Wirtschaftliche Transformation unter der Ägide internationaler Finanzinstitutionen: Eine demokratietheoretische Analyse


Seminararbeit, 2007

30 Seiten, Note: 1.0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Wirtschaftliche Transformation
2.1 Transformation im Kontext des Washington Consensus
2.2 Der Einfluss der IFIs
2.3 Konditionalitäten als Steuerungsinstrument

3 Kriterien des demokratischen Prozesses
3.1 Grundannahmen
3.2 Fünf Kriterien

4 Wirtschaftliche Transformation und der demokratische Prozess
4.1 Effektive Partizipation
4.2 Wahlgleichheit auf der entscheidenden Ebene
4.3 Aufgeklärtes Verständnis
4.4 Kontrolle der Agenda

5 Schlussfolgerungen

6 Bibliographie

7 Appendix

1 Einleitung

Mit dem Zusammenbruch des kommunistischen Staatsmodells standen die Staaten Zentral- und Osteuropas Anfang der 1990er Jahre vor einer historisch einzigartigen Situation. Als Reflex auf den totalitären, zentralistischen Staatsapparat der Sovietunion erlebten die meisten Staaten zwischen 1988 und 1992 einen Demokratisierungsschub. Die Einführung eines demokratischen Wahlmodells, Massenpartizipation und Verbesserungen in der demokratischen Performanz wa- ren die ermutigenden Anzeichen einer erfolgreichen Transformation (Bunce et al. 2006). Ein anderer, wichtiger Aspekt der Transformation der post-kommunistischen Länder zu western sty- le liberal democracies, wie es Francis Fukuyama formulierte, ist die Umgestaltung des Wirt- schaftssystems. Speziell im Bereich der makroökonomischen Steuerung und der Markttheorie bestanden enorme Divergenzen zwischen den beiden Staatsmodellen. Während die kommuni- stischen Systeme die staatliche Steuerung der nationalen Wirtschaft mittels 5 Jahres Plänen und die Verstaatlichung des Privateigentums zu ihrem Credo erhoben hatten, herrschte in den OECD Ländern spätestens ab Mitte der 1980er Jahre der Glaube an die freie Marktwirtschaft und die Überzeugung,dassstaatlicherEingriffgrundsätzlichschädlichsei(Fischer1990).

Zeitgleich mit dem Ende des kommunistischen Systems und seiner Wirtschaftsideologie sub- sumierte John Williamson unter dem Begriff des Washington Consensus eine wirtschaftspoli- tische Doktrin, die für die Transformation der Transitionsländer wegweisend sein sollte (Wil- liamson 1994).1 Die wirtschaftliche Transformation in den 1990er Jahren stand wesentlich un- ter dem Einfluss des Washington Consensus und folgte im Grossen und Ganzen seiner Agenda wirtschaftspolitischer Reformen (Zecchini 2002: 118). Erst 1997, als sich unter den verheeren- den Folgen der Asienkrise für die weltweiten Finanzmärkte die neoliberale Washingtoner Dok- trin der fundierten Kritik nicht mehr ohne Weiteres entziehen konnte, fand die Einsicht, dass ein erfolgreiches Wirtschaftssystem fundamental von funktionierenden Institutionen abhängt, Eingang in die Kreditvergabepraxis der Internationalen Finanzinstitutionen (IFIs) (e.g. Stiglitz 1998a; Fischer 2004).2

Als Transportmedien der Washingtoner Ideologie funktionierten die IFIs, namentlich der Inter- nationale Währungsfond (IMF) und die Weltbank.3 Die erfolgreiche Implementation des Wa- shington Consensus in einigen lateinamerikanischen Ländern, vor allem in Chile und Bolivien, verschaffte den IFIs das nötige Selbstvertrauen, den Transformationsprozess in den mittel- und osteuropäischen Transitionsländern, nach der selben Agenda zu gestalten.4 Weil die Implemen- tation eines neuen Wirtschaftsmodells weitreichende Veränderungen nicht nur in der wirtschaft- lichen Struktur eines Landes, sondern auch in seiner gesellschaftlichen und sozialen Zusammen- setzung bewirkt, erhält die Frage nach der Struktur dieses Transformationsprozesses ernstzuneh- mende Relevanz. Elementar ist vor allem eine normative Analyse des Prozesses, denn wie bei jeder Art des policymaking sind mit der Implementation ökonomischer Policies nicht nur ob- jetkive, wertneutrale Urteile über die zu erreichenden Ziele verbunden, sondern auch normativ- ethische (Shin et al. 2002: 104.).

