Rettungsversuche des Niederdeutschen – Ein Blick in die (Grund-)Schulen


Hausarbeit, 2004
20 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Vorspann

2. Einige geschichtliche Details und Fakten zum Plattdeutschen

3. Zur Sprachensituation in Ostfriesland

4. Maßnahmen zur institutionellen Sprachförderung:

5. Warum hat der Plattdeutsch-Unterricht so einen schweren Stand in der Schule?

6. Grundlagen für die Legitimation des Niederdeutschen in der Schule

7. Warum Plattdeutsch in der (Grund)-Schule

8. Die Ziele des Niederdeutschunterrichtes in der (Grund)-Schule

9. Möglichkeiten der Einbindung des Niederdeutschen in den Unterricht

10. Der Versuch, bilingualen Unterricht in der Grundschule zu erproben
10.1 Das Projekt „Mehrsprachigkeit in der Vor- und Grundschulperiode“

11. Hat Plattdeutsch eine Zukunft?

12. Interview

13. Kommentar

14. Literaturverzeichnis

1. Vorspann

Ostfriesland ist im Alltagsleben nach wie vor eine zweisprachige Region. Dies belegen zahlreiche neuere Studien auf regionaler Ebene. Doch Plattdeutsch wird in Ostfriesland hauptsächlich von der älteren Bevölkerung auf dem Lande gesprochen, von Kindern und Jugendlichen wenig oder kaum. In einer Befragung von Eltern schulpflichtiger Kinder im Bereich der Gesundheitsämter von Aurich und Norden wurde 2001 festgestellt, dass in 76 % der Familien mindestens ein Elternteil platt sprach, doch nur 20 % dieser jungen Familien nutzten die Chance, ihr Kind zweisprachig zu erziehen. In Familien, in denen beide Elternteile platt sprachen, gaben 40 % die Sprache an die Kinder weiter (vgl. NATH: 2003, S. 6). Um zu verhindern, dass mit den Alten auch das Platt gehen wird, gibt es seit einigen Jahren zahlreiche Bemühungen, die niederdeutsche Sprache zu erhalten. So bringt die Ostfriesische Landschaft das Platt in Kindergärten und Schulen. Landauf, landab werden plattdeutsche Theaterspiele vorgeführt, Trauungen werden auf Plattdeutsch gehalten, die Gemeinden liebäugeln mit zweisprachigen Ortsschildern und an den Türen zahlreicher Institutionen und Geschäfte findet man ein Hinweisschild, auf dem steht: „Wi prooten ook platt.“ Doch kommt das alles noch rechtzeitig? Ich habe mich in meinem Referat mit dem Bereich Schule befasst. Auch hier gibt es einige Projekte, Kindern Niederdeutsch zu vermitteln. Im Folgenden möchte ich relativ kurz und bündig schildern, welche Rettungsversuche vor allem in der Grundschule unternommen werden, die niederdeutsche Sprache in Ostfriesland aufrecht zu erhalten.

Ich habe für meine Ausarbeitung nicht nur Literatur verwendet, die sich mit dem Thema Plattdeutsch in (Grund-)Schulen in Ostfriesland beschäftigt, sondern auch Literatur, die Niederdeutsch im gesamten norddeutschen Raum behandelt.

2. Einige geschichtliche Details und Fakten zum Plattdeutschen

Plattdeutsch wird in Deutschland in der Wissenschaft als Niederdeutsch bezeichnet. Die älteste überlieferte Form dieser Sprache ist das Altsächsische oder auch Altniederdeutsche, das von den Sachsen, einem germanischen Stamm, gesprochen wurde, vor allem von 800 bis 1100 nach Christus. Die bedeutendste Periode des Plattdeutschen lag in der Zeit vom 14. bis zum 16. Jahrhundert. Im Wirtschaftsraum der Hanse setzte sich das Plattdeutsche als Seefahrts-, Handels- und Schriftsprache durch. Doch bereits ab dem 16. Jahrhundert drängte das Hochdeutsche immer stärker in die gehobenen sozialen Schichten. Der ursprünglich rein niederdeutsche Norden wurde zweisprachig. Früher war etwa ein Drittel des heutigen Deutschlands plattdeutsches Sprachgebiet (vgl. NATH: 2003, S. 13).

Bis in die 60er-Jahre des 20. Jahrhunderts war das Niederdeutsche die allgemeine Alltags- und Umgangssprache in Ostfriesland, obwohl die Kirche, gebildete Berufsgruppen und die regionalen Eliten Hochdeutsch als Sprache der Bildung bevorzugten. Mit der Öffnung der Universitäten ab 1968 und dem steigenden Wert von formalen Bildungstiteln für den beruflichen Erfolg wurde das einsprachig hochdeutsche Schulsystem zum Kernpunkt der Lebensplanung. Damit einher ging eine massive Abwertung des Niederdeutschen als eines Dialekts, der sich auf den Erwerb des Hochdeutschen angeblich schädlich auswirkte. Den Eltern schulpflichtiger Kinder wurde abgeraten, die Heimatsprache im Elternhaus an die nachfolgende Generation weiterzugeben. Erst mit der politischen Charta der „Regional- oder Minderheitssprachen“, die in der Bundesrepublik am 1. Januar 1999 in Kraft trat, wurde diese in der nordeuropäischen Geschichte so bedeutende Sprache erstmals anerkannt und als Teil des europäischen Kulturguts unter staatlichen Schutz gestellt (vgl. BRÜCKMANN: 2000, S. 63).

In Norddeutschland leben ungefähr acht Millionen niederdeutsch Sprechende. Die meisten von ihnen sind Analphabeten in ihrer Muttersprache. Bis heute ist Niederdeutsch nur sehr unvollständig standardisiert. Die Grammatik ist nicht festgelegt, es gibt keine allgemein anerkannten orthographischen Regeln (vgl. NATH: 1995, S. 7).

3. Zur Sprachensituation in Ostfriesland

Ostfriesland ist eine Region in Niedersachsen, eine Halbinsel in der Nordsee, benachbart zu den Niederlanden, in der Größe vergleichbar mit Luxemburg. Es ist eine historische Region mit einem starken Gefühl für eine besondere friesische Identität, obwohl hier nicht Friesisch, sondern eine Dialekt des Niederdeutschen gesprochen wird. In Ostfriesland leben ungefähr 436000 Einwohner. Laut der Getas-Umfrage gehört Ostfriesland zu jenen norddeutschen Landesteilen, in denen die niederdeutsche Sprache noch sehr viel gesprochen wird (25 Prozent der 18- bis 34-Jährigen gaben gute bis sehr gute Sprachkenntnisse an). Aber selbst hier, in der „Modellregion für Niederdeutsch“, wurden bei einer Umfrage in den Schulen des Kreises Wittmund, die 1988 durchgeführt wurde, alarmierende Ergebnisse festgestellt. Nur 13 Prozent der befragten Kinder gaben an, dass sie mit Plattdeutsch als Muttersprache aufwachsen. In einer weiteren Umfrage, die 1994 im Rahmen des Pilotprojekts „Plattdeutsch in der Schule“ durchgeführt wurde, stellte sich heraus, dass im Durchschnitt 60 Prozent der Schüler/innen gute bis sehr gute passive Kenntnisse des Plattdeutschen haben. Dies rührt wahrscheinlich daher, dass Eltern und Großeltern – auch wenn sie Niederdeutsch in der Kommunikation mit ihren Kindern oder Enkelkindern vermeiden – die Regionalsprache oft im Gespräch untereinander benutzen. Eine vor sieben Jahren durchgeführte Umfrage in zwei Berufsschulen in Aurich und Leer fand heraus, dass junge Menschen meistens erst mit dem Eintritt ins Berufleben motiviert werden oder gezwungen sind, Plattdeutsch zu erlernen und aktiv zu gebrauchen (siehe unten). Die Schule bereitet sie jedoch auf diese sprachliche Realität im Arbeitsleben nicht vor. Hierdurch wird das Sprachbewusstsein erst spät aktiviert, zu spät, um Muttersprachler/in mit sicheren Sprachkenntnissen zu werden. Dennoch ist Ostfriesland zweisprachig. Es ist eine verborgene, nicht perfekte Zweisprachigkeit (vgl. NATH: 1995, S. 8 ff.).

4. Maßnahmen zur institutionellen Sprachförderung:

Spraak is Heimat. De Heimat word uns stillkens frömd mit dat Verlesen van uns spraak.

Die Maßnahmen der institutionellen Regionalsprachenförderung in Ostfriesland lassen sich in vier Gebiete unterteilen: sprachwissenschaftliche Grundlagenarbeit, kulturelle Aktivitäten, Sprachenpolitik und Bildung (vgl. NATH: 1995, S.12 ff.). Ich möchte die ersten drei Gebiete kurz erläutern, um dann ausführlicher auf das Thema Bildung einzugehen.

- Sprachwissenschaftliche Grundlagenarbeit: Da die meisten Kinder die Regionalsprache zu Hause nicht mehr lernen, ist es unverzichtbar geworden, Niederdeutsch so weit zu standardisieren, dass es im Unterricht vermittelbar ist. Dies ist mittlerweile teilweise geschehen.
- Kulturelle Aktivitäten: Eine wichtige Einzelveranstaltung im Bereich der Sprachförderung in Ostfriesland ist der alljährlich stattfindende Streektaaldag (Regionalsprachentag). Hier werden Neuheiten des jeweiligen Jahres für den plattdeutschen Bereich präsentiert und teilweise prämiert. Nicht minder bedeutsam sind die plattdeutschen Theatertreffen in Emden. Alle zwei Jahre treffen sich hier über 50 plattdeutsche Volkstheatergruppen, die ausgewählte Stücke zeigen. Weiterhin von großer Bedeutung sind auch die Störtebeker-Freiluftspiele. Das größte plattdeutsche Theaterereignis in Ostfriesland mit rund 22000 Besuchern. Hinzu kommen diverse weitere kleinere kulturelle Aktivitäten, auf die ich hier aber nicht näher eingehen möchte.
- Sprachpolitische Maßnahmen: Für diese Maßnahmen ist vor allem das Plattdütskbüro der Ostfriesischen Landschaft zuständig. Dieses Büro gilt als eine regionalsprachliche Informations- und Vernetzungsstelle für Institutionen, Gruppen und Einzelpersonen innerhalb und außerhalb Ostfrieslands. Von hier aus wird auch ein Großteil der Öffentlichkeitsarbeit für die Regionalsprache geleistet.
- Bildung: 1991 bewilligte das Land Niedersachsen ein vierjähriges Pilotprojekt „Plattdeutsch in der Schule“ für Ostfriesland. Insgesamt 30 Lehrer/innen aus allen Schulformen erarbeiteten in dieser Zeit eine Fülle von Materialien, die in verschiedenen Unterrichtsfächern (Musik, Deutsch, Geschichte, Sachkunde usw.) eingesetzt werden können. Da in Niedersachsen nicht vorgesehen ist, dass Niederdeutsch als eigenständiges Fach unterricht wird, ist es ein Hauptproblem des freiwilligen Niederdeutschunterrichtes, dass ein systematischer Spracherwerb in der Schule nicht möglich ist.

Für Lehrer/innen und Erzieherinnen in Kindergärten und Vorschulen bietet das Plattdütskbüro seit 1991 zweimal im Jahr Fortbildungen auf regionaler Ebene an. Themen sind zum Beispiel die Vorteile der Zweisprachigkeit, Lehrmethoden usw. Seit 1994 gibt es zudem eine Arbeitsgruppe von Erzieherinnen, die das Plattdütskbüro bei der Herausgabe von niederdeutschen Materialien für Kindergärten und Vorschulen unterstützt.

Weiterhin wurde vom 1. April 2001 bis zum 31. März 2003 ein Projekt der Europäischen Union mit dem Namen „Mehrsprachigkeit in der Vor- und Grundschulperiode“ ausgerichtet. Dieses Projekt wurde an mehreren ostfriesischen Grundschulen durchgeführt (mehr dazu siehe unten).

Die Sprachförderung in den Kindergärten und in den Schulen steht vor demselben Problem: alle Aktivitäten geschehen auf freiwilliger oder gar ehrenamtlicher Basis und erreichen nur einen geringen Anteil der existierenden Strukturen von etwa 8 %.

[...]

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Rettungsversuche des Niederdeutschen – Ein Blick in die (Grund-)Schulen
Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg  (Germanistik)
Veranstaltung
Plattdeutsch
Note
1,0
Autor
Jahr
2004
Seiten
20
Katalognummer
V83835
ISBN (eBook)
9783638040761
Dateigröße
525 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Rettungsversuche, Niederdeutschen, Blick, Plattdeutsch
Arbeit zitieren
Stefan Janssen (Autor), 2004, Rettungsversuche des Niederdeutschen – Ein Blick in die (Grund-)Schulen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/83835

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