.1.1 Schildkröten-Phantasie-Verfahren
6.1.1.1 Durchführung
6.1.2 Progressive Muskelentspannung
6.1.2.1 Durchführung
6.2 Imaginative Entspannungsverfahren
6.2.1 Kapitän-Nemo-Geschichten
6.2.1.1 Durchführung
7. Einführung von Entspannungsverfahren im Unterricht mit verhaltensgestörten Kindern
7.1 Lehrer und Schüler im Entspannungsprozeß
7.2 Die unterrichtlichen Zielsetzungen
7.3 Der vorbereitende Rahmen für Entspannungsübungen im Unterricht
7.4. Praktische Übungen zur Einleitung einesEntspannungsverfahrens
7.4.1 Anregungen für die Hinführungsphase
7.4.2 Anregungen für die Körpererfahrungsphase
7.4.3 Anregungen für die Entspannungsphase
7.5 Förderung der Übungsbereitschaft
8. Schlußbetrachtung
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die Einsatzmöglichkeiten von Entspannungsverfahren bei Kindern und Jugendlichen mit Verhaltensstörungen im schulischen Kontext. Ziel ist es, aufzuzeigen, wie durch gezielte Ruhe- und Entspannungsphasen der physisch-psychische Spannungsdruck reduziert werden kann, um dadurch günstigere Voraussetzungen für Lern- und Entwicklungsprozesse sowie eine Verbesserung der sozialen Interaktionen zu schaffen.
- Grundlagen der kindlichen Entwicklung und Entstehung von Verhaltensstörungen
- Physiologische und psychologische Wirkungsweise von Entspannungsverfahren
- Eignung verschiedener Verfahren (z.B. Schildkröten-Phantasie, Progressive Muskelentspannung, Kapitän-Nemo-Geschichten)
- Pädagogische Anforderungen an Durchführung und Rahmenbedingungen im Unterricht
- Methoden zur Förderung der Übungsbereitschaft und langfristigen Integration
Auszug aus dem Buch
6.1.1 Schildkröten-Phantasie-Verfahren
Das Schildkröten-Phantasie-Verfahren zählt zu den bewegungsorientierten Entspannungsverfahren (sensomotorisch), es wurde 1976 von zwei Amerikanern, Robin und Schneider, entwickelt. Einsetzbar ist dieses Verfahren bis zum Alter von neun Jahren, d.h. im Kindergarten oder in der Grundschule. Ein Vorteil dieses Verfahrens liegt in der Durchführbarkeit mit vielen Kindern, so daß eine Schulklasse oder eine Kindergartengruppe daran teilnehmen kann. Die positiven Wirkungen dieses Verfahrens zielen dabei besonders auf aggressives und hyperaktives Verhalten ab, wobei eine regelmäßige Anwendung über einen längeren Zeitraum vorausgesetzt wird. Die Schildkröte wird dabei als Identifikationsfigur genutzt, die sich bei einer Reizung durch die Umwelt, schützend in ihren Panzer zurückziehen kann.
Das Schildkröten-Phantasie-Verfahren stellt ein Kombinationsverfahren dar, das sich aus der Bewegung (Modifikation nach Petermann, 1995), den kognitiven Entspannungsinstruktionen und den Imaginationen zusammensetzt. Zuächst einmal erarbeiten die Kinder die Bewegungsmerkmale einer Schildkröte, sie macht keine ruckartigen Bewegungen, läuft nicht schnell, ist leise und zieht sich bei Berührung in ihren Panzer zurück. Bei jüngeren Kindern kann das Ausmalen eines Schildkrötenbildes die Identifikation erleichtern, wobei die Beobachtung einer lebenden Schildkröte diesen Vorgang noch stärker fördert.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die zunehmende Belastung durch Verhaltensstörungen bei Kindern im Alltag und stellt die präventive Bedeutung von Entspannungsverfahren für die pädagogische Arbeit dar.
2. Verhaltensstörungen bei Kindern und Jugendlichen: Dieses Kapitel erläutert kindliche Entwicklungsprozesse, sozio-kulturelle Ursachen sowie das Erscheinungsbild von hyperaktivem, aggressivem Verhalten und Angststörungen.
