Humes Bündeltheorie des Selbst und das Problem der Einheit des Bewusstseins


Zwischenprüfungsarbeit, 2007

24 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Das Problem des Selbst
1.1 Der Einstieg in das Problem personaler Identität
1.2 Humes Argument gegen ein Selbst qua Substanz
1.3 Probleme in Humes Argument
1.4 Hume und das object perception model

2. Humes Bündeltheorie des Selbst
2.1 Die ontologische Unabhängigkeit der Perzeptionen
2.2 Geist als System von Perzeptionen
2.3 Hume und Introspektion

3. Probleme in Humes Theorie des Selbst
3.1 Die Verlagerung des Schwerpunkts auf das Objekt
3.2 Inkonsistenz der Bündeltheorie des Selbst
3.3 Das Problem der Einheit des Bewusstseins

Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung

Im ersten Buch des „ Treatise of human understanding “ setzt sich Hume (u.a). mit dem Problem der personalen Identität auseinander.[1] Personale Identität kann nach Hume auf zweierlei Arten verstanden werden. Einerseits kann es sich um personale Identität in Bezug auf unsere „thought and imagination“ handeln und andrerseits um personale Identität in Bezug auf unsere „passions and the concern we take in ourselves“ (T 253). Sowohl in dieser Arbeit als auch im „Of personal identity“ betitelten Paragraphen in Humes Treatise geht es bloß um erstere Auffassung, der zufolge Hume eine bestimmte Konzeption des Geistes liefert.

Ausgehend von der Kritik an die Konzeption eines einfachen und zeitübergreifend identischen Selbst, versucht Hume eine alternative Konzeption des Geistes zu liefern: die sogenannte Bündeltheorie des Selbst. Die Merkmale des Geistes als Bündel stehen in diametralen Gegensatz zu den Merkmalen der Einheit und Identität des von ihm kritisierten Selbst. Wenngleich sich Hume im Abschnitt zur personalen Identität vorwiegend mit dem Problem der Identität befasst, wird es in dieser Arbeit um das Problem der Einheit des Selbst gehen. Die zentrale Frage bei Hume ist, wie wir dazu kommen, dem Geist Einheit zuzuschreiben. Seine Perspektive ist, dem Vorhaben des Treatise gemäß, psychologisch. Hume wird aber die Einheit die wir unserem Geist bzw. unserem Bewusstsein zuschreiben nicht erklären können. Das ist mit einer besonderen Inkonsistenz seiner Theorie zu begründen. Gegenstand vorliegender Arbeit ist es, eine Darstellung und Diskussion der Thesen und Probleme, aber auch der möglichen Aussichten von Humes Bündeltheorie des Selbst – so wie sie im Abschnitt „Of personal identity“ dargestellt ist – zu liefern. Dabei wird gelegentlich Bezug auf zeitgenössische Rezeptionen von Humes These genommen.

Im ersten Teil (1) der Untersuchung wird Humes Kritik an die Substanztheorie des Selbst eingeführt. Dabei werden sowohl begriffliche Klärungen als auch Rekonstruktionen zentraler Argumente vorgenommen werden. Humes Argument wird ansatzweise kritisiert. Ferner wird eine Verbindung zwischen Humes Modell und dem object perception model aufgestellt. Im zweiten Teil (2) wird Humes positiver Vorschlag einer Theorie des Geistes, die als Alternative zu dem von ihm kritisierten Selbst aufgefasst wird, dargestellt. Die Frage, wie Hume diese Konzeption beweisen will, wird den Begriff der Introspektion einführen und den Weg für eine Verlagerung der Interpretation ermöglichen. Letztere wird im dritten und letzten Teil (3) erfolgen, um einerseits die Frage nach eine möglichen Subjekt in Humes Bündeltheorie zu stellen und andrerseits Humes Eingeständnis seines Scheiterns in Bezug auf die Erklärung der Einheit des Bewusstsein ausführlicher erörtern und erklären zu können. Ziel dieser Arbeit ist es, einerseits eine Erklärung, warum Humes Bündeltheorie an der Erklärung der Einheit des Bewusstseins scheitert, und andrerseits eine alternative Interpretation von Humes Theorie, die ein Subjekt und eine Einheit des Bewusstseins zulassen würde, zu liefern.

1. Das Problem des Selbst

1.1 Der Einstieg in das Problem personaler Identität

Hume setzt seine Abhandlung zur personalen Identität bei der Kritik an jene philosophische Position an, die behauptet, es gäbe ein einfaches, vollkommen identisches und kontinuierlich existierendes Selbst.

