Gewalt in den Medien und ihre Wirkung auf die Zuschauer - dieses Thema ist nicht neu und wird schon lange diskutiert. Jo Groebel und Uli Gleich machten bereits 1993 über 5000 systematisch erfasste Bücher und Artikel über dieses Thema allein in Deutschland aus. Der Grund für diese hohe Anzahl mag auf unbefriedigende Ergebnisse oder auf immer neue Thesen zurückführbar sein. Wie auch immer, die Diskussionen über die Zusammenhänge medial dargestellter Gewalt und ihren Wirkungen entstehen regelmäßig von neuem.
Wirft man einen Blick auf die Verbrechensstatistik des Bundeskriminalamtes aus dem Jahr 2000, so stellt man fest, daß Gewaltdelikte nur einen geringen Straftatenanteil haben. Nur 6,4% der erfassten Fälle beinhalten Körperverletzungen. Die extremere Variante "Mord und Totschlag" umfasste 2770 Fälle, das sind gerade einmal 0,04%. Thomas Gundlach, Jugendbeauftragter der Hamburger Polizei weist jedoch darauf hin, daß nicht die Zahlen an sich entscheidend sind, sondern die "zunehmende Gewaltbereitschaft".
Kinder- und Jugendkriminalität steht hier besonders im Blickpunkt. So erscheinen unter anderem immer wieder Zeitungsartikel wie am 13. August 2000 in der Berliner Morgenpost über die "Zunahme der Gewalt an den Schulen". Ein Anstieg um 45% gegenüber 1998/99 wurde ermittelt begründet durch die "zunehmende Gewalt in den Medien", so der Schulsenator Klaus Böger.
Tatsache ist, daß immer wieder Gewaltverbrechen von Kindern oder Jugendlichen verübt werden. Diese erhalten eine besondere Aufmerksamkeit, da sie oftmals von extremer Grausamkeit sind. Nicht selten werden die praktizierten Handlungen aufgrund ihrer Ähnlichkeit oder durch die Aussagen der jungen Täter mit filmischen Vorbildern oder Computerspielen begründet. Doch selbst wenn keine Ähnlichkeiten vorhanden sind, so muß man doch fragen wo diese Gewalt erlernt wurde. Während die Wissenschaft lange Zeit darüber stritt, ob Medien Aggressionen steigern können oder nicht und während Politik und Bundesprüfstellen oftmals von deren Negativwirkung überzeugt sind und Wirkungsforschung aufgrund der Offensichtlichkeit der Zusammenhänge als nicht Notwendig betrachten5, so weisen die Spiele-, Film-, Musikindustrie und auch das Fernsehen, alle Vorwürfe weit zurück. Hier werde schließlich nur die Realität dargestellt und Gewalt gehöre nun einmal dazu, so der Tenor.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Zur Klärung der Begriffe Gewalt und Aggression
2.1 Zur Unterscheidung von Gewalt und Aggression
2.2 Definitionen von Gewalt
2.2.1 Personale Gewalt
2.2.2 Strukturelle Gewalt
2.2.3 Kulturelle Gewalt
2.3 Eine persönliche Gewaltdefinition
3. Thesen zur Wirkung von Gewaltdarstellungen
3.1 Aggressionsreduzierung durch aggressive mediale Inhalte
3.1.1 Katharsisthese
3.1.2 Inhibitionsthese
3.2 Aggressionssteigerung durch aggressive mediale Inhalte
3.2.1 Stimulationsthese
3.2.2 Erregungsthese
3.2.3 Habitualisierung
3.2.4 Lerntheorie
3.3 Zusammenfassung
4. Gewalt in den Medien: Erscheinungsformen und –quellen
4.1 Jugendschutz
4.2 Free- TV
4.2.1 Eine Bestandsaufnahme des Free- TV
4.2.2 Die Rezipienten- Nachfrage am Beispiel des Uses-and-gratification-Approach
4.3 Pay-TV
4.4 Videofilme
4.5 Computerspiele
4.6 Internet
4.6.1 Pornographie, Rassismus und Extremgewalt
4.6.1.1 Web-Sites
4.6.1.2 Newsgroups
4.6.1.3 Chatrooms und Chatboxen
4.7 Zusammenfassung
5. Der Umgang mit den Medien und die Risiken
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den Zusammenhang zwischen dem Konsum medialer Gewalt und der Aggressionsbereitschaft von Rezipienten unter Berücksichtigung verschiedener Medienformen wie Fernsehen, Internet und Computerspielen. Ziel ist es, ein differenziertes Verständnis der Wirkungsmechanismen zu entwickeln und aufzuzeigen, dass die Gesamtheit der koexistierenden Medien einen signifikanten Einfluss auf die Einstellung und das Verhalten der Nutzer ausübt.
- Analyse und Differenzierung des Gewaltbegriffs sowie Abgrenzung zu Aggression.
- Kritische Überprüfung klassischer und moderner medienpsychologischer Wirkungstheorien.
- Empirische Bestandsaufnahme gewalthaltiger Inhalte in verschiedenen Fernsehsparten.