3. Charakterisierung der gängigsten Entspannungsverfahren: Hier werden das Autogene Training, die Progressive Muskelentspannung sowie weitere Verfahren theoretisch eingeführt und in ihrer Anwendbarkeit bewertet.
4. Zum Begriff der Entspannung: Das Kapitel analysiert physiologische und psychologische Aspekte der Entspannung und fasst den aktuellen wissenschaftlichen Wissensstand zur Entspannungssituation zusammen.
5. Anwendung und Durchführung von Entspannungsverfahren bei Kindern und Jugendlichen: Hier stehen Indikationen, Kontraindikationen, mögliche Nebenwirkungen sowie die konkrete Gestaltung der Durchführungsmodalitäten im Fokus.
6. Geeignete Entspannungsverfahren für Kinder und Jugendliche: Dieses Kapitel stellt spezifische, kindgerechte Verfahren wie das Schildkröten-Phantasie-Verfahren und die Kapitän-Nemo-Geschichten detailliert vor.
7. Einführung von Entspannungsverfahren im Unterricht mit verhaltensgestörten Kindern: Es werden praxisnahe Konzepte zur Implementierung, die Rolle der Lehrperson und Übungen zur Hinführung, Körpererfahrung und Entspannung im Unterricht beschrieben.
8. Schlußbetrachtung: Die Arbeit schließt mit einer kritischen Reflexion über die Etikettierung von Kindern und betont die Notwendigkeit einer ganzheitlichen pädagogischen Praxis zur Förderung des Wohlbefindens.
Schlüsselwörter
Entspannungsverfahren, Verhaltensstörungen, Kinder, Jugendliche, Pädagogik, Unterricht, Autogenes Training, Progressive Muskelentspannung, Schildkröten-Phantasie-Verfahren, Kapitän-Nemo-Geschichten, Stressabbau, Erregungszustände, Körperwahrnehmung, Imagination, Ruherituale
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit dem gezielten Einsatz von Entspannungsverfahren zur pädagogischen Unterstützung von Kindern und Jugendlichen mit Verhaltensstörungen im schulischen Alltag.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen umfassen die Ursachen von Verhaltensstörungen, die Wirkungsweise verschiedener Entspannungsmethoden, deren spezifische Eignung für Kinder sowie die praktische Einführung und Etablierung dieser Verfahren im Unterricht.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, den physisch-psychischen Spannungsdruck der Kinder zu reduzieren, um so eine bessere Ausgangslage für Lernprozesse, Konzentration und ein friedlicheres Miteinander zu schaffen.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Die Autorin stützt sich auf eine theoretische Auseinandersetzung mit entwicklungspsychologischen und psychophysiologischen Grundlagen sowie auf den Transfer pädagogischer Konzepte in den praktischen Unterrichtsalltag.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Fundierung der Entspannung, die detaillierte Vorstellung ausgewählter Verfahren für verschiedene Altersgruppen sowie eine umfangreiche Anleitung zur schulpraktischen Umsetzung, inklusive Übungsverträgen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Kernbegriffe sind Entspannungsverfahren, Verhaltensstörungen, Pädagogik, Unterricht, Körperwahrnehmung, Ruherituale und Imagination.
Warum ist das Schildkröten-Phantasie-Verfahren besonders für jüngere Kinder geeignet?
Es ist ein bewegungsorientiertes, leicht verständliches Kombinationsverfahren, das Kinder durch die Identifikationsfigur der Schildkröte spielerisch dazu befähigt, in Konfliktsituationen einen Moment der Ruhe zu finden und kontrolliert zu reagieren.
Wie soll die Lehrperson mit Widerständen bei Jugendlichen umgehen?
Die Lehrperson sollte auf eine vertrauensvolle Basis setzen, das Erlebnisbedürfnis (Power) der Jugendlichen berücksichtigen und Begriffe wie "Entspannung" vermeiden, um Skepsis zu minimieren und das Verfahren als aktive Kompetenzsteigerung zu vermitteln.
- Quote paper
- Ellen Stratmann (Author), 1996, Einsatzmöglichkeiten von Entspannungsverfahren bei Kindern und Jugendlichen mit Verhaltensstörungen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/8347