There are some philosophers who imagine we are every moment intimately conscious of what we call our SELF; that we feel its existence and its continuance in existence; and are certain, beyond the evidence of a demonstration, both of its perfect identity and simplicity. (T 251)

Die Merkmale des von Hume kritisierten Selbst können folgendermaßen zusammengefasst werden: (1) Das erste Merkmal dieses Selbst ist seine Einfachheit (simplicity), d.h. es existiert als synchron ununterbrochene (uninterrupted) Einheit, trotz der Komplexität und Verschiedenheit seiner Perzeptionen. Aus der synchronen Perspektive bedeutet Einfachheit die Einheit des Geistes, bzw. des Bewusstseins, d.h. dass die einzelnen Perzeptionen zu einem bestimmten Zeitpunkt zu einem einzigen Geist gehören.[2] Die Frage, wie und ob Hume diese Einheit erklärt, ist für vorliegende Untersuchung von zentraler Bedeutung. (2) Das zweite Merkmal ist seine perfekte Identität. Es bleibt in dieser kontinuierlichen Existenz identisch (invariable). Dieser Punkt betrifft demnach die Frage der zeitübergreifenden Identität des Selbst. (3) Und drittens sind wir uns dieses unseren Selbst als einheitlich und identisch immer bewusst (T 251).[3] Hume sagt in diesem Abschnitt nicht explizit, an wen seine Kritik gerichtet ist. Diese Frage wird uns hier aber nicht weiter beschäftigen. Die relevante Frage im Blick auf den Gegenstand dieser Arbeit ist eine andere, nämlich: Warum setzt Hume bei der Kritik an eine philosophische Position an, die die Existenz einer bestimmten Art von Selbst vertritt?[4]

Die Kritik an obengenannte Konzeption des Selbst dient als Einstieg in das Problem der personalen Identität. Die Erklärung findet sich in der Art und Weise, in der Hume dieses Problem konzipiert. Die Erörterung dieses Problems erfordert vorerst eine begriffliche Klärung. Die von Hume kritisierte Art des Selbst wird nämlich auch als Substanz oder Seele bezeichnet (T 254). Aus diesem Grund wird diese Konzeption des Selbst als Substanztheorie des Selbst bezeichnet.[5] Der allgemeinere Begriff der Person stellt im Allgemeinen für Hume einen alternativen Begriff zu jenem des Selbst dar. Die Begriffe des Selbst und der Person sind in gewisser Hinsicht neutral, da sie keine besondere Konzeption des Geistes beinhalten. Nur die Rede von einer Substanz, von einem einheitlichen und identischen Selbst, sowie die Rede von Seele, meint schon eine bestimmte Auffassung des Selbst. In Humes Konzeption beziehen sich alle diese Begriffe auf den Geist,[6] dessen Theorie Hume im Treatise und insbesondere im Abschnitt zur personalen Identität liefern will.[7] Bezeichnend ist demnach, dass in Humes Auffassung personale Identität als Identität des Geistes konzipiert zu sein scheint.[8] Das Problem kann dementsprechend auf die Frage, wie einerseits synchrone Einheit und andrerseits zeitübergreifende, diachrone Identität des Geistes möglich ist, reduziert werden.

Die Kritik an die Substanztheorie des Selbst als Einstieg in das Problem der personalen Identität ist demnach damit zu begründen, dass Humes Begriff der Person mit jenem des Geistes äquivalent zu sein scheint – zumindest in diesem Abschnitt des Treatise – und dass die Substanztheorie des Selbst für Hume keine vertretbare Theorie des Geistes bzw. der Person darstellt. Die Rede von personaler Identität setzt jedoch die Klärung des Begriffes der Person voraus. Diese Begriffsklärung fällt im Falle Humes mit seiner Theorie des Geistes – der Bündeltheorie des Selbst – zusammen. Dementsprechend werden nur die „mentalen Aspekte“ der personalen Identität in Betracht gezogen.[9] Nun gilt es zu erörtern, wie Hume gegen die Konzeption eines einfachen und identischen Selbst argumentiert.

1.2 Humes Argument gegen ein Selbst qua Substanz

Im Anschluss an seine Kritik führt Hume die Argumente ein, die “induc'd [him] […] to deny the strict and proper identity and simplicity of a self or thinking being.” (T 633)[10] Die erste These, die Hume diesbezüglich vertritt, ist, dass es keine Vorstellung (idea) eines solchen Selbst gibt und dass auch die Vertreter der Substanztheorie des Selbst keine solche Vorstellung haben können: „For from what impression cou’d this idea be derived?“ (T 251). Der Bezug auf Eindrücke deutet darauf hin, dass Humes Argument gegen die Existenz einer Vorstellung des Selbst auf seine Wahrnehmungstheorie beruht. Ferner ist dieses Argument nicht als Argument gegen jegliche Konzeption des Selbst zu verstehen sondern nur gegen die von ihm kritisierte Auffassung. Es wäre an dieser Stelle falsch, Hume die These zuschreiben zu wollen, es gäbe überhaupt kein Selbst.[11] Bevor Humes Argument gegen die Existenz einer Vorstellung des Selbst rekonstruiert werden kann, ist es nötig auf die grundlegenden Züge von Humes Wahrnehmungs-theorie einzugehen. Diese lässt sich wie folgt rekonstruieren:[12]

