Das Kreuzigungsbild - Mittelbild der ersten Schauseite des Isenheimer Altars


Hausarbeit, 2006

11 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I Entstehung und Konzeption des Isenheimer Altars

II Beschreibung und Deutung der ersten Schauseite
2.1 Kurzbeschreibung des Bildgefüges
2.2 Genaue Betrachtung und Deutung des Mittelbildes
Der gekreuzigte Jesu
Johannes der Täufer
Das Lamm
Maria Magdalena, Johannes der Jünger und die Gottesmutter Maria

Literaturverzeichnis

I Entstehung und Konzeption des Isenheimer Altars

Der Isenheimer Altar wurde vermutlich um 1515 von Mathias Grünewald (auch genannt Mathis von Aschaffenburg) für die Kapelle des Antoniterklosters in Isenheim geschaffen. Die Antonitermönche dieses, im mittelalterlichen Europa weit verbreiteten Bettelorden, widmeten sich insbesondere der unentgeltlichen Pflege von Kranken, die an der Mutterkornvergiftung (Antoniusfeuer)[1] litten. Leid und Krankheit galten als Strafe für begangene Sünden.

Bei Grünewalds Werk handelt es sich um einen so genannten Wandel- oder Flügelaltar. In geschlossenem Zustand sind die erste Schauseite mit der Kreuzigung Jesu als Hauptthema und die beiden Seitenflügel zu sehen. Durch Öffnung der Altarflügel werden die zweite Schauseite mit der Darstellung des Weihnachtsbildes und schließlich die dritte Schauseite, ein Altarschrein, sichtbar. Während die zweite Schauseite nur an Sonn- und Feiertagen geöffnet wurde, war die erste Schauseite an allen Werktagen des Jahres für den Betrachter zugänglich.

Heute ist der Isenheimer Altar in getrennter Aufstellung der Bildtafeln im Unterlinden-museum in Colmar, einem einstigen Dominikanerkloster, zu finden.

II Beschreibung und Deutung der ersten Schauseite

2.1 Kurzbeschreibung des Bildgefüges

Bei der Betrachtung des Mittelbildes der ersten Schauseite wird deutlich, dass Grünewald nicht nur ein bloßes Historiengemälde mit dem gekreuzigten Christus als zentrales Thema schaffen wollte. Vielmehr präsentiert er dem Betrachter eine durchdachte Komposition, die verkünden, die eine Botschaft vermitteln soll. Grünewald hat sich, wie der Großteil der mittelalterlichen Künstler, in seinen Darstellungen also keinesfalls darauf beschränkt, wie sich etwas zugetragen hat - besonders die um Jesus versammelten Personen und die Art und Weise, wie dieser am Kreuze dargestellt ist, weisen darauf hin, dass es sich nicht nur um die Abbildung einer historischen Kreuzigung handelt. Der Künstler geht über die bloß äußere Schilderung des Tatbestandes hinaus und hält dem Betrachter, dem Adressaten das „warum“ und die Bedeutung dieses Geschehens vor Augen.

Dass diese Tatsache besonders für die kranken Patienten des Klosters, die zu Beginn ihrer Behandlung vor den Altar geführt wurden, von großer Bedeutung ist, wird später bei der genauen Deutung des Mittelbildes verständlich.

Mit einer Breite von 307 cm und einer Höhe von 269 cm ist die Kreuzigungstafel des Isenheimer Altars die größte, die in der europäischen Malerei geschaffen wurde. Zwar waren Flügelaltäre dieses Formats zur damaligen Zeit üblich, doch wurden große Flächen im

Allgemeinen aufgeteilt und mit Bilderfolgen gefüllt. Hier wird die schwerwiegende Bedeutung ersichtlich, die Grünewald der Kreuzigungsszene beimisst, welche ganz auf den übergroß dargestellten Jesu zentriert ist. Die Größe seiner Darstellung kommt seiner Bedeutung des alles überragenden Gottessohnes gleich.

Auch das leicht nach rechts versetzte Kreuz, welches das Zentrum, aber nicht den geometrischen Mittelpunkt des Gemäldes bildet, ist von immenser Größe. Die Verschiebung nach rechts hat wohl eher pragmatische Gründe, da so bei der Öffnung der ersten Schauseite die Teilung des Bildnisses nicht direkt am Körper des grausam zugerichteten Jesu, sondern auf der linken Seite des Kreuzstammes erfolgt. Diese so entstehende Asymmetrie wird durch die unterschiedliche Verteilung der Personenanzahl unterhalb des Kreuzes ausgeglichen. Auf der linken Seite ist die trauernde Personengruppe, bestehend aus Maria Magdalena, dem Jünger Johannes und Maria, der Gottesmutter zu sehen. Rechts unterhalb des Kruzifix´ sind Johannes der Täufer in fester, auch innerlich unbewegter Haltung und ein blutendes Lamm dargestellt. Durch diese Raumaufteilung erhält das Gemälde zwar eine räumliche Harmonie, doch erscheint die Szenerie keineswegs ruhig und harmonisch. Vielmehr wirkt sie durch die teils düstere und kontrastreiche Farbwahl, die Grausamkeit der Darstellung und die Bündelung aller Bewegungen auf das Zentrum, den Gekreuzigten hin, dynamisch und aufwühlend.

2.2 Genaue Betrachtung und Deutung des Mittelbildes

Wie bereits zu anfangs erwähnt, wurden die Kranken zu Beginn der medizinischen Behandlung vor die erste Schauseite des Altars geführt, um die erhoffte Heilung einzuleiten. Es ist sich vor Augen zu führen, wie dieses Bild auf seine damaligen, von Tod, Leid und Schmerz gezeichneten Betrachter gewirkt haben muss und vor allem wirken sollte:

Der gekreuzigte Jesu

Mit äußerster, grausamer Realistik hat der Maler den Gemarterten in voller Ansicht dargestellt. Blutend, mit tausend Wunden und Geschwüren bedeckt, sieht man den Heiland vor dem schwarz verhangenen Hintergrund. Jesus ist tot, in diesem Augenblick gestorben. Sein durch die undurchdringlich wirkende Dornenkrone blutendes Haupt fällt kraftlos und schwer auf die rechte Seite seines ausgezehrten Körpers; seine Augen sind geschlossen und doch leidend verzogen; die Finger der Hände scheinen einzeln zu erstarren. An dem geschundenen, grüngelblich schimmernden Leib erinnert nichts an das göttliche Wesen. Alles deutet auf all zu menschliche Todesqualen hin.

Natürlich fordert diese Darstellung Mitleid, die Erschütterung und das Bewusstsein eines jeden Betrachters heraus, dass Jesus so zum eigenen Heil am Kreuz gelitten hat. Er wird daran

erinnert, dass Jesu für die Vergebung unserer Sünden am Kreuz gestorben ist. Christus litt also nicht nur für uns, er litt wegen uns; wegen unserer Vergehen wurde das Göttliche ans Kreuz geschlagen. Doch gerade die Erkenntnis, dass wir durch den qualvollen Tod Jesu erlöst wurden, sollte dem Kranken in seinem ausweglosen Schmerz Hoffung geben und ihn daran erinnern, dass er keinesfalls von Gott verlassen ist.

Jesus, der sich am Kreuze, gleich den Patienten des Klosters, in seinen Qualen und seinem Leid „gottverlassen“ fühlte[2], gibt einen direkten Identifikationsanlass. Die Kranken, deren Körper durch die Seuche ähnlich entstellt waren wie der des toten Jesu auf dem Mittelbild, finden sich direkt in dem Gottessohn und seinem Schicksal wieder . Doch dieser Jesus hat nicht nur am Kreuze das Leid ertragen, dieser Jesus leidet mit. Er erscheint hier keineswegs als ein transzendenter, im Kosmos thronender, allmächtiger Gott, sondern als nahbar und immanent. Er selbst taucht in das Leid der Welt ein und ist so den Menschen in ihrem Schmerz näher denn je. Das Fragen eines jeden Erkrankten nach dem „Warum gerade ich?“ konnte und kann an dieser Stelle sicher nicht beantwortet werden. Doch gibt es Kraft, zu wissen, nicht alleine mit dem eigenen Schmerz zu sein. Es gibt Kraft zu wissen, dass Jesus da ist; dass er gefühlt hat, was ich fühle und mir beisteht.

Jesus hat über Leid und Tod gesiegt: er hat gelitten und starb, doch er ist „am dritten Tage auferstanden von den Toten, aufgefahren in den Himmel; er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters…“[3]. Der tote Jesus ist die Verkörperung des Sieges über den Tod selbst im Tod. Dies schenkt dem Erkrankten nicht nur Hoffnung und Vertrauen. Es fordert das Vertrauen regelrecht, der nur der, der „voll Vertrauen auf ihn [den Gekreuzigten] sieht, wird das ewigen Legen haben“ (Joh. 3,15).[4] Durch diese Hoffnung auf Heil und Erlösung, auf das ewige Leben, das keinen Schmerz und keine Krankheit kennt, erfährt der Betrachter eine geistige Kräftigung. Die Erkenntnis, dass die zu erleidenden Schmerzen keinesfalls sinnlos sind, lehrt den Menschen, seinen Leidensweg besser ertragen zu können. Das Kreuzigungsbild wird zum „ [Kraft spendenden] Symbol der auf das Kreuz gespannten Menschheit und ihrer Erlösung durch den sich am gleichen Kreuze freiwillig ausspannenden Gottessohn, Christus.“[5]

[...]


[1] Bezeichnung für die Krankheit, die durch den Konsum von mit Mutterkorn befallenem Roggen auftrat.

[2] „Und um die neunte Stunde schrie Jesus laut: Eli, Eli, lama asabtani? das heißt: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Mt. 27, 46f).

[3] aus: das apostolische Glaubensbekenntnis.

[4] aus: Hoffnung für alle - Die Bibel.

[5] aus: Eschweiler, Jakob, ²/1958: Der Isenheimer Altar. Seite 94.

Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Das Kreuzigungsbild - Mittelbild der ersten Schauseite des Isenheimer Altars
Hochschule
Pädagogische Hochschule Weingarten
Note
1
Autor
Jahr
2006
Seiten
11
Katalognummer
V84304
ISBN (eBook)
9783638005135
Dateigröße
578 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kreuzigungsbild, Mittelbild, Schauseite, Isenheimer, Altars
Arbeit zitieren
Katharina Schnelle (Autor), 2006, Das Kreuzigungsbild - Mittelbild der ersten Schauseite des Isenheimer Altars, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/84304

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