Geschichten, die Geschichte zeigen

Literatur als Geschichtsaufarbeitung in Hermann Kants "Bronzezeit"


Hausarbeit, 2007

11 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Gliederung:

1. Einleitung

2.. Die Geschichte des Autors

3... Einbettung der Erzählung in die Geschichte

4.. Kants Konzeption von Geschichte

5.. Einwirken auf die Geschichte

6 Zusammenfassung

7.. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Hermann Kant gehört, spätestens seit seinem Erfolg mit „Die Aula“ zu den prominentesten Autoren der so genannten DDR-Literatur. Und doch gibt es viele Kontroversen zu seiner Person -und damit wohl auch automatisch zu seinen Werken-. Von Vorwürfen, für die Staatssicherheit tätig gewesen zu sein, über „schwächliche Spätwerke“[1] ist er vor kaum einer Kritik gefeit.

1986 erschien seine Erzählung „Bronzezeit“, mit dem passiven „Helden“ Buchhalter Farßmann und dessen alltäglichen Leben.

In der Zeit, in der Farßmann Urlaubsvertretung für die Hauptbuchhaltung sein muss, erhält er durch die Abteilungsleitung den Auftrag, sich geschichtlich zu erforschen, d. h. Ursprünge und Wandel des VEB Ordunez aufspüren. Hierbei stößt der Buchhalter mehr oder weniger zufällig auf den seit Jahren als verschollen oder gar zerstört geltenden Berliner „Großen Reiter“, der 18t zu Orden stanzbare Bronze enthält und seit einigen Jahren den kleinen Erholungspark als Goldfischteich und Tischtennisplatte dient. Im Auftrag, sich zu erforschen stößt man also auf unbequeme Wahrheiten, die nun aufgearbeitet werden wollen und keinen weiteren Aufschub mehr dulden.

Wie also gestaltet Kant in seiner Erzählung den Umgang mit der Geschichte?

»Der heutige Tag ist ein Resultat des gestrigen.

Was dieser gewollt hat, müssen wir erforschen, wenn wir zu wissen wünschen, was jener will.« [2]

2. Die Geschichte des Autors

Hermann Kant wurde am 14. 06. 1926 in Hamburg als Sohn eines Gärtners und einer Angestellten in ärmlichen Verhältnissen geboren. Nach einer Lehre zum Elektriker wird er zwischen 1945-49 doch noch zum Kriegsdienst eingezogen und gerät hierbei in polnische Kriegsgefangenschaft. In einem Arbeitslager in Warschau ist er schließlich Mitbegründer eines Antifa-Komitees. Hier macht er Bekanntschaft mit Anna Seghers, die ein großes Vorbild für ihn wird, so dass er 1949 nach seiner Freilassung in die DDR übersiedelt, wo er der SED beitritt. Ein 1952 nachträglich erworbenes Abitur an der so genannten Arbeiter- und Bauernfakultät in Greifswald ermöglicht ihm ein Germanistik-Studium an der Humboldt Universität zu Berlin, wo er nach seinem Diplom auch wissenschaftlicher Mitarbeiter bleibt. Auch als Redakteur für die Zeitschrift „Neue deutsche Literatur“ ist er tätig[3].

Aber auch politisch bleibt er stets pro-sozialistisch engagiert, so ist er in den Jahren von 1974-79 in der SED-Bezirksleitung Berlin tätig und tritt von 1978-1990 die Nachfolge Anna Seghers als Präsident des „Schriftstellerverbandes der DDR“ an. Gegen immer wieder starke Kritik bezüglich des Ausschlusses von neun namenhaften Autoren aus diesem Verband versucht er sich durch den „starken Druck“ durch den ersten Sekretär der SED-Bezirksleitung Berlin zu rechtfertigten, der damit gedroht habe, anderenfalls den gesamten Verband aufzulösen.

Die Mitgliedschaft von 1981-1990 in der Volkskammer der DDR, bzw. 1986 des Zentralkomitees der SED brachten ihn immer wieder in den Verdacht, für die Staatssicherheit tätig gewesen zu sein, was er selbst stets bestritt.[4]

Sein Bestreben, Kunst und Politik unter einen Hut zu bringen, wird auch in seiner Tätigkeit an der Universität der Künste von 1962-1992 deutlich. „[...] [es gibt] in einem bestimmten Zusammenhang keine außerliterarischen Bereiche [...], [...] wo politische Entscheidungen fallen, [...] [bewirken] sie auch etwas für das Schicksal der Literatur .“[5]

Und politische Entscheidungen sind für Kant vorrangig Entscheidungen eines „Arbeiter- und Bauernstaates“, dessen idealtypischen Lebensweg er frohen Mutes entlang schreitet.