(1) Alles, was uns jemals bewusst sein kann, sind Perzeptionen (perceptions).
(2) Perzeptionen lassen sich in Eindrücke (impressions) und Vorstellungen (ideas) unterteilen.
(3) Eindrücke sind lebhafter als Vorstellungen und entstammen der sinnlichen oder der inneren Wahrnehmung.
(4) Vorstellungen und Eindrücke können einfach und komplex sein.
(5) Einfache Vorstellungen und Eindrücke sind unteilbar.
(6) Einfache Vorstellungen kann es nur geben, wenn sie auf einfachen Eindrücken basieren.
(7) Eine gehaltvolle Vorstellung muss sich auf einen ihr entsprechenden Eindruck zurückführen lassen: „It must be some impression, that gives rise to every real idea.“ (T 251)

Für Humes Argument gegen die Substanztheorie des Selbst ist es bezeichnend, dass einfache Vorstellungen auf einfache Eindrücke beruhen. Das ist deshalb wichtig, weil es sich bei dieser Substanz um eine unteilbare Einheit handeln soll. In Anwendung seiner Wahrnehmungstheorie auf die Substanztheorie des Selbst argumentiert Hume nun wie folgt (T 251 – 252):

(1) Wir haben keinen Eindruck von einem Selbst mit den oben angeführten Merkmalen (a), (b) und (c), weil „self or person is not any one impression, but that to which our several impressions and ideas are supposed to have reference“ (T 251).
(2) Wenn das Selbst als einfach, kontinuierlich und identisch konzipiert wird, dann muss auch der Eindruck einfach, kontinuierlich und identisch sein, ohne Unterbrechung.
(3) Es gibt keinen Eindruck, der konstant und identisch ist, denn sie folgen einander und existieren nie gleichzeitig;
(4) Die Idee eines Selbst kann aus keinem Eindruck hervorgehen.
(5) Es gibt keine solche Idee des Selbst.

[...]


[1] Hume, Treatise of human nature, Prometheus, New York 1992, Book I, Part IV, Section IV, S. 251 – 263. Textstellen aus diesem Werkt werden nachfolgend mit T und Seitenzahl angegeben.

[2] Pitson, A. E. : Hume's philosophy of the self, London 2002, S. 41.

[3] Diese Einteilung der Merkmale des von Hume kritisierten Selbst wurde von Robison übernommen. Das erste Merkmal wurde allerdings modifiziert, denn es handelt sich diesbezüglich weniger um die kontinuierliche Existenz des Selbst sondern um die Existenz dieses Selbst als Einheit. Diese Einheit existiert kontinuierlich und identisch mit sich selbst. Vgl. Robison, W.L.: Hume on Personal Identity, in: Tweyman, Stanley (Hrsg.): David Hume. Critical Assessments, Band 3, London/New York 1995, S. 690.

[4] Daraufhin deuten, dass es umstritten ist, ob sich Hume nun gegen die Überzeugung jedes Menschen wendet oder nur gegen Philosophische Positionen.

[5] Vgl. Dicker, Georges: Hume’s epistemology and metaphysics, Routledge, London/New York 1998, S 15f. für die Verwendung des Begriffs „Substanztheorie des Selbst.“

[6] Pike, Nelson: Hume’s Bundle Theory of the Self: A Limited Defense, in: Tweyman, Stanley (Hrsg.): David Hume. Critical Assessments, Band 3, London/New York 1995, S. 678: wenn Hume die Begriffe ‚Selbst‘ und ‚Person‘ verwendet dann meint er im Allgemeinen den Geist und nur den Geist. Er spricht nicht von der Person als Ganzes.

[7] Johnson, Oliver A.: The Mind of David Hume. A Companion to Book I of A Treatise of Human Nature, Urbana/Chicago 1995, S. 285.

[8] Vgl. Robison, S. 688.

[9] Vgl. Pitson für die Unterscheidung von mentalen und Handlungsaspekte (agency) personaler Identität.

[10] Der hier zitierte Satz stammt aus dem Appendix des Treatise. Dort geht Hume zusammenfassend auf das Problem der personale Identität, so wie er es im Abschnitt „Of personal identity“ behandelt hat, ein. Im Appendix versucht Hume klar zu machen, welche Probleme er mit seiner Theorie zu lösen hat versucht und welche Probleme hingegen ungelöst bleiben.

[11] Pitson, S. 47.

[12] Die Rekonstruktion ist von Waldow übernommen. Vgl. Waldow, Anik: Personale Identität und Perzeption: David Humes Scheitern als Konsequenz seiner Wahrnehmungstheorie, in: Zeitschrift für philosophische Forschung, 2005, vol. 59 (3), S. 384 – 385.

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Humes Bündeltheorie des Selbst und das Problem der Einheit des Bewusstseins
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin
Note
1,3
Autor
Jahr
2007
Seiten
24
Katalognummer
V84196
ISBN (eBook)
9783638002387
ISBN (Buch)
9783638911023
Dateigröße
507 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Humes, Bündeltheorie, Selbst, Problem, Einheit, Bewusstseins
Arbeit zitieren
Sonja Dolinsek (Autor:in), 2007, Humes Bündeltheorie des Selbst und das Problem der Einheit des Bewusstseins, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/84196

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Humes Bündeltheorie des Selbst und das Problem der Einheit des Bewusstseins



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden