Gedächtnissysteme am Beispiel Umberto Ecos „Die geheimnisvolle Flamme der Königin Loana“


Hausarbeit (Hauptseminar), 2007
21 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhalt

1. Vorwort

2. Zum Werk „Die geheimnisvolle Flamme der Königin Loana“
2.1. Zum Roman
2.2. Zum Inhalt
2.2.1. Erster Teil: Der Unfall
2.2.2. Zweiter Teil: Ein Gedächtnis aus Papier
2.2.3. Dritter Teil: OI NOSTOI

3. Die Gedächtnissysteme nach Tulving
3.1. Das prozedurale Gedächtnis
3.2. Die Priming-Form des Gedächtnisses
3.3. Das perzeptuelle Gedächtnis
3.4. Das Wissenssystem
3.5. Das episodisch-autobiographische Gedächtnis

4. Die Erinnerungsprozesse des Giambattista Bodoni
4.1. Die besondere Bedeutung der
„geheimnisvollen Flamme der Königin Loana“

5. Schlussbetrachtung

6. Verwendete Literatur

7. Abbildungsverzeichnis

1. Vorwort

Das Gedächtnis ist die Schutzkammer des Lebens.
(Cicero)

Eine der bedeutendsten Mnemotechniken, deren Praxis bereits mehrere Jahrtausende überdauert hat und heute, vor allem in der Popularliteratur, wie Ratgebern, eine Renaissance erfährt, ist die des so genannten „Gedächtnispalastes“. Der Memorierende konstruiert hier ein fiktives Gebäude, dessen Räumen er einzelne Themen zuweist und diese dann mit Gegenständen anfüllt um diese wiederum mit Erinnerungen zu verknüpft. Um diese Verknüpfungen rekonstruieren zu können muss der Betreffende in der Konsequenz nur noch die einzelnen Orte seines Gedächtnispalastes aufsuchen um dort Abgelegtes abzurufen. Schon Cicero machte sich diese Methode zu Nutzen indem er beim Auswendiglernen seiner oft mehrstündigen Reden im Geiste das Forum Romanum abging. Umberto Eco konstituiert für seinen Protagonisten der „geheimnisvollen Flamme der Königin Loana“ ein ähnliches Konstrukt. Auch sein Protagonist Giammbatistna Bodoni findet einen, allerdings real-existenten, Palast des Erinnerns vor. Bodonis Palast kann nur entgegengesetzt der Praxis von dem Ciceros funktionieren. Bodoni verfügt über keine Erinnerungen an seine Vergangenheit, findet aber im Haus seiner Kinder- und Jugendzeit echte Konstrukte seiner Vergangenheit vor und muss sich auf die Suche nach deren Bedeutung machen um sein eigenes Ich zu finden. Lässt aber die Methode des „Palast des Erinnerns“ tatsächlich solche Rückschlüsse zu, oder kann sie nur in eine einzige Richtung funktionieren? Eco lädt seine Leser zu einem spannenden Gedankenexperiment ein, dessen Ausgang von vielen Faktoren wie der menschlichen Psyche, Informationen Außenstehender und nicht zuletzt dem Zufall selbst beeinflusst wird.

Im ersten Schritt meiner Arbeit möchte ich das Werk „Die geheimnisvolle Flamme der Königin Loana“ vorstellen, anschließend das Gedächtnissystem des Protagonisten auf der wissenschaftlichen Grundlage der Theorien von Tulving skizzieren um anschließend, in einem dritten Schritt, beschreiben und analysieren zu können, wie und mit welchem Ergebnis Bodoni die Möglichkeiten seines realen Gedächtnispalast ausschöpft.

2. Zum Werk „Die geheimnisvolle Flamme der Königin Loana“

2.1. Zum Roman

Umberto Eco, der selbst geschätzte 50000 Bücher besitzt und nach eigenen Angaben selbst große Teile seiner Kinder- und Jugendzeit lesend verbracht hat, legt mit „Die geheimnisvolle Flamme der Königin Loana“ einen höchst autobiographischen Roman vor. Auch wenn er viele der im Buch abgebildeten Gegenstände selbst besitzt und auch einer der abgedruckten Schulaufsätze seiner eigenen Feder entsprungen sein soll, betont Eco, beispielsweise in einem Interview im Dezember 2004[1], die Biographie seiner Generation skizzieren zu wollen. Zahlreiche Abbildungen erwecken den Eindruck einer Dokumentation. Da die abgebildeten Drucke und Gegenstände zum größten Teil Eco selbst gehören, werden sie dem Leser höchst ironisch als „fremde“ Erinnerungen vorgehalten, so dass der, sofern er nicht selbst Ecos Generation angehört, in die Situation des Protagonisten versetzt wird.

Eco wird selbst zum Sucher (und Finder…) seiner Erinnerungen und an gleich mehreren Stellen beschleicht den Leser der Verdacht, Eco selbst auf einem alten staubigen Speicher zu beobachten

Der Sherlock Holmes da, das war ich, in diesem selben Moment, bemüht, ferne Geschehnisse aufzuspüren und zu rekonstruieren, von denen ich vorher nichts gewusst hatte, sitzend oder stehend, zu Hause, in einem geschlossenen Raum, vielleicht sogar (man müsste all diese Seiten daraufhin durchsehen) auf einem Dachboden. Auch er, wie ich, ohne sich vom Fleck zu rühren und weltabgeschieden, reine Zeichen entziffernd. Ihm war es auf diese Weise gelungen, das verdrängen wieder ans Licht zu holen. Würde auch ich das schaffen? Immerhin hatte ich nun ein Vorbild. (Eco 2006:168)

2.2. Zum Inhalt

2.2.1. Erster Teil: Der Unfall

Giambattista Bodoni, kurz Jambo, der Protagonist Ecos im August 2004 vorgelegten Roman „Die geheimnisvolle Flamme der Königin Loana“ erwacht nach einem Herzinfarkt in einem Krankenhaus aus dem Koma. Als er von Gratarolo, seinem Arzt, nach seinem Namen gefragt wird, kann er der Aufforderung nicht nachkommen. Er hat das Gefühl seinen Namen zu wissen, er kann ihn aber nicht artikulieren.

Nicht nur seinen Namen kann er nicht erinnern, auch alle anderen Erinnerungen an sein Selbst mit allen Episoden und Emotionen seines Lebens. Persönliche Vorlieben, Abneigungen, ferner Geschmäcke von Lebensmitteln oder von Zahnpasta sind nicht abrufbar. Sein semantisches Gedächtnis hingegen funktioniert uneingeschränkt. Bodoni verfügt über ein erstaunliches historisches Wissen und kann Erinnerungen über kulturelle Orte, wie Museen oder Denkmäler, abrufen. Ob er jedoch schon einmal selbst dort gewesen ist, kann er nicht sagen. Als besonders schmerzvoll empfindet er den Verlust aller Erinnerungen an seine Kindheit, sowie an die Ehe mit seiner Frau Paola, die ihm am Krankenbett erst als solche vorgestellt werden muss.

Aus dem Krankenhaus entlassen taucht er Schritt für Schritt in sein ihm unbekanntes „Alltagsleben“ ein, lernt sich selbst Stück für Stück (wieder) kennen. Nachdem er eine nicht unbeachtliche Menge an Informationen über seine Familie, seinen Beruf und seine Hobbys gesammelt und zu behalten versucht hat, fehlt ihm jedoch noch immer ein echter Zugang zu sich selbst, zudem beschleicht ihn das Gefühl, Sybilla, die Gehilfin, die in seinem Antiquariat für ihn arbeitet, könnte mehr als bloß eine Angestellte gewesen sein. Der Verdacht, Paola ein untreuer Gatte gewesen zu sein, bereitet ihm Unbehagen. Mit dem kausal-analytischen Vorgehen eines Historikers beschließt er zunächst seine bisherigen Erkenntnisse mit seinen Wurzeln der Kindheit und der Jugendzeit zu untermauern. Als sich jedoch keine echten Kindheits- oder Jugenderinnerungen einstellen wollen, gerät er ins Grübeln, erwägt einen Neuanfang, versucht Chancen in seinem inneren Tabula Rasa zu finden. In diesem Zustand des innerlichen Aufruhrs ersteht er auf einem Flohmarkt einen Comicband, der in ihm etwas wachruft, das Erinnerung vermuten lässt. In ihm keimt ein erster Hoffnungsschimmer auf. Er verspürt eine merkwürdige unbestimmte Flamme, die er noch nicht einzuordnen vermag. Noch gibt er seine Vergangenheit, sein altes und ihn bestimmendes Ich nicht auf. Er beschließt sich selbst auf den Grund zu gehen.

2.2.2. Zweiter Teil: Ein Gedächtnis aus Papier

Auf Anraten seiner Frau Paola und getrieben durch die geheimnisvolle innere Flamme, die ein buntes Bild des besagten Comichefts in ihm entfacht hat und deren Unbestimmtheit ihn nicht zur Ruhe kommen lässt, beschließt Bodoni, wenn auch etwas widerwillig, die Stätten seiner Kindheit aufzusuchen. Er fährt aufs Land nach Solara zu dem Haus, in dem er große Teile seiner Kindheit verbracht hat. Es ist fast unberührt, in der alten Wohnung seiner Eltern unter dem Dach des Hauses finden sich noch viele seiner ehemaligen Besitztümer, die ähnlich einem alten, längst vergessenen Schatz auf ihn zu warten scheinen. Schon hier streut Eco erste Hinweise, so heißt „solare“ im Italienischen soviel wie „fröhlich“ oder „scheinend“, der italienische Protagonist kehrt offensichtlich an einen Ort zurück, den er unter anderen Umständen als Stätte früherer Freude und Unbeschwertheit vorgefunden hätte. Nun bleibt für ihn und den Leser nur die vage Vermutung, dass diese Kindheit eine fröhliche gewesen sein könnte. Tatsächlich stößt Bodoni auf eine Vielzahl von Comics, Zeitungen, Schulbüchern, Aufsätzen, Gegenständen wie Langspielplatten, Briefmarken und Küchenutensilien und auf viele Bilder. Schnell entsteht der Schattenriss eines Prototyps einer faschistischen Jugendzeit, die von Krieg und wirtschaftlichem Aufstieg geprägt gewesen sein muss. Eine unter tausenden. Jambo findet lange nicht den erhofften Bezug zu sich selbst, sammelt immer mehr Momentaufnahmen seiner Jugend, durchforstet mal akribisch, mal ziellos die staubigen Räume, die einmal sein zu Hause gewesen sein müssen. Die Metapher des Nebels wird zu seinem ständigen Begleiter, auch wenn er ab und an die geheimnisvolle Flamme des Erinnerns zu verspüren glaubt, so bleibt doch alles im vagen Schleier des Vergessens und der Unkenntnis, seiner inneren Leere, verborgen. Einzig und allein die Suche nach seiner ersten großen Liebe, Lila Saba, die für eine entscheidende Entwicklungsmetamorphose Bodonis verantwortlich gewesen sein muss und die ihn, zumindest in seinen Erinnerungen, bis in seine frühste Vergangenheit begleitet haben musste, verleiht seiner Suche ein Ziel, das mal nah, mal sehr fern zu sein scheint. Nachdem er ein Comicheft mit dem Titel „Die geheimnisvolle Flamme der Königin Loana“ findet und die innere mysteriöse Flamme stark wie nie zuvor verspürt, glaubt er zunächst die Offenbarung seiner Suche gefunden zu haben, muss er beim Lesen der Geschichte feststellen, dass sich diese Hoffnung zerschlägt und Solara ihm auf seiner Suche nach sich selbst nichts mehr zu bieten scheint.

[...]


[1] Quelle: http://www.buchtext.info/book/anzeigen.php?id_book=766

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Details

Titel
Gedächtnissysteme am Beispiel Umberto Ecos „Die geheimnisvolle Flamme der Königin Loana“
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz  (Deutsches Institut)
Note
1,7
Autor
Jahr
2007
Seiten
21
Katalognummer
V83674
ISBN (eBook)
9783638908702
ISBN (Buch)
9783640667574
Dateigröße
1106 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gedächtnissysteme, Beispiel, Umberto, Ecos, Flamme, Königin, Loana“
Arbeit zitieren
Kerstin Hartwich (Autor), 2007, Gedächtnissysteme am Beispiel Umberto Ecos „Die geheimnisvolle Flamme der Königin Loana“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/83674

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