Huntingtons Kampf der Kulturen in der politikwissenschaftlichen Debatte


Seminararbeit, 2007

18 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Huntingtons Kampf der Kulturen

3. Kritik an Huntingtons Thesen
3.1. Mangel an Präzision
3.2. Intrakulturelle Konflikte
3.3. Islamische Modernisierung?
3.4. Keine antiwestliche Koalition
3.5. Weitere Kritik

4. Fazit

5. Bibliographie

1. Einleitung

Im Jahre 1993 veröffentlichte der US-amerikanische Politikwissenschaftler Samuel Phillips Huntington einen Beitrag in der Zeitschrift „Foreign Affairs“. Sein Titel: „The Clash of Civilisations?“. Dieser Beitrag löste weltweite Diskussionen aus, ließ er doch die erhoffte Friedensdividende sowie „das Ende der Geschichte“[1] und damit den Triumph des liberal-demokratischen Gesellschaftsmodells nach dem Kollaps der Sowjetunion in weite Ferne rücken. Zwei Jahre später erschien die These vom Kampf der Kulturen in Buchform, nun ohne Fragezeichen. Doch auch das Werk, das eine „umfassendere, tiefere und gründlicher dokumentierte Antwort“[2] auf die ur-sprünglich aufgestellte Frage geben soll, rief und ruft eine Reihe von kritischen Stellungnahmen, sowie Erwiderungen hervor. Zumindest in der deutschen Bevölkerung scheint das Urteil über die Thesen Huntingtons eindeutig zu sein: So gaben im Mai 2006 56 Prozent der befragten Deutschen an, es gebe einen Kampf der Kulturen zwischen Christentum und Islam, nur 25 Prozent lehnten diese These ab.[3] Besonders die Anschläge auf das World Trade Center am 11. September 2001 führten zu einer erneuten Diskussion der Thesen Huntingtons.

Im ersten Teil dieser Arbeit werden die zentralen Aussagen des „Kampfes der Kulturen“ dargestellt. Wegen des großen Umfangs des Werkes erfolgt eine Beschränkung auf die meistzitierten und meistkritisierten Aspekte. Anschließend werden systematisch politiktheoretische Kritikpunkte an den Aussagen Huntingtons aufgearbeitet. Ihm wird unter anderem vorgeworfen, sein Buch sei nicht präzise genug (2.1.), es vernachlässige intrakulturelle Konflikte, die die Mehrzahl aller Auseinandersetzungen darstellten (2.2.), außerdem gebe es keine antiwestliche Koalition (2.3.), dafür unter Umständen eine islamische Modernisierung (2.4.). Weitere Kritik entzündet sich an der Auslegung von Identitäten und dem Mangel an interdependenztheoretischer Validität (2.5.).

Im abschließenden Fazit wird gefragt, welchen praktischen Nutzen Huntingtons Theorie trotz aller Kritik haben kann.

2. Huntingtons „Kampf der Kulturen“

„Das zentrale Thema dieses Buches lautet: Kultur und die Identität von Kulturen, auf höchster Ebene also die Identität von Kulturkreisen, prägen heute, in der Welt nach dem Kalten Krieg, die Muster von Kohärenz, Desintegration und Konflikt.“[4]

Das Werk Huntingtons teilt sich in fünf Teile, die jeweils einen Aspekt des zentralen Moments „Kultur“ beleuchten: Teil eins befasst sich mit dem Phänomen, dass die Modernisierung von Gesellschaften nicht zwangsläufig zu einer Verwestlichung derselben führt. Im zweiten Teil wird beschrieben, dass sich das Machtgleichgewicht zwischen den Kulturkreisen veschiebt, und zwar zuungunsten des Westens. Nichtwestliche Kulturen bekräftigen den Wert ihrer eigenen Grundsätze. Im Teil drei beschreibt Huntington eine im Entstehen begriffene, auf kulturellen Werten basierende Weltordnung; Länder gruppieren sich um die Führungs- bzw. Kernstaaten ihrer eigenen Kultur. Dass die universalistischen Ansprüche des Westens ihn zunehmend in Konflikt mit anderen Kulturkreisen, vor allem mit dem Islam und China bringen, wird im vierten Teil erläutert. Abschließend gibt Huntington Empfehlungen für das Überleben des Westens ab, der westliche Kulturkreis soll sich damit abfinden, dass seine Kultur einzigartig, aber nicht universal ist.

Die These vom Kampf der Kulturen wird untermauert durch die Entwicklungen nach dem Ende des Kalten Krieges:

„In der Welt nach dem Kalten Krieg ist Weltpolitik zum erstenmal in der Geschichte multipolar und multikulturell geworden. […] Völker und Nationen versuchen heute, die elementarste Frage zu beantworten, vor der Menschen stehen können: Wer sind wir?“[5]

Diese Frage wird von den Menschen weltweit gleich beantwortet, was zu einem Hervortreten der Unterschiede führt:

„Die Menschen definieren sich über Herkunft, Religion, Sprache, Geschichte, Werte, Sitten und Gebräuche, Institutionen: Sie identifizieren sich mit kulturellen

Gruppen […] und auf weitester Ebene, Kulturkreisen. […] Wir wissen, wer wir sind, wenn wir wissen, wer wir nicht sind und gegen wen wir sind.“[6]

Nationalstaaten bleiben zwar nach klassischer realistischer Sicht die Hauptakteure des Weltgeschehens, sie gruppieren sich aber künftig nach Kulturkreisen, in denen es in der Regel einen Kernstaat gibt.

Die wichtigsten Konflikte werden somit zukünftig

„nicht zwischen sozialen Klassen, Reichen und Armen oder anderen ökonomisch definierten Gruppen stattfinden, sondern zwischen Völkern, die unterschiedlichen kulturellen Einheiten angehören.“[7]

Die „sieben oder acht großen Kulturen der Wel t [8] sind:

1. Die sinische. Sie umfasst sowohl den Kernstaat China als auch die verwandten Kulturen Vietnams und Koreas.
2. Die japanische. Japan wird nicht einem fernöstlichen Kulturkreis zugerechnet, sondern bildet einen eigenständigen.
3. Die hinduistische. Der indische Subkontinent bildet diesen Kulturkreis, obwohl Indien als Kernstaat mehrere kulturelle Minderheiten, darunter eine nennenswerte muslimische Gemeinde, beherbergt.
4. Die islamische. Der islamische Kulturkreis erstreckt sich von Nordafrika über Zentralasien, den indischen Subkontinent bis nach Südostasien. Huntington zählt zum islamischen Kulturkries unter anderem. die arabische, die türkische, die persische sowie die malaiische Kultur.
5. Die westliche. Die beiden Schwerpunkte dieses Kulturkreises bilden Europa und Nordamerika. Andere europäisch besiedelte Länder wie Australien und Neuseeland gehören ebenfalls dem westlichen Kulturkreis an.
6. Die lateinamerikanische. Obwohl Lateinamerika als „Sproß der europäischen Kultur“[9] bezeichnet wird, verkörpert es auch Elemente einheimischer Kulturen. Zweifellos ist Lateinamerika mit dem Westen eng verbunden, sodass es auch als Subkultur angesehen werden kann.
7. Die orthodoxe. Der Kernstaat der slawisch-griechischen Kultur ist Russland.
8. Die afrikanische. Huntington hält es für vorstellbar, dass das subsaharische Afrika unter südafrikanischer Führung zu einem eigenen Kulturkreis zusammenwächst.

Aufgrund der Annahme, dass es in Zukunft zu Konflikten zwischen den Kulturkreisen kommen werde, verwirft Huntington Fukuyamas Modell vom „Ende der Geschichte“.[10] Die menschliche Geschichte sei eine Geschichte der Kulturen.[11]

Zum Verständnis des „Kampfes der Kulturen“ ist es essenziell darzulegen, wie Kulturen und Kulturkreise definiert werden[12]: Besonders wichtige Merkmale einer Kultur sind Sprache, Werte, Religion, Überzeugungen, Gesellschaftsstrukturen und Überzeugungen.[13]

„Ein Kulturkreis ist […] die höchste kulturelle Gruppierung von Menschen und die allgemeinste Ebene kultureller Identität […]. Sie definiert sich sowohl durch […] Sprache, Geschichte, Religion, Sitten, Institutionen als auch durch die subjektive Identifikation der Menschen mit ihr.“[14]

Ein Mensch besitzt mehrere Ebenen der Identität, die allgemeinste nachdrückliche Identifikationsebene ist die Kultur. Kulturkreise definieren das „Wir“ gegenüber dem außerhalb des Kulturkreises stehenden „Sie“.

„Menschen definieren ihre Identität über das, was sie nicht sind. […] In einer zunehmend globalisierten Welt […] verschärft sich das kulturelle, gesamtgesellschaftliche und ethnische Bewusstsein.“[15]

Die These, die Huntington in späteren Beiträgen wiederholt, lautet also: Die Modernisierung zieht nicht zwangsläufig eine Verwestlichung nach sich. Handel und interkulturelle Kontakte verschärfen vielmehr die Hinwendung zur eigenen Kultur.[16] Es gibt neben der Verwestlichung zwei weitere Reaktionsmöglichkeiten: Den Kemalismus, d.h. die Verweigerung von Modernisierung und Verwestlichung, sowie den Reformismus, d.h. Modernisierung ohne Verwestlichung. Nach Huntingtons Ansicht

[...]


[1] Vgl. Fukuyama, F.: Das Ende der Geschichte: wo stehen wir? München 1992.

[2] Huntington, S. P.: Kampf der Kulturen. Die Neugestaltung der Weltpolitik im 21. Jahrhundert. Hamburg 2006, S. 11.

[3] Vgl. Allensbach-Umfrage: „Haben wir zur Zeit einen Kampf der Kulturen zwischen Christentum und Islam?“; in Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 17.05.2006, S.5.

[4] Huntington: Kampf der Kulturen, S. 21. Anm.: Im zweiten Teil wird bei der Darstellung der Huntingtonschen Thesen auf den Gebrauch des Konjunktivs verzichtet.

[5] Ebd., S.22f.

[6] Ebd., S. 23.

[7] Huntington: Kampf der Kulturen, S. 26.

[8] Ebd., S. 23. Vgl. zur Einteilung der Kulturkreise: Ebd., S. 59ff.

[9] Ebd., S. 61.

[10] Huntington: Kampf der Kulturen, S. 36ff.

[11] Vgl. ebd., S. 51.

[12] Zu beachten ist hierbei, dass im englischen Sprachgebrauch eine Zivilisation eine Kultur im großen Maßstab darstellt, während es im Deutschen genau umgekehrt ist. „Civilization“ im Englischen entspricht also einer Kultur bzw. einem Kulturkreis, „culture“ im englischen Sprachgebrauch entspricht der Zivilisation.

[13] Vgl. Ebd., S.54ff.

[14] Ebd., S. 56.

[15] Ebd., S. 96.

[16] Siehe exemplarisch: Huntington, S. P.: Modernisierung bedeutet nicht mehr Verwestlichung. Auf dem Weg zu einer globalen Kultur? In: Vogel, B. (Hg.): Die Politische Meinung, Nr. 370, Sankt Augustin 2000, S. 5-14.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Huntingtons Kampf der Kulturen in der politikwissenschaftlichen Debatte
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel  (Institut für Politikwissenschaft)
Veranstaltung
Politische Theorie und Ideengeschichte
Note
1,3
Autor
Jahr
2007
Seiten
18
Katalognummer
V83726
ISBN (eBook)
9783638000864
ISBN (Buch)
9783638910651
Dateigröße
434 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Huntingtons, Kampf, Kulturen, Debatte, Politische, Theorie, Ideengeschichte
Arbeit zitieren
Tim Peters (Autor), 2007, Huntingtons Kampf der Kulturen in der politikwissenschaftlichen Debatte, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/83726

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