- Untersuchung der Rolle neuer Medien (Internet, Computerspiele) bei der Aggressionssteigerung.
Auszug aus dem Buch
Die Lerntheorie
Die Lerntheorie ist zurückführbar auf Albert Bandura und ist die wohl populärste Methode zur Erklärung der Zusammenhänge zwischen Medien und Rezipienten. Soziale Verhaltensweisen werden durch Beobachtung gelernt. Dieses kann durch Imitation oder durch das Beobachten von Modellen geschehen. Die Imitation bewirkt, daß beobachtetes Verhalten direkt nachgeahmt wird. Das Modelllernen erreicht die Speicherung des Gesehenen im Gedächtnis. Es folgt kein unmittelbar folgendes sichtbares Verhalten, sondern wird zu einem späteren Zeitpunkt unter gewissen Umständen abgerufen.
Unterscheiden muß man zwischen Erwerb und Ausführung der beobachteten Verhaltensweisen, in Abhängigkeit von der Konsequenz der Ausführung. Wenn aggressives Verhalten erfolgreich ist und wenn eine positive Reaktion erfolgt, dann kann dies bei den Zuschauern durchaus akzeptiert werden. Erfolgt eine Bestrafung, dann kann es sein, daß die Rezipienten aufgrund der Konsequenzen diese Verhaltensweise nicht ausführen. Die beobachteten aggressiven Modelle werden abstrahiert und als mögliche Verhaltensweisen im Gedächtnis gespeichert.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Debatte um mediale Gewalt ein, skizziert die wissenschaftliche Relevanz und stellt die Zielsetzung der Arbeit sowie die methodische Herangehensweise vor.
2. Zur Klärung der Begriffe Gewalt und Aggression: Dieses Kapitel differenziert zwischen den Begriffen Gewalt und Aggression und entwickelt eine fundierte Arbeitsdefinition für die weiteren Analysen.
3. Thesen zur Wirkung von Gewaltdarstellungen: Hier werden zentrale medienpsychologische Theorien wie die Katharsisthese, Inhibitionsthese und die sozial-kognitive Lerntheorie vorgestellt und hinsichtlich ihres Erklärungsgehalts diskutiert.
4. Gewalt in den Medien: Erscheinungsformen und –quellen: Dieses Hauptkapitel analysiert das Vorkommen und die Wirkungsweisen von Gewaltdarstellungen in verschiedenen Medien wie Fernsehen, Internet und Computerspielen.
5. Der Umgang mit den Medien und die Risiken: Das abschließende Kapitel reflektiert die Ergebnisse und diskutiert Strategien zum Umgang mit den Risiken medialer Gewalt im Kontext moderner Informationsgesellschaften.
Schlüsselwörter
Mediale Gewalt, Medienwirkungsforschung, Aggression, Lerntheorie, Fernsehen, Internet, Computerspiele, Jugendschutz, Habitualisierung, Stimulationsthese, Erregungsthese, Mediennutzung, Gewaltprävention.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie medial vermittelte Gewaltdarstellungen die Zuschauer beeinflussen und welche Rolle dabei unterschiedliche Medien wie Fernsehen, Computer und Internet spielen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Im Zentrum stehen die Definition von Gewalt und Aggression, die wissenschaftlichen Theorien zur Medienwirkung sowie die empirische Bestandsaufnahme gewalthaltiger Inhalte in modernen Medien.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es zu belegen, dass der Konsum medialer Gewalt nicht ohne Folgen bleibt und dass die Gesamtheit der verschiedenen Medien einen stärkeren Einfluss auf die Rezipienten ausübt als jedes Medium für sich allein.
Welche wissenschaftliche Methode wird primär verwendet?
Der Autor stützt sich auf eine Literaturanalyse bestehender Studien und Theorien sowie auf eine eigenständige Kategorisierung und Bestandsaufnahme des Fernsehprogramms über einen Zeitraum von vier Wochen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil befasst sich detailliert mit verschiedenen Medientypen (Free-TV, Pay-TV, Video, Computer, Internet), den dort vorzufindenden Gewaltdarstellungen und den jeweiligen regulatorischen Jugendschutzmaßnahmen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Mediale Gewalt, Medienwirkungsforschung, Aggression, Lerntheorie, Habitualisierung und Jugendschutz geprägt.
Welche Rolle spielen Computerspiele laut dem Autor?
Der Autor sieht in Computerspielen ein besonderes Potenzial zur Aggressionssteigerung, da der Spieler durch die Interaktivität stärker in das Geschehen integriert wird und Gewalt aktiv erlebt, anstatt sie nur passiv zu beobachten.
Wie bewertet der Autor den Einfluss des Internets im Vergleich zum Fernsehen?
Das Internet wird als extremstes Medium eingestuft, da es neben Inhalten auch die Möglichkeit bietet, selbst aktiv zu werden, Gewalt zu verbreiten und durch Anonymität sowie fehlende Regulierung nur schwer kontrollierbar ist.
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- René Hannebauer (Author), 2001, Wirkungen medialer Gewalt, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/8408