Der Pflegeprozess in der Praxis. Theoretische Grundlagen und Beispiele zur Umsetzung für das Stationsmanagement und die Praxisausbildung


Fachbuch, 2007
70 Seiten

Leseprobe

Inhalt

Einführung

1 Die Pflegepraxis und ihre Einflüsse
1.1 Was ist Pflege?
1.1.1 Was macht Pflege aus?
1.1.2 Wer empfängt Pflege?
1.1.3 Pflegetheorie
1.1.4 Pflegephänomene
1.1.5 Nutzerperspektive in der Pflegepraxis
1.2 Was ist professionelles Handeln in der Pflege?
1.2.1 Pflege als Profession
1.2.2 Professionelles Handeln in der Pflege
1.3 Was ist Gesundheit, Krankheit und Behinderung?
1.4 Was ist Gesundheitsförderung, Prävention, Rehabilitation und Palliation?
1.4.1 Definitionsansätze
1.4.2 Salutogenese und Pathogenese
1.4.3 Therapeutischer Auftrag der Pflege
1.5 Pflegeberatung
1.6 Pflege in verschiedenen Settings und mit unterschiedlichen Personengruppen
1.6.1 Personengruppen
1.6.3 Pflege im multiprofessionellen und interdisziplinären Team
1.7 Gesetzliche Grundlagen
1.7.1 Inhaltliche Vorgaben
1.7.2 Strukturvorgaben

2 Der Pflegeprozess in der Praxis
2.1 Definitionen und Modelle zum Pflegeprozess
2.1.1 Pflege als Prozess
2.1.2 Was ist ein Prozess?
2.1.3 Der Problemlösungsprozess
2.1.5 Modelle zum Pflegeprozess
2.1.6 Reflexion für die Pflegepraxis
2.1.7 Grenzen des Pflegeprozesses in der Praxis
2.2 Der pflegediagnostische und –therapeutische Prozess
2.2.1 Der pflegediagnostische Prozess
2.3 Das Pflegeprozessmanagement
2.3.1 Von der Aufnahme bis zur Entlassung
2.3.2 Fallführung und Überleitung

3. Die Prozessgestaltung in der Pflegepraxis
3.1 Die Einschätzung und Erhebung des Pflegebedarfes
3.2 Die Stellung der Pflegediagnose
3.3 Die Ziel- und Interventionsplanung
3.3.1 Fall- und Situationsverstehen
3.3.2 Das pflegetherapeutische Ziel
3.3.3 Die pflegetherapeutische Intervention
3.4 Die Auswertung und die Rückkopplung

4 Das Aufnahme- und Entlassungsmanagement
4.1 Der Erstkontakt und das Aufnahmegespräch
4.2 Die Entlassungsplanung

5 Die Prozessdokumentation
5.1 Vom ersten bis zum letzten Tag
5.2 Die Dokumentationsbögen der Pflege

6 Was müssen Pflegende lernen, um ihren Job bewältigen zu können?
6.1 Kompetenzaneignung und -entwicklung
6.2 Beispiele beruflicher Kompetenzen und Kompetenzanforderungen

Abschluss

Literatur

Einführung

Der Pflegeprozess ist seit Jahrzehnten ein wichtiges und häufiges Thema in der Pflegepraxis, Pflegebildung (Aus-, Fort-, Weiterbildung, Studium, etc.), Pflegwissenshaft, usw.. Viele Pflegende verstehen den dahinter stehenden Sinn nicht oder die Umsetzung erfolgt aufgrund mangelnder Einigkeit und Fortbildung im Team nicht sinngemäß, so dass die Vorteile des Pflegeprozesses oft nicht zum Tragen kommen. Andererseits wird die Umsetzung aber direkt oder indirekt von den Schulen, den Pflegedienstleitungen, dem Qualitätsmanagement und nicht zuletzt vom Gesetzgeber gefordert.

Gerade Stationspflegeleitungen und Praxisanleiter sind besonders mit der praktischen Umsetzung des Pflegeprozesses konfrontiert. Einerseits sollen sie eine hohe Pflege- und Ausbildungsqualität sichern, ebenso hohe Fach- und Gesetzesanforderungen erfüllen, sich einem wandelnden Gesundheits-, Sozial- und Pflegewesen anpassen, mit steigenden Anforderungen an Können, Wissen, Verantwortung und Leistung zurecht kommen sowie andererseits ein Übermaß an Theorie und Konzepten wie auch wenig nachvollziehbaren und pragmatischen bzw. recht komplizierten Modellen und Verfahren vermeiden. Wie sollen sie das in Einklang bringen?

Die Antwort könnte sein, dass Pflege sich einerseits bewusst sein muss, dass eine anspruchsvolle, gesellschaftlich bedeutende und manchmal lebenswichtige Aufgabe auch anspruchsvolle Anforderungen an den Kompetenzgewinn und das Lernen bzw. die beruflichen Kompetenzen der Pflegenden stellt und andererseits Theorien, Modelle und Konzepte nicht immer kompliziert umgesetzt werden müssen.

Gerade beim Pflegeprozess kommt es nicht darauf an, dass ein bestimmtes Modell exakt und detailliert umgesetzt wird, sondern eher, dass bestimmte Prinzipien gewahrt bleiben und diese sich in guter Qualität in der Pflegepraxis finden lassen. Dann sind auch die hohen Erwartungen des Gesetzgebers, des Qualitätsmanagements und vor allem der Pflegebedürftigen erfüllt. In diesem Sinne kann die Orientierung an bestimmten Prinzipien des Pflegeprozesses sogar eine Hilfe für die Pflegepraxis sein, ihre Arbeit qualitativ hochwertig zu sichern, den Patienten und Bewohnern ihre Rechte zu kommen zu lassen und professionelle Pflege effizient zu leisten. Denn genau dadurch unterscheiden sich examinierte Pflegende von Laienpflegenden und Pflegehelfern.

Probleme von Stationspflegeleitungen sind oft: Was muss das Stationsmanagement an Inhalten bieten, um zukunftsweisenden und aktuellen Anforderungen zu genügen? Wie können aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse, pflegerische Effektivität und Effizienz, Pflegequalität, Arbeitsorganisation, Arbeits- und Nutzerzufriedenheit, etc. in Zusammenhang gebracht und erfüllt werden? Die Antwort könnte sein: Durch eine angemessene, einerseits zwar anspruchsvolle aber andererseits auch pragmatische und unkomplizierte wie auch undogmatische Weise der Umsetzung des Pflegeprozesses. Doch genau das erfordert ein gutes und fundiertes Stationsmanagement, das berufliche Kompetenzen der Pflegenden fördert und fordert.

Probleme von Praxisanleitern sind oft: Was muss die Praxisausbildung für Inhalte bieten, um eine angemessene Ausbildungsqualität zu sichern, den Schülern die notwendigen Lerninhalte für die zukünftigen Praxisanforderungen zu bieten und ebenso die gesetzlichen Anforderungen wie auch die Prüfungsanforderungen im Examen zu gewährleisten? Und auch hier könnte die Antwort sein: Durch eine angemessene, einerseits zwar anspruchsvolle aber andererseits auch pragmatische und unkomplizierte wie auch undogmatische Weise der Umsetzung des Pflegeprozesses. Und auch hier erfordert dies eine gute und fundierte Praxisanleitung, die berufliche Kompetenzen der Pflegenden fördert und fordert.

In diesem Text wird ein möglicher Weg beschrieben, wie die Pflegepraxis die Umsetzung des Pflegeprozesses gestalten kann. Und dieser Weg ist einerseits anspruchsvoll und auf aktuelle wie auch zukünftige Anforderungen der Pflegepraxis zugeschnitten, aber andererseits auch an unkomplizierten, undogmatischen und pragmatischen Prinzipien ausgerichtet. Es werden zuerst kurz die Einflüsse auf und Anforderungen an die heutige und zukünftige Pflegepraxis geschildert, wie z.B. die gesetzlichen Grundlagen und Fachinhalte. Dann wird das Konzept des Pflegeprozesses beleuchtet und für die Pflegepraxis reflektiert. Dabei werden Prinzipien herausgearbeitet, die für die Pflegepraxis von Bedeutung sind. Abschließend gibt es Beispiele für die Praxisgestaltung, der Dokumentation und der Kompetenzanforderungen.

Der Text arbeitet mit kleinen Fallbeispielen, um das Verständnis und die Veranschaulichung etwas zu erhöhen. Diese Fallbeispiele stammen aus der Gesundheits- und Krankenpflege, der Gesundheits- und Kinderkrankenpflege sowie der Altenpflege. Sie sind sowohl dem stationären wie dem ambulanten Setting entnommen.

Aus Gründen der besseren Lesbarkeit und Verständlichkeit sind einige Beschreibungen und Beispiele in vereinfachter Weise und nicht immer vollständig dargestellt. Zur Vertiefung der Inhalte, Beschreibungen und Beispiele wird daher empfohlen, weitere Literatur für Fortgeschrittene bzw. Experten heran zu ziehen.

Im Text gibt es zusätzlich verschiedene Lernbeispiele, an denen sich orientiert werden kann. Sie können zur gedanklichen und thematischen Vor- bzw. Nachbereitung eines Kapitels bzw. des Textes dienen oder zur Reflexion in der Praxis. Stationspflegeleitungen können sie zur Reflexion der Arbeitsgestaltung und zur Kompetenzentwicklung der Pflegekräfte nutzen. Praxisanleiter können sie zur Reflexion ihrer Anleitesituationen und als Ideensammlungen heranziehen.

Die Lernbeispiele sind an Pflegeschülern in der zweiten Ausbildungshälfte ausgerichtet, um aufzuzeigen, welchen Lernbedarf es in der Pflegepraxis gibt. Sie sind aber auf jede Pflegeperson übertragbar, um den individuellen Lernbedarf individuell zu reflektieren. Sie sind einerseits sehr komplex, um die Komplexität der Praxis wieder zu geben und komplexe Lernsituationen für Schüler o.ä. zu schaffen, aber andererseits recht allgemein gehalten, damit jede Pflegeperson sich darin wieder finden könnte und sie thematisch nicht zu eingeengt sind. Sie sollen nur Lernanreize geben und Problemstellungen bzw. Fragen aufwerfen, um Anforderungen der Pflegepraxis und Lernbedarfe aufzuzeigen. Sie können individuell ergänzt, angepasst oder ungestaltet werden. Es gibt zu den Lernbeispielen Fragestellungen, die ein Lernproblem bzw. eine Problemstellung beinhalten. An diesen Problemstellungen kann die Problembewältigung also der Lernerfolg geprüft und die eigene Praxis bzw. das eigene Handeln reflektiert werden.

Des Weiteren gibt es abschließend Lernfragen und Arbeitsaufträge, die für den Praxisunterricht, die Praxisanleitung und die eigene Lerneinschätzung herangezogen werden können. So können sich alle, die möchten, einer Selbsteinschätzung unterziehen.

Lernbeispiel 1

Die Pflegerin Frau Meyer erhält den Pflegeschüler Henner zur Praxisanleitung zugeteilt. Henner ist innerhalb seiner Gesundheits- und Krankenpflegeausbildung zur Zeit in einem Klinikum im Team einer Aufnahmestation mit neurologischen und internistischen Betten eingesetzt.

Die beiden übernehmen eine Pflegegruppe. Ein Patient ist im Nachtdienst neu aufgenommen und ein anderer Patient ist gerade von der Intensivstation verlegt worden. Zwei weitere Patienten, die in Begleitung ihrer Angehörigen kommen, wurden schon von der zentralen Aufnahme angekündigt.

Sie teilen sich die Arbeit auf und entscheiden sich, dass Henner die Zimmer für die beiden erwarteten Patienten vorbereitet und dann später gemeinsam mit Frau Meyer die Pflegedokumentation für die bereits anwesenden neuen Patienten ausfüllt. Mit den beiden neuen Patienten soll Henner die Pflegedokumentation möglichst selbständig ausfüllen und anschließend mit Frau Meyer besprechen.

Zudem wurde abgesprochen, dass Henner in den kommenden Tagen, möglichst bis zur Entlassung, insbesondere für diese vier Patienten zuständig sein soll. Er soll sämtliche wichtigen Aufgaben, die diese Patienten betreffen, übernehmen und mit Frau Meyer reflektieren.

Fragen zum Lernbeispiel:

Wie kann Henner es ermöglichen, dass die Erwartungen der betroffenen Patienten wie auch Angehörigen erfüllt werden und das gesamte Team darüber informiert ist?

Was muss Henner schon zu Beginn des Aufenthaltes planen, damit die Entlassung der Patienten reibungslos ablaufen kann?

Wie kann Henner einschätzen und für andere Teammitglieder aber auch für die Kostenträger verdeutlichen, welcher Pflegebedarf besteht?

Wie kann Henner sicherstellen, dass wirklich nur relevante und wirksame Pflegeinterventionen bei den Patienten eingesetzt werden?

Wie kann Henner gewährleisten, dass eine einheitliche Pflege, also z.B. überein stimmende Pflegemaßnahmen und gleiche Zeiteinteilungen trotz verschiedener Pflegerinnen und Pfleger in unterschiedlichen Schichten, möglich sind?

Wie kann Henner die Wirksamkeit und den Erfolg der Pflege einschätzen?

