Aspekte des Spracherwerbs - Ein Überblick


Seminararbeit, 2006
20 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Geschichte der Spracherwerbsforschung
2.1 Überblick über die Sprachphilosophie von der Antike bis Humboldt
2.1.1 Platon (428-348 v.Chr.)
2.1.2 Aristoteles (384-321 v.Chr.)
2.1.3 Augustinus (354-430)
2.1.4 Descartes (1596-1650)
2.1.5 John Locke (1632-1704)
2.1.6 Immanuel Kant (1724-1804)
2.1.7 Wilhelm von Humboldt (1767-1835)
2.2 Die Frage nach dem Ursprung der Sprache
2.2.1 Johann Peter Süßmilch (1707-1767)
2.2.2 Jean-Jacques Rousseau (1712-1778)
2.2.3 Johann Gottfried Herder (1744-1803)
2.2.4 Dietrich Tiedemann (1748-1803)
2.3 Der Beginn der Spracherwerbsforschung
2.3.1 Clara und William Stern (1877-1948; 1871-1938)
2.3.2 Karl Bühler (1879-1963)
2.3.3 Benjamin Lee Whorf (1897-1941) und Edward Sapir (1884-1939)
2.3.4 Roman Jakobson (1896-1982)

3. Erklärungsmodelle zum Erstspracherwerb
3.1 Behaviorismus
3.2 Nativismus
3.3 Kognitivismus
3.4 Interaktionismus
3.5 Mehrsprachigkeit

4. Stadien des Erstspracherwerbs
4.1 Die Lautentwicklung
4.2 Die Entwicklung des Wortschatzes
4.3 Der Syntaxerwerb

5. Aspekte des Zweitspracherwerbs
5.1 Gesteuerter Zweitspracherwerb
5.2 Ungesteuerter Zweitspracherwerb

6. Schlussbemerkung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Im 7. Jahrhundert vor Christus – so überliefert es Herodot – ordnete der ägyptische König Psammetich I. ein wissenschaftliches Experiment an, mit dem er herausfinden wollte, welches „die Ursprache der Menschheit sei“ (Zimmer 1986: 7). Er übergab zwei Neugeborene einem Ziegenhirten und wies ihn an, die Jungen inmitten seiner Herde aufzuziehen, jedoch niemals auch nur ein Wort zu ihnen zu sprechen. Als man sie nach zwei Jahren zurückholte, riefen die Buben, so Zimmer, nichts außer der Silbe bec, mit der sie wohl nur das Meckern der Ziegen nachahmten. Der König ließ nachforschen, ob das Wort becos in irgendeiner Sprache eine Bedeutung habe und erfuhr, dass die Phryger das Brot mit diesem Namen bezeichneten. Psammetich I. war nun davon überzeugt, dass die Phryger das älteste Volk der Erde sein müssten, und ihre Sprache die Ursprache aller Menschen. Im 13. Jahrhundert ließ der deutsche Kaiser Friedrich II. von Hohenstaufen ein ähnliches Isolationsexperiment an Waisenkindern durchführen. Gut zweihundert Jahre nach ihm versuchte Jakob IV. von Schottland die Existenz einer Ursprache so nachzuweisen.

Die These von einer gemeinsamen Ausgangssprache aller Völker hat sich bis heute nicht bestätigt. In den Experimenten zeigt sich jedoch schon früh ein Bewusstsein des Menschen dafür, dass die „ Kindersprache ein Schlüssel zum Verständnis des menschlichen Geistes “ (Klann-Delius 1999: 9) [Hervorhebung im Original] und damit zum menschlichen Selbstverständnis ist.

Die vorliegende Hausarbeit soll einen Überblick über die wichtigsten Aspekte des Spracherwerbs liefern. Der Schwerpunkt liegt dabei auf der historischen Entwicklung der Spracherwerbsforschung. Spracherwerbstheorien, die Stadien des Erstspracherwerbs und Formen des Zweitspracherwerbs werden ebenfalls kurz behandelt.

2. Die Geschichte der Spracherwerbsforschung

Das Gebiet der Spracherwerbsforschung berührt verschiedenste Wissenschaftsbereiche. Nicht nur die Psycholinguistik sondern auch die Psychologie, die Pädagogik und selbst die Naturwissenschaften befassen sich mit dem Phänomen des Kindspracherwerbs. Als Wissenschaft begründet wurde die Kindersprachforschung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Durch genaue Beobachtung und systematische Datensammlung wollte man die gesamte Entwicklung des Kindes nachzeichnen, darin eingeschlossen den Spracherwerb.