Die vorliegende Arbeit befasst sich daher mit folgender Fragestellung: Ist der Implementations- prozess ökonomischer Reformen in den Transitionsländern Ausdruck demokratischer Transfor- mation, oder verletzt der Prozess wichtige Annahmen demokratischer politischer Ordnungen? Die Untersuchung dieser Fragestellung verlangt nach einer präzisen Abgrenzung. Die Wahl der postkommunistischen Transitionsländer als Analyseeinheiten könnte die kritische Frage pro- vozieren, ob es überhaupt angemessen sei, Länder, deren demokratische Geschichte eben erst wieder neu begonnen hat, einer demokratietheoretischen Analyse zu unterziehen. Weil sich die vorliegende Arbeit vor allem mit der Transformationsperiode zwischen 1989 und 1994 aus- einandersetzt, und es nach Meinung des Autors nur vernünftig ist, von einer gewissen An- passungszeit auszugehen, wäre die Frage berechtigt. Daher ist es wichtig festzuhalten, dass die Arbeit sich nicht eine Beurteilung der politischen Systeme der Transformationsländer zum Ziel setzt. Natürlich ist der Implementationsprozess eines Wirtschaftsmodells untrennbar mit der Entscheidungsstruktur des Staatssystems verbunden. Für diese Analyse spielt es aber keine

Rolle, ob beispielweise die Repräsentationsmechanismen innerhalb eines betreffenden Landes demokratischen Kriterien genügen.5 Es geht einzig um die Schnittstelle zwischen IFIs und den nationalstaatlichen Regierungen, also um die Beurteilung der Einflussnahme der IFIs auf den Transformationsprozess in den Transitionsländern. Und auch in diesem Zusammenhang ist eine weitere Abgrenzung sinnvoll. Die Kritik der demokratischen Legitimität der IFIs gehört zum mainstream politischer Philosophie, die sich mit internationalen Beziehungen beschäftigt.6 Die- se Arbeit will sich davon distanzieren, indem sie sich nicht mit der Legitimität der Institutionen an sich beschäftigt. Sie will vielmehr analysieren, welchen Einfluss die IFIs in einem spezifi- schen Kontext, nämlich in der Transformation von Wirtschaftssystemen, haben. Und sie will diesen Einfluss an den Kriterien eines demokratischen Prozesses messen.

Zur Beantwortung der Fragestellung wird daher folgende These postuliert: Die durch die IFIs forcierte Implementation eines ökonomischen Modells in den Transitionsländern verletzt wichtige Annahmen demokratischer politischer Ordnungen und sollte daher in einen demokratischen Partizipationsprozess eingegliedert werden.

Im nächsten Abschnitt werde ich zuerst erläutern, was wirtschaftliche Transformation im Kon- text des Washington Consensus bedeutet. Danach werde ich die Einflussnahme der IFIs konzep- tualisieren. Im darauffolgenden Abschnitt werde ich die Kriterien eines demokratischen Prozes- ses definieren. Dazu lehne ich mich weitgehend an Robert A. Dahls einflussreiche Theorie des demokratischen Prozesses an (Dahl 1989). Die eigentliche Analyse wird dann mit Hilfe dieses Kriterienkatalogs an der Einflussnahme der IFIs auf den Transformationsprozess erfolgen. Ab- schliessend werde ich nicht nur Schlussfolgerungen aus der Analyse ziehen, sondern auch einige Empfehlungen für die Gestaltung zukünftiger Beziehungen zwischen IFIs und Nationalstaaten abgeben.

2 Wirtschaftliche Transformation

2.1 Transformation im Kontext des Washington Consensus

Während in den 1960er und 70er Jahren die Industrialisierung und Modernisierung wenig ent- wickelter Länder durch möglichst umfangreiche Geldzuflüsse bei den IFIs breit abgestützt war, wurde seit den 1980er Jahren das Wachstum der Wirtschaft im Allgemeinen als Hauptkriterium für erfolgreiche Entwicklung angesehen (Pender 2001: 398). Um möglichst stabiles Wachstum zu erreichen, promovierten die IFIs verschiedene Massnahmen, die günstige makroökonomi- sche Strukturveränderungen bewirken sollten. Anfang der 1990er Jahre fasste John Williamson diese unter dem Begriff ’Washington Consensus’, der fortan mit beeindruckender Konstanz und Verbreitung gebraucht wurde und wird, zusammen.7 Trotz der Explizitheit der angeführten Po- licies stellt der Washington Consensus keine offizielle Position einer IFI dar. Er ist vielmehr eine Sammlung von Policy Optionen, über die sich wichtige Partner in dem Masse einig wur- den, dass man von einem Konsens sprechen konnte (Kolodko 1999: 11).8 Dabei sollte man nicht vergessen, dass Joseph Stiglitz, ehemaliger Chefökonom der Weltbank, zu den im Washington Consensus enthaltenen Policies sagte, [...] though to be sure, there never was a consensus even in Washington (let alone outside of Washington) on the appropriateness of these policies (Stig- litz 1998b: 58).

Obwohl diese Unsicherheit bezüglich der Wirksamkeit und Nützlichkeit der Policies immer bestand, wurde die Reformagenda der IFIs mit gehöriger Radikalität verfolgt (Kolodko 1999: 11). Um die Implementation dieser Policies in Entwicklungsländern durchzusetzen, waren die IFIs auf angemessene Instrumente angewiesen, die bei den Empfängerstaaten entsprechende Anreize zur Anpassung ihrer Strukturreformen setzen sollten.

2.2 Der Einfluss der IFIs

Wenn wir eine demokratietheoretische Analyse des wirtschaftlichen Transformationsprozesses in den Transitionsländern mit spezieller Fokussierung auf die Bedeutung der IFIs durchführen wollen, dann brauchen wir zuerst eine Vorstellung davon, was Einfluss oder Macht in die- sem Prozess an der Schnittstelle zwischen nationaler und internationaler Ebene überhaupt be- deutet. Denn könnten wir davon ausgehen, dass die IFIs gar keine Macht in Relation zu den Empfängerländern besitzen, wäre eine demokratietheoretische Analyse überflüssig. Nur im Falle von Machtaysmmetrien spielen prozedurale Kriterien eine wichtige Rolle, weil dem Schwäche- ren in undemokratischen Prozessen ihm widerstrebendes Verhalten aufgezwungen werden kann. Susan Strange formuliert die Aufgabe des politischen Analysten sehr treffend (Strange (2002: 173):

If politics is - in Lasswell’s classic definition of the subject - about who gets what, where and how, then in any study of politics we have to look first for the contested issue - the ’what’ - and then for the sources of authority and the processes by which these issues are decided.

Das was unserer Studie ist die wirtschaftliche Transformation nach der Agenda des Washington Consensus. Natürlich ist diese Aussage etwas oberflächlich und Susan Strange würde bestimmt einwenden, dass es darum geht, wem diese Transformation am meisten Nutzen bringt. Diese Frage ist nicht neu und andere Autoren haben sich mit ihr bereits intensiv auseinandergesetzt (e.g. Dolowitz und Marsh 2000; Larmour 2002). In dieser Studie geht es aber nur um einen bestimmten Aspekt des was, nämlich um die Implementation eines neuen Wirtschaftsmodells. Weiter geht es um die Quellen der Autorität und die Prozesse, welche zur Implementation des Wirtschaftsmodells führen.

In Bezug auf die Quellen der Autorität, also die eigentliche Macht, eröffnet Strange eine nütz- liche Unterscheidung zwischen Ressourcen und outcomes. Entscheidend sind nicht die blossen Ressourcen der Akteure, sondern die outcomes, die sie mit diesen Ressourcen realisieren können (Strange 2002: 175). Diese Unterscheidung erhält ihre Bedeutung speziell im Kontext unserer Analyse, in welcher der Einfluss internationaler Organisationen konzeptualisiert werden soll. Gerade hier genügen traditionelle Ansätze nicht, da die Ressourcen der IFIs schwer zu messen sind.9 Es ist also sinnvoll, zu untersuchen, inwiefern sich die Ziele der IFIs mit den realisier- ten outcomes in den Transitionsländern decken. Wie weiter oben bereits erwähnt wurde, kann man davon ausgehen, dass die wirtschaftliche Transformation in den meisten Transitionsländern zumindest bis 1994 weitgehend der Agenda des Washington Consensus gefolgt ist. Gehen wir von Strange’s Ansatz aus, liegt offenbar eine bedeutende Quantität an Autorität bei den IFIs, da die erreichten outcomes, also das tatsächliche Wirtschaftsmodell nach der Transformation, ihren Zielen entspricht.

