Das Christentum war in seiner Geschichte und der seiner Glaubensdogmen einschneidenden Veränderungen unterworfen. Die Gründe dafür waren unterschiedlicher Art.
Die jeweilige Glaubensmeinung der christlichen Theologie ist stark verknüpft mit dem Offenbarungsbegriff, der zur gleichen Zeit vorherrschend war. Ebenso war das Verständnis von Offenbarung bestimmend für die Sichtweise, in welchem Verhältnis der Mensch zu Gott steht. Gegen die jeweilige theologische Definition von Offenbarung wurden mehrmals in der Geschichte des Christentums innerhalb und außerhalb der Kirche Zweifel laut und ergänzende und entgegengesetzte Meinungen konstruiert. Die gravierendsten Änderungen erlebte der Offenbarungsbegriff um das 17. Jahrhundert, als sich viele Theologen und Philosophen mit dem Selbstverständnis des Christentums und seiner Legitimation beschäftigten.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Was ist Offenbarung?
3 Offenbarungsvorstellungen von Jesus bis zur Aufklärung
3.1 Das epiphanische Paradigma
3.1.1 Die Offenbarung im Neuen Testament
3.1.2 Das Offenbarungsverständnis der Alten Kirche
3.2 Die Parusieverzögerung und ihre Folgen
3.3 Das instruktionstheoretische Paradigma
4 Die Offenbarungskritik der Aufklärung
4.1 Kritik an der übernatürlichen Erkenntnis
4.2 Kritik am Inhalt der geoffenbarten Erkenntnis
4.3 Kritik an der Heilsnotwendigkeit der Offenbarung
5 Schluss
Zielsetzung und Themenfelder
Die Arbeit untersucht die historische Entwicklung des christlichen Offenbarungsbegriffs, ausgehend vom ursprünglichen epiphanischen Paradigma bis hin zur kritischen Hinterfragung durch die Aufklärung, um das Selbstverständnis der Fundamentaltheologie zu beleuchten.
- Wandlung des Offenbarungsverständnisses in der Theologiegeschichte
- Übergang vom epiphanischen zum instruktionstheoretischen Paradigma
- Die Auswirkungen der Parusieverzögerung auf die Kanonbildung
- Philosophische Kritik der Aufklärung an übernatürlicher Offenbarung
- Spannungsfeld zwischen Glaubensautorität und menschlicher Vernunft
Auszug aus dem Buch
4.1 Kritik an der übernatürlichen Erkenntnis
Mit dem Kriterium der Vernunftautonomie, das die menschliche Vernunft über alle anderen Prinzipien stellte, widersprachen die Aufklärer der höheren Gewissheit der Offenbarung, da die Gewissheit, die ein Mensch erlangen kann, nicht höher sein kann, als jene, zu der er mit seiner eigenen Vernunft zu verstehen in der Lage ist. Daher liegt keine Offenbarung vor, wenn der menschliche Verstand nicht in der Lage ist, sie zu verstehen oder überhaupt zu entscheiden, ob es sich um Offenbarung handelt. John Locke vertrat die Auffassung, dass göttliche Offenbarung wahr sein müsse. Allerdings sei es die Aufgabe der Vernunft zu entscheiden, ob ein Vorliegen von Offenbarung gesichert sei.49 Die atheistische Strömung der Aufklärung argumentierte in ähnlicher Weise, jedoch sprach sie der christlichen Theologie jegliche Vernunft ab. Paul Thiry d’Holbach (1723-1789)50 bezweifelte die Existenz göttlicher Offenbarung, indem er fragte: „(…) setzt diese Offenbarung nicht die Existenz eines Gottes als wahr voraus, über die wir noch streiten?“51 D’Holbach bemängelt hier den Zirkelschluss, der die Offenbarung für wahr erklärt, da sie von Gott stammt und gleichzeitig die Existenz Gottes zu sichern versucht, da diese offenbart wird. Diese Tautologie war auch das Problem, das René Descartes (1596-1650)52, über dessen atheistische bzw. christlich-konforme Motivation bis heute gestritten wird53, nicht zu überwinden wusste. In seinem radikalen Zweifel an allem Sein konnte er nur seinen eigenen Zweifel als sicher existent voraussetzen. Seine Maxime: „Cogito, ergo sum“ („Ich denke, also bin ich“) erscheint zwangsläufig in der Weiterführung dieses Gedankens in „Ich zweifle, also bin ich“ und „Ich werde getäuscht, also bin ich“54 auch als Zweifel an Offenbarung und Existenz Gottes, da nun die einzige Gewissheit die Existenz des Ichs und nicht, wie in der mittelalterlichen Theologie üblich, die Existenz Gottes ist.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Arbeit beschreibt die geschichtlichen Veränderungen des Offenbarungsbegriffs und dessen Bedeutung für das Verhältnis zwischen Mensch und Gott.
