Über den Dichter Novalis, ein Vertreter der Literaturepoche Romantik, und seine Werke wird bis in die heutige Zeit kontrovers diskutiert. Der Aktualitätsbezug Novalis’ ist damit nicht von der Hand zu weisen. Insbesondere sein Werk „Die Christenheit oder Europa“ ist Grundlage von Auseinandersetzungen über die literarische Umsetzung des romantischen Weltbilds.
Der erste Teil dieser Arbeit beschäftigt sich mit der Rhetorik der Rede und der Umsetzung in Novalis’ Werk, der zweite Teil mit dem romantischen Weltbild und wie das von der Romantik angestrebte goldene Zeitalter in die „Christenheit oder Europa“ dargestellt wird und es (wieder) zu erreichen ist.
Die Arbeit soll zeigen, wie Novalis die Rhetorik und die Geschichte benutzt, sein bzw. das romantische Weltbild umzusetzen, welche Diskussionen er in der Literaturforschung damit hervorgerufen hat und welche Missverständnisse bzgl. der Intention des Verfassers bis heute bestehen.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Rhetorik in „Die Christenheit oder Europa“
2.1 Die oratio deliberativa
2.2 Anwendung der oratio deliberativa in Novalis’ Rede
2.2.1 Die narratio
2.2.2 Die argumentatio
2.2.3 Die peroratio
3 Das goldene Zeitalter – historische Darstellung oder poetische Verklärung?
4 Schluss
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die rhetorische Gestaltung und das historische Verständnis in Novalis' Werk „Die Christenheit oder Europa“. Ziel ist es aufzuzeigen, wie der Autor durch die Anwendung antiker rhetorischer Strukturen, insbesondere der oratio deliberativa, seine romantische Weltsicht vermittelt und ein idealisiertes Mittelalter als Gegenentwurf zur zeitgenössischen Realität inszeniert.
- Analyse der rhetorischen Struktur nach Cicero (oratio deliberativa).
- Untersuchung der narratio, argumentatio und peroratio in „Die Christenheit oder Europa“.
- Diskussion des Spannungsfeldes zwischen historischer Faktenkenntnis und poetischer Freiheit.
- Betrachtung der Romantisierung der Geschichte als Mittel zur Weltgestaltung.
- Einordnung des Aktualitätsbezugs der Rede in Bezug auf die Ideale von Frieden und Einheit.
Auszug aus dem Buch
2.1 Die oratio deliberativa
Der Zweck der oratio deliberativa ist, zu einer in der Zukunft liegenden Handlung oder zu deren Unterlassung aufzufordern. Die Voraussetzungen dieser Redeform sind zum einen das „Erfinden“ (inventio), zum anderen das „Anordnen“ (dispositio).
Die inventio dient dem Auffinden von Argumenten und Materialien, die den in der Rede dargestellten Sachverhalten in dem Licht erscheinen lassen, wie der Redner sie seiner Hörerschaft darlegen will, um mit ihnen zu argumentieren. Der Redner greift somit Fakten auf, die seiner Beweisführung dienen und lässt solche Fakten aus, die seinem mit der Rede verfolgten Ziel widersprechen.
Der nächste Schritt des Redners nach der inventio ist die dispositio, die das Ordnen der gefundenen Sachverhalte bedeutet. Der Redner erstellt während dieser Phase vor der Niederschrift die Reihenfolge der ihm wichtig erscheinenden Argumente, wie die von ihm verwendeten Fakten möglichst zweckmäßig angeordnet werden, um seine Ausführungen möglichst überzeugend auf den Hörer wirken zu lassen. Dabei beginnt der Redner mit Beweisen von hoher Überzeugungskraft und schließt auch mit solchen, während er schwächere und weniger stichhaltige Beweise eher in der Mitte seiner Ausführungen anordnet.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Dieses Kapitel führt in den kontroversen Forschungsstand zu Novalis ein und legt den Fokus der Untersuchung auf die rhetorische und weltanschauliche Analyse seines Werks.
2 Rhetorik in „Die Christenheit oder Europa“: Hier wird die Gliederung der Rede nach antiken Mustern, speziell der oratio deliberativa, analysiert und auf den Text angewandt.
3 Das goldene Zeitalter – historische Darstellung oder poetische Verklärung?: Dieses Kapitel beleuchtet den Streit in der Literaturwissenschaft über den Umgang des Autors mit historischen Fakten im Kontext seiner romantischen Philosophie.
4 Schluss: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und hebt den bleibenden Aktualitätsbezug der Rede sowie die Provokationskraft der Verbindung von Religion und Politik hervor.
Schlüsselwörter
Novalis, Die Christenheit oder Europa, Romantik, Rhetorik, oratio deliberativa, Mittelalterrezeption, Geschichtsphilosophie, Poetische Verklärung, Politische Rede, Cicero, Romantisierung, Literaturtheorie, Christentum, Mittelalter, Europäische Geistesgeschichte.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert das Werk „Die Christenheit oder Europa“ von Novalis hinsichtlich seiner rhetorischen Struktur und seiner philosophischen Aussagekraft.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die frühromantische Mittelalterrezeption, die Verbindung von Religion und Politik sowie die rhetorische Strategie der Überzeugung.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Novalis durch gezielte rhetorische Mittel ein idealisiertes Bild des Mittelalters konstruiert, um seine Vision einer „romantisierten Welt“ zu stützen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine rhetorische Textanalyse durchgeführt, die sich primär an Ciceros „De oratore“ orientiert, um den Aufbau und die Argumentationsweise der Rede zu dekonstruieren.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine detaillierte rhetorische Untersuchung der Rede (narratio, argumentatio, peroratio) und eine kritische Auseinandersetzung mit der Forschung zur historischen Authentizität.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Novalis, Romantik, Rhetorik, Geschichtsphilosophie und Mittelalterbild.
Wie bewertet der Autor den Umgang von Novalis mit historischen Fakten?
Der Autor argumentiert, dass Novalis die Historie nicht als Faktenbericht, sondern als „historisches Kunstgebilde“ versteht, in dem die Poesie über die Wissenschaft gestellt wird.
Warum wird „Die Christenheit oder Europa“ als Provokation eingestuft?
Die Schrift gilt als Provokation, da sie eine einseitig positive Sicht des katholischen Mittelalters in einem protestantischen Umfeld propagiert und damit bewusst auf Widerstand angelegt war.
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- Frank Bodesohn (Author), 2005, Die Darstellung des goldenen Zeitalters in "Die Christenheit oder Europa", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/83635