Bleibt die für die demokratietheoretische Analyse wichtigste Frage nach den Prozessen der Machtausübung. Die konventionelle Sicht von Machtprozessen ging davon aus, dass A Macht über B hat, wenn A B dazu bringt, etwas zu tun, was B sonst nicht tun würde (Strange 2002: 176). Macht ist also etwas, dass direkt und relational, zwischen den beteiligten Akteuren, aus- geübt wird. Auf einer höheren Ebene, dem zweiten Level, hat Macht aber auch eine strukturelle Ausprägung, wenn der Mächtige Ziele und Ideen des Schwächeren von der Agenda fernhalten kann und so die politische Debatte und die Entscheidungen von vornherein strukturiert (ibid.). Strange führt dann noch ein drittes Level ein, die Wissensstruktur (knowledge structure). Das ist, kurz gesagt, die Bedeutung der vorherrschenden Ideologie im internationelen Bereich, wel- che die Präferenzen der Akteure ex ante mitbestimmt und deren Gestaltung daher ein wichtiges strukturelles Machtmittel ist (Strange 2002: 176.).10 Die strukturelle Ausprägung der Macht kommt dann zum tragen, wenn die Mächtigen indirekt handeln, um die Strukturen, durch wel- che die outcomes bestimmt werden, zu bestimmen. Genau das tun die IFIs, wenn sie versuchen, die wirtschaftliche Transformation der Transitionsländer nach der Agenda des Washington Con- sensus zu gestalten. Die Mittel und Prozesse, die sie dazu verwenden, sollen Gegenstand der demokratietheoretischen Analyse sein.

2.3 Konditionalit äten als Steuerungsinstrument

Die indirekte Definition der Strukturen bestimmen die IFIs vorrangig über die strukturellen An- passungsprogramme (SAPs), in deren Rahmen Kredite vergeben werden. Ein Hauptmerkmal dieser SAPs sind Konditionalitäten, welche an die Kredite gebunden sind.11 Als der IMF und die Weltbank 1944 in Bretton Woods gegründet wurden, war die Verwendung von Konditio- nalitäten kein Thema (Dreher 2004: 445). Die vordringliche Aufgabe des IMF war die Stabili- sierung des Wechselkursregimes und der schnelle Eingriff bei Zahlungsbilanzkrisen. Die Welt- bank wiederum sollte das langfristige Wachstum ihrer Mitgliedsländer, nota bene vor allem der kriegsgeschädigten westeuropäischen Staaten, fördern. Mit der Zeit und parallell zur Entwick- lung der IFIs nahm aber auch die Bedeutung der Konditionalitäten zu. Als Robert McNamara, als Präsident der Weltbank, 1979 zum ersten Mal die Einführung von Konditionalitäten vor- schlug, beschrieb er sie als Idee, um ökonomisches Wachstum und Entwicklung zu fördern durch die Verbindung von finanzieller Unterstützung mit der Implementation von bestimmten Policies (Pender 2001: 399). Die entscheidende Veränderung in der Anwendung der Konditionalitäten erfolgte aber Mitte der 1980er Jahre, als aus project based-, programme based conditionalities wurden (Hopkins 1997: 512). Es ging nun nicht mehr darum, Projekte zu einem erfolgreichen Abschluss zu bringen, sondern um die Implementation von IMF und Weltbank Policies. Anfang der 1990er Jahre waren SAPs der Weltbank im Durchschnitt mit über 50 Konditionalitäten ver- knüpft (Dreher 2004: 446).12 Für den IMF gelten vergleichbare Zahlen.

Die Ähnlichkeit des Vorgehens der beiden Institutionen erstaunt nicht, denn die Konditiona- litäten der Weltbank ergänzen für gewöhnlich jene des IMF, da der Abschluss eines Arrange- ments mit dem IMF eine Grundvoraussetzung für den Zugang zu den Anpassungskrediten der Weltbank ist (ibid.). Seit den frühen 1980er Jahren und bis weit in die 1990er Jahre waren Kredi- te der IFIs effektiv davon abhängig, ob die Regierungen der Empfängerländer sich dazu bereit er- klärten weitreichende Reformen ihrer Wirtschaftspolitik zu implementieren, welche dem Modell des Washington Consensus entsprachen (Pender 2001: 400). Wenn heute oftmals die Existenz- berechtigung von IMF und Weltbank wegen der enormen Mengen an mobilem Privatkapital in Frage gestellt wird, dann ist das eine fundamentale Veränderung im Vergleich zu der Zeit vor der Jahrtausendwende. Die Länder waren auf die IFIs angewiesen, weil die privaten Kapitalströme damals gerade nicht in die Transitionsländer flossen, sondern meist in entwickelte Regionen, die grössere Sicherheiten bieten konnten (Bird 2001: 11). Erst das sprunghafte Wachstum der private equity führte zu einer geringeren Risikoaversität seitens der privaten Investoren.

