Das Krisenjahr 1923 wird inhaltlich mit zwei Kanzlerschaften, der Amtszeit Wilhelm Cunos sowie der Großen Koalition unter Gustav Stresemann, in Verbindung gebracht. Beide standen grundsätzlich vor der Bewältigung der gleichen Probleme: französisch-belgische Ruhrbesetzung, passiver Widerstand und Hyperinflation. Das die erfolgreichen Begegnung dieser Konflikte in einem Kabinett Stresemann erfolgte, war jedoch weder selbstverständlich noch vorhersehbar.
Stresemanns politische Idealvorstellung, die von einer das gesamte Parteienspektrum umfassenden Großen Koalition am eindeutigsten wiedergegeben wurde, war lange Zeit für die Reichsebene eine politische Utopie. Nach der gescheiterten Regierungsbeteiligung der DVP gegen Ende der Amtszeit Joseph Wirths schien die politische Zukunft Stresemanns, wie auch seiner Partei, für eine unabsehbare Zeit in die Sackgasse der Reichstagsopposition zu führen. Gleiches galt für die folgende Kanzlerschaft Wilhelm Cunos, bei welcher zwar eine Regierungsbeteiligung der DVP erfolgte, Stresemann aber noch immer nicht seine ehrgeizigen politischen Ambitionen verwirklichen konnte.
Die Ruhrbesetzung bewirkte trotz oder gerade wegen ihrer verhängnisvollen Wirkung für die junge Weimarer Republik eine politische Notsituation, die zu einem Umdenkprozess bei der Mehrzahl der politisch verantwortlichen Kreise geführt hat, an dessen Ende die Auffassung stand, dass eine Lösung der allumfassenden Probleme nur einer Großen Koalition zu zutrauten sei.
Das durch die Ruhrbesetzung bedingte Schicksal der Regierung Cuno, kann daher in gleicher Weise als Grundvoraussetzung für die Konstituierung einer Großen Koalition sowie den politischen Aufstieg Gustav Stresemanns angesehen werden. Der Einmarsch der französisch-belgischen Truppen ermöglichte somit Stresemann die unerwartete Gelegenheit zuerst als Kanzler und nachfolgend als Außenminister die lang ersehnte Regierungsverantwortung wahrzunehmen.
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Fragestellung und methodische Vorüberlegungen
III. Der Weg zur Ruhrbesetzung
IV. Stresemanns politische Haltung zum Zeitpunkt des Ruhreinmarsches
V. Stresemann und das Scheitern der Regierung Cuno
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die politische Strategie Gustav Stresemanns während des Krisenjahres 1923, insbesondere im Kontext der Ruhrbesetzung und des Scheiterns der Regierung Cuno. Ziel ist es, zu analysieren, inwieweit Stresemann den politischen Umbruch aktiv steuerte, um die Bildung einer Großen Koalition unter seiner Führung zu erreichen, und ob dies aus persönlichen Machtambitionen oder staatspolitischer Notwendigkeit geschah.
- Politik des passiven Widerstands und deren Auswirkungen auf die Weimarer Republik
- Die Rolle der Regierung Cuno und die Ursachen für deren Scheitern
- Stresemanns strategisches Agieren innerhalb der DVP und im Reichstag
- Die Entstehung und das Konzept der „Großen Koalition“
- Außenpolitische Rahmenbedingungen und französische Reparationspolitik
Auszug aus dem Buch
III. Der Weg zur Ruhrbesetzung
Im ersten Halbjahr 1922 herrschte in Frankreich eine angespannte Gefühlslage, die sich auf verschiedene Sachverhalte stützte und v.a. aus der uneinsichtigen Haltung Deutschlands, die Konsequenzen des verlorenen Weltkrieges in vollem Umfang zu akzeptieren, resultierte. Ursächlich waren für diese Stimmung insbesondere wirtschaftliche Aspekte von Relevanz. Denn anders als die deutsche Schwerindustrie, welche durch den Krieg kaum in Mitleidenschaft gezogen wurde, erlitt der gesamte Nordosten Frankreichs sowie Belgiens eine nahezu umfassende Zerstörung der wirtschaftlichen Kapazität. Das schnelle Wiedererstarken der westfälischen Schwerindustrie unmittelbar nach dem ersten Weltkrieg sowie die Angleichung der Produktionszahlen an den Stand von 1913, führten zu wachsendem Unmut auf französischer Seite. Rein formal hatte man zwar den Krieg gewonnen, doch in der Folge eine langfristige Schwächung der deutschen Stahlindustrie und Verlagerung des industriellen Zentrums nach Frankreich, auch durch den Versailler Vertrag, nicht erreicht. Besonders die Abtrennung Lothringens hatte nicht die erdachte Wirkung erbracht, da die deutsche Schwerindustrie sich vom lothringischen Erz, der sogenannten Minette, durch den Import schwedischen und spanischen Eisenerzes unabhängig machte. Anderseits waren jedoch die französischen Produktionsstätten noch immer auf den hochwirksamen deutschen Koks angewiesen.
Mit Blick auf die deutsche Außenpolitik des Jahres 1922 kann eine weitere Eskalationsstufe beschrieben werden. Der von der Regierung Wirth und insbesondere von dem damaligen deutschen Außenminister Walter Rathenau im April des selben Jahres abgeschlossene Rapallo-Vertrag symbolisierte für die Alliierten eine Annäherung Deutschlands an die Sowjetunion und spiegelte explizit für Frankreich eine neue deutsche Konfliktbereitschaft wieder. In Bezug auf Poincarés Reparationspolitik ist ebendieser Vertrag als Weichenstellung zu verstehen und bot die erhoffte Gelegenheit, eine offensive Deutschlandpolitik zu betreiben.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Das Krisenjahr 1923 wird durch die Kanzlerschaften Cuno und Stresemann sowie die Probleme der Ruhrbesetzung und Hyperinflation charakterisiert, wobei der Regierungswechsel eine politische Neuausrichtung ermöglichte.
II. Fragestellung und methodische Vorüberlegungen: Die Arbeit beleuchtet die Eskalation der französisch-deutschen Beziehungen und prüft Stresemanns strategische Zielsetzung einer Kanzlerschaft durch den Sturz der Regierung Cuno anhand zeitgenössischer Dokumente.
III. Der Weg zur Ruhrbesetzung: Das Kapitel analysiert die wirtschaftlichen und politischen Motive Frankreichs sowie die wachsenden Spannungen durch den deutschen passiven Widerstand und die verfehlte Reparationspolitik.
IV. Stresemanns politische Haltung zum Zeitpunkt des Ruhreinmarsches: Stresemann unterstützt zunächst den nationalen Konsens und die Regierung Cuno, während er parallel die Idee der Großen Koalition als notwendige politische Lösung propagiert.
V. Stresemann und das Scheitern der Regierung Cuno: Aufgrund der diplomatischen und wirtschaftlichen Erfolglosigkeit der Regierung Cuno verstärkt Stresemann seine Bemühungen um einen Regierungswechsel, ohne jedoch den passiven Widerstand prinzipiell infrage zu stellen.
Schlüsselwörter
Gustav Stresemann, Weimarer Republik, Ruhrbesetzung, Regierung Cuno, Große Koalition, passiver Widerstand, Reparationspolitik, Raymond Poincaré, Volkspartei, Außenpolitik, Deutschland, 1923, Wirtschaftskrise, Reichstag, Volksgemeinschaft
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Rolle Gustav Stresemanns während der Ruhrkrise 1923 und die politische Dynamik, die zum Sturz der Regierung Cuno und zur Bildung einer Großen Koalition führte.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Im Zentrum stehen die französische Besatzungspolitik, der deutsche passive Widerstand, die wirtschaftliche Lage im Jahr 1923 und die innenpolitische Strategie führender deutscher Politiker.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Es wird untersucht, inwieweit Stresemann ab Beginn der Ruhrbesetzung gezielt auf seine spätere Kanzlerschaft und die Große Koalition hinarbeitete oder ob sein Aufstieg primär aus der Sachzwang-Situation des Scheiterns der Regierung Cuno resultierte.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer quellenkritischen Untersuchung, die zeitgenössische Zeitungsartikel, Reichstagsprotokolle, offizielle Akten und Dokumentensammlungen sowie einschlägige Sekundärliteratur auswertet.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung des Weges in die Ruhrbesetzung, Stresemanns anfängliche Haltung zur Regierung Cuno und seine zunehmende politische Strategiebildung ab dem Frühjahr 1923.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Stresemann, Große Koalition, Ruhrbesetzung, Regierung Cuno, Reparationspolitik und nationaler Einheitswille definiert.
Welche Bedeutung maß Stresemann dem „Passiven Widerstand“ bei?
Stresemann betrachtete den passiven Widerstand als eine notwendige „letzte Phase des Weltkrieges“, die zur nationalen Einigung beitragen sollte, auch wenn er zunehmend die Wirksamkeit der Art und Weise seiner Durchführung unter Cuno kritisierte.
Wie bewertet der Autor Stresemanns politische Ambitionen?
Der Autor kommt zu dem Schluss, dass Stresemanns Bestreben nach der Großen Koalition weniger in persönlichen Machtambitionen begründet lag, als vielmehr in seinem Pflichtgefühl, die Republik in einer existenziellen Krise handlungsfähig zu erhalten.
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- Konrad Schellbach (Author), 2007, Der Weg zur Großen Koalition - Gustav Stresemann und die Ruhrbesetzung 1923, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/83907