Die Darstellung des goldenen Zeitalters in "Die Christenheit oder Europa"

Novalis' rhetorischer Weg


Seminararbeit, 2005

16 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Rhetorik in „Die Christenheit oder Europa“
2.1 Die oratio deliberativa
2.2 Anwendung der oratio deliberativa in Novalis’ Rede
2.2.1 Die narratio
2.2.2 Die argumentatio
2.2.3 Die peroratio

3 Das goldene Zeitalter – historische Darstellung oder poetische Verklärung?

4 Schluss

5 Literatur

1 Einleitung

Über den Dichter Novalis, ein Vertreter der Literaturepoche Romantik, und seine Werke wird bis in die heutige Zeit kontrovers diskutiert. Der Aktualitätsbezug Novalis’ ist damit nicht von der Hand zu weisen. Insbesondere sein Werk „Die Christenheit oder Europa“ ist Grundlage von Auseinandersetzungen über die literarische Umsetzung des romantischen Weltbilds.

Der erste Teil dieser Arbeit beschäftigt sich mit der Rhetorik der Rede und der Umsetzung in Novalis’ Werk, der zweite Teil mit dem romantischen Weltbild und wie das von der Romantik angestrebte goldene Zeitalter in die „Christenheit oder Europa“ dargestellt wird und es (wieder) zu erreichen ist.

Die Arbeit soll zeigen, wie Novalis die Rhetorik und die Geschichte benutzt, sein bzw. das romantische Weltbild umzusetzen, welche Diskussionen er in der Literaturforschung damit hervorgerufen hat und welche Missverständnisse bzgl. der Intention des Verfassers bis heute bestehen.

Im folgenden wird der Titel „Die Christenheit oder Europa“ durch „Europa“ abgekürzt, da dies dem eigentlichen Titel des Werks entspricht, der Zusatz „Die Christenheit oder“ ist nicht autorisiert und wurde erst nach Novalis’ Tod hinzugefügt. Weiterhin handelt es sich bei der längeren Version des Titels um eine Tautologie, da mit „Christenheit“, mittelalterlich „Christianitas“, die Länder mit christlicher Bevölkerung gemeint sind, wodurch „Christenheit“ und „Europa“ synonym zu verstehen sind.[1]

2 Rhetorik in „Die Christenheit oder Europa“

Novalis’ „Die Christenheit oder Europa“ wurde von ihm als „öffentliche Rede“ bezeichnet, was aus einem Brief an Friedrich Schlegel hervorgeht[2]. Zum Verständnis des Textes ist es notwendig, sich mit der von Novalis verwendeten Rhetorik zu beschäftigen. Bei der Betrachtung der Gliederung der „Europa“ fällt auf, dass diese sich an der öffentlichen Rede der Antike und den Redegesetzen nach Ciceros „De oratore“[3] orientiert. Kenntnisse über die antike Rhetorik, insbesondere über die im vorliegenden Werk angewandte oratio deliberativa, genauer gesagt ihre Unterart genus deliberativum, die politische Rede[4], erwarb Novalis vermutlich während seiner Zeit am Eislebener Gymnasium, wo die antike Rede nach Cicero auf dem Lehrplan stand.[5] Ein weiterer Hinweis auf die Kenntnisse der klassischen Redekunst Novalis’ ergibt sich aus einer Notiz, die Novalis im Oktober 1799, also kurze Zeit vor der Abfassung der „Europa“ (Novalis’ Rede entstand zwischen Oktober und Anfang November 1799[6] ), niederschrieb, wo es heißt, dass die „Redekunst ... die Regeln der Aufeinanderfolge der Gedanken zur Erreichung einer bestimmten Absicht“ lehre.[7] Novalis begründet die Wahl dieser Textform, indem er schreibt: „Der Historiker muß im Vortrag oft Redner werden. Er trägt ja Evangelien vor; denn die ganze Geschichte ist ja Evangelium.“[8] Klarer wird diese Aussage auch, wenn man die Notiz Novalis’ „Legende = Evangelium“[9] heranzieht, was nicht auf historiengetreue Darstellung, sondern auf künstliche Bearbeitung hinweist. Novalis versteht hier den Terminus „Evangelium“ nicht im biblischen Sinn, sondern im ursprünglichen griechischen, wo euaggelion gute Nachricht oder frohe Botschaft bedeutet.[10] Jedoch wird auch deutlich, dass Novalis durch sein Verständnis der Rede als Evangelium die Politik nicht von der Religion zu trennen vermag, wenn er – auf das Christentum bezogen – schreibt: „Sehr vieles in der Schrift ist lokal und temporell, vid. das alte Testament. – In den Evangelien liegen die Grundzüge künftiger und höherer Evangelien.“[11]

2.1 Die oratio deliberativa

Der Zweck der oratio deliberativa ist, zu einer in der Zukunft liegenden Handlung oder zu deren Unterlassung aufzufordern. Die Voraussetzungen dieser Redeform sind zum einen das „Erfinden“ (inventio), zum anderen das „Anordnen“ (dispositio).

Die inventio dient dem Auffinden von Argumenten und Materialien, die den in der Rede dargestellten Sachverhalten in dem Licht erscheinen lassen, wie der Redner sie seiner Hörerschaft darlegen will, um mit ihnen zu argumentieren. Der Redner greift somit Fakten auf, die seiner Beweisführung dienen und lässt solche Fakten aus, die seinem mit der Rede verfolgten Ziel widersprechen.[12]

Der nächste Schritt des Redners nach der inventio ist die dispositio, die das Ordnen der gefundenen Sachverhalte bedeutet. Der Redner erstellt während dieser Phase vor der Niederschrift die Reihenfolge der ihm wichtig erscheinenden Argumente, wie die von ihm verwendeten Fakten möglichst zweckmäßig angeordnet werden, um seine Ausführungen möglichst überzeugend auf den Hörer wirken zu lassen. Dabei beginnt der Redner mit Beweisen von hoher Überzeugungskraft und schließt auch mit solchen, während er schwächere und weniger stichhaltige Beweise eher in der Mitte seiner Ausführungen anordnet.[13]

Nachdem der Redner diese Phasen abgeschlossen hat, beginnt er mit der Gliederung der oratio deliberativa in vier Abschnitte:

Die oratio deliberativa beginnt mit dem exordium, welches die Einleitung beinhaltet und zur Rede hinführen soll, indem die Intention des Redners deutlich wird. Im Anschluss an das exordium folgt die narratio, in welcher die in der inventio ausgewählten Sachverhalte dargelegt werden. Hier ist wichtig, dass der Redner nur Fakten anführt, die seiner späteren Beweisführung dienen.[14] Diese „Fakten“ müssen keine Authentizität besitzen, sondern werden vom Redner lediglich als authentisch dargestellt. Es handelt sich also um einen parteiischen Vorgang, den der Redner dazu benutzt, das Publikum von seiner Sicht zu überzeugen. Auf Vollständigkeit und historische Richtigkeit wird also bewusst verzichtet.

Die narratio dient der sich anschließenden argumentatio, in welcher mit den zuvor dargelegten Sachverhalten argumentiert wird. Somit handelt es sich bei der argumentatio um den wichtigsten Teil der Rede, der bei dem behandelten Textbeispiel „Europa“ auch den umfangreichsten Teil darstellt. Die in der narratio bereits genannten Umstände werden in der argumentatio benutzt, um die Sichtweise des Redners darzustellen und den Hörer durch Argumentation und Beweisführung zu überzeugen. Abgeschlossen wird die oratio deliberativa mit der peroratio, die den Schluss bildet und einen Appell enthalten kann. Die peroratio hat somit zwei wichtige Aufgaben: Sie dient der Zusammenfassung der bisherigen Ausführungen und soll den Hörer durch Appell und prägnante Formulierungen von letzten Zweifeln an der Beweisführung der argumentatio befreien. Als Zusammenfassung und Appell ist die peroratio bewusst kurz gehalten. Durch die Ballung der vorangegangenen Argumente und Beweise wird der Affekt beim Publikum nochmals gesteigert, der Hörer soll regelrecht von der Rede mitgerissen werden. Durch geschickte Übergänge, transgressio genannt, wird das Auseinanderfallen der Rede vermieden.[15]

[...]


[1] vgl. Mahoney: Friedrich von Hardenberg, S.106,

vgl. ebd., S.108.

[2] vgl. Kasperowski: Mittelalterrezeption, S.54.

[3] vgl. Ueding: Klassische Rhetorik, S.71f.

[4] vgl. ebd., S.54.

[5] vgl. Kasperowski: Mittelalterrezeption, S.54f,

vgl. Uerlings: Novalis, S.20.

[6] vgl. ebd., S.93,

vgl. Kurzke: Romantik und Konservatismus, S.224.

[7] vgl. Kasperowski: Mittelalterrezeption, S.55.

[8] Minor: Novalis Schriften, S.25.

[9] ebd., S.11,

s. Gliederungspunkt 3.

[10] vgl. Kasperowski: Mittelalterrezeption, S.57.

[11] Minor: Novalis Schriften, S.30.

[12] vgl. Ueding: Klassische Rhetorik, S.55f.

[13] vgl. ebd., S.65f,

vgl. Ueding: Einführung in die Rhetorik, S.206-223.

[14] vgl. Kasperowski: Mittelalterrezeption, S.60, Anmerkung 92.

[15] vgl. Ueding: Klassische Rhetorik, S.72-74.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Die Darstellung des goldenen Zeitalters in "Die Christenheit oder Europa"
Untertitel
Novalis' rhetorischer Weg
Hochschule
Universität des Saarlandes  (Germanistik)
Veranstaltung
Novalis
Note
2,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
16
Katalognummer
V83635
ISBN (eBook)
9783638000574
ISBN (Buch)
9783638910576
Dateigröße
413 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Darstellung, Zeitalters, Christenheit, Europa, Novalis
Arbeit zitieren
Frank Bodesohn (Autor:in), 2005, Die Darstellung des goldenen Zeitalters in "Die Christenheit oder Europa", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/83635

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