Die IFIs versuchen also auf direktem Weg vor allem mittels Konditionalitäten den Entwicklungsländern Anreize für Strukturreformen zu setzen. Verstärkend wirkt dabei der Einfluss der technischen Unterstützung (technical assistance) und die Katalysatorfunktion, welche die IFIs für die Anziehung privater Kreditgelder ausüben (Zecchini 2002: 116).13

Implementation Die mit den SAPs verbundenen Konditionalitäten werden durch das spezifi- sche Design der Programme und über gezieltes monitoring der Effektivität und der Einhaltung von Zeitplänen implementiert.14 Um das Design der SAPs zu bestimmen führen die IFIs vorerst eine tiefgreifende makroökonomische Analyse des Empfängerlandes durch. In einem nächsten Schritt versucht man Einigkeit mit der Regierung in Bezug auf die Policy Zielsetzungen und die nötigen makroökonomischen Policies zu erlangen. Besteht ein Konsens und hat auch das Exe- cutive Board, das operative Leitungsgremium der IFIs, die ausgehandelten Papiere akzepiert, können Kredite ausbezahlt werden. Gleichzeitig, oder je nachdem auch schon vorher, findet ein monitoring des Empfängerlandes mittels Performanzkriterien, strukturellen benchmarks und re- views des Verhaltens statt. Oft werden vor der ersten Auszahlung eines Kredites strukturelle Anpassungen verlangt. Zum einen um angemessene Vorbedingungen herzustellen, zum anderen aber auch, um das Engagement der betroffenen Regierung zu testen. Erfüllt ein Empfängerland die mit den Konditionalitäten verbundenen Kriterien aus der Perspektive der IFIs, dann qualifi- ziert es sich für weitere Kredite. Dieser Prozess der makroökonomischen Steuerung und Struktu- ranpassung, der letztendlich zur wirtschaftlichen Transformation der Transitionsländer geführt hat, verlangt nun nach einem geeigneten demokratietheoretischen Analyse-Werkzeug. Dieses Werkzeug bietet Robert A. Dahl mit seinen Kriterien eines demokratischen Prozesses.

3 Kriterien des demokratischen Prozesses

3.1 Grundannahmen

Die demokratietheoretische Analyse wird natürlich erst interessant, wenn wir die Demokratie, oder den demokratischen Prozess, positiv von anderen Formen der Herrschaft abgrenzen können. Dazu müssen wir vorerst wissen, was wir als Demokratie, oder demokratisch bezeichnen wollen. Dahl definiert Demokratie als ’Regierung durch das Volk’ (rule by the people), wobei er das Volk als Demos definiert, also als Vereinigung von Bürgern, die gleichberechtigt kollektiv verbindliche Regierungsentscheide realisieren (Dahl 1989: 83).

Um die fünf Kriterien des demokratischen Prozesses zu begründen, müssen zuerst einige fundamentale Annahmen erläutert werden, die als Rechfertigungen einer demokratischen Ordnung im Vergleich im anderen Herrschaftsformen dienen.15

Die Idee der intrinsischen Gleichheit Zurückgehend auf Locke’s Second Treatise of Goven- ment sollen alle Menschen als intrinsisch gleich betrachtet werden.16 Das bedeutet, als gleich im Bezug auf ihr gemeinsames Recht auf natürliche Freiheit, auf Freiheit von der Autorität an- derer (Dahl 1989: 85). Während klar ist, dass die intrinsische Gleichheit in vielen Situationen irrelevant ist, erlangt sie ihre Bedeutung im Kontext kollektiver Entscheidungen.

[...]


1 Der Washington Consensus wird im weiteren Verlauf der Arbeit noch detailliert besprochen.

2 Einige Transformationsländer, wie zum Beispiel Polen, haben sich bereits früher gegen die Strategien der IFIs gewandt (Kolodko 1999).

3 Natürlich spielen auch andere IFIs, wie die Asian Development Bank (ADB) eine wichtige Rolle. Zudem ist auch die Europäische Union (EU) ein wichtiger Akteur, wenn es um den Transfer von Policies in die Transitionsländer geht. Für diese Studie ist aber der Einfluss von IMF und Weltbank entscheidend.

4 Die Programme wurden nach dem one size fits all Modell auf die Transitionsländer übertragen. Wenn ich in diesem Zusammenhang von erfolgreicher Implementation spreche, dann meine ich nicht einen allfälligen wirtschaftlichen Erfolg der Programme, sondern wortwörtlich die geglückte Implementation. Die Programme produzierten in allen Ländern höchst unterschiedliche und ebenso kontrovers diskutierte Resultate.

5 Eine genaue Beschäftigung mit der Messung der Demokratie von Systemen bietet e.g. Beetham (1994).

6 e.g. Woods (2003); Moravcsik (2005) als bedeutende Vertreter informierter Kritik an den IFIs.

7 Weil die Kenntnis der Inhalte der Policies für das Verständnis der umfassenden Bedeutung der Reformen wichtig ist, findet sich im Appendix der Studie eine Auflistung der einzelnen Punkte.

8 Natürlich gehören zu diesen Partnern nicht nur die IFIs, sondern auch verschiedene Akteure der Geberstaaten, wie die US Treasury oder das US State Department.

9 Die IFIs verfügen e.g. nicht über militärische Mittel und auch die finanziellen Ressourcen sind nicht eindeutig den Organisationen an sich zuzuordnen, sondern den einzelnen Mitgliedsländern.

10 Die vorliegende Arbeit kann sich nicht erschöpfend mit diesem Aspekt der Macht auseinandersetzen. Das schmälert aber weder die Bedeutung, noch die Forschungsrelevanz der Wissensstruktur.

11 Konditionalitäten sind Bedingungen, die ein Kreditnehmer erfüllen muss, um seine Kreditwürdigkeit zu erhalten. Sie können entweder ex ante, also vor der Aufnahme des Kredites, oder ex post nach der Aufnahme des Kredi- tes eingefordert werden. Die Verwendung von Konditionalitäten ist auch im Kreditgeschäft zwischen Banken und Privatkunden, als Sicherheit für den Kreditgeber, üblich. Khan et al. (2003: 228) argumentieren, dass die Konditio- nalitäten als Substitute für fehlende Sicherheiten (collateral) betrachtet werden können.

12 Die SAPs sind ein Oberbegriff für die Instrumente, welche die Weltbank und der IMF einsetzen. Sie beste- hen aus Abkommen zwischen den IFIs und den Empfängerländern, aus einem Kreditfonds, welcher die Gelder zur Verfügung stellt, aus technischer Unterstützung in Form von Personal und Expertise, aus Training, Policy- Dialogen und Evaluation. Für eine detaillierte Erklärung empfiehlt sich die Konsultation von www.imf.org, resp. www.worldbank.org. Eine gute Einführung im Kontext von Machtasymmetrien bietet Larmour (2002).

13 Länder, die sich für IFI-Kredite qualifizierten werden von privaten Kreditgebern als sicherer eingestuft.

14 Die folgende Beschreibung des Implementationsprozesses richtet sich nach Khan et al. (2003: 233).

15 Die folgenden Erläuterungen sollten bedeutend detaillierter sein, um allfällige Einwände aufgreifen zu können. Der Rahmen dieser Arbeit zwingt aber zur Beschränkung auf die Argumente, welche für unsere Thematik am Wichtigsten sind.

16 Wenn ich von Menschen oder Personen spreche, geht es immer um die Mitglieder des Demos. Wer genau zum Demos gehört, wird im Rahmen des fünften Kriteriums thematisiert.

Ende der Leseprobe aus 30 Seiten

Details

Titel
Wirtschaftliche Transformation unter der Ägide internationaler Finanzinstitutionen: Eine demokratietheoretische Analyse
Hochschule
Universität Zürich  (Philosophisches Seminar)
Note
1.0
Autor
Jahr
2007
Seiten
30
Katalognummer
V83520
ISBN (eBook)
9783638909334
ISBN (Buch)
9783638909389
Dateigröße
584 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wirtschaftliche, Transformation, Finanzinstitutionen, Eine, Analyse
Arbeit zitieren
Jürg Vollenweider (Autor), 2007, Wirtschaftliche Transformation unter der Ägide internationaler Finanzinstitutionen: Eine demokratietheoretische Analyse , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/83520

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