Wie kann Henner ermöglichen, dass die Patienten und Angehörigen mit den Pflegeinterventionen zufrieden sind und diese sich an Absprachen zur Pflege halten, um den Erfolg der Pflege zu gewährleisten?

Wie sollte Henner den Erstkontakt zu den Patienten gestalten und was benötigen diese, um einen angenehmen Aufenthalt in ihrer Problemsituation zu haben?

Wie begegnet Henner am besten den Angehörigen und wie kann er sie unterstützen?

Welche Informationen benötigt Henner, um seine Arbeit umfassend und angemessen auszuüben?

Wie kann er Informationen an seine Kollegen und Kolleginnen weitergeben, damit diese ihre Arbeit gut ausüben können?

Wie kann Henner den Pflegebedarf feststellen und benennen?

Wie kann Henner gewährleisten, dass keine Informationen bezüglich einzelner Patienten verloren gehen oder vertauscht werden?

1 Die Pflegepraxis und ihre Einflüsse

In diesem Unterkapitel sollen einige ausgesuchte Grundlagen von Pflege kurz dargestellt werden, damit in den nachfolgenden Unterkapiteln ein Zusammenhang und eine Verknüpfung zum praktischen Pflegeprozess hergestellt werden kann. Denn die Pflegepraxis muss im Kontext ihrer Komplexität und verschiedenen Einflüsse gesehen werden, da der Verlauf des praktischen Pflegeprozesses nicht isoliert geschieht oder als allein bestehender Vorgang erfolgt. Viele Aspekte beeinflussen die Pflegeprozessgestaltung in der Praxis und werden durch sie beeinflusst. Nur wenn man sich bewusst ist, welche Einflüsse auf die Pflege und ihrer Praxisgestaltung bestehen, kann man Pflege angemessen und umfassend umsetzen und den Verlauf des Pflegeprozesses reflektieren. Es werden nachfolgend einige ausgewählte Aspekte kurz dargestellt, um ihre Bedeutung für die Pflegepraxis aufzuzeigen.

Lernbeispiel 2

Elva und Henner sitzen im Pausenraum und haben von ihrer Praxisanleiterin die Aufgabe erhalten, zu reflektieren, was Pflege eigentlich ist und ausmacht und welchen Einflüssen die Pflegepraxis ausgesetzt ist. Sie sollen daran erkennen, was sie in ihrer Arbeit mit Patienten und als Grundlage für ihre Pflegeplanungen beachten müssen. Fragen:

Was macht Pflege aus?

Welche Aufgaben hat Pflege?

Was ist professionelles Handeln in der Pflege?

Nennen Sie Beispiele für theoriegeleitete Pflege.

Nennen Sie Beispiele für Pflegephänomene.

Was ist Gesundheitsförderung?

Was sind die wichtigen Grundlagen der Gesetze?

1.1 Was ist Pflege?

In jedem Beruf muss der Berufstätige wissen, was seinen Beruf eigentlich ausmacht und was sein Job ist. Kann der Berufstätige dies nicht benennen bzw. weiß er dies nicht, so kann er seine Aufgabe auch nicht angemessenen ausüben und erfüllen. Können Pflegende nicht benennen, was ihren Job ausmacht, hat das Auswirkungen auf die Pflegepraxis und –prozessgestaltung sowie deren Qualität.

1.1.1 Was macht Pflege aus?

Pflege hat immer das Ziel, dass Menschen sich in ihrer individuellen Lebenssituation und -phase wie auch unter ihren speziellen Lebensbedingungen und Belastungen gesundheitlich wohlfühlen. Diese Aussage bezieht sich auf Einzelpersonen (Individuen), Familien und Gruppen (z.B. Migranten, Homosexuelle, Männer/Frauen, Schwangere, etc.) sowie auch Gemeinden und Bevölkerungen (gesamte Einwohneranzahl eines Dorfes, einer Stadt, eines Landes). Das beinhaltet die Förderung und Erhaltung von Gesundheit aller Menschen. Zugleich bedeutet diese Aussage aber auch die Vermeidung und Linderung von Krankheit. Das heißt, Pflegende treffen auf Menschen jeder Altersgruppe in unterschiedlichen Lebenssituationen und in verschiedenen Gesundheitslagen. Das prägt das pflegerische Menschenbild.

Aus diesen groben Aussagen lässt sich schließen, dass Pflegende sich mit Menschen und deren (sozialer) Umwelt sowie Ihrer Gesundheit und Krankheit im Gestaltungsprozess der Pflegepraxis wie auch der Pflegewissenschaft und –forschung auseinandersetzen. Pflegende forschen für Menschen und ihrer Gesundheit zur Gestaltung/Begründung der Pflegepraxis und bringen Anforderungen/Probleme der Pflegepraxis in die Pflegewissenschaft ein. Damit ist Pflege ein Gesundheitsberuf (Gesundheitsprofession) bzw. eine gesundheits- und personenbezogene Dienstleistung (Dienstleistung am Menschen).

Die WHO benennt vier allgemeingehaltene Aufgaben von Pflege:

die Erbringung und Organisation der Pflege in logisch nachvollziehbaren Schritten (Pflegeprozess)

Wissensweitergabe an Patienten/Bewohner und deren Angehörige sowie MitarbeiterInnen der Gesundheitsversorgung (Beratung, Informationsaustausch)

Einfügen als effektives Mitglied eines Gesundheitsversorgungsteams (Teamarbeit)

Die Weiterentwicklung der Praxis durch kritische Reflexion und Beitrag in der Forschung[1].

Schröck beschreibt zwei generalistische Merkmale bzw. Aufgaben der Pflege, die diese auch deutlich von anderen spezialisierten therapeutischen Aufgaben (Berufen) unterscheidet. Danach begleitet Pflege Menschen im Alltag und hilft diesen angemessen, physische, emotionale, intellektuelle, spirituelle und soziale Bedürfnisse im Rahmen ihrer Lebensweisen zu gestalten. Zudem stellt Schröck das Wie der Beziehungsgestaltung als eine wesentliche Aufgabe der Pflege dar. Diese sollte unter gesellschaftlich angemessenen Normen geschehen und die Pflegeempfänger nicht in ihrer Würde und Privatsphäre einschränken sowie sich wenig an der Beziehungsgestaltung z. B. der Mediziner und anderer Therapeuten orientieren. Das menschliche Miteinander stellt also eine wesentliche Aufgabe von Pflege dar bzw. das Wie der Interaktion im Alltag macht Pflege aus[2].