2 Was ist Offenbarung?: Dieses Kapitel differenziert zwischen phänomenologischen und theologisch-normativen Definitionen des Offenbarungsbegriffs.
3 Offenbarungsvorstellungen von Jesus bis zur Aufklärung: Hier werden die historischen Paradigmen von der Frühzeit über das Mittelalter bis zur Epoche der Aufklärung analysiert.
3.1 Das epiphanische Paradigma: Es wird das ursprüngliche Offenbarungsdenken der biblischen Zeit und der Alten Kirche als Erscheinung Gottes erläutert.
3.1.1 Die Offenbarung im Neuen Testament: Fokus auf das Heilshandeln Gottes in Jesus Christus als konstitutives Ereignis.
3.1.2 Das Offenbarungsverständnis der Alten Kirche: Darstellung der Einheit von Glaube und Vernunft in der spätpatristischen Zeit.
3.2 Die Parusieverzögerung und ihre Folgen: Die Analyse zeigt, wie das Ausbleiben des Jüngsten Gerichts zur Kanonbildung und Intellektualisierung der Glaubenslehre führte.
3.3 Das instruktionstheoretische Paradigma: Beschreibung des Übergangs zu einer Lehre, in der Offenbarung als unübersteigbare Quelle von Glaubenswahrheiten definiert wird.
4 Die Offenbarungskritik der Aufklärung: Untersuchung der philosophischen Gegenbewegung, die Vernunftautonomie zur Richtschnur erhob.
4.1 Kritik an der übernatürlichen Erkenntnis: Auseinandersetzung mit der philosophischen Ablehnung von Wunderbeweisen und offenbartem Wissen.
4.2 Kritik am Inhalt der geoffenbarten Erkenntnis: Erörterung der Zweifel an der Unfehlbarkeit biblischer Texte aufgrund wissenschaftlicher und moralischer Einwände.
4.3 Kritik an der Heilsnotwendigkeit der Offenbarung: Kritische Reflexion über die Vereinbarkeit eines exklusiven Offenbarungsheils mit der Güte Gottes.
5 Schluss: Fazit über die bleibende Aufgabe der Fundamentaltheologie, sich gegenüber philosophischer Kritik zu legitimieren.
Schlüsselwörter
Offenbarung, Epiphanie, Instruktionstheorie, Aufklärung, Vernunftautonomie, Parusieverzögerung, Dogmatik, Fundamentaltheologie, Glaubenslehre, Christentum, Transzendenz, Gotteserkenntnis, Wunderberichte, Heilsnotwendigkeit, Philosophie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit?
Die Arbeit analysiert die historische Wandlung des christlichen Offenbarungsbegriffs von der urchristlichen Erwartung bis hin zur massiven Kritik durch aufklärerische Philosophen.
Welches sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Entwicklung des epiphanischen gegenüber dem instruktionstheoretischen Paradigma sowie das Spannungsfeld zwischen der Autorität göttlicher Offenbarung und der Autonomie der menschlichen Vernunft.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, den historischen Kontext und die Argumentationslinien der Offenbarungskritik darzustellen, um die Herausforderung für die heutige Fundamentaltheologie, sich rational zu rechtfertigen, zu verdeutlichen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt einen historisch-systematischen Ansatz, der theologische und philosophische Quellen analysiert, um die Transformation des Offenbarungsverständnisses nachzuzeichnen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung der verschiedenen Offenbarungsparadigmen und die systematische Untersuchung der aufklärerischen Kritik an deren übernatürlichem Erkenntnisanspruch, Inhalt und Heilsnotwendigkeit.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Offenbarung, Epiphanie, Instruktionstheorie, Vernunftautonomie, Parusieverzögerung und Fundamentaltheologie.
Welche Rolle spielte die Parusieverzögerung für den Offenbarungsbegriff?
Durch das Ausbleiben des erwarteten Jüngsten Gerichts musste das Christentum seine Sichtweise anpassen, was zur schriftlichen Fixierung der Lehre und einer intellektuellen Systematisierung führte.
Wie begründete Thomas von Aquin die Notwendigkeit der Offenbarung?
Er argumentierte, dass das Ziel des Menschen, die Schau Gottes, mit der menschlichen Vernunft allein nicht erfassbar sei und daher eine göttliche Belehrung voraussetze.
Wie reagierte die Aufklärung auf den Offenbarungsanspruch?
Die Aufklärer forderten eine Vernunftbegründung für alle Glaubenswahrheiten und verwarfen Geheimnisse, die dem menschlichen Verstand grundsätzlich unzugänglich sein sollten.
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- Frank Bodesohn (Author), 2006, Entstehung und Wirkung des Instruktionstheoretischen Offenbarungsparadigmas, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/83639