Cinema Paradiso von Giuseppe Tornatore aus dem Jahre 1989 ist auf den ersten Blick ein sentimentaler Film über einen kleinen Jungen aus Sizilien, der das Kino liebt. Darüber hinaus reflektiert dieser Film aber auch die europäische Kinogeschichte, die Entwicklung des Kinos und auch den krisenhaften Prozess desselben. Um sich der Fragestellung zu nähern, wie das Medium Kino im Film autothematisch reflektiert wird, folgt zunächst eine Inhaltsanalyse. Eine kurze Inhaltsangabe, eine Analyse der Personenkonstellationen und der Zeitstruktur führt dann zur Analyse der filmischen Präsentation, in der sich auf die Bild- und Tongestaltung, die Raumstruktur und die Montage konzentriert wird.
Anhand dieser gewonnenen Erkenntnisse soll die fiktionale Thematisierung mit historischen Fakten belegt werden. Um sich den semantischen Feldern zu nähern, wird zunächst auf die Zensur als Einflussfaktor auf das „Cinema Paradiso„ eingegangen. Anschließend wird sich dem Aufkommen des Mediums Fernsehen zugewendet. Führt dieses neue Medium zum Untergang des Kinos? Wie thematisiert Tornatore den Konflikt zwischen Fernsehen und Kino in Cinema Paradiso?
Im Anschluss daran soll ein weiteres Augenmerk auf der Reflektion der Kinogeschichte liegen. Wie stellt Tornatore die europäische Kinogeschichte dar? Zum einen soll herausgestellt werden, dass Tornatore Bezug auf die italienische und europäische Filmtradition Referenz nimmt, zum anderen wird untersucht, ob die Darstellung des „Cinema Paradiso“ Rückschlüsse auf reale historische Verhältnisse zulässt. Aufgrund der knappen Quellenlage wurde sich auf Darstellungen des deutschsprachigen Raums konzentriert, um Parallelen zwischen der filmischen Darstellungsweise und historischen Fakten zu ziehen. Wie manifestiert sich die abnehmende Popularität des Kinos in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts? Welche Bezüge zur Realität stellt Tornatore her?
Eingebettet in einen kulturwissenschaftlichen Rahmen soll die Entwicklung des Kinos abschließend aus sozialer Perspektive dargestellt werden. Geht das Kino unter oder verändert sich der Charakter des Kinos? Mit Bezug auf die Kinokrise und veränderte Rezeptionsbedingungen wird die Selbstreflexion des Kinos abgerundet.
Inhaltsverzeichnis
0 Einleitung und Vorgehensweise
1 Inhaltsanalyse
1.1 Kurze Inhaltsangabe
1.2 Personenkonstellation
1.2.1 Salvatore – Alfredo
1.2.2 Salvatore – Elena
1.2.3 Salvatore – Mutter
1.3 Zeitstruktur
2 Analyse und Interpretation der filmischen Präsentation
2.1 Bildgestaltung
2.1.1 Einstellung
2.1.2 Perspektive
2.1.3 Kamerabewegung und Raumstruktur
2.1.4 Bildkomposition
2.1.5 Lichtgestaltung
2.2 Tongestaltung
2.2.1 Geräusche
2.2.2 Musik
2.3 Montage
3 Semantische Felder
3.1 Entwicklung des Kinos unter dem Aspekt der Zensur
3.2 Der Untergang des Kinos – Verdrängung der Kinokultur durch neue Medien
4 Kinogeschichte
4.1 Referenz auf das politische Kino Italiens
4.1.1 Süditalienfrage
4.1.2 Krieg, Faschismus, Antifaschismus und Widerstand
4.1.3 Geschichte
4.2 Kinokrise
5 Kinorezeption aus theoretischer Sicht
6 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, wie Giuseppe Tornatores Film "Cinema Paradiso" (1989) das Medium Kino autothematisch reflektiert und dabei sowohl die europäische Kinogeschichte als auch den krisenhaften Prozess des Kinos im 20. Jahrhundert verarbeitet. Ziel ist es, die filmtechnische Umsetzung von Themen wie Nostalgie, Erinnerung und Vergänglichkeit aufzuzeigen und mit historischen Fakten sowie kulturwissenschaftlichen Ansätzen zu belegen.
- Film- und Medienreflexion als autothematisches Verfahren
- Einfluss von Zensur und gesellschaftlichen Werten auf die Kinokultur
- Konflikt zwischen traditionellem Kino und aufkommenden neuen Medien (Fernsehen)
- Analyse der filmischen Gestaltungsmittel (Bild, Ton, Montage, Perspektive)
- Kulturwissenschaftliche Perspektive auf den sozialen Raum "Kino"
Auszug aus dem Buch
2.1.1 Einstellung
Bei Cinema Paradiso fällt auf, dass die Personen oft in Nah- und Großaufnahmen gezeigt werden. Zum einen handelt es sich dabei natürlich um die Protagonisten Toto (oder Salvatore), Alfredo, Totos Mutter, der Pater, der Neapolitaner, der Gehilfe des Kinos oder Elena. Die nahen Einstellungen ermöglichen eine Identifikation und eine emotionale Bindung des Zuschauers mit den genannten Personen, die sich auch auf eine emotionale Bindung mit dem gesamten Film und seiner Handlung erweitern. Zum anderen sind auch viele Personen, die keine handlungstragende Rolle innehaben, in Nah- oder Großaufnahmen zu sehen, meistens im Kino während der Vorstellung.
