Die Revolution 1989/1990

Ihre Behandlung und Bewertung in Schulgeschichtsbüchern


Hausarbeit, 2002

34 Seiten, Note: 1,4


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Vorbemerkungen

II. Versuch einer Definition des Revolutionsbegriffes

III. Die Deutung der Ereignisse 1989/90 in Ostdeutschland
III.I Die Herbstrevolution
III.II Die nationale Revolution
III.III Die Revolution von oben

IV. Revolution vs.Wende

V. Die Darstellung der Revolution von 1989/90 in ausgewählten Schulgeschichtsbüchern bzw. Unterrichtsmaterialien
V.I Brauchbarkeit zur historischen Wahrnehmung
V.II Brauchbarkeit zur historischen Deutung
V.III Brauchbarkeit zur historischen Orientierung

VI. Fazit

VII. Schlussbemerkungen

Literaturverzeichnis

I. Vorbemerkungen

„Wir haben die beiden Deutschlands von der Vergangenheit geerbt. Die Geschichte hat dieses Problem geschaffen, und sie wird es auch lösen müssen.“[1]

Seit Ende der 60er und Anfang der 70er Jahre hatte sich die deutsche Frage, bei deren Lösung bis zu diesem Zeitpunkt nur ein geeintes Deutschland in Betracht gezogen wurde, insofern geändert, als dass nun im Zuge einer Annäherung der BRD an die DDR, von einer Zweistaatlichkeit Deutschlands und damit verbunden einer Anerkennung der DDR ausgegangen wurde.

Die beiden deutschen Staaten entwickelten sich zunehmend auseinander, so dass bei der jeweiligen Bevölkerung das Bewusstsein einer allgemein deutschen Identität vor dem des jeweiligen Staates zurücktrat. Die großen Differenzen zwischen beiden Staaten in ihrer gesellschaftlichen, politischen, sozialen und wirtschaftlichen Ordnung überwogen und ließen die gemeinsamen deutschen Wurzeln, Traditionen und kulturellen Überlieferungen in den Hintergrund treten.[2]

Erst als 1989 immer mehr DDR-Bürger aufgrund der schlechten Lebensverhältnisse ihr Land verließen und in die BRD flohen, Teile der Bevölkerung ihren Unmut und ihre Unzufriedenheit auf Demonstrationen öffentlich äußerten und in Folge dessen am 9. November 1989 die Mauer fiel, wandelte sich mit dem Ruf „Wie sind ein Volk.“ auch die deutsche Frage. Der Prozess der Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten war eingeleitet.

Die Bezeichnungen für diese grundlegende Veränderung der gesamten politischen, wirtschaftlichen und sozialen Ordnung der DDR bis hin zur Wiedervereinigung sind bis heute umstritten. Begriffe wie „Wende“, „Zusammenbruch“, „Implosion“ oder „Revolution“ charakterisieren und bewerten diesen historischen Sachverhalt jeweils anders.

Im Folgenden möchte ich, ausgehend von einer Definition des Revolutionsbegriffs den revolutionären Charakter dieses Umbruchs untersuchen, wobei ich verschiedene Variationen der Benennung hinsichtlich ihrer historischen Deutung und Wertung der Ereignisse einbeziehen werde.

Besonders im Schulgeschichtsbuch spielt die gewählte Begrifflichkeit und die damit verbundene Bewertung historischer Sachverhalte eine wichtige Rolle. Sie wird erstens nur all zu oft ohne die nötige Skepsis von den SchülerInnen übernommen, so dass sich zweitens darauf aufbauend nur ein einseitiges Geschichtsbild und Geschichtsbewusstsein entwickeln kann. Demzufolge ist es wichtig, verschiedene historische Deutungen und Bewertungen als solche, sowie deren Hintergründe, den SchülerInnen deutlich und nachvollziehbar zu machen. Aus diesem Grund möchte ich im zweiten Teil dieser Arbeit in drei ausgewählten Schulgeschichtsbüchern die Verwendung des Revolutionsbegriffes im Rahmen des Prozesses der Wiedervereinigung beider deutscher Staaten, basierend auf Jörn Rüsens Modell des Idealen Schulbuchs, untersuchen.[3]

II. Versuch einer Definition des Revolutionsbegriffs

Die Diskussion der Wissenschaftler um die Verwendung des Revolutionsbegriffs zur Kennzeichnung bestimmter geschichtlicher Umwälzungsprozesse wie auch z.B. die der Jahre 1989/90 in Ostdeutschland hält kontinuierlich an. Die jeweiligen Definitionen der einzelnen Wissenschaftler sind im Allgemeinen sehr eng mit ihrer Perspektive auf den jeweiligen Prozess und dessen Gemeinsamkeiten bzw. Bezugspunkten zu den klassischen Revolutionen der Vergangenheit verbunden.

Aufgrund dieser Tatsache bezweifelt Michael Richter[4] die Sinnhaftigkeit der Verwendung eines so mehrdeutigen und umstrittenen Begriffs. Obwohl erst. „Die Bezeichnung eines politischen Ereignisses als revolutionär ihm große Bedeutung verleiht.“[5] Wesentliche Streitpunkte bei der Definition des Begriffs kristallisieren sich hinsichtlich der Ereignisse 1989/90 in der ehemaligen DDR, besonders in Bezug auf die Utopiehaltigkeit und Gewaltsamkeit einer Revolution heraus, auf die ich an späterer Stelle noch eingehen werde.

