Der "Labeling Approach". Kriminalität nach Howard S. Becker, Siegfried Lamnek und Fritz Sack


Hausarbeit (Hauptseminar), 2002
23 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Definition der zentralen Begriffe „Labeling Approach„ und „abweichendes Verhalten“
2.1 Labeling Approach
2.2 Abweichendes Verhalten

3 Howard S. Becker: Außenseiter
3.1 Definition des Begriffs „Außenseiter“ nach Becker
3.2 Der Zusammenhang zwischen Außenseitern und abweichendem Verhalten
3.3 Verschiedene Arten abweichenden Verhaltens
3.4 Beispiele abweichenden Verhaltens
3.4.1 Der Marihuana-Raucher
3.4.2 Der Tanzmusiker

4 Siegfried Lamnek: Theorien abweichenden Verhaltens
4.1 Die Theorien des „Labeling Approach“
4.2 Siegfried Lamnek über abweichendes Verhalten nach Becker
4.3 Unterschiede und Gemeinsamkeiten im „Labeling Approach“

5 Fritz Sack: Neue Perspektiven in der Kriminologie
5.1 Ziele der Analyse abweichenden Verhaltens
5.2 Die Wurzeln der Kriminologie
5.3 Die Pluralität von Normensystemen

6 Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Was ist „Labeling Approach“? Ich muß zugeben, daß ich als Pädagoge über „Labeling Approach“ bisher nicht viel wußte. Umso interessanter erschien mir die Beschäftigung mit den Theorien abweichenden Verhaltens in Kombination mit dem „Labeling Approach“.

Im Zentrum der vorliegenden Arbeit steht also der „Labeling Approach“. Dabei wird zunächst der Begriff an sich definiert. Danach wird auf die „Außenseiter“ nach Howard S. Becker eingegangen. Er beschreibt abweichendes Verhalten am Beispiel von Außenseitern wie Marihuana-Raucher oder Tanzmusiker. Siegfried Lamnek erklärt die Theorien, Gemeinsamkeiten und Variationen des „Labeling Approach“, auf was dann in dieser Arbeit eingegangen wird. Außerdem äußert er sich zu Becker. Schließlich werden die vorgestellten Ausführungen mit den „Neuen Perspektiven in der Kriminologie“ von Fritz Sack verglichen. Sack nennt zunächst die Ziele der Analyse abweichenden Verhaltens und wendet sich dann den Wurzeln der Kriminalität zu. Er beschäftigt sich schließlich mit der Pluralität von Normensystemen.

Am Ende dieser Arbeit steht eine kurze Zusammenfassung.

2 Definition der zentralen Begriffe „Labeling Approach“ und „abweichendes Verhalten“

Um über „Labeling Approach“ und „abweichendes Verhalten“ diskutieren zu können, bietet es sich an, zunächst die für diese Arbeit zentralen Begriffe zu definieren, um eine Grundlage für die weitere Vorgehensweise zu haben.

2.1 Labeling Approach

„Labeling Approach“ bedeutet zunächst Reaktionsansatz, Etikettierungsansatz beziehungsweise Definitionsansatz. Er stellt einen neueren Ansatz der Soziologie abweichenden Verhaltens dar, der das Phänomen Kriminalität vor allem von den Reaktionen und Sanktionen der Gesellschaft her beschreibt. Devianz ist demnach keine im Handeln des betrachteten Täters auffindbare Qualität. Sie ist vielmehr eine Konsequenz der Anwendung von Regeln und Sanktionen auf den Täter. Dieser Täter wird damit etikettiert, also „gelabelt“. Der symbolische Interaktionismus gilt als substantielle soziologische Theorie des „Labeling Approach“.[1]

2.2 Abweichendes Verhalten

Unter abweichendem Verhalten versteht man eine Teilklasse des Verhaltens. Abweichendes Verhalten deckt sich nur teilweise mit kriminellem oder delinquenten Verhalten. Abweichendes Verhalten könnte man auch als Verletzung gesellschaftlich institutionalisierter Erwartungen definieren. Hingegen beschreibt der Reaktionsansatz abweichendes Verhalten als das Verhalten, welches von anderen Personen beziehungsweise hauptsächlich den offiziellen Sanktionsinstanzen negativ sanktioniert wird. Charakteristisch für jede Art von abweichendem Verhalten ist die Verletzung des Normensystems einer bestimmten Gesellschaft.[2]

3 Howard S. Becker: Außenseiter

Der Soziologe Howard S. Becker wurde 1928 in Chicago geboren. Er studierte Soziologie an der Universität von Chicago und gilt als einer der bekanntesten Vertreter der soziologischen Schule des „symbolischen Interaktionismus“. Zu seinen bedeutendsten Werken zählen „Boys in White; Student Culture in Medical School2 (1961), „The Other Side; Perspectives on Deviance” (1964), „Social Problems; A Modern Approach” (1966), „Making the Grade; The Academic Side of College Life” (1968), „Campus Power Struggles” (1970) und „Sociological Work; Method and Substance” (1970).[3]

Wenn Becker über Außenseiter schreibt, geht er davon aus, daß das abweichende Verhalten des Außenseiters nicht angeboren ist, sondern von verschiedenen Lernprozessen begleitet wird. Seine theoretischen Ausführungen veranschaulicht Becker am Beispiel des Marihuana-Rauchers und des Tanzmusikers.[4]

3.1 Definition des Begriffs „Außenseiter“ nach Becker

In allen gesellschaftlichen Gruppen werden bestimmte Verhaltensregeln aufgestellt. Die Gruppen versuchen, diese Regeln zu bestimmten Zeiten und unter gewissen Umständen durchzusetzen. Die gesellschaftlichen Regeln dienen dazu, Handlungen in Situationen als „richtig“ oder als „falsch“ zu definieren.[5]