3. Einbettung der Erzählung in die Geschichte

Die in mehrere Episoden gegliederte, 1986 erschienene „Bronzezeit“ ist Teil eines dreibändigen Erzählbandes, in deren letzten beiden Werken jeweils der angepasste Buchhalter Farßmann einen satirisch-kritischen Blick auf die alltäglichen Begebenheiten des realsozialistischen Lebens wirft.[6] Hierbei leuchten immer wieder Bezüge zur Zeitgeschichte des Jahres 1986 auf, schließlich empfand Kant seine Bücher als Reaktion auf Authentisches[7].

Michael Gorbatschow war gerade zum Generalsekretär der KPdSU gewählt wurden und verfolgte nun einen straffen Reformkurs, der ein „Aufsprengen des Teufelskreises, Abbau von Mißtrauen und Rüstung [und] versuchte Weltinnenpolitik“ zur Folge haben wollte[8]. In Nachrichten und Rundfunk jener Tage überhäufen sich die Bilder von durch brüderliche Küsse „Freundschaft“ versichernder, Politiker, wie Gorbatschow und Breschniew. Da wundert es kaum, dass Kant dieses, in der Bevölkerung oft für Belustigung sorgende Motiv, in seiner Erzählung immer wieder aufscheinen lässt, es ermöglicht schlussendlich sogar dem im Herzen einfachen Angestellten die Loslösung aus höheren Sphären: „ich hatte mich aus der Gefahr, ein Prinz zu werden, zurück auf meinen Platz als Frosch geküßt.“[9]

Ebenfalls als authentisch dürfte die indirekte Charakterisierung des Protagonisten als Prototypen für den gewissenhaften, jedoch nicht auf Karriere aus-seienden DDR-Angestellten bezeichnet werden. Innovation und Umwälzungen wurden doch eher im Bereich des Privaten, Familiären ausgelebt[10] [11] [12] [13] [14], während man gemeinhin gewohnt war, seine Pflicht zu erfüllen und gleich mit welcher Hingabe dies erfolgte, mit einem Lohn nach Hause zu gehen, der ein Leben in normalen Bahnen ermöglichte. Das gesamte sozialistische System war darauf ausgerichtet, einen Arbeiter- und Bauern-Staat zu erzeugen, in welchem keine Kluft mehr zwischen „ausbeutenden Intellektuellen“ und den „ausgebeuteten Arbeitern“ bestehen sollte, so war die Prämisse, dass von nahezu jedem gefordert wurde, zu arbeiten, nur eben nicht immer im für ihn geeigneten Bereich. Hohe und gut bezahlte Stellen gingen meist mit einer absoluten Loyalität gegenüber dem sozialistischen System, bzw. einer verdeckten Mitarbeit im Staatsdienste einher. Da verwundert es nicht, wenn Farßmann jegliches ihm zur Verfügung stehendes unternimmt, um nicht in höhere Gefilde aufzusteigen und er Teil seiner Brigade zu bleiben wünscht. „Ich wollte nicht Schwelle, noch Schiebetür zwischen mir und den anderen, und den Sockel wollte ich nicht und auch nicht sonstige Erhöhung. “11 Kein Aufstieg auf der Karriereleiter wird gewünscht, sondern nur nicht „ganz aus aller Gewohnheit zu geraten“12 als Ausdruck „des in unserer Gesellschaft häufig anzutreffenden Wunsches, Verantwortung von sich abzuschieben, anstatt für die eigenen Handlungen einzustehen.“13 Die Figur Farßmanns ähnele nach Kant einem Schriftsteller, der eine „gewisse Passivität des Handelns mit einer Erlebens- und Reflexionsfähigkeit vereint.“14, nur, dass der Schriftsteller zuletzt doch schöpferisch tätig wird. Aus dieser Grundkonstitution der Figur, die nicht einmal über einen Vornamen, geschweige denn über ein reales Privatleben verfügt, erklärt sich der Wunsch nach Gewohnheiten, denn helfen einzig diese Regeln ihm, in seiner Unfähigkeit zur Aktion, wenigstens eine konventionelle Reaktion zu leben. Die Brigade bietet ihm, mitsamt seinem bekannten Arbeitsplatz Sicherheit, die er verlieren würde, müsste er sich plötzlich auf einem neuen Posten orientieren. Und gleichzeitig gewährt seine Stellung ihm zu beobachten und für sich zu reflektieren. Doch werden seine Beobachtungen nicht geschichtlich, da er sie kaum mitteilt oder aufschreibt, sie versiegen in und somit mit ihm.

Mit dem Auftauchen des geteilten Großen Reiters wird Farßmann nun auch zwischen zwei geteilte Lager gestoßen. Er muss sich zwischen dem im „Rauch“[15] der Privatheit agierenden „Patrioten“[16] Josef Klagg und dem von „Denkmalsbronze“[17] träumenden, völlig mit seinem Betrieb verwachsenen Direktor Scharrbowski behaupten. Beide fordern sie ihn dazu auf, zum Denkmal als Kunst oder Material Stellung zu beziehen und damit unwiederbringlich seine Position in der Brigade aufzugeben.

Trägt der Buchhalter dazu bei, dass das Denkmal wieder aufgestellt wird, so wie 1983 tatsächlich Unter den Linden in Berlin ein Denkmal Friedrich des Großen durch Erich Honecker wieder aufgestellt wurde[18] , so wird er gezwungener Maßen in der Öffentlichkeit stehen und die von Josef Klagg übernommene These der „neuen Unbefangenheit“[19] verkünden müssen. Hilft er Scharrbowski bei der Vertuschung und Einschmelzung, winkt ihm eine mit dem unter „Zentaur­Syndrom “[20] leidenden Chef „siamesich verbundene [...]“[21] Position im Betrieb.

Um einen Ausweg aus diesem Dilemma zu finden, wünscht er sich, „von der Ausgrabung des Großen Reiters [zu] berichten und wenigstens [in die] wärmende[...] Heimeligkeit unseres Forschungszirkels“[22] aufgenommen zu werden. Kurzzeitige Linderung seines Problems verspricht ihm also das ausgesprochene, mitteilende Wort, ein Teilen seiner Gedanken, um damit erst wahrhaft Teil der Gemeinschaft werden. Da ihm dies zunächst unmöglich erscheint, kommt er doch kurze Zeit in Verlegenheit, sich an die nach ihm verlangende Position zu gewöhnen und spricht in Gedanken schon von „uns Leitern“[23]. Hierin offenbart sich die innere Zerrissenheit der Figur, dem Wunsch nach Ruhe und Gemütlichkeit, der Sicherheit und Geborgenheit der Brigade, zu der er sich durch permanente Verwendung der 1. Person Plural wir oder uns zählt, und der Pflicht, den Anforderungen zu entsprechen und keinen Unfrieden mit der Obrigkeit zu erzeugen.

In diesem Spannungsverhältnis befand sich nahezu jeder DDR-Bürger. Misstrauisch durch den Nachbarn der Stasi-Mitarbeit verdächtigt und gleichzeitig selbst einem jeden misstrauend, war es schwierig, berufsmäßig voran zu kommen und gleichzeitig nicht im Bekanntenkreis und der Familie als „einer von denen“ abgestempelt zu werden.

4. Kants Konzeption von Geschichte

Geschichte, als gegenwärtige Begegnung mit der Vergangenheit, auch als Unsterblich-werden, beschäftigte von frühester Urzeit an die Menschen. In antiken Mythen ist es das Wort, welches dem Helden zu Ruhm und ewig währender Ehre verhalf, mehr als die wahrhaft stattgefundenen Taten. Als das Schrifttum immer bedeutender wurde, konnte die Wichtigkeit einer Tat daran gemessen werden, ob sie den Weg in Chroniken oder Geschichtsbücher fand. Interessanterweise ist es bis zum späten Mittelalter nicht möglich, eine genaue Trennung von Fiktion und Realität vorzunehmen. Und noch in jüngster Vergangenheit ist die Forderung nach einer literarischen Geschichtsschreibung[24] zu vernehmen.

Nach dem zweiten Weltkrieg und den vorher gegangenen Gräueltaten kann man ein gestörtes Verhältnis zur deutschen Geschichte erkennen. Vom Erklären der „Stunde Null“, also einem totalen Neubeginn ohne jegliche Anbindung an die Tradition[25] und einem Ausblenden und völligem Verdrängen „unangenehmer“ Zeitabstände ist seit 1945 sowohl in der BRD als auch in der DDR beides zu finden. Hermann Kant machte sich einen Ausspruch von Heinrich Heine zum Motto für seinen Roman „Die Aula“, nach welchem der gestrige Tag erforscht werden müsse, um den heutigen verstehen zu können.[26]

„Es ist nun, [...] daß wir uns geschichtlich erforschen sollen.“[27] spricht der Abteilungsleiter Scharrbowski in biblisch-archaisch anmutendem Ton zu seinem Mitarbeiter. Offensichtlich kommt der Drang, die eigene Vergangenheit kennen zu lernen, nicht aus dem Inneren des einzelnen, sondern wird durch eine schwammige, nie genau definierte Führungsschicht diktiert: „Die vom Gaswerk werden sich auch erforschen müssen, [...], es ist republiksweit.“[28]

„[...] Für Kultur und Literatur in der DDR war natürlich am »Umbau« (Perestroika) der sowjetischen Gesellschaft und ihrem »neuen Denken« am interessantesten, wie sich das Konzept Glasnost, verstanden als Transparenz aller gesellschaftlichen Vorgänge und ein Öffentlichmachen aller Willensbildungs- und Entscheidungsprozesse, verbunden mit einer rückhaltlosen Aufarbeitung der eigenen Geschichte, entwickeln würde.“[29]

Jedoch lehnten die SED-Kulturpolitiker diese neue Tendenz als innersowjetisches Programm ab, doch neue, radikale Trends in der Literatur und im Film konnten sie damit nicht aufhalten und Kant reiht sich, wenngleich auch nur sehr bedeckt und vorsichtig, -hat er schließlich seine Verpflichtungen in der Volkskammer der DDR, sowie dem Zentralkomitee der SED-, in diesen Trend ein. Der Große Reiter bleibt nicht länger im „Erholungspark“[30] vergraben und wird durch Zweckentfremdung versteckt gehalten -wodurch eine Erholung von der Geschichte möglich wird-, sondern er reißt letzten Endes sichtbare Löcher auf, über die, nachdem man sich endlich damit auseinander gesetzt hat und bei steter Pflege, „recht gut“[31] Gras wachsen kann. Lange genug hat man sich von der Vergangenheit erholt und sie ja im Grunde gerade durch ihre Abwesenheit, also das weg-Schweigen bestimmter Zeitabschnitte, präsent gehalten, was Kant durch den „entmannten und auch entroßten Sockel[...]“[32] zeigt, wenngleich der einfache Mann diesen „Anblick [...] aushalten“ könne, doch ein stetiges Leben mit einer „Leiche im Keller“ scheint nicht mehr entschuldbar zu sein.

Durchaus zwiespältig zeigt sich der Umgang mit der Geschichte -in Form eines großen Reiters- in den verschiedenen Instanzen. Einst gerettet durch Arbeiter und gemeinsam versteckt und nun die Frage, gestellt durch die Obrigkeit, ob er wieder aufgestellt werden könne oder doch lieber unwiederbringlich eingeschmolzen werden solle.

Bereits der Titel „Bronzezeit“ impliziert eine Auseinandersetzung mit der Geschichte, auch wenn Kant im Klappentext darauf beharrt, dass keine geschichtliche Abhandlung zu erwarten sei [33], denn schwingt doch während des Lesens stets diese Konnotation mit. Siedelt Kant die von ihm beobachtete Gesellschaft, ihr Entwicklungsniveau in einem solch frühen Geschichtsstadium an? Und nicht erst bei den tatsächlichen Ausgrabungen wird der materialbezogene Zweitsinn deutlich. Ebenfalls interessant ist, dass der Buchhalter Farßmann ausgerechnet im VEB Ordunez, ehemalig „Abzeichen Herrman“ tätig ist. Ist Herrman einem ehemals herrschenden Mann, Herr-man gewidmet oder eine leise Anspielung auf den Vornamen des Autors?

Ordunez - beschäftigt sich mit Orden und Farßmann mit dem Ordnen dieser und jener geschäftlicher Vorgänge. Er ist Teil eines Ordnungssystems, dessen Erhalten er sichert. Geschichte als Ordnen der Vergangenheit.

5. Einwirken auf die Geschichte

Die ökonomische Situation der DDR ist hinreichend bekannt: ein Großteil der gefertigten Produkte aus der Planwirtschaft wurden exportiert und die Menschen im Lande zu großer Sparsamkeit angehalten. Marx' „Das Sein bestimmt das Bewusstsein“[34] wird von Kant aus der abstrakten Ebene in eine klar konkrete herunter gezogen: „[...] [D]as materielle Sein [bestimmt] das Bewußtsein“[35].

In einem Sozialsystem, in dem der Kommunismus angestrebt wird, ist dies eine prekäre Aussage, angesichts dessen, dass doch materielle Güter „volkseigen“ zu nennen sind. Es zeigt sich, wie weit doch Utopie und Wirklichkeit auseinander klaffen. Um dem ostdeutschen Bürger diese „imperialistischen“ Tendenzen auszutreiben, musste er stets erzogen werden. Im Deutschunterricht griff man deshalb gern zu humanistisch-klassischer Literatur, wie Goethe, Schiller oder Heine und mischte diese mit neuer sozialistischer Literatur, bspw. mit Kants Texten. Helden, die im Grunde keine sind, eher angepasst als patriotisch daher kommen und dennoch über eine scharfe Beobachtungsgabe verfügen.

Im Allgemeinen ist es schwierig die tatsächlichen Auswirkungen der DDR-Literatur auf seine Bürger, festzustellen. Dieses gescheiterte Staatssystem liegt noch in zu naher Vergangenheit, das Ende der DDR ist noch nicht weit genug in der Vergangenheit um sie zu wirklich zu ergründen, da noch zu viele persönliche, subjektive Eindrücke mitschwingen und Beobachten, einen Gegenstand zum Gegenüber, also Objekt machen nur aus der Entfernung möglich ist. Nicht unterschätzen sollte man allerdings den selbst-formulierten Anspruch der DDR-Literatur, neben Kritik, Erziehung und Geschichtsaufarbeitung, vor allem zum Denken und Diskutieren anzuregen.

6. Zusammenfassung

Hermann Kant zählt nachweislich zu den staatskonformen Autoren und sah sich selbst auch als politischen Schriftsteller an.. Er versuchte zu einem gewissen Teil, den Anforderungen des Staates, auch bei Literaturtheorien, die er in seiner Funktion als Vorstand des Schriftstellerverbandes der DDR ja direkt mitgestaltet hat, gerecht zu werden. Der so genannte sozialistische Realismus findet sich bei ihm verwirklicht, wenngleich er die Situationen, denen er seine Hauptfigur aussetzt oft stark zuspitzt. Dennoch handelt es sich um einen „Buchhalter wie mich und dich“[36], der wie schon Dieter Schlenstedt bereits 1985 bemerkte, sowohl ein „[...] gesellschaftlicher Repräsentant [ist], und er ist es nicht.“ [37]

Das starke Aufgreifen real Geschehens lässt immer wieder die Frage aufkommen, wie viel Hermann Kant im Vornamen-losen Ich-Erzähler Farßmann steckt, der gern Selbstgespräche führt.

Sein Sprache ist leicht verständlich, zeichnet sich aber durch einen ironischen Witz aus, der seine Texte auch heute noch lesenswert macht. Schnell erzeugt er einen gewissen Plauderton, so als berichte er im heimischen Kreise von seinen Erlebnissen. Gleichheit mit den Mitarbeitern wird stets durch ein einschließendes wir demonstriert und es schließt in gewisser Weise auch den Leser ein: „Einig waren wir, daß Hauptbuchhalter [...] besser aus unserem als anderem Holz zu fertigen seien, und uneins waren wir nur in der Frage, wie wohl im höchsten Bereich über den hohen Reiter entschieden werde.“[38]. Parallelismen in der Satzkonstruktion und Wortspiele wie „höchste[r] Bereich“ und „hohe[r] Reiter“, oder „Ode-an-die-Freude-Orden“ und „Freunde-an-der-Oder- Medaillen“ kennzeichnen Kants Stil genauso, wie Kryptozitate marxistisch-leninistischer Schlagworte: „ Überall zerschellt das Joch“ oder „Ausbeutermächte “[39], oder ironische

Zuspitzungen der Beamtensprache: ,,[...] es könnte mich das Zwischenspiel als Hauptbuchhalterdiensttuer in die Lage setzten, Autor eines bedeutenden Eintrags im Hauptbuch des VEB Ordunez zu werden: Rückwandlung Rekreationsbereich in Standbild Rex.“[40].

Auch wenn Kants Werke heute keine „erzieherische“ Wirkung auf den Leser ausüben dürften, da sie doch, allein durch bestimmte „DDR-Vokabeln“ und eine implizite Beamten-Mentalität, in ihrer Tragweite reichlich beschränkt sind, geben sie einen tiefen Einblick in das Leben der DDR. Er kritisiert nicht scharf wie bspw. eine „Franziska Linkerhand“[41], sondern sieht seine Rolle eher darin, die Entwicklung zum Kommunismus hin voranzutreiben, in dem gegenwärtige Lebensumstände und die Kluft zur angestrebten Ideologie aufgezeigt werden, mit dem Ziel eine Entwicklung dorthin zu führen., quasi den Ehrgeiz eines jeden Einzelnen zu wecken, sein Bestes zu geben.

Die laxe Antriebslosigkeit Farßmanns, sein nicht-vorhandener Idealismus, sein Konform-Sein, lassen ihn an vielen Stellen eher unsympathisch, als nur hilflos wirken, aber genau das provoziert, denn man fragt sich, war das wirklich so? Und schon ist man mitten drin, in der Auseinandersetzung mit der Geschichte und wird doch feststellen müssen, dass Farßmanns Passivität mit Ende der DDR nicht beendet war, sondern eine grundsätzliche Charaktereigenschaft eines Großteils der Menschen schlechthin ist.

Liest man heute „Bronzezeit“ mutet einiges verstaubt, ja wie aus einer anderen Welt an, provoziert jedoch dadurch auch und in einer Zeit, in der Zeitungsauflagen durch Fotos der RAF gesteigert werden oder eine Eva Hermann mit einem Satz ihre Arbeit beim NDR verliert, ist eine Auseinandersetzung mit Vergangenem von größter Wichtigkeit.

7. Literaturverzeichnis

- Hermann Kant, Bronzezeit, in: Bronzezeit. Geschichten aus dem Leben des Buchhalters Farßmann. Berlin: Rütten und Loeninig 1986, S. 109-146.

- Wolfgang Emmerich, Kleine Literaturgeschichte der DDR, Berlin: Aufbau 2000.

- Die Akte Kant. IM „Martin“, die Stasi und die Literatur in Ost und West, hrsg. von Rüdiger Dammann, Frank Strickstrock und Karl Corino, Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag 1995.

- Susanne Kaul, Narratio, München: Wilhelm Fink 2003.

- Leonore Krenzlin, Hermann Kant, Leben und Werk, Berlin: Volk und Wissen 19883. (= Schriftsteller der Gegenwart; Band 7).

- Karl Marx, Kritik der politischen Ökonomie, in: Marx-Engels-Werke, Berlin: Dietz 1956-1990, Bd. 13.

- Heiner Müller, Eine Autobiographie, hrsg. von Frank Hörnigk, Frankfurt am Main: Suhrkamp 2005 (=Heiner Müller, Werke 9).

- Brigitte Reimann, Franziska Linkerhand, Aufbau Tb 20 009.

- Dieter Schlenstedt, Angestellter in Turbulenzen. Zu Hermann Kants „Bronzezeit“, in: DDR- Literatur '85 im Gespräch, hrsg. von Siegfried Rönisch, Berlin/Weimar 1986.

[...]


[1] „noch Kants unentschieden ironische Erzählweise des Einerseits und Andererseits lassen es zu, daß gute Prosa

entsteht.“ vgl. hierzu: Die neue Herrlichkeit: DDR-Alltag als Sujet (Prosa 1). Kleine Literaturgeschichte der DDR, S. 305.

[2] Prosa der uneingepaßten Subjektivität, in: Kleine Literaturgeschichte der DDR, S. 198.

[3] Vgl. zu Kants Biographie: Leonore Krenzlin, Hermann Kant, Leben und Werk, S. 7-31.

[4] In Die Akte Kant, 1995 durchforstet Karl Corino die Akten des Schriftstellers: „Seit dem ausführlichen Bericht im Spiegel Nr. 41/1992 war jedem, der lesen konnte, klar, da'Kant zwischen 1957 und 1976für die Stasi als „Kontakt­Person“, „ Geheimer Informator “, und „ Inoffizieller Mitarbeiter Sicherheit “ gearbeitet hatte, auch wenn ihm diese Begriffe nicht bekannt waren.“, ebd. S. 9.

„In einer Vielzahl von Stellungnahmen leugnete er ausdrücklich, „jemals Inoffizieller Mitarbeiter des in Rede stehhenden Ministeriums gewesen zu sein“, S. 10.

[5] Leonore Krenzlin, Hermann Kant, S. 201-202.

[6] Heiner Müller bemerkte hierzu in seiner Autobiographie, dass es sich bei „Bronzezeit“ um die schärfste DDR-Satire handle, die er in den letzten Jahren gelesen habe. Vgl. hierzu: Heiner Müller, Eine Autobiographie, S. 171-172.

[7] „Ich schreibe meine Antworten in Form von Büchern“ vgl. hierzu: Leonore Krenzlin, Hermann Kant, S. 31.

[8] „ Gorbatschows Perestroika und die DDR, in: Schlaglichter der Geschichte, S. 424-425.

[9] Hermann Kant, Bronzezeit, S. 145.

[10] Vgl. hierzu: Vom Reformversprechen zur Agonie: Die letzte Etappe der »Übergangsgesellschaft« DDR, in: Kleine Literaturgeschichte der DDR, S.243.

[11] Hermann Kant, Bronzezeit, S. 144.

[12] Ebd. S. 144.

[13] Leonore Krenzlin, Hermann Kant, S. 185.

[14] Ebd. S. 198.

[15] Hermann Kant, Bronzezeit, S. 128.

[16] Ebd. S. S. 129.

[17] Ebd. S. 132.

[18] Heiner Müller, Eine Autobiographie, S. 172.

[19] Hermann Kant, Bronzezeit, S. 128.

[20] Ebd. S. 140.

[21] Ebd. S. 130.

[22] Ebd. S. 136.

[23] Ebd. S. 136.

[24] Das Selbst ist uns nicht in unmittelbarer Erkenntnisgewißheit gegeben, sondern vermittelt durch Narration, und zwar im Sinne eines intuitiven Vorverständnisses [...] des Zusammenhangs des Lebens, der „histoire d’une vie “. Narrativität fungiert als Medium der Selbstinterpretation, insofern sie in Gestalt einer Lebensgeschichte Historie und Fiktion zu einer narrativen Identität vereint. “ Susanne Kaul, Narratio, S. 26

[25] Dass dieser Versuch gescheitert ist, ist in vielen Untersuchungen nachgewiesen.

[26] Vgl. hierzu: Prosa der uneingepaßten Subjektivität, in: Kleine Literaturgeschichte der DDR, S. 203.

[27] Hermann Kant, Bronzezeit, 110.

[28] Ebd. S. 110.

[29] »Glasnost« in der DDR? Zur Kulturpolitik der 80er Jahre, in: Kleine Literaturgeschichte der DDR, S. 266. 5

[30] Hermann Kant, Bronzezeit, S. 109.

[31] Ebd. S. 146.

[32] Ebd. S. 130.

[33] Hermann Kant, Bronzezeit, Klappentext.

[34] Karl Marx, Kritik der politischen Ökonomie, S. 9.

[35] Hermann Kant, Bronzezeit, S. 140.

[36] Hermann Kant, Bronzezeit, Klappentext.

[37] Dieter Schlenstedt, Angestellter in Turbulenzen, S. 158.

[38] Hermann Kant, Bronzezeit, S. 141.

[39] Hermann Kant, Bronzezeit, S. 133.

[40] Ebd. S. 129.

[41] Brigitte Reimann, Franziska Linkerhand.

Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Geschichten, die Geschichte zeigen
Untertitel
Literatur als Geschichtsaufarbeitung in Hermann Kants "Bronzezeit"
Hochschule
Universität Potsdam  (Institut für Germanistik)
Veranstaltung
Einführung in die Nachkriegsliteratur
Note
2,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
11
Katalognummer
V83659
ISBN (eBook)
9783638908153
ISBN (Buch)
9783638908252
Dateigröße
458 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Nachkriegsliteratur, Hermann Kant, DDR-Literatur, Bronzezeit;
Arbeit zitieren
Sina Schmidt (Autor), 2007, Geschichten, die Geschichte zeigen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/83659

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