Melvin Lasky, nach Stephan G. Bierling der Grand Seigneur der Revolutionsforschung, sieht die Utopie und die Revolution als ein „siamesisches Zwillingspaar untrennbar miteinander verwoben“[6], während Hannah Arendt die revolutionäre Idee der politischen Freiheit, der Utopie als Merkmal von Revolutionen vorzieht.[7] Für sie ist die Gewalt ein entscheidendes Kriterium für die Definition von Revolutionen. In gewisser Weise ist das der Tatsache geschuldet, dass die klassischen Revolutionen der Vergangenheit wie die Französische Revolution oder die Novemberrevolution gewaltsam und blutig verliefen. Andere sehen das Fehlen von Gewalt bei politisch, gesellschaftlichen Umwälzungsprozessen als eine Weiterentwicklung des Revolutionsgedanken.[8] Auch für Volker Rittberger gehört Gewalt nicht zu den wesentlichen für eine Revolution charakteristischen Merkmalen.[9]

Diese, aus der Vielzahl der Kontroversen über den Revolutionsbegriff ausgewählten, bestätigen, dass die Definition und Beurteilung von historischen Umwälzungsprozessen in sehr hohem Maße von den unterschiedlichen Standpunkten der Betrachter und ihrer jeweiligen Auffassung von Ursachen, Verlauf und Zielen einer Revolution abhängen. Aufgrund dessen möchte ich, in Anlehnung an Robert Grünbaum,[10] meiner Arbeit eine Revolutionsdefinition zugrunde legen, auf die ich mich in der weiteren Analyse der Ereignisse 1989/90 in der DDR, im Hinblick auf deren revolutionären Charakter beziehen werde.

Durch eine erfolgreiche Revolution werden die politischen, gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse und Zustände eines Landes fundamental verändert. Demzufolge wird das bisher bestehende politische System und die althergebrachte Ordnung grundlegend transformiert und ein tiefer Wandel in den bisherigen Lebensumständen der Menschen stellt sich ein. Gewalt und eine Utopie gehören nicht zwangsläufig zu den konstituierenden Merkmalen von Revolutionen.[11]

[...]


[1] aus einem Interview mit Michail Gorbatschow, am 7. Dezember 1989 In: Jarausch, Konrad: Die

unverhoffte Einheit 1989-1990. Frankfurt/Main 1995. S. 142

[2] Vgl. Weidenfeld, Werner/Korte, Karl-Rudolf (Hg.): Handwörterbuch zur deutschen Einheit. 2.durchges.Aufl. Bonn 1992. S. 130

[3] Vgl. Rüsen, Jörn: Historisches Lernen. Grundlagen und Paradigmen. Köln 1994. S. 156-170

[4] Richter, Michael: Die Revolution in Deutschland 1989/90. Anmerkungen zum Charakter der Wende. Berichte und Studien Nr.2. Dresden 1995

[5] Thompson, Mark R.: Die „Wende“ in der DDR als demokratische Revolution. In: Aus Politik und Zeitgeschichte B-45. Bonn 1999. S.15-23 hier S. 16

[6] Bierling, Stephan G.: Die sieben Mythen der Wiedervereinigung. In: Gosser, Dieter/Bierling, Stephan/Kurz, Friedrich: Die sieben Mythen der Wiedervereinigung. Fakten und Analysen zu einem Prozess ohne Alternative. München 1991. S. 68-78 hier S. 72

[7] Vgl. Arendt, Hannah: Über die Revolution. 4. Aufl. München 2000

[8] Vgl. Vaatz, Arnold: „Die friedliche Revolution war ein guter Anfang“ In: FAZ vom 19. Mai 1994 zitiert In: Richter, Michael: Die Revolution in Deutschland 1989/90. Anmerkungen zum Charakter der Wende. S. 7

[9] Rittberger, Volker: Über sozialwissenschaftliche Theorien der Revolution. Kritik und Versuch eines Neuansatzes. In: Beyme, Klaus v. (Hg.): Empirische Revolutionsforschung. Opladen 1973 zitiert In: . Grünbaum, Robert: Eine Revolution in Deutschland? Der Charakter des Umbruchs in der DDR von 1989/90. In: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht. 50.Jhg. Heft 7/8 Juli/August 1999. S.438-450 hier S. 445

[10] Vgl. Grünbaum, Robert: ebenda. S. 440

[11] Vgl. Richter, Michael: Die Revolution in Deutschland 1989/90. Anmerkungen zum Charakter der Wende.S.

Ende der Leseprobe aus 34 Seiten

Details

Titel
Die Revolution 1989/1990
Untertitel
Ihre Behandlung und Bewertung in Schulgeschichtsbüchern
Hochschule
Universität Leipzig
Note
1,4
Autor
Jahr
2002
Seiten
34
Katalognummer
V83967
ISBN (eBook)
9783638004398
ISBN (Buch)
9783638912273
Dateigröße
551 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Revolution
Arbeit zitieren
Studienrätin Sandra Müller (Autor), 2002, Die Revolution 1989/1990 , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/83967

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