„Wenn eine Regel durchgesetzt ist, kann ein Mensch, der in dem Verdacht steht, sie verletzt zu haben, als besondere Art Mensch angesehen werden, als eine Person, die keine Gewähr dafür bietet, daß sie nach den Regeln lebt, auf die sich die Gruppe geeinigt hat. Sie wird als Außenseiter angesehen“[6]

Der Außenseiter hat eine andere Ansicht über die Verletzung der Regel, die von der Gesellschaft aufgestellt wurde. Er wird wohl sein Verhalten für „richtig„ halten und im Gegenzug seinen Urteilern Kompetenz und Berechtigung absprechen. Somit ergibt sich nach Becker eine zweite Bedeutung des Begriffs „Außenseiter“:[7]

„Der Regelverletzer kann seine Richter als Außenseiter empfinden“[8]

Howard S. Becker hat somit eine Grundlage geschaffen, um im folgenden Kapitel über den Zusammenhang zwischen Außenseitern und abweichendem Verhalten sprechen zu können.

3.2 Der Zusammenhang zwischen Außenseitern und abweichendem Verhalten

Wie bereits erwähnt, definiert Becker abweichendes Verhalten als Verstoß gegen eine von der Gesellschaft vereinbarte Regel. Derjenige, der gegen diese Regel verstößt, wird als Außenseiter bezeichnet. Weiter sagt Becker, daß die Außenseiter eine homogene Gruppe bilden, weil sie die Regel verletzt haben. Zeigt nun der Außenseiter, der Regelverletzer, abweichendes Verhalten oder doch die Gesellschaft?[9]

„Abweichendes Verhalten wird von der Gesellschaft geschaffen. (...) Ich meine (...), daß gesellschaftliche Gruppen abweichendes Verhalten dadurch schaffen, daß sie Regeln aufstellen, deren Verletzung abweichendes Verhalten konstituiert, und daß sie diese Regeln auf bestimmte Menschen anwenden, die sie zu Außenseitern abstempeln. Von diesem Standpunkt aus ist abweichendes Verhalten keine Qualität der Handlung, die eine Person begeht, sondern vielmehr eine Konsequenz der Anwendung von Regeln durch andere und der Sanktionen gegenüber einem „Missetäter“.[10]

Eine Handlung wird erst dann als abweichend bewertet, wenn andere Menschen darauf negativ reagieren. Die Reaktion der anderen muß als zwangsläufig problematisch angesehen werden. Es kommt darauf an, wer diese Handlung begeht und wer das Gefühl hat, davon verletzt worden zu sein. Des weiteren spielt die zeitliche Komponente eine Rolle, denn eine Handlung kann zu unterschiedlichen Zeitpunkten als „richtig„ oder als „falsch„ angesehen werden. Menschen, deren Verhalten als abweichend bezeichnet wird, haben die Bezeichnung und die Erfahrung, als Außenseiter von der Gesellschaft abgestempelt zu werden, gemeinsam.[11]

3.3 Verschiedene Arten abweichenden Verhaltens

Becker will nicht beweisen, daß nur Handlungen, die von anderen als abweichend bezeichnet werden, tatsächlich auch abweichend sind, aber er hält es für eine wichtige Dimension, die bei der Analyse abweichenden Verhaltens berücksichtigt werden muß. In Verbindung mit der Dimension der Übereinstimmung einer Handlung mit einer bestimmten Regel stellt Becker ein Modell mit Typen abweichenden Verhaltens auf:[12]

Typen abweichenden Verhaltens[13]

Gehorsames Regelverletzendes

Verhalten Verhalten

Als abweichend fälschlich rein abweichend

empfunden beschuldigt

Nicht als abweichend konform heimlich abweichend

Zur Kategorie der fälschlich beschuldigten gehören Personen, die einer Handlung beschuldigt werden, die sie jedoch nicht begangen haben (Sündenbock). Als heimlich abweichend wird ein Verhalten bezeichnet, das zwar definitiv begangen worden ist, von dem aber niemand Notiz nimmt und es so nicht zu einer Beschuldigung kommen kann (sado-masochistische oder homosexuelle Neigungen). Verhalten, das nicht als abweichend empfunden wird, geht konform mit gehorsamen Verhalten. Regelverletzendes Verhalten, das als abweichend empfunden wird, gilt als rein abweichend.

[...]


[1] vgl. LAMNEK 1999: 297

[2] vgl. LAMNEK 1999: 284

[3] vgl. BECKER 1973: 214f

[4] vgl. BECKER 1973

[5] vgl. BECKER 1973: 1

[6] BECKER 1973: 1

[7] vgl. BECKER 1973: 1

[8] BECKER 1973: 1

[9] vgl. BECKER 1973: 7f

[10] BECKER 1973: 8

[11] vgl. BECKER 1973: 8ff

[12] vgl. BECKER 1973: 17

[13] BECKER 1973: 17

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Der "Labeling Approach". Kriminalität nach Howard S. Becker, Siegfried Lamnek und Fritz Sack
Hochschule
Universität Regensburg  (Soziologie)
Veranstaltung
Hauptseminar: Soziale Probleme: Konformität und Abweichung
Note
1,3
Autor
Jahr
2002
Seiten
23
Katalognummer
V8416
ISBN (eBook)
9783638153928
ISBN (Buch)
9783638640404
Dateigröße
481 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Labeling, Approach, Howard, Becker, Siegfried, Lamnek, Fritz, Sack, Hauptseminar, Soziale, Probleme, Konformität, Abweichung
Arbeit zitieren
Sonja Deml (Autor), 2002, Der "Labeling Approach". Kriminalität nach Howard S. Becker, Siegfried Lamnek und Fritz Sack, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/8416

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