Das Nachdenken über Sprache hatte jedoch schon lange vorher begonnen. Bereits in der Antike versuchte die Sprachphilosophie das Wesen der Sprache zu ergründen. Im Mittelpunkt der philosophischen Diskussion standen die Frage nach der Entstehung von Sprache sowie das Verhältnis von Sprache und Denken. Obwohl dabei die Sprech-kompetenz des Erwachsenen als Bezugspunkt diente, lieferten die gewonnenen Erkenntnisse wichtige Anhaltspunkte für die spätere Wissenschaft der Kindersprach-forschung.

2.1 Überblick über die Sprachphilosophie von der Antike bis Humboldt

2.1.1 Platon (428-348 v.Chr.)

In der Debatte über das Wesen der Sprache bilden sich in der griechischen Sprachphilosophie schon früh zwei gegensätzliche Meinungen heraus. Die eine Seite sieht Sprache als natürlich an (griech.: phýsei), d.h. als von Geburt an im Menschen veranlagtes Wissen. Für die andere Seite ist Sprache konventionell (griech.: thései), also das Ergebnis von Überlieferung und Aneignung. Diskutiert wird über „das Verhältnis von Sprache, Erkenntnis und Wirklichkeit“ (Coseriu 2003: 37). Drückt Sprache das aus, was tatsächlich ist, oder ist sie nur ein Spiegel dessen, wie wir die Welt begreifen? Die Sprachphilosophie spricht hierbei von der Wahrheit oder Falschheit der Namen (vgl. Coseriu 2003: 34).

Im Dialog Kratylos erörtert Platon das Problem auf der Wortebene, wobei er einen natürlichen Bezug zwischen dem Wort und dem bezeichneten Gegenstand herstellt. Zwar sei das Wort nicht gleich dem Gegenstand, den es benenne. Jedoch stehe hinter jedem Gegenstand eine höhere Wahrheit, die durch das Wort benannt werden könne. Sowohl Name als auch Benanntes hätten Anteil an dieser Wahrheit und stünden deshalb in einer natürlichen Beziehung zueinander. Diese Auffassung spiegelt sich auch in Platons Ideenlehre wider, nach der das konkrete, vergängliche Ding Anteil hat an der universellen und unvergänglichen Wirklichkeit seiner Idee (vgl. Borsche 1996: 25).

Den Zusammenhang zwischen Erkenntnis und Sprache erläutert Platon im Dialog Sophistes. Er behauptet, dass sowohl Wahres als auch Falsches gesagt werden könne. Damit richtet sich Platon gegen die damals vorherrschende Meinung, dass „Falsches Sagen gleichzusetzen [sei] mit dem Sagen von Nichtseiendem“ (Borsche 1996: 27). Platon macht auf den Unterschied zwischen Falschem und Nicht-Seiendem aufmerksam. Das Nicht-Sein existiert nicht, das Falsche jedoch kann durchaus existieren, nur ist es in der konkreten Rede unzutreffend. Denn jede Rede, die eine Aussage enthält, verneint zugleich alle Aussagen, die sie nicht enthält (vgl. Coseriu 2003: 63).

Obwohl Platon sich in seinen Schriften nicht explizit mit der Entstehung und dem Erwerb von Sprache beschäftigt, gibt die Ideenlehre Aufschluss über seine Ansichten dazu. Das Wissen von den Dingen beruht Platon zufolge auf dem Wissen von den Ideen dieser Dinge, die der Mensch bereits in einem früheren Leben sehen durfte. „Menschliches Wissen [...] ist demnach [...] Wiedererkennen eingeborener Ideen, die Sprache zum Ausdruck bringt“ (Klann-Delius 1999: 4).

2.1.2 Aristoteles (384-321 v.Chr.)

Platons Schüler Aristoteles richtete sich weitgehend gegen die naturalistische Auffassung seines Lehrers. Allerdings lässt er sich auch der thései-Auffassung nicht eindeutig zuordnen. Aristoteles geht es nicht so sehr um den Ursprung der Sprache als vielmehr um deren Ziel und Zweck. Wichtig ist für ihn nicht mehr das Verhältnis zwischen Name und Gegenstand, sondern die Bedeutung des Namens für den Menschen und die Wirklichkeit (vgl. Coseriu 2003: 72). In seiner Schrift De interpretatione bewegt sich Aristoteles weg von der Ideenwelt Platons hin zur Vielfalt der realen Welt. Die Fülle von Möglichkeiten, die in der Natur angelegt sei, müsse sich erst zu ihrer Bestimmung hin entwickeln. Entsprechend müsse der Mensch seine Redegabe zur Entfaltung bringen (vgl. Klann-Delius 1999: 4).

Für Aristoteles ist kein Name phýsei, d.h. naturbedingt. Seine Bedeutung erhält er durch die jeweilige Ausdrucksabsicht des Sprechers. Je nach Sprecherintention kann also ein und derselbe Name in verschiedenen Situationen unterschiedliche Bedeutungen haben. Der Name ist nicht das Sein selbst, wie noch bei Platon, sondern nur Symbol des Seins. Die Diskussion um die absolute Richtigkeit oder Falschheit der Namen wird damit hinfällig (vgl. Coseriu 2003: 73, 81).

2.1.3 Augustinus (354-430)

Im Dialog De magistro setzt sich Kirchenvater Augustin mit dem Lehren und Lernen von Sprache auseinander. Sprache hat die Aufgabe zu lehren, Wahrheit und Wissen zu vermitteln. Dies ist aber nur dann möglich, wenn „die Grundlage dafür im Lernenden bereits angelegt ist“ (Coseriu 2003: 146). Lernen ist für Augustinus kein automatischer, sondern ein intuitiver und kreativer Vorgang, denn der Lernende übernimmt nur jenes Wissen, das er mit seiner Auffassung von Wahrheit vereinbaren kann.

In der subjektiven Wahrheitsempfindung liegt für Augustin die Problematik im Verhältnis von Sprache und Wahrheit begründet. Zwar ist Sprache notwendig für die eigene Wahrheitserkenntnis, für die Vermittlung einer objektiven Wahrheit ist sie aber unzureichend, denn Worte können sowohl wahr als auch falsch sein (vgl. Borsche 1996: 64). Der Sprecher kann z.B. bewusst das Gegenteil dessen sagen, was er denkt. Ebenso kann der Hörer das Gesagte in einer völlig anderen Bedeutung auffassen. Wirkliches Wissen können Worte also nicht vermitteln (vgl. Coseriu 2003: 140-142).

2.1.4 Descartes (1596-1650)

Nach Descartes Überzeugung macht allein das Denken den Menschen und seinen Wert aus. Von den Tieren unterscheide der Mensch sich nicht allein durch die Sprache, sondern auch durch die Arbeit, die Kunst, die Forschung- kurz, durch den Verstand, dessen äußeres Merkmal die Sprache sei. Descartes Philosophie ist deshalb nicht primär an der Sprache, sondern am Denken, am Verstand ausgerichtet. Die Fähigkeiten des Verstandes, einschließlich der Fähigkeit der Sprache, sind nach Descartes von Geburt an im Menschen angelegt (vgl. Klann-Delius 1999: 5).

Daneben beschäftigt sich der Philosoph auch mit der Entwicklung einer Universalsprache. Zunächst sollen durch ein neues, einheitliches Regelwerk die bereits vorhandenen Sprachen a posteriori (nachträglich) vereinfacht und miteinander in Beziehung gesetzt werden. Alle Sprachen der Welt zu vereinen erscheint Descartes jedoch bald ein hoffnungsloses Unterfangen. Stattdessen geht er zu einer Universal-sprache a priori über, er will also unabhängig von den bereits existierenden Sprachen eine ganz neue, ideale Sprache erschaffen. Descartes zweifelt nicht an der Möglichkeit einer solchen Sprache, dennoch glaubt er nicht an ihre Verwirklichung. „Die Welt müsse zu einem irdischen Paradies werden und somit gehöre der gesamte Vorschlag ins Reich der schönen Literatur“ (Coseriu 2003: 186).

2.1.5 John Locke (1632-1704)

John Locke, der als Begründer der europäischen Aufklärung gilt, widerspricht der rationalistischen Auffassung Descartes. In seinem erkenntnistheoretischen Hauptwerk An Essay concerning Human Understanding (1690) versucht Locke die Idee von den angeborenen Verstandesfähigkeiten zu widerlegen. Das anfänglich noch leere Bewusstsein müsse erst durch die Erfahrung gefüllt werden. Entscheidend dafür sei die persönliche, sinnliche Wahrnehmung der Welt.

Die empiristische Gegenposition zum cartesianischen Rationalismus erklärt den menschlichen Verstand also aus Erfahrung und lässt nur diejenige Erkenntnis als wahrhaftig gelten, die durch eigene Erfahrung gewonnen wird (vgl. Borsche 1996: 136). Des Weiteren betont Locke in seinem Essay den praktischen Aspekt von Sprache als Mittel zur gemeinschaftsstiftenden Kommunikation (vgl. Coseriu 2003: 198) und warnt zugleich vor einem Missbrauch der Sprache (vgl. Borsche 1996: 143). Als einer der ersten weist er auf die „Kulturabhängigkeit sprachlicher Bedeutungen“ (Coseriu 2003: 206) hin.

2.1.6 Immanuel Kant (1724-1804)

Als Hauptvertreter der deutschen Aufklärung nimmt Kant eine Mittelposition zwischen Rationalismus und Empirismus ein. Kant ist davon überzeugt, dass Erkenntnis nicht allein auf dem Verstand basieren könne, sondern auch auf sinnliche Wahrnehmung zurückzuführen sei. „Für ihn gibt es keine angeborenen Vorstellungen, wohl aber Bedingungen der Möglichkeit für die Bildung von Vorstellungen“ (Klann-Delius 1999: 6). Zur Erkenntnis, d.h. einem Urteil, gelangt der Mensch durch die Synthese von sinnlichen Erfahrungen und den Vorstellungen des Verstandes. Die Urteilsbildung betrachtet Kant jedoch nur dann als sinnvoll, wenn sie anderen mit Hilfe der Sprache mitgeteilt wird. Sprache beeinflusst somit Denken und Handeln nicht nur des Einzelnen sondern der ganzen Gemeinschaft (vgl. Borsche 1996: 237-241).

Seine Erkenntnistheorie, auch als Kritizismus bekannt, veröffentlicht Kant schließlich 1781 in der Kritik der reinen Vernunft. Dabei berücksichtigt er die Vielfalt an Sprachen sowie die Subjektivität des Sprachgebrauchs und Sprachverstehens. Der Mensch benennt nicht die Dinge, sondern sein Bild von den Dingen. „Wir können nicht definitiv wissen, was andere sich vorstellen, wenn wir ihnen etwas sagen, weil wir nicht wissen können, <<worum>> es ihnen dabei geht“ (Borsche 1996: 248) [Hervorhebung im Original]. Sprache wird damit relativ.

2.1.7 Wilhelm von Humboldt (1767-1835)

Wilhelm von Humboldt, neben Goethe der zweite große deutsche Universalgelehrte, greift die Gedanken Kants auf und führt sie fort. Humboldts Sprachreflexion ist im Wesentlichen Selbstreflexion, ein Nachdenken des Menschen über sein Sprechen und Denken. Humboldt begreift Sprache nicht als Instrument zur Kommunikation, sondern als Organ, und betont damit ihre Natürlichkeit und Lebendigkeit. Ohne Sprache könne der Mensch weder die Welt noch sich selbst begreifen, ein Menschsein wäre ohne Sprache also gar nicht möglich (vgl. Borsche 1996: 279). Indem er behauptet, dass „es ohne das Wort keinen Begriff und genaugenommen auch keinen Gegenstand gibt“ (Borsche 1996: 280), macht Humboldt die Sprache zur Bedingung für die Erkenntnis und die Gestaltung der Welt. Ausgangspunkt für Humboldts Sprachphilosophie ist wie bei Kant die individuelle Rede, durch die der Mensch seine Selbstsicht und seine Weltsicht anderen verständlich machen will (vgl. Borsche 1996: 281).

[...]

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Details

Titel
Aspekte des Spracherwerbs - Ein Überblick
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz  (Institut für Allgemeine Sprach- und Kulturwissenschaft)
Veranstaltung
Erstspracherwerb – Zweitspracherwerb kontrastiv
Note
1,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
20
Katalognummer
V84232
ISBN (eBook)
9783638004138
ISBN (Buch)
9783638911627
Dateigröße
484 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Aspekte, Spracherwerbs, Erstspracherwerb, Zweitspracherwerb
Arbeit zitieren
Rebekka Hahn (Autor), 2006, Aspekte des Spracherwerbs - Ein Überblick, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/84232

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