Beziehungsgestaltung im Alltag der Menschen bedeutet, dass sich Pflegende in der Interaktion mit den Bewohnern/Patienten sehr viel austauschen also kommunizieren müssen. Das ist kommunikatives Handeln in der Pflege. Auch manuelles Handeln sollte niemals ohne kommunikatives Handeln im Sinne verbalen Austausches erfolgen. Im Zusammenhang von gesundheitsbezogener Dienstleistung hat das kommunikative Handeln besonders in der Beratung zur Gesundheitsförderung und Minderung des Krankheitsrisikos in der Pflege eine hohe Bedeutung. Pflege hat als eine wesentliche Aufgabe die Beratung ihrer Patienten und Bewohner ist also überwiegend nicht-manuelles Handeln.

Merksatz Professionelle Pflege ist sehr grob als alltagsorientierte Begleitung, Beratung, Entlastung und Unterstützung von gesunden und kranken Menschen in gesundheits- und krankheitsbezogenen Situationen zu definieren. Dabei stellen die Beziehungsgestaltung und das kommunikative Handeln den Schwerpunkt von Pflege dar.

1.1.2 Wer empfängt Pflege?

Pflege hat eine große Gruppe an Pflegeempfängern. Jede Person nimmt wahrscheinlich im Laufe des Lebens Pflege in Anspruch oder hat Kontakt zu Pflegenden. Pflege ist ein weites Berufs- und Handlungsfeld, das sich mit vielen Menschen auseinandersetzt.

Dazu gehören u.a. gesunde Menschen aller Altersstufen, die Informationen, Begleitung und Unterstützung benötigen,

ihre Gesundheit zu erhalten und Krankheitsrisiken zu vermindern,

krankheitsförderliches Handeln zu vermeiden (Risikoverhalten) und gesundheitsförderliches Handeln in ihre Lebensgestaltung zu integrieren,

ihre Reifeprozesse (Entwicklungsphasen, Identitätsentwicklung, Alterungsprozesse) und Lebensphasen (z. B. Schwangerschaft) gesundheitsförderlich zu bewältigen.

Es gehören aber auch kranke Menschen dazu, die Informationen, Unterstützung und Begleitung benötigen,

um zu lernen, gesundheitsförderlich unter den Bedingungen von chronischer Krankheit zu leben,

die Unterstützung im Alltag (Freizeit, Tagesstrukturierung, Wohnen, Arbeit, Haushalt, Finanzen, etc.) und in der Alltagsgestaltung (z.B. alltagspraktische Tätigkeiten, wie kochen, Wäsche waschen, Körperpflege, Hygiene, essen, trinken, ausscheiden, etc.) brauchen,

die in absehbarer Zeit sterben können oder werden,

die nach einer akuten Erkrankung lernen müssen, gesundheitsförderlich zu leben, Risikoverhalten zu vermeiden und Folgen der Erkrankung zu bewältigen.

Eine andere Gruppe sind Menschen, die gesund und zugleich krank sein können. Das sind z. B. Menschen mit Diabetes, Demenz, HIV oder auch Krebs. Sie können sich trotz Krankheit sehr wohl gesund fühlen und gesund leben. Auch diese Menschen benötigen Informationen, Begleitung und Unterstützung,

in der Bewältigung der Krankheitsprozesse;
der Gestaltung des gesunden Lebensalltags;
der psychischen Auseinandersetzung mit den Lebensbedingungen;
bei der Nutzung von Hilfsmitteln;
bei der Wohnraumgestaltung, etc..

Desweiteren gehören Menschen dazu, die unter den besonderen Lebensbedingungen einer sogenannten Behinderung leben. Solche Menschen gelten nicht grundsätzlich als krank! Sie haben nur speziellen Unterstützungsbedarf und besondere Lebensbedingungen, weswegen sie Informationen und Begleitung benötigen:

zu gesundheitsförderlichen Lebensweisen und Erlangung/Erhaltung von Selbständigkeit,

zur Erlangung und Erhaltung von lebenspraktischen Kompetenzen,

speziellen Lern-, Lebens- und Wohnformen,

im Alltag und zur Alltagsgestaltung (u.a. Freizeit, Tagesstruktur, Arbeit, Körperpflege, etc.),

zur Bewältigung der eigenen Lebenssituation.

Als weitere Gruppe fallen auch altgewordene Menschen in diese Auswahl. Sie sind oft gesund, aber aufgrund ihres Alters pflegebedürftig. Dennoch ist im höheren Lebensalter das Krankheitsrisiko mit der entsprechenden Folge der Pflegebedürftigkeit sehr viel höher (auch Multimorbidität). Alte Menschen benötigen deshalb Informationen, Beistand und Unterstützung u.a. zu

Bewältigung der Lebensveränderungen im Alter,
Bewältigung von Verlusten (Menschen, Tiere, Gesundheit, Kompetenzen, Wohnungen, Gewohnheiten, etc.)
Lebens- und Wohnformen,
Alltag und Alltagsgestaltung,
Hilfsmitteln.

1.1.3 Pflegetheorie

Es gibt diverse Theorien darüber, was Pflege ist und ausmacht. Solche Theorien setzen verschiedene Schwerpunkte und haben unterschiedliche Reichweite. Das bedeutet, sie setzen sich konkret mit einem Pflegeaspekt oder einem Bereich der Pflege als Schwerpunkt auseinander und haben dann aber wenig Gültigkeit für andere Bereiche oder sie reflektieren Pflege recht allgemein und haben dafür allgemeingültige Aussagekraft. In der Praxis werden solche Theorien oft kombiniert, also eine weitreichende, allgemeine Theorie mit einer weniger weitreichenden aber konkreteren Theorie zu einem speziellen Schwerpunkt in Zusammenhang gesetzt. Das hat den Vorteil für die Praktiker, dass sie sich als Einzelperson und als Team eine Vorstellung dessen machen können, was für sie in der Praxis wichtig ist. So können Pflegende und Teams

sich ein (einheitliches/gemeinsames) Pflegeverständnis entwickeln;
durch diese Auseinandersetzung wissen, was ihre Aufgabe ist oder wo sie Schwerpunkte setzen wollen;
sich Orientierungspunkte für die umfassende Praxisarbeit suchen;
die komplexe Praxis überschaubarer machen und strukturieren;
theoriegeleitete Pflege praktizieren;
ihre Arbeit fundiert darstellen und begründen;
Konzepte aufgrund einer gemeinsamen Basis entwickeln.

Hier sollen kurz einige Aspekte aus ausgewählten Theorien dargestellt werden, die mit unterschiedlicher Reichweite die Pflegepraxis beeinflussen können:

Im deutschsprachigen Raum ist z. B. die Theorie von Monika Krohwinkel recht verbreitet. Sie bietet u. a. einen Rahmen zur Orientierung und Strukturierung mittels sogenannter Aktivitäten und existentielle Erfahrungen des Lebens (AEDL). Sie hat 13 AEDL erarbeitet, anhand derer Pflegende Pflegebedarf zuordnen können.

Dorothea Orem hat eine weitreichende Theorie entwickelt, in der sie sich u. a. mit dem Selbstpflegebedarf und Selbstpflegedefizit auseinandersetzt.

Peplau beschrieb die Bedeutung von Interaktion und Beziehung.

Corbin und Strauss haben eine Pflegetheorie speziell zum Thema Pflege von Menschen mit chronischer Krankheit entwickelt. Darin setzen sie sich z. B. mit Pflege als Begleitung von Menschen in ihren unterschiedlichen Entwicklungsphasen der Krankheitsprozesse (Trajekte) auseinander (Pflege als Trajektmanagement).

Benner und Wrubel haben eine Theorie zum Verstehen von Situationen und Bedingungen gesunder und (chronisch) kranker Menschen geschrieben. Damit soll die Beziehungsgestaltung und die Wirksamkeit der Pflege verbessert und bewohner-/ patientenorientierter werden.

Pender hat eine Theorie zur Gesundheitsförderung und Beratung in der Pflege geschaffen. Sie stützt sich dabei auf sehr konkrete Vorschläge und Ideen, die sie mit gesundheitswissenschaftlichen Erkenntnissen untermauert.

Martha Rogers hat eine sehr weitreichende und abstrakte Theorie verfasst, die Pflege sehr allgemein und global betrachtet. Sie stammt aus den 1960er Jahren und ist vielfältig von den Ideen der Zeit inspiriert. Vieles davon hat sich aus heutiger Sicht überholt. Aber ihre Definitionen und Aussagen u. a. zu Pflege, Gesundheit und Gesundheitsförderung sind heute in den Gesundheitswissenschaften aktueller und zukunftsweisender denn je.

Watson hat eine Theorie zur menschlichen Zuwendung und Sorge (Caring) entwickelt. Damit nimmt sie Abstand von der reinen pflegerischen "Versorgung" von Menschen. Dennoch ist damit nicht die selbstaufgebende Hinwendung der Pflegenden gemeint. Sie zielt auf eine empathische und sorgende Beziehung der Pflegenden den Patienten/Bewohnern ab.

Das Gezeiten-Modell nach Phil Barker soll den Pflegenden helfen, Menschen in psychischen Krisen darin zu unterstützen, ihre Genesung zu fördern bzw. das Wohlbefinden wieder zu erlangen.

Es gibt selbstverständlich auch Kritik an einzelnen Theorieansätzen. So wird beispielsweise die Theorie von Orem in der internationalen Diskussion nur teilweise als praktikabel und wertvoll eingestuft, da ihr konkretes Handeln im Pflegeprozess letztlich als allein defizitär also nicht personen-, ressourcen- bzw. gesundheitsorientiert und damit als ethisch nicht vertretbar eingeordnet wird. Andere Theorien werden als derart weitreichend und abstrakt eingeschätzt, dass sie für Praktiker ohne wissenschaftlichen Hintergrund als unverständlich und viel zu schwer integrierbar gelten (z. B. Rogers). Andere Theorien sind aufgrund aktueller wissenschaftlicher Erkenntnisse heute nicht mehr haltbar.

Merksatz Pflegetheorien helfen Pflegenden, sich zu orientieren und eine eigene Philosophie von Pflege zu entwickeln. Sie helfen Pflegeteams ein einheitliches Pflegeverständnis zu erarbeiten und geeignete Konzepte für ihre Arbeit zu verfassen. Pflegende können ihre Pflegeinterventionen theoriegeleitet umsetzen oder ihre Arbeit anhand von Theorien beschreiben und benennen. Insbesondere moderne Pflegetheorien bringen die Themen aktueller Pflegepraxis ins Gespräch, wie z.B. chronische Krankheit, Verstehen oder Gesundheitsförderung und Beratung.

Es gibt auch interessante Theorien aus den Bezugswissenschaften, die Pflege nützlich sein können. Hier sei z.B. das Anforderungs-Ressourcen-Modell von Peter Becker erwähnt.

1.1.4 Pflegephänomene

Pflegephänomene sind pflegerelevante Geschehnisse, Entwicklungen oder Erscheinungen, die Menschen im Zusammenhang mit ihrem Wohlbefinden, ihren Gefühlen von gesund sein und krank sein sowie ihren Entwicklungen im Lebensprozess erleben und wahrnehmen. Solche Ereignisse stehen im Zusammenhang mit den Kompetenzen, Lebensbedingungen und sozialen Beziehungen von Menschen.

Pflegephänomene beschreiben die Art eines Faktors der Gesundheit mit Merkmalen, die relevant für die Pflegepraxis sind. Anhand solcher Phänomene können Pflegende die Pflegesituation und einen Pflegebedarf einordnen. Sie helfen den Pflegenden, die Situation kurz und prägnant darzustellen und angemessene Interventionen folgen zu lassen. Häufige Pflegephänomene sind z. B. Schmerz, Verwirrtheit, Angst, Krise, Mobilität, Kommunikation, Aggression, Selbstpflegekompetenz, Schlaf, Einsamkeit, Körpertemperatur/Fieber. Pflegephänomene werden nicht allein defizitär erfasst, sondern mit Ressourcen und Möglichkeiten, aber auch Störungen und Einschränkungen, z. B. Mobilität, Mobilitätsstörungen, Immobilität, Mobilitätseinschränkungen.

Merksatz Pflegephänomene werden in der Literatur konzeptuell beschrieben. In diesen Konzepten werden Definitionen vorgenommen und wissenschaftlich gestützte Ziele und Interventionen dargestellt. Sie helfen den Pflegenden Pflegesituationen zu erfassen, zu beschreiben und zu benennen. Pflegende orientieren sich u.a. an Pflegephänomenen, um ihre Pflegeinterventionen situationsangemessen und für den Bewohner/Patienten wirksam und hilfreich umsetzen zu können.

1.1.5 Nutzerperspektive in der Pflegepraxis

Pflege als personenbezogene Dienstleistung bzw. Dienstleistung am Menschen ist abhängig von den Wünschen, Vorstellungen, Erfahrungen, Kompetenzen und der Motivation ihrer Bewohner/Patienten sowie deren Angehörige. Diese sind sogenannte Nutzer der Dienstleistung Pflege. Deswegen kann Pflege nur erfolgreich und wirksam sein, wenn sie die Sichtweise der Nutzer in ihr Handeln einbezieht.

Pflegepraxis bzw. Pflegeeinrichtungen und ihre Konzepte müssen daher berücksichtigen, was die Sicht oder Perspektive der Nutzer ist. Dies bezieht sich einmal auf individuelle Pflegeinterventionen und weiterhin auf das gesamte Qualitätsmanagement in der Pflege. Qualitätskriterien zu Strukturen, Prozessen und Ergebnissen der Pflegepraxis müssen daher unbedingt auch die Nutzerperspektive beinhalten um die sogenannte Nutzerzufriedenheit zu gewährleisten.

1.2 Was ist professionelles Handeln in der Pflege?

Es wird soviel und selbstverständlich von professioneller Pflege und professionellem Handeln in der Pflege gesprochen. Professionelles Pflegehandeln hat etwas mit beruflicher Pflegepraxis zu tun. Aber was heißt das eigentlich?

1.2.1 Pflege als Profession

Pflege als Beruf hat eine lange Tradition. Sie ist, vor allem im deutschsprachigen Raum, durch eine sehr spezielle Berufsentwicklung geprägt worden (Frauenberuf, Mutterhäuser, Religion, Rollenverteilung, Selbstlosigkeit, Verantwortungsabgabe, usw.). Es entwickelten sich aber insbesondere im 20. Jahrhundert auch freiberufliche Tendenzen, die heute das Pflegegeschehen prägen. Diverse Veränderungen in der Gesellschaft (Demografie, Krankheitspanorama, etc.) sowie im Gesundheits- und Sozialwesen (ambulant vor stationär, Pflegenotstand u. a.) förderten weitere Entwicklungen der Pflege zu einem geachteten, verantwortungsvollen, eigenständigen und therapeutisch anerkannten Beruf.

Damit setzte die sogenannte Professionalisierung der Pflege ein. Pflege entwickelte sich zu einem eigenständigen therapeutischen Bereich, der nicht mehr in allen Situationen der Unterweisung bzw. Anordnung anderer Berufsgruppen unterliegt. Eine Profession ist, grob erläutert, ein hochqualifizierter Beruf, der durch seine eigenständige und –verantwortliche Arbeit gesellschaftliche Akzeptanz findet und sein Handeln ethisch reflektiert. Eine Profession besitzt eine lange Erfahrung mit entsprechendem Erfahrungswissen, aber auch eigenständigem wissenschaftlichen Wissen bzw. einem eigenen Wissenschaftsbereich. Die bekanntesten Professionen sind die Medizin und Theologie. Die deutsche Pflege befindet sich auf dem Weg zur Profession.

1.2.2 Professionelles Handeln in der Pflege

Mitglieder einer Profession zeichnen sich u.a. auch dadurch aus, dass sie das professionseigene Fachwissen verantwortlich anwenden. Dieses sogenannte professionelle Handeln ist also geprägt durch die Erfahrungswerte der Berufsgruppe und das wissenschaftliche Wissen der Fachdisziplin. Zudem wird es individuell auf die betroffene Person bezogen, wie z.B. Patienten oder Gemeindemitglieder, und versucht deren Sichtweise wie auch Lebenssituation zu verstehen sowie deren gesundheitsbezogene Lage (z.B. Probleme, Ressourcen, Phänomene) zu erklären. Das bedeutet, professionelles Handeln macht einerseits sogenanntes regelgeleitetes und wissenschaftlich gestütztes (eher naturwissenschaftlich geprägtes) Wissen wie auch andererseits sogenanntes (eher sozialwissenschaftlich geprägtes) Fallverstehen aus. Professionelle Pflege stützt sich demnach speziell auf pflege- und gesundheitswissenschaftliche sowie im Allgemeinen auf natur- und sozialwissenschaftliche Erkenntnisse und bringt diese individuell patienten- bzw. bewohnerorientiert in die praktischen Handlungsprozesse bzw. Interventionen ein. Pflegende richten ihre Interventionen also aufgrund von aktuellen pflegewissenschaftlichen Erkenntnissen aus und setzen sie passend für die Lebenssituation der Bewohner und Patienten um.

Merksatz Professionelles Handeln in der Pflege bedeutet

das Handeln aufgrund von pflege- und bezugswissenschaftlichen Erkenntnissen belegen und begründen zu können (regelgeleitetes/erklärendes Handeln),

die individuelle Lebenssituation des Bewohners/Patienten nach zu vollziehen und dessen Sichtweise einzunehmen ohne dessen Sicht übernehmen zu müssen (Fallverstehen/verstehendes Handeln).

Professionelles Pflegehandeln ist erklärendes und verstehendes Handeln in der Pflege. Dadurch unterscheiden sich beruflich Pflegende von Laien und Examinierte von Pflegehelfern.

Merksatz Will Pflege also professionell handeln, so muss sie, wie alle anderen Gesundheits- und Sozialberufe auch, das Recht der Klienten, Patienten, etc. auf wissenschaftlich fundiertes und aktuelles Pflegewissen und –können respektieren und umsetzen. Pflegende sind also verantwortlich dafür, dass ihr Handeln dem aktuellen pflegewissenschaftlichen Stand entspricht. Daher sind sie ebenso verantwortlich dafür, sich eigenständig das jeweils aktuelle Wissen und Können an zu eigenen.

1.3 Was ist Gesundheit, Krankheit und Behinderung?

Die WHO definiert Gesundheit als körperliches, psychisches und soziales Wohlbefinden im Sinne des Freiseins von Krankheit und Gebrechen. Dies ist eine sehr allgemeine Definition, um ein anzustrebendes Ziel der Menschen zu beschreiben. Leider geht dadurch die Beziehung zur Definition von Krankheit verloren. Diese kann in humanwissenschaftlicher Weise als angeborene oder erworbene Störung physiologischer körperlicher oder auch psychischer Funktionen beschrieben werden. Die Wechselbeziehungen zwischen Gesundheit und Krankheit müssen aber maßgeblich berücksichtigt werden.

In den Gesundheitswissenschaften wird Gesundheit und Krankheit heute als eng verbundene Einheit gesehen. Je nach Ausprägung des einen ist die Gewichtung des anderen zu sehen. Oft wird dies als ein sogenanntes Kontinuum dargestellt. Gesundheit und Krankheit sind zwei mit einer Linie verbundene Punkte. Auf der Linie kann markiert werden, ob die Gesundheit oder die Krankheit stärker im Vordergrund des Wohlbefindens steht.

Besser kann die Einheit von Gesundheit und Krankheit aber als Kreis oder Fläche gesehen werden. So kann Krankheit z. B. als integraler Anteil von Gesundheit dargestellt werden, die mehrdimensional und nicht gegensätzlich sind. Dies ist in den Gesundheitswissenschaften ein gebräuchlicher Ansatz und wurde in der Pflegetheorie, z. B. durch Martha Rogers, schon Ende der 1960er Jahre benutzt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Im Sinne von Krankheit als integraler Anteil der Gesundheit kann davon ausgegangen werden, dass die Verbindung der beiden maßgeblich beeinflusst werden kann. Durch äußere Einflüsse, wie soziale und biologische Umwelt, werden gesundheits- oder krankheitsfördernde Entwicklungen forciert. Gesundheit ist in diesem Kontext eine Kompetenz zur Problembewältigung und Gefühlsregulierung durch die ein positives seelisches und körperliches Befinden - insbesondere ein positives Selbstwertgefühl - und ein unterstützendes Netzwerk sozialer Beziehungen erhalten und wieder hergestellt wird. Soziopsychosomatische Zusammenhänge können krankheitsauslösende Folgen haben, wenn sie als Kränkung, Bedrohung oder Verlust erfahren werden. Krankheit ist demnach mehr als nur körperliche Fehlfunktion oder Schädigung. Sie ist auch beschädigte Identität oder ein langanhaltendes Gefühl von Angst oder Hilflosigkeit.[3]

Behinderung ist eine angeborene oder erworbene Minderung normaler menschlicher Funktionen. Sie wird nach dem Ausmaß von Schädigung, Fähigkeitsstörung und Beeinträchtigung auf die Lebens- und Alltagsgestaltung beschrieben. Sie kann sich auf körperliche, seelische und geistige Fähigkeiten beziehen. In der Alltagssprache wird der Begriff oft entwertend für einen gegebenen Kompetenzmangel benutzt, insbesondere bei seelischer oder geistiger Behinderung. Eigentlich müsste sogenannte Behinderung aber vielmehr als bestehende Lebensbedingung angesehen werden. In der Bezugswissenschaft Behindertenpädagogik wird daher Behinderung als von außen geförderte Situation oder als behindert werden definiert (z. B. durch Barrieren im Straßen- und Wohnraum oder affektive, kognitive und soziale Isolation im Sinne von Deprivation bzw. Mangel an Bedürfnisbefriedigung).

Im rechtlichen Sinne, u. a. zur Feststellung von selbständiger Möglichkeit zur Lebensfinanzierung oder speziellem Wohnraum- und Betreuungsbedarf wie auch ggf. zur Beschaffung von Hilfsmitteln wird die Arbeits- und Erwerbsfähigkeit zur Einschätzung des Ausmaßes von Krankheit oder Behinderung herangezogen.

1.4 Was ist Gesundheitsförderung, Prävention, Rehabilitation und Palliation?

Gesundheitsförderung, Krankheitsprävention, Rehabilitation und Palliation sind Aufgaben und Ziele aller therapeutischen Interventionen im Gesundheits- und Sozialwesen. Sie sind Ziel sämtlicher Behandlungsprozesse und somit auch des Pflegeprozesses.

Gesundheitspädagogik, -psychologie, -soziologie u. a. Disziplinen haben diverse Theorien, Modelle und Studien zur Sinnhaftigkeit, Wirksamkeit, Nachhaltigkeit und Methode von Gesundheitsförderung und Gesundheitsberatung abgeliefert. Für die Pflege sei hier insbesondere die Arbeit von Nola J. Pender erwähnt.

Merksatz Gesundheitsförderung, Prävention, Rehabilitation oder Palliation sind als therapeutische Ziele grundsätzlicher Inhalt des Pflegeprozesses. In diesem Sinne ist sie Gesundheitspflege.

1.4.1 Definitionsansätze

Gesundheitsförderung dient bei bestehender Gesundheit der Erhaltung oder bei bestehender Krankheit oder Behinderung der Wiedererlangung von Gesundheit und Wohlbefinden. Prävention ist die gesundheitsförderliche Prophylaxe oder Vorbeugung von krankhaften, schädigenden und beeinträchtigenden Entwicklungen. Sie dient als professionelle Maßnahme der Krankheitsrisikominderung. Rehabilitation ist die gesundheitsförderliche Intervention zur Wiedererlangung von Gesundheit, Wohlbefinden und Selbständigkeit bei bestehender Krankheit oder Behinderung. Die WHO hat die International Classification of Functioning, Disability and Health (ICF) heraus gegeben. Darin werden auch Ziele und Interventionen für Gesundheitsförderung und Rehabilitation genannt.

Palliation ist die therapeutische Begleitung von sterbenden Menschen. Die Therapie ist hier bewusst nicht auf Kuration ausgerichtet, darf aber niemals mit therapeutischem Nihilismus verwechselt werden. Sie beinhaltet entlastende, lindernde und prophylaktische Interventionen, die das Wohlbefinden unter den bestehenden oftmals schwierigen Bedingungen und die Auseinandersetzung mit dem Sterbeprozess fördern sollen. Gleichzeitig beinhaltet die Palliation auch die Trauerbegleitung der Angehörigen. Die Palliativversorgung ist ein Anteil der sogenannten End-of-Life Care. Es gibt diesbezüglich spezialisierte Einrichtungen, wie ambulante Pflegedienste, Hospize und klinische Palliativstationen.

1.4.2 Salutogenese und Pathogenese

Die Salutogenese ist die Lehre von gesundheitsförderlichen und- erhaltenden Einflüssen, Bedingungen und Situationen. Dagegen ist die Pathogense die Lehre von krankheitsfördernden Einflüssen, Bedingungen und Situationen. Die Salutogenese ist in den Human- und Sozialwissenschaften leider nicht sehr verbreitet. Insbesondere in der Medizin hat sie mehr oder minder keinerlei Bedeutung, da diese sehr krankheits- und defizitorientiert ist. Die Gesetzgebung fördert diese defizitäre Sichtweise leider sehr stark. Als Nebeneffekt ergibt sich das Problem, dass die Salutogenese nur wenig beforscht wird und daher immer noch viel zu wenig Erkenntnisse zu nachhaltig wirksamen gesundheitsförderlichen Einflüssen bestehen. Die Gesundheits- und Pflegewissenschaften versuchen die Forschungslücke zu schließen. Es gibt mittlerweile einige wenige Studien, Modelle und Konzepte dazu.

Merksatz Pflege als gesundheitsförderlich-therapeutische Intervention bzw. Gesundheitspflege nutzt salutogene Einflüsse und Wirkungen, zur Förderung des Wohlbefindens der Pflegeempfänger.

1.4.3 Therapeutischer Auftrag der Pflege

Die Altenpflege- und Krankenpflegegesetze fordern von den Pflegenden
die verantwortliche Mitwirkung zur Heilung, Erkennung und Verhütung von Krankheiten;
die Einbeziehung präventiver, rehabilitativer und palliativer Maßnahmen;
die Ausrichtung auf die Wiedererlangung, Verbesserung, Erhaltung und Förderung der physischen und psychischen Gesundheit;
Erhaltung und Wiederherstellung individueller Fähigkeiten;
Gesundheitsvorsorge;
die umfassende Begleitung Sterbender;
die Erhaltung und Aktivierung der eigenständigen Lebensführung.

Diese Aspekte sind allesamt als Gesundheitsförderung, Prävention, Rehabilitation oder Palliation zu bezeichnen. Damit hat Pflege den gesetzlichen Auftrag zur selbständigen therapeutischen Verantwortung. Um ihren therapeutischen Auftrag zu erfüllen, kann Pflege z. B. Konzepte wie Salutogenese und Empowerment aufgreifen.

Merksatz In der Pflegepraxis geht es immer darum, Menschen zu unterstützen, begleiten und beraten, wie sie ihr Wohlbefinden unter ihren individuellen Lebensbedingungen (z.B. Gesundheit/Krankheit/Behinderung, Alter, usw.) erhalten, fördern oder wieder erlangen können. Das Ziel von Pflege ist demnach Gesundheitsförderung und Wohlbefinden im weitesten Sinne. Pflege ist also therapeutisch und hat therapeutische Verantwortung!

1.5 Pflegeberatung

Beratung ist ein sehr wesentliches Element der therapeutischen Pflegeprozessgestaltung. Sie betrifft die Information über die Pflegesituation und dem Pflegebedarf aus professioneller Sicht und den (pflege-) therapeutischen Möglichkeiten, die Patienten oder Bewohner und deren Angehörige haben. Desweiteren hat sie hohe Bedeutung in allen Bereichen der präventiven, gesundheitsförderlichen, rehabilitativen oder palliativen Pflege. Die Pflegeberatung bezieht ihre Inhalte und Konzepte aus der Pflegepraxis und –wissenschaft sowie einigen Bezugswissenschaften, wie u.a. Gesundheitspädagogik, -psychologie, -soziologie oder Heil- und Behindertenpädagogik.

Es gibt verschiedene Konzeptionen und Modelle der Beratung und unterschiedliche Ziele, die dahinter stehen. Für die Pflege sind z.B. die integrative Beratung, die personenzentrierte Beratung und die lösungsorientierte Beratung interessant. Themen, die in der Pflegeberatung wichtig sein können, sind u.a.

Änderung des gesundheitsbezogenen Verhaltens zur Förderung des Wohlbefindens oder Minderung eines Krankheitsrisikos (Prävention, Gesundheitsförderung);

Information über aktuelle (pflege-) wissenschaftliche Erkenntnisse, z.B. in der rehabilitativen und palliativen Pflege;

Entscheidung zu und Umsetzung von Pflegeprozesszielen bzw. pflegetherapeutischen Interventionen;

Informationen zur Erreichung von realistischen, ethisch vertretbaren und angemessenen Ergebnissen;

Anleitung im Medikamentenregime;

Pflegehilfsmittel und deren Nutzen;

Inanspruchnahme von professioneller Hilfe, z.B. ambulanter Pflege, Psychotherapie, Schuldnerberatung, Kostenberatung;

Auseinandersetzung mit Gesundheitsverlusten, Krankheitsentwicklungen, Lebensphasen (Schwangerschaft, Pubertät, Hohes Alter u.a.), Tod, Trauer, Sterben, etc.;

Verhalten bezüglich multiprofessioneller therapeutischer Interventionen (Compliance, Adhärenz);

Anleitung von Angehörigen;

Familiengesundheit;

Wohnraumgestaltung;

Krisenintervention.

Merksatz Beratung ist einer der grundsätzlichen Bestandteile der Pflegepraxis. Pflege ist kommunikatives, beratendes Handeln. Also ist die Aufgabe der Pflegenden u.a. schwerpunktmäßig die Pflegeberatung von Patienten/Bewohnern und deren Angehörigen im Pflegeprozess.

1.6 Pflege in verschiedenen Settings und mit unterschiedlichen Personengruppen

Pflege geschieht unter verschiedenen Bedingungen an diversen Orten und mit verschiedenen Personen. Diese Aspekte wirken sich nachhaltig auf die Pflegepraxis und ihre Inhalte aus. Sie ist daher niemals gleich.

1.6.1 Personengruppen

Pflegende kommen durch ihren Beruf mit einer Vielzahl von unterschiedlichen Personen und Personengruppen in Kontakt. Das macht die Pflegepraxis aus. Dazu zählen z.B.

Menschen in unterschiedlichen Lebensphasen (z.B. Alter, Entwicklungs- und Reifephasen, Schwangerschaft, Pubertät, Sterben) und/oder

Menschen mit unterschiedlichen Lebensbedingungen, Kompetenzen und Erfahrungen (z.B. Bildung, Intelligenz, Stressbewältigung, Gesundheit/Krankheit/Behinderung, soziale Integration, Traumata, Migration, Armut, Verluste, Biografie, lebenspraktische Tätigkeiten) und/oder

Menschen in unterschiedlichen Lebenssituationen (z.B. Krisen, Partnerschaft/Familie, Arbeit, Wohnen, Alltag).

1.6.2 Orte, an denen Pflege stattfindet

Es gibt sehr unterschiedliche örtliche und strukturelle Bedingungen (Settings) an denen Pflege geschieht. In jeder Einrichtung oder der persönlichen Häuslichkeit des Pflegeempfängers bestehen, je nach Schwerpunkt ihrer Ausrichtung (alte Menschen, behinderte Menschen, Prävention, Akutbehandlung o.ä.), andere Organisations- und Strukturbedingungen sowie fachliche Inhalte und Anforderungen. Zu solchen Settings gehören u.a.

[...]


[1] Vgl. WHO, 1995

[2] Vgl. Schröck, 1996

[3] Vgl. Badura/Ritter/Scherf, S. 24f

Ende der Leseprobe aus 70 Seiten

Details

Titel
Der Pflegeprozess in der Praxis. Theoretische Grundlagen und Beispiele zur Umsetzung für das Stationsmanagement und die Praxisausbildung
Autor
Jahr
2007
Seiten
70
Katalognummer
V83581
ISBN (eBook)
9783638900034
ISBN (Buch)
9783638905534
Dateigröße
1102 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Für Stationspflegeleitungen, Praxisanleiter, Praktiker, Pflegeschüler und Pflegestudenten
Schlagworte
Pflegeprozess, Praxis, Theoretische, Grundlagen, Beispiele, Umsetzung, Stationsmanagement, Praxisausbildung
Arbeit zitieren
Dipl.-Berufspäd. für Pflegewissenschaft, MPH Arne Mahler (Autor), 2007, Der Pflegeprozess in der Praxis. Theoretische Grundlagen und Beispiele zur Umsetzung für das Stationsmanagement und die Praxisausbildung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/83581

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