Die Gesichter, die die Emotionen des Filmerlebnisses widerspiegeln, sind uns, dem Zuschauer von Cinema Paradiso, nicht fremd. Wir fühlen uns ihnen verbunden, weil wir uns als Publikum in der gleichen Situation befinden. Wir sehen uns quasi selbst unbewusst beim Zuschauen zu. Die Nah- und Großaufnahmen von weinenden, lachenden, ängstlichen, staunenden und begeisterten Gesichtern zeigen das Publikum eines Kinos und damit uns selbst im Moment der Rezeption. Die Rolle des Kinos und seine Fähigkeit zu fesseln, zu unterhalten und zu bewegen erfahren wir unmittelbar an uns selbst, während in uns die Emotionen erzeugt werden, die auch bei den Zuschauern im Film erzeugt werden.
Zusammenfassung der Kapitel
0 Einleitung und Vorgehensweise: Das Kapitel erläutert die Fragestellung und den methodischen Ansatz, das Medium Kino mittels einer Inhaltsanalyse sowie einer Untersuchung der filmischen Präsentation und historischer Kontexte zu reflektieren.
1 Inhaltsanalyse: Dieses Kapitel liefert eine Inhaltsangabe, analysiert die Personenkonstellationen (Salvatore mit Alfredo, Elena und seiner Mutter) und beschreibt die zeitliche Gliederung des Films in drei Phasen.
2 Analyse und Interpretation der filmischen Präsentation: Hier werden die filmtechnischen Mittel wie Bildgestaltung, Ton, Licht und Montage im Hinblick auf ihre Wirkung hinsichtlich der Themen Nostalgie und Erinnerung untersucht.
3 Semantische Felder: Das Kapitel beleuchtet den Einfluss der kirchlichen Zensur sowie den Konflikt zwischen der traditionellen Kinokultur und dem aufkommenden Medium Fernsehen.
4 Kinogeschichte: Hier wird der Bezug zum politischen Kino Italiens und die Entwicklung der realen Kinokrise vor dem Hintergrund des Films diskutiert.
5 Kinorezeption aus theoretischer Sicht: Dieses Kapitel betrachtet das Kino als sozialen Raum und analysiert theoretische Ansätze zur Faszination und der kompensatorischen Funktion des Kinos.
6 Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass Tornatore eine selbstreflexive Hommage an das Kino geschaffen hat und diskutiert den Wandel der Kinorezeption im 20. Jahrhundert.
Schlüsselwörter
Cinema Paradiso, Giuseppe Tornatore, Filmreflexion, Kinogeschichte, Kinokrise, Fernsehen, Zensur, Nostalgie, Filmanalyse, Filmrezeption, Italien, soziale Funktion, Medientheorie, Erinnerung, Bildgestaltung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie der Film "Cinema Paradiso" die Geschichte des Kinos und seine eigene Identität als Medium reflektiert.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Felder umfassen die autothematische Filmreflexion, die Kinogeschichte, die soziologische Bedeutung des Kinoraums sowie den Einfluss neuer Medien auf das traditionelle Kino.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, mittels einer detaillierten Analyse der filmischen Gestaltungsmittel und historischer Einordnungen zu verstehen, wie Tornatore die Entwicklung und den sozialen Wandel des Kinos darstellt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autoren nutzen eine Kombination aus Inhaltsanalyse, Filmanalyse (unter Einbezug filmtechnischer Kategorien wie Montage und Bildkomposition) sowie den Abgleich mit historischen und filmtheoretischen Quellen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine detaillierte Inhalts- und Formanalyse, eine Untersuchung semantischer Felder (Zensur, Medienkonkurrenz) und eine theoretische Reflexion der Kinorezeption.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Arbeit?
Die Arbeit lässt sich besonders durch Begriffe wie "Autothematik", "Nostalgie", "Kinosterben", "Medienwandel" und "Filmrezeption" beschreiben.
Wie unterscheidet sich die Darstellung des Kinos im Film zwischen den verschiedenen Phasen?
Anfangs wird das Kino als gemütlicher, nostalgischer Ort des sozialen Zusammenhalts unter kirchlicher Zensur dargestellt, später als moderner, sterilerer Ort, der unter ökonomischem Druck steht und schließlich in seiner Bedeutung als Gemeinschaftsraum verblasst.
Welche Rolle spielt die Figur des Alfredo für das Verständnis des Films?
Alfredo fungiert als Mentor und Vaterfigur für Salvatore, steht aber symbolisch auch für das "alte Kino". Sein Rat, das Dorf zu verlassen, ist zentral für den Prozess des Erwachsenwerdens und markiert den Übergang von der romantischen zur professionellen Filmwelt.
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- J. Krivachy (Author), O. Trog (Author), T. Hochhuth (Author), 2006, "Cinema Paradiso" - Nostalgie des (europäischen